Appell und Verweigerung
Die Leere, die Weiße, das Schweigen als Thema der Poesie
Teil 5 siehe hier …
Ein letztes diesbezügliches Gedicht sei aus weiter zeitlicher Ferne an dieser Stelle aufgerufen. Verfasst wurde es im Sommer 1918 von Marina Zwetajewa (Erstdruck 1921); in wörtlicher Übersetzung lauten die beiden gereimten Strophen wie folgt:
Ich bin für deine Feder die [leere] Seite.
Nehme alles [in mich] auf. Ich als weiße Seite.
Ich bin Bewahrer für dein Gut:
Gebe es dir zurück als hundertfache Gabe.
Ich bin ein Landstrich, schwarze Erde.
Du bist mir Strahl und Regenguss.
Du – Herrgott und Herr, und ich –
Schwarzerde – und weißes Papier!
Die Autorin identifiziert sich in diesen Versen metaphorisch mit einem unbeschriebenen Blatt, das sich der Feder eines unbekannten Schreibers von göttlichem Rang («Herrgott und Herr») darbietet, um «alles» von ihm in sich aufzunehmen, es in sich zu verwahren und später «hundertfach» zurückzugeben – dichterische Inspiration als erotische Urszene. In der zweiten Strophe wandelt sich das lyrische Ich zu einem schwarzen Landstrich fruchtbarer Erde und erwartet als solche den Leben spendenden «Strahl» und «Guss» von oben. Der Akt des Schreibens wird hier als ein Begattungsakt imaginiert, zugleich – viel allgemeiner – als ein naturhafter Vorgang, der die Fruchtbarkeit der Erde sicherstellt. Im Wechselspiel von Weiß und Schwarz vergegenwärtigt Marina Zwetajewa die Inbesitznahme des leeren Blatts durch die Schrift.
Erstveröffentlichung in VOLLTEXT 1/2026
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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