Ferne Zeitgenossen (VIII)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Gedenkblatt für Vilém Flusser

Im November 1991 hatte der Medienphilosoph Vilém Flusser – damals 71 Jahre alt – zum ersten Mal einen öffentlichen Auftritt in seiner Geburtsstadt Prag. Im vollbesetzten Saal des dortigen Goethe-Instituts sprach er, zwischen Deutsch und Tschechisch leichthin wechselnd, über den durch die neuen Medien initiierten Wandel des menschlichen Kommunikationsverhaltens – einen Wandel, der nicht allein die linear-progressive Schriftkultur, sondern ebenso die traditionellen technischen Bildträger (Photographie, Film, TV, Video) obsolet werden lasse.
Seine diesbezügliche These trug Flusser, provokant und diskutabel wie so oft, in Form einer rhetorischen Frage vor: „Ist es nicht so, als ob wir das Gefüge von Algorithmen und Theoremen, das das Gerüst der Welt bildet, einst aus uns selbst entworfen, dann vergessen haben, um es nun mühsam wieder zurückzuholen? Ist es nicht so, dass wir nur entdecken, was wir selbst erfunden haben?“ Und als hätte er bereits die Jetztzeit mit ihrer Überfülle an medialen Fake News, künstlerischen Plagiaten, intellektuellen Sophismen, wissenschaftlichen Fehlleistungen und Fälschungen im Blick, fügte er, schwankend zwischen Ironie und Skepsis, hinzu, es habe kaum noch Sinn, zwischen Wahr und Falsch, Subjekt und Objekt, Wirklichkeit und Möglichkeit, Dokumentation und Fiktion zu unterscheiden: Jede Formulierung sei immer auch ein Akt des Projizierens (Entwurf des Unwahrscheinlichen), und jeder wissenschaftliche Diskurs habe eine spekulative Komponente.
Viel Stoff für kontroverse Debatten. Nach seinem über weite Strecken improvisierten Vortrag schrieb Flusser – die Kommunikation via Smartphone war zu der Zeit noch nicht Allgemeingut – seine Privatadresse an die Wandtafel und lud die Zuhörer dazu ein, schriftlich mit ihm in „Korrespondenz“ zu treten. Das Angebot (wenn nicht die Aufforderung) zum Dialog war schon immer ein Charakteristikum der Flusserschen Rhetorik, die sich vom autoritativen universitären Diskurs entschieden abhob und Hörer wie Leser noch so gern mit riskanten Behauptungen und Hypothesen konfrontierte.
Auf der Rückfahrt in seine französische Wahlheimat fand Vilém Flusser auf einer tschechischen Landstrasse bei einem Autounfall den Tod. Das Gesprächsangebot bleibt: Vielfalt und Fülle seines gedruckt vorliegenden Werks bieten dazu noch immer Stoff und Herausforderung genug.

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Unter Freunden und Kollegen wurde Flusser gern „der Überflusser“ genannt. Tatsächlich floss er über von interdisziplinärem Wissen, tat sich bei den alten Griechen ebenso souverän um wie bei Augustinus oder Hegel oder Nietzsche, war in der Bibel und bei Dostojewskij ebenso bewandert wie bei Kafka, Wolker oder J. G. Rosa, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen in Wort und Schrift, publizierte als „Medienphilosoph“ nicht nur zu Problemen und Techniken der „Kommunikologie“ (von frühesten Schriftzeugnissen bis hin zu den technischen Bildern des späten 20. Jahrhunderts), sondern auch – unter vielem andern – über Design, Mode, Städtebau, Arbeit, Erziehung, Migration, Nationalismus sowie, allgemeiner, über das „Denken“, die „Natur“, den „Westen“, die „Freiheit“. Dazu kommen, angesiedelt zwischen Science Fiction und philosophischer Spekulation, Texte über den „Teufel“ als imaginäre Verkörperung des Fortschritts und über ein infernalisches Phantasiewesen mit der quasiwissenschaftlichen Bezeichnung Vampyroteuthis infernalis, das gegenüber dem Menschen eine vollkommen andere, sogar „umgekehrte Lebenseinstellung einnimmt und auch dementsprechend denkt, fühlt und handelt“ – eine anti-anthropologische Versuchsanordnung!

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Vilém Flussers Spezialität, könnte man sagen, war das Generalistentum, und eben dies hat man ihm in Universitätskreisen immer wieder zum Vorwurf gemacht – er nomadisiere ohne Expertenwissen zwischen unterschiedlichsten Disziplinen, missachte wissenschaftliche Standards, ignoriere die akademische Sekundärliteratur, lege oftmals seine Quellen nicht offen, zitiere nicht immer ganz verlässlich und habe im Übrigen kein einziges monographisches Werk veröffentlicht.
Das alles mag zutreffen, ist aber gleichwohl obsolet. Denn Flusser wollte gerade kein Spezialist oder Experte sein, wollte nicht den Wissenschaftsbetrieb bedienen und setzte sich – formal wie methodisch – bewusst über dessen Ansprüche hinweg. Nicht um Belehrung ging es ihm, vielmehr um die Anregung, die Herausforderung des Lesers zum Nach- und Weiterdenken. Er selbst praktizierte seine Schreibarbeit als einen permanenten Lernprozess, der sich gleichermassen aus rationaler wie aus sinnlicher Erkenntnis speist, sich vor Umwegen und Sackgassen ebenso wenig scheut wie vor riskanten Höhenflügen und kritischer Widerrede.
Der Diversität von Flussers Themen und Thesen entspricht die Vielfalt der von ihm gepflegten Textsorten: Artikel, Glossen, Geschichten, Anekdoten, Szenen, Briefe, Reminiszenzen – lauter „essayistische“ Textsorten im Umfang von jeweils nur wenigen Seiten. Hunderte derartiger Mikrotexte hat Flusser in der Verstreuung publiziert, um später viele davon thematisch zu gruppieren, durch neue zu ergänzen und in Buchform zusammenzuführen. Doch keine Form oder Gruppierung bleibt definitiv festgelegt, der Autor präsentiert sie in unterschiedlichem Kontext, arbeitet mit Wiederholungen und Varianten und fordert den Leser explizit dazu auf, den Gang der Lektüre nach eigenem Gutdünken zu gestalten.
Als optimal erweist sich dabei, entgegen der üblichen Linearität des Vorgangs, eine Lesart, die man als nomadisch bezeichnen könnte. Auf einfachste, ja primitive Weise nimmt Flusser damit auf dem Papier eine Lektürebewegung vorweg, wie sie heute per Touchscreen oder beim Zapping bewerkstelligt wird: Durch punktuelle Druckausübung springt man von Programm zu Programm, bricht somit aus der progressiven Kontinuität aus und macht nur noch dort Halt, wo Interesse und Intensität geboten werden.

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Das Lesen als nomadische, nicht zuletzt vom Zufall bestimmte Suchbewegung korrespondiert bestens mit der Flusserschen „Denkungsart“. Diese gleicht einem Oberflächenscanning, das gerade nicht nach Tiefe und Sinn sucht, das vielmehr wahrzunehmen, festzuhalten, aufzuzeigen versucht, was jeweils – hier und jetzt – „der Fall“ ist.
Flusser stellt vorzugsweise einen phänomenologischen Zugang zu den Dingen her, der (nach einem Vergleich von ihm selbst) auf die stets bewegten, wechselseitig sich abstossenden oder sich vereinigenden Fettaugen auf der Kraftbrühe gerichtet ist und eben nicht auf die Substanz, die Bedeutung, die sich allenfalls „darunter“ verbirgt. Man mag ihm vorwerfen, er gehe nicht wirklich und eben auch nicht „gründlich“ auf die jeweils vorgegebenen Probleme ein; richtig ist, dass er, umgekehrt, konsequent von ihnen ausgeht. „Die Phänomene gaben mir überraschende Antworten“, berichtet Flusser in einem kleinen methodologischen Essay („Naturalmente“): „Sie verwirrten meine Fragen und zerbrachen meine Vorurteile.“
So dienen ihm schlichte Dinge wie das Zelt, der Brunnen, der Wohnwagen als konkrete Ausgangspunkte für seine scharfsinnigen Reflexionen über Migrationsbewegungen der jüngsten Zeit wie auch des Mittelalters und der Antike. Anhand alltäglicher Gesten – vom Rasieren über das Pfeiferauchen bis zum Anpflanzen oder Liebemachen – entwickelt er ein hochdifferenziertes Menschenbild, das ohne jedes humanistische Pathos auskommt. Aus der exakten Beobachtung und Beschreibung von Allerweltsphänomenen wie dem Regen, dem Sturm, dem Nebel, dem Garten oder der Knospe gewinnt er ein vieldimensionales Modell unsrer Lebenswelt und damit, im konkreten Wortsinn, eine kohärente „Weltanschauung“, die auf keine metaphysische Dimension mehr angewiesen ist.
Flussers intellektuelle Autobiographie (Bodenlos, postum 1992), ein hinreissender Lebens- und Epochenbericht, der seine eigenen Erfahrungen als Flüchtling und Exilant zwischen den Kontinenten nachvollziehbar werden lässt, ist zugleich eine souveräne Rekapitulation seiner hauptsächlichen philosophischen Interessen und Bemühungen – mit bemerkenswerten Exkursen über Heimat und Heimatlosigkeit, Wohnung und Gewohnheit, Natur und Sprache.

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Vilém Flussers weithin verstreute Thesen und Erläuterungen zum neuzeitlichen Migrantentum, die durchweg auch als Einsprüche gegen den massiv erstarkenden Nationalismus zu verstehen sind, haben an Aktualität nichts eingebüsst, sie lassen sich, im Gegenteil, unverändert und wegweisend in die heutigen diesbezüglichen Debatten einbringen.
Angesichts der inzwischen weltweit auflaufenden Flüchtlingsströme, die mehrheitlich als geradezu apokalyptische Bedrohung wahrgenommen werden („Überschwemmung“, „Überfremdung“, Einwanderung als Unterwanderung usf.), mag es befremdlich wirken, wenn Flusser das moderne Nomadentum als eine Art von Freiheitsbewegung ausweist und den modernen Nomaden als einen selbstbestimmten Weltbürger belobigt. Der entwurzelte Migrant ist seiner Ansicht nach – egal, ob gewollt oder ungewollt – „frei“ insofern, als er frei von Wurzeln ist, frei von familiären, nationalen, religiösen, sprachlichen Bindungen.
Flusser bezieht sich diesbezüglich implizit auf anarchistische Positionen wie auch auf den jüdischen Prototypen des „Luftmenschen“; explizit bekennt er sich, durchaus skeptisch, zu seinem Judesein und seinen eigenen anarchistischen Neigungen. Auch verweist er immer wieder auf seine prägenden Erfahrungen als Emigrant, die nicht nur die Trennung, sondern ebenso die Befreiung von der tschechischen Heimat mit sich brachten – Voraussetzung dafür, dass er zum überzeugten Kosmopoliten und zu einem unermüdlich „fahrenden“ Philosophen werden konnte: Welt- und Selbsterfahrung setzen solches Fahren notwendigerweise voraus. Dabei geht es nach Flusser vorrangig um den Gewinn und Erhalt von Freiheit … um individuelle wie soziale Freiheiten, um deren Versprechungen ebenso wie um deren Missbrauch. Irgendwann – vielleicht erst nach seinem Exodus − werde der Migrant die erlösende Entdeckung machen, dass „die menschliche Würde eben darin besteht, keine Wurzeln zu haben: Dass der Mensch erst eigentlich Mensch wird, wenn er die ihn bindenden Wurzeln abhackt.“ Eine provokante These, wenn man sich die Leiden und Erniedrigungen vor Augen hält, die Migranten jeder Art und Herkunft zu erdulden haben, unabhängig davon, ob sie gewaltsam vertrieben werden oder aus eigenem Antrieb emigrieren. Allerdings scheint Flusser zu übersehen, dass Flüchtlinge ja keineswegs die Flucht (das stetige Unterwegssein) als Existenzform anstreben, sondern gerade umgekehrt – dass sie sich auf den Weg machen, um ein zumeist schon vorgefasstes Ziel zu erreichen und dort ansässig zu werden: Nicht das mobile Zelt, vielmehr das fundierte Haus stellt für sie das „Heim“ dar und soll zum Hort ihrer Freiheit und Sicherheit werden.
Doch Flussers Überlegungen reichen weiter und eröffnen eine Zukunftsperspektive, die das Migrantentum als neue globale Lebensform erkennbar werden lässt: Wir selbst, die Zivilisierten von heute, haben bereits integralen Anteil an den weltweiten Migrationsbewegungen, indem wir uns zu millionenfachen Touristenströmen bündeln lassen oder uns mit Zelt und Wohnwagen individuell auf den Weg machen; aber auch indem wir täglich während Stunden im Internet navigieren, in einem gleichermassen realen und imaginären Raum mithin, der keine Grenzen mehr kennt, weder physische und geographische, noch weltanschauliche oder moralische. Dieses „neue“ Migrantentum unterscheidet sich freilich vom erzwungenen Emigrantentum dadurch, dass es immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt oder diesen – wie beim Surfen und Zappen im Netz – gar nicht erst verlässt. Für Vilém Flusser ist dieser Widerspruch insofern irrelevant, als es ihm einzig auf das Nomadisieren ankommt und nicht auf dessen Ursachen, auch nicht auf dessen Ausgangs- oder Ankunftsort, abgesehen davon, dass er zwischen Fahrten und Erfahrungen im Netz und solchen in der sogenannten Wirklichkeit keinen faktischen Unterschied mehr machen möchte.

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Die bestehende Wirklichkeit, so stellt Flusser nüchtern fest, hat ihren Grund und Zusammenhalt verloren, derweil nun das „Haus“ mehr und mehr zum Gefährt mutiere: „Weil nämlich die Informationen, die ins Haus geliefert werden, durch materielle und / oder immaterielle Kanäle laufen, welche die Wände und Dächer der Häuser durchlöchern. Es zieht im Haus von allen Seiten, die Orkane der Medien sausen hindurch, und es ist unbewohnbar geworden.
Die Lebenszeit, die man im „Verkehr“ verbringt, im Zug, im Bus, in der Untergrundbahn, im Privatwagen, im Wohnmobil, auf dem Fahr- oder Motorrad, im Flugzeug, aber auch auf dem Roll- oder Surfbrett, auf dem E-Bike oder Trottinett nimmt unentwegt zu. „Wir sind dabei“, meint Flusser im Rückblick auf vorgeschichtliche Zeiten, „aus unserem Landwirt- und Viehzüchterstatus [d.h. aus der Sesshaftigkeit] in eine neue, jedoch wiederum nomadisierende Lebensform zu wechseln“, das heisst also – in eine neue, zugleich archaische, global sich herausbildende Jäger- und Sammlergemeinschaft. Die Sesshaftigkeit sei zusehends zu einem „Leerlauf“ geworden und habe damit ihren toten Punkt erreicht. Sitzen sei auf Besitzen angelegt, so wie Fahren auf Erfahrung, konstatiert Flusser mit einem Wortspiel: Sesshaftigkeit mache notwendigerweise unfrei, während das besitzlose (und „papierlose“) Migrantentum über alle Freiheiten verfügen könne. Die stetig anschwellenden Pendler- und Touristenströme wie auch die expandierenden Fluchtbewegungen aus dem Süden nach Norden nimmt er gleichermassen als Beleg für die unaufhaltsame Umschichtung der Weltgemeinschaft. Statt die Migranten als bedrohliche Fremdlinge abzuwehren, sollte man sie in unsern Breiten als freiheitliche Globetrotters begrüssen, sie zum Vorbild nehmen als risikofreudige und erfahrungsoffene Zeitgenossen, die letztlich nichts anderes anstreben als wir selbst.
Katastrophe und Heilsversprechen zugleich! Flusser greift weit zurück und holt ebenso weit noch einmal aus, wenn er – typisch für ihn! − ein Paradoxon als Schlussfigur einsetzt: „Das Paläolithikum mit seinen unzähligen leicht erjagbaren Grasfressern und seinen üppigen Beeren und Pilzen war das Paradies, und die Erbsünde bestand vielleicht darin darin, dass wir uns hingesetzt haben. Aber jetzt haben wir die Strafe abgesessen und werden ins Freie entlassen. Das ist die Katastrophe – dass wir nun frei sein müssen.“

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Unter dem ambivalenten Titel Angenommen (also: vermutet oder akzeptiert) hat der späte Vilém Flusser eine Sequenz von Szenen vorgelegt, die als Screenplays für Videokünstler dienen sollten. Was er dort zum uralten Konzept vom „ewigen Frieden“ ausführt, nimmt sich retrospektiv wie ein Vorgriff auf unsre Gegenwart aus. Flusser sah schon damals, in den späten 1980er Jahren, eine Zeit des rasanten Stillstands heraufkommen, einen globalen Ruhestand, in dem sich die Verheissung des „ewigen Friedens“ ungut vollenden sollte.
Die Rede ist von einem Status, bei dem dank technologischer Neuerungen „alle Orte synchronisiert und damit aus der Welt geschaffen“ sind: „Alles ist gleichzeitig und darum raumlos geworden. Durch die Reduktion aller Orte auf einen einzigen Punkt, auf das Hier und Jetzt, vergegenwärtigen sich sämtliche Möglichkeiten – sie werden wirklich.“ Die heutigen Kommunikations- und Dislokationsgeschwindigkeiten scheinen die Vergangenheit wie die Zukunft zu verschlingen und lassen sie in „real time“ aufgehen.
Flussers vorauseilendes Fazit ist desolat: Mit Hilfe der Technik (er spricht bereits von „Telematik“) sind wir Heutige „zum Frieden“ gelangt, will heissen – die Welt ist zu einem integralen Ort geworden, wo alles gleich, alles gleichzeitig und alles gleichgültig ist: „Heute wissen wir, dass die Fülle der Zeiten nicht erfüllt ist. Sie ist erschöpft. Wir wissen uns nicht in irgendeinem Jenseits. Wir wissen uns im Konkreten.“
Im Hier und Jetzt erweist sich, unter diesem Gesichtspunkt, „alles“ als eins. Die unifizierte Welt ist „gegenstandslos“, ist uninteressant geworden, die Gegensätze zwischen wahr und falsch oder arm und reich oder Krieg und Frieden bestehen wohl, sind im „Ruhestand“ jedoch irrelevant, sie koexistieren, bedingen sich wechselseitig – sie sind ganz einfach „der Fall“. Es gibt nur noch „vergegenwärtigte Möglichkeiten“, derweil die Wirklichkeit schwindet und die Wahrheit zum Fake mutiert.
Unser geistiger „Ruhestand“ markiert nach Flusser das reale Ende der Geschichte. Geschichte geschieht nicht mehr, wächst nicht, entwickelt sich nicht – sie wird gemacht. Möglich wird dies dadurch, dass wir alle erdenklichen Geschichtsverläufe, auch solche, die wir selbst ersinnen, eigens vernetzen und sie zu immer wieder neuen Geschichten komponieren (komputieren) können. Heutige Potentaten wie Trump, Putin, Xi Jingpin und regionale Despoten wie Duterte oder al-Assad engagieren sich in diesem Verständnis als „Macher“ (Fälscher) der Geschichte, sie gerieren sich – auch dies hat Flusser vorab imaginiert – als „Händler und Künstler“, als falsche Genies und Theurgen, die „mit souveräner Gleichgültigkeit alles Handeln und damit alles Leiden programmieren“. Die Telematik ermöglicht uns, „Geschichte abzurufen, sie auf Knopfdruck gegenwärtig zu machen und auch, sie mit einem weiteren Knopfdruck wieder verschwinden zu lassen.“

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Vilém Flusser war ein scharfsichtiger, höchst eigensinniger Apokalyptiker, einer, der das Weltende nicht als Höllenspektakel imaginierte, sondern als vom Menschen gewollten Übertritt in einen paradiesischen „Ruhestand“, der statt des ewigen Lebens die ewige schmerzfreie Agonie mit sich bringen würde. „Er ruhe in Frieden“ – der gängige Grabspruch ist hier Verheissung und Fluch zugleich.

[Von Vilém Flusser liegen in deutscher Sprache zwei unabgeschlossene Werkausgaben vor: Schriften (Band 1ff., 1998ff; geplant auf 9 Bände); Edition Flusser (Band 1ff., 1999ff; geplant auf 10 Bände). Zahlreiche Auswahl- und Einzelbände ergänzen das Angebot; siehe u.a. Angenommen (Eine Szenenfolge, 1989); Nachgeschichten (Essays, Vorträge, Glossen, 1990); Bodenlos (Eine philosophische Autobiographie, 1992); Dinge und Undinge (Phänomenologische Skizzen, 1993); Von der Freiheit des Migranten (Einsprüche gegen den Nationalsmus, 1994); Der Flusser-Reader (Kommunikation, Medien, Design, 1995); Vogelflüge (Essays zu Natur und Kultur, 2000); u.a.m. − Vgl. Daniel Irrgang (Hrsg.), Die Briefe zwischen Vilém Flusser und Felix Philipp Ingold, 1981–1990, in: Flusser Studies, vol. XX, Berlin 2015.]

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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