Ankunft − von oben − in einer abgelegenen Provinz Osteuropas, vermutlich Slowakei; desolate Ortsbilder, kaputte Landschaft, wüste Menschen; auffallend die mächtigen, relativ neuen Bauten, grosse Wohnkomplexe, brutal in die Höhe, in die Breite gebaut; als Baumaterialien dominieren Bimsstein, Styropor, Bienenwaben, Kork, Beton (sichtlich bröckelnd); aber ich befinde mich hier in einem Vorort von Paris, die baufälligen Mehrfamilienhäuser schieben sich wie eine kaputte, vielfach gestauchte Zugskomposition in den angrenzenden Wald; Putz und Sand und lockerer Beton rieseln von den Fassaden, die meisten Kanten, Simse, Fenster- und Türrahmen sind angebrochen, werden demnächst einbrechen; eine Frau mittleren Alters schlurft durch den Eingangskorridor, spricht Französisches vor sich hin, reisst dann den Kopf herum, sieht mich an, bekennt kleinlaut, sie sei nämlich Schweizerin; sie führt mich zum Aufzug, die Kabine ist mit Kork ausgekleidet, sie poltert und ruckelt, wenn sie in Bewegung ist; drei Stockwerke tiefer öffnet sich die knirschende Tür zur Tiefgarage, lauter Mittelklassewagen, Achtung Brandgefahr, schreit die Schweizerin; aus ihrer Wohnung im dritten Stockwerk seh ich durch die wehenden Nylonvorhänge und das kahle Geäst hinunter auf den Gehsteig, wo ein überlebensgrosser Mann, am Boden liegend, sich windet; gleich schon beugen sich nun mehrere Passanten hilfreich über ihn, er wird auf den Bauch gerollt, ich kann den Bruch in seinem linken Oberschenkel erkennen, der Knochen steht wie ein Ellbogen vor und spannt − fast zum Zerreissen − seine Hose.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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