Appell und Verweigerung
Die Leere, die Weiße, das Schweigen als Thema der Poesie
Teil 4 siehe hier …
Manche Autoren haben die zwiespältige Provokation des leeren Blatts in dichterischer Form thematisiert. Provokant kann die Leere sowohl als Entzug oder Verweigerung wie auch als abgründige Verlockung sein, sie kann zu Schreibhemmungen und Schreibangst führen, aber auch zu Schreibzwang und Graphomanie. Ernst Jandl, der in seinen Anfängen zu den Exponenten visueller und akustischer Dichtung gehörte, hat dazu in späteren Jahren eine kleine lyrische Poetik geliefert. Das Gedichtbuch der gelbe hund (1980) eröffnete er mit einem bekenntnishaften minimalistischen Text («inhalt», 1979) über seine Spracharbeit:
um ein gedicht zu machen
habe ich nichts
eine ganze sprache
ein ganzes leben
ein ganzes denken
ein ganzes erinnern
um ein gedicht zu machen
habe ich nichts
Mit dem Anfangssatz, der dann als Schlusssatz wiederholt wird, evoziert Jandl unausgesprochen das leere Blatt, dem er sich zunächst gegenübersieht. Wenn er, «um ein gedicht zu machen», nur einfach «nichts» vorfindet, spielt er damit auf die mythische Vorstellung einer «Schöpfung aus nichts» an, die er jedoch gleich widerruft und ins Gegenteil verkehrt, indem er hinzufügt, dass ihm doch eigentlich, «um ein gedicht zu machen», alles zur Verfügung stehe – Sprache, Leben, Denken, Erinnerung als ein Ganzes. Damit vergegenwärtigt er auf ingeniöse Weise die Situation des Dichters vor dem unbeschriebenen Papierblatt, das als solches «nichts» ist und eben dadurch, kraft seiner Leere, für alles offen steht: Das leere Blatt ist der Ort, wo Erlebtes, Erlerntes, Erinnertes in poetischer Ausarbeitung sich konkretisieren kann.
In einem weiteren Gedicht aus dem genannten Band («weißes blatt», 1979) wendet sich das lyrische Ich direkt an das bereitliegende Papier:
weißes blatt
ich bedecke dich
mit zeichen
wenn du spüren könntest
würdest du es spüren
wenn ich dich zerreiße
wenn du wissen könntest
würdest du es wissen
wenn ich dich nicht zerreiße
wenn du denken könntest
wüsstest du den grund
Vorab wird nur einfach festgestellt, dass das Papier als Schriftträger genutzt wird («bedecke dich / mit zeichen»), dann allerdings wird das Schreiben problematisiert mit dem Hinweis darauf, wie ungewiss und riskant es sein kann – gelingt es nicht, wird das Blatt zerrissen, gelingt es jedoch, wird es eben nicht zerrissen. So einfach ist dieser Akt, doch allein das beschriebene Blatt («wenn du denken könntest») kennt den Grund für das Scheitern oder das Gelingen des Dichters, und dies aus dem schlichten Grund, weil es selbst der Grund (die materielle Grundlage) der Schreibbewegung ist.
… Fortsetzung hier …
Erstveröffentlichung in VOLLTEXT 1/2026
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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