Appell und Verweigerung
Die Leere, die Weiße, das Schweigen als Thema der Poesie
Teil 3 siehe hier …
Eugen Gomringers Grundsatzerklärung «vom vers zur konstellation» (1954) beginnt mit einem Zitat aus dem «Würfelwurf» und verweist zusätzlich auf Arno Holz, Guillaume Apollinaire und F. T. Marinetti als Begründer einer radikal «neuen», «direkten», «objektiven» Dichtung: «der beitrag der dichtung wird sein die konzentration, die sparsamkeit und das schweigen.» Das Schweigen steht hier (wie auch schon bei Mallarmé) metaphorisch für die weißen oder leeren Stellen im Text, der bisweilen auch als «Partitur» aufgefasst wird. Sparsamkeit und Konzentration wiederum bilden die Voraussetzung für den dichterischen Minimalismus der «Konkreten», den Gomringer auch für seine Arbeit als Werbetexter zu nutzen wusste.
Die konkrete, speziell die visuelle Poesie hat sich in den 1950er- bis 1970er-Jahren als asketischer Epochenstil international durchgesetzt. Zumeist operiert sie im Grenzbereich zwischen Bild- und Wortkunst (Schriftbilder, Figurentexte), und in jedem Fall kommt dabei die Relation zwischen Druckgestalt (schwarz) und Leerraum (weiß) zum Tragen, die Gesamtansicht bietet sich gleichermaßen zum Lesen wie zum Betrachten an.
Heinz Gappmayr, „Zeichen“ (Typogramm, 1973)
Gennadij Ajgi, „Genügsamkeit eines Selbstlauts“ (1982)
Klaus Peter Dencker, „Schultafel“ (Weiss auf Schwarz) 1969
Eine resümierbare Aussage liefern derartige Gebilde nicht, obwohl sie aus gebräuchlichen, mithin allgemeinverständlichen Vokabeln gefügt sind; ihre Bedeutung muss erschlossen, erraten oder assoziativ gewonnen werden aus dem jeweiligen Arrangement des vorliegenden Wort- und Buchstabenmaterials.
… Fortsetzung am 29.7.2026 …
Erstveröffentlichung in VOLLTEXT 1/2026
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik










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