Die Buchstabensuppe gehörte nicht zu den Lieblingsgerichten meiner frühen Schulzeit, sie schmeckte fad, sah auch fad aus. Doch sie faszinierte und amüsierte mich, weil sich damit spielerisch etwas anfangen liess. Man konnte die kleinen farblosen Teigbuchstaben auf dem Tellerrand zu Namen, kurzen Sätzen gruppieren und zusehn, wie sie schon bald wieder in die dampfende Brühe zurückglitten, sich mit andern Buchstaben vermischten und dadurch ihre Bedeutung verloren.
Am Grund des Tellers sammelten sich die zerfallenen wie auch die noch gar nicht entstandenen Wörter als abgesunkene Schriftpartikel ohne Bedeutung, aber mit virtuellem Sinn. Darüber schwammen, gegenseitig sich abstossend oder ineinander verschmelzend, die schillernden Fettaugen des Bouillons. Meine Aufmerksamkeit schwankte, soweit ich mich erinnern kann, ständig zwischen der bewegten Oberfläche und dem buchstäblichen Bodensatz, und nicht selten kam ich über der Brühe zum Grübeln. „Nicht träumen!“, dürfte meine Mutter dann gemahnt haben: „Die Suppe ist zum Essen da, nicht zum Lesen, und schon bald ist sie kalt.“
Natürlich hatte sie recht. Man muss sich einverleiben, was man verstehen will.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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