Die Unterwelt, der Untergrund, der Urgrund − Gründe, die man gemeinhin nicht zu sehen bekommt, schon gar nicht begehen kann; die um so mehr die Vorstellungskraft provozieren. Es sei denn, man begreife − wie Platon oder Platonow − die Welt selbst als einen Höhlenraum, der indirekt erleuchtet wäre von fernem Oberlicht.
Aber nein. Darauf will ich nicht hinaus.
Mich beeindruckt bei meinen Waldgängen immer wieder das souveräne Ragen der Bäume, die sich zwanzig, dreissig Meter in die Höhe schmiegen, schlanke Stämme mit ausladendem Geäst, in sanfter Spannung sich wiegend, wenn ein Wind sie anspringt.
Die Spannung, die Schwere, die Höhe dieser zahllosen Stämme kontrastiert auffällig mit dem Augenschein. Eigentlich würde man … müsste man einen Sockel erwarten, der den Bäumen Halt gäbe, doch man weiss ja, dass deren Stämme nicht einfach auf dem Waldboden stehen, dass sie vielmehr durch ein dichtes unsichtbares Wurzelwerk − fast so weit ausgreifend wie die Baumkrone − in der Erde verankert sind.
Was sich als Baum darbietet, ist also immer nur ein Teilstück, sind vielleicht zwei Drittel seiner realen Gestalt. Was ich vom Baum nicht zu sehen bekomme, ist das, was ihn aufrecht hält, was ihn nährt, was ihn, sofern er im Wald steht, mit andern Bäumen unterirdisch verbindet:
Ein fest im Grund verankertes Netz mit Maschen, Knoten, Fransen, ebenso fein differenziert und funktional koordiniert wie das Geäst und Gezweig, das dicht mit Laub besetzt weit über mir wogt. Krone und Wurzel sind gleichermassen radikal, sie streben nach dem Äussersten, erreichen es auch und bewahren es bis zum Gehtnichtmehr.
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Bin heute früh im Wald gleich mehrmals über dicke Wurzeln gestolpert, die sich quer zwischen den Bäumen gebildet haben und nun wie Schwellen auf dem Weg liegen. Solche Schwellen − halb dem Untergrund, halb der Erdoberfläche angehörend − bilden am Waldboden ein sperriges Geflecht, sind aber mehrheitlich von grellgrünem Moos bewachsen und deshalb kaum erkennbar. Man kann an dieser naturhaften Radikalität durchaus straucheln, wenn man sie übersieht oder unterschätzt.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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