2018-01-21

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Schlaflos bis drei Uhr früh, danach intensive Träume mit ungewöhnlichem Setting – bin mit einer jungen Frau in dörflicher Umgebung zugang, weitläufige Baumgärten, grosse dunkle Scheunen, die im Innern wie riesige Wohnhäuser ausgelegt sind, Wände gibt es nicht, es gibt nur schief aufgehängte Plafonds, darunter Hallen, Treppenhäuser, Korridore − alles läuft konturlos auseinander; die Frau ist mittelgross, trägt mittellanges Haar, unauffällige Kleidung, ist weder ihrer Figur noch ihrem Gesicht nach erkennbar und … aber unablässig attackiert, korrigiert, provoziert sie mich, ich halte mühsam dagegen, mit einem Trick, den ich selbst nicht durchschaue, setze ich mich aus der unerquicklichen Situation ab, begebe mich auf einen Weg, der nur einfach fort von hier führt; hinter mir bildet sich rasch eine Verfolgergruppe, die immer dichter aufschliesst, ins Grölen verfällt, mich anmacht, mich bedroht, mich schliesslich vor sich herschubst; man jagt mich stadtauswärts, durch das ruinöse, völlig menschenleere Industriequartier, bis vor uns der Generalissimus Suworow aus einer rauschenden Efeuwand heraustritt, am gereckten Hals trägt er eine schwere Gedenktafel, auf der mit unschönen altmodisch geschwänzelten Lettern der Name Tolstoj eingraviert ist; gleich daneben, etwas zurückversetzt, ein monumentales, vom Efeu fast vollständig überwuchertes Denkmal, das an die Schlacht der Russen am Zürichberg erinnert; ich versuche die immer aggressiveren Übergriffe und Anschuldigungen abzuwehren, indem ich auf meine Herkunft verweise, auf meinen Grossvater (Kranert? Krahnerz?), der ein wortführender Philosoph gewesen sei, und auf meinen Vater, einen berühmten Naturforscher mit gleichem Vor- und Geschlechtsnamen wie ich; insgeheim hoffe ich, dass einer der beiden, dass womöglich gleich beide hier eintreffen werden, um mich vor dem Mob zu retten.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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