Der Kindergarten von Romainmôtier-Envy liegt schräg gegenüber meinem Haus, nur durch die Schulgasse davon getrennt und um fünf, sechs Meter abgesenkt. So dass ich von der Wohnung aus die volle Übersicht habe.
Täglich um zehn Uhr ist die grosse Pause. Während gut einer halben Stunde tummeln sich auf dem asphaltierten Schulhof rund zwei Dutzend Kinder. Obwohl sie alle längst vernünftig reden können, nutzen sie die Pause ausschliesslich zum Toben und Schreien. Der Hof mutiert zum Tiergehege, der ohrenbetäubende Lärm zwingt nun auch mich zum Pausieren.
Sprachlos seh ich übern Schreibtisch hinweg dem Treiben zu, Unbehagen und Bewunderung halten sich dabei die Waage. Unbehagen, weil wortbegabte Wesen ihre Gabe (beziehungsweise das Gelernte) völlig ausser Kraft setzen, die artikulierte Sprache also vorübergehend verdrängen oder gar vergessen; Bewunderung, weil hier eine vorsprachliche Ausdrucksfähigkeit durchgesetzt wird, die ihre Energie unmittelbar aus dem Körper bezieht, unreflektiert, unartikuliert, ohne jeden Bedeutungsanspruch, in exzessiver Lautstärke, begleitet (oder getragen?) von Konvulsionen, von – im eigentlichen Wortverständnis – „unsäglichen“ Verrenkungen, wie sie sonst nur bei Hysterikerinnen oder Zungenrednern zu beobachten sind.
Bei Kindern dieses Alters ist solch vorsprachliche Rede völlig normal, niemand würde es wagen, sich darüber zu beklagen. Dennoch fühlt sich der sprachlich begradigte Menschenverstand gestört dadurch; oder − irgendwie − peinlich berührt.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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