„Ofenpass“ − noch so ein Wort aus meiner frühen Kindheit. Mutter verwendete es für die Durchreiche zwischen unsrer Küche und dem Wohn- und Esszimmer. Der „Ofenpass“ war eine enge Passage, gerade so breit, dass ein Essteller horizontal durchgereicht werden konnte. Auf der Zimmerseite mündete der „Pass“ in einen Kachelofen, der auch zum Warmhalten genutzt werden konnte.
Für mich als Kind war die Durchreiche so etwas wie ein Fern-Seh-Kanal, zum Hindurchschauen von der Küche ins Zimmer, vom Zimmer in die Küche, interessant vor allem dann, wenn Besuch da war. Am interessantesten allerdings in einem unvergesslichen, einmaligen Moment, als gerade kein Besuch da war. Und zwar an einem Weihnachtstag, den ich, da mein Vater, warum auch immer, abwesend war, allein mit Mutter verbringen sollte. Verbringen musste.
Als sie gegen Abend mit dem Schmücken des schmächtigen Tannenbaums begann, wies mich Mutter aus dem Wohnzimmer, weil, wie sie meinte, der Baum „wie immer eine Überraschung“ sein sollte. − Ich zog mich, ein wenig frustriert, in meine Kammer zurück, machte lustlos an meinem grossen Puzzle herum, nahm mir noch einmal das jüngste Heft von Mickey Mouse vor, dann meinen Auslegekran, den ich aus feinen, matt glänzenden Meccanoteilen mit winzigen Schräubchen sehr langsam zusammenbastelte.
Doch all das langweilte mich, und vor lauter Neugier schlich ich nach kaum einer halben Stunde in die Küche, um durch den „Ofenpass“ meine Mutter bei ihrem geheimnisvollen Tun zu beobachten. Der Baum war bereits geschmückt, nur die Kerzen fehlten noch. In dem dämmrigen Zimmer bot sich mir nun völlig unerwartet eine seltsame … eine seltsam faszinierende Szene, die ich bis heute unverrückt im Gedächtnis habe:
Ich sehe, wie Mutter den Esstisch zur Seite rückt, die Stühle an die Wand stellt, dann mitten im Raum stehen bleibt, die Hände auf die Hüften stützt, eine Weile um sich sieht, plötzlich zum Weihnachtsbaum läuft, ihn an sich reisst, sich wie in einem Tanz zu drehn beginnt und dazu eine heitere Melodie vor sich hin trällert … wie sie sich dreht mit dem geschmückten Tännchen im Arm, immer lauter vor sich hinträllert, sich weiterdreht, dann unversehens den Baum fallen lässt, nein, ihn von sich stösst, ihn wegwirft, so dass er mit all seinen zerbrechlichen Kugeln und gläsernen Engelchen klirrend am Boden aufschlägt. In diesem Moment hab ich wohl die Augen geschlossen und sie nicht so rasch wieder geöffnet, jedenfalls kann ich mich darüber hinaus an nichts erinnern, nicht einmal an das Jahr, in dem ich meine Mutter auf diese Weise habe Weihnacht feiern sehn.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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