2018-06-21

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Kalendarischer Sommerbeginn. Schon am mittleren Vormittag steht die Sonne fast senkrecht im Himmel. Ich betrete den Wald in aufrechter Haltung, den Kopf im Genick, Augen und Ohren ganz auf Empfang eingestellt − so, als befände ich mich in einer Kathedrale, die schlanken gleichförmigen Stämme wie Säulen, die weit ausholenden Äste wie Schwibbögen, und der wundersam artikulierte Vogelgesang im leuchtend grünen Gewölbe ersetzt mir den Jubel der Orgel. Die horizontal über mir millionenfach ausgebreiteten Blätter − fast reglos heute − lassen, jedes einzeln und für sich, ihre fein gezackten Ränder, ihre zarte Äderung im senkrecht niederkommenden Licht überdeutlich und wie zum erstenmal sehen.
Wieder bin ich frappiert von der Schönheit der hiesigen Buchen, ihrem stummen und sinnlosen, gerade deshalb so würdevollen Ragen, frappiert auch immer wieder vom selbstverständlichen Zusammenstehn der Bäume als Waldgemeinschaft, am meisten freilich davon, dass sie sich alle mehr oder minder ähnlich, teilweise fast gleich sind, dabei aber in jeder Einzelheit ihrer Erscheinung sich voneinander unterscheiden. Kein Blatt, weder Zacken noch Äderung, ist identisch mit einem der zahllosen andern, kein Zweig, kein Ast, kein Stamm, kein Wurzelstock ist mehr als einmal vorhanden.
Diese geradezu monströse Vielfalt des naturhaft Gegebenen − man könnte auch von naturhafter Grosszügigkeit reden − ist das eigentliche Wunder, ist aber auch so etwas wie ein Verschwendungsskandal. Denn wozu bedarf der Baum − nicht anders als jeder Stein und jeder Mensch − solcher Individualität? Könnten nicht alle Bäume (und auch alle Steine oder Menschen) einander bis ins Letzte gleich sein? Was für die Evolution womöglich weniger aufwendig gewesen wäre!
Selbst geklonte Organismen − ob Pflanze, Tier oder Mensch − können mit ihrem „Original“ nicht identisch sein, weisen minimale Unterschiede auf in ihrer Beschaffenheit wie in ihrem Verhalten. So dass Einzigartigkeit in der Vielfalt der Arten und der ihnen zugehörigen Einzelwesen nichts anderes ist als Normalität. Ungeklärt jedoch der Sinn solcher Einmaligkeit jedweden Dings und Lebewesens in ihrem gleichwohl stetigen Wandel.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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