2017-02-18

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Schlaflos bis 5 Uhr früh; gemächliche Nachtmusik (Silwestrow, Zimmermann), unergiebige fragmentarische Lektüren, darunter von Imre Kertész Der Betrachter, wegwerfend hingeschrieben, emotional unkontrolliert aufgeladen, mit befremdlichen Interjektionen und Invektiven, pauschalen Urteilen und Verurteilungen; bald echte Selbstzerknirschung, bald wahnhafte Selbsterhöhung; luzide Reflexionen, tiefste Skepsis, Glaubenswille, Ekel, Wut; die furchtbarste Einsicht: Auschwitz ist nicht der absolute Sonder- und Einzelfall, sondern Realisierung dessen, was einzig „der Mensch“ zu bewerkstelligen vermag und zu bieten hat − was sich also durchaus, technisch perfektioniert, wiederholen könnte, sich auch wiederholen wird, weil „der Mensch“ ja bekanntlich keinen Fortschritt ungenutzt lässt.

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Beim Lesen rat- und sinnloses Goutieren (Nüsse, Dörräpfel), immer noch mehr Medikamente und Schlafmittel, alles ohne Wirkung; dann aber plötzlich überm Buch eingeschlafen. (Traum:) Ich gehöre zu einer Gruppe von Überlebenden, wir halten uns in einem Trümmerfeld versteckt zwischen aufragenden Betonstrünken; trotz der Panzertür, die den Wald und die Nacht wegschliesst, fühlen wir uns bedroht, überwacht, in die Enge getrieben; „wir“, das bin ich, aber es gibt hier keinerlei Verfolger, keine Feinde zu sehn, niemand, der uns ans Leben will; flüsternd reden wir, wir reden über eine Frage, die nicht zu beantworten ist, weil ich sie nicht stellen kann. − Aufgewacht gegen Mittag bei grossem Frühlingsjubel, draussen kristallklare Luft, leichter Wind, inniges und doch sehr fernes Blau, dazu − noch immer − die grau-und-braunen Töne vom vergangenen Herbst.
Der inzwischen wieder abgetaute Schnee hat die stillen Farben sichtlich aufgefrischt. Doch wozu?
Es kann weitergehn.
Doch wohin?

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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