In seinem grossen Erinnerungswerk Die Spielregel berichtet Michel Leiris von seinem jugendlichen Modedünkel − nur die schicksten, auffälligsten, teuersten Klamotten seien ihm gut genug gewesen. Die Anmut sollte, nach seinem eigenen Bekunden, die Furcht vor Armut und Missachtung bannen. Exzellente Kleidung, erklärt Leiris, sei „buchstäblich“ das wahre eigene Gesicht gewesen, das er „allen andern darbieten“ wollte: „Brandmauer, Berührungsfläche, Schutzschirm, der für meine Ansprüche viel schöner sein musste, damit der Blick der andern sich daran gestossen und gebrochen hätte, anstatt meiner Herr zu werden und tief und schmerzlich in mein Herz zu treffen, wie ein Speer, der einen zu schwach gearbeiteten Brustpanzer durchstösst.“
Nicht so … ganz anders bei mir.
Zum Leidwesen meiner Mutter, die mich während meiner Primarschulzeit zweimal jährlich zum Kleiderkauf ins Stadtzentrum ausführte und der ich jedes Mal deutlich machte, wie sehr ich solche Einkäufe hasste − das Massnehmen, das Anprobieren, das Umkleiden in der Kabine, die Auftritte vor dem Dreifachspiegel, in dem ich mich auch von der Seite und vom Rücken her betrachten sollte.
Für mich eine Qual und völlig unnötig allein deshalb, weil ich meine abgetragenen Jacken, Hemden, Hosen als solche − ganz schön strapaziert − viel mehr liebte als die steife neue Ware, die meistens auch noch angepasst, gekürzt, „eingenommen“ werden musste. Kleider auszutragen, bis sie mir zur zweiten Haut wurden, das war bei mir ein sozusagen vitales Bedürfnis, und ich entwickelte damals zu meinen Wegwerfklamotten tatsächlich so etwas wie eine Freundschaftsbeziehung, gab den Kleidungsstücken eigene Namen, sie wurden mir in dem Mass wichtiger, wertvoller, wie sie allmählich verblassten, ausfransten, ihre Form verloren und sich gleichzeitig immer noch mehr meinem Körper, meinen Bewegungen anglichen.
Kleider zu entsorgen war für mich gleichbedeutend damit, sie zu „umzubringen“. An diesem Dandysmus der Ärmlichkeit hielt ich, so gut wie es entgegen dem Willen der Eltern eben ging, bis in meine frühe Gymnasialzeit fest. − Mit der Pubertät nahm dann aber das Anpassungsbedürfnis überhand und damit der gleichmacherische Konsumismus, der naturgemäss zur Normalisierung meiner Kleidung beitrug, meiner „Anlege“, wie wir sie im Sinn des heutigen „Outfits“ nannten. Plötzlich unterstand ich … unterstellte ich mich somit dem Diktat der Mode, das Neuste war nun das Beste und Schönste, galt als das einzig Begehrenswerte.
In vorgerücktem Alter kam ich dann allerdings auf meinen unbedarften jugendlichen Dandysmus zurück. Die Bequemlichkeit ausgetragener Kleidung ist erneut zu einem hohen Wert geworden. Zu fühlen, wie sich an einem eisigen Tag die fadenscheinig gewordene und schon etwas zu eng sitzende Jacke beim Ausschreiten allmählich mit Körperwärme anfüllt, sich gar zu blähen scheint, ist so etwas wie ein Glücksgefühl − Beweis, dass ich mein Leben noch immer behaupte.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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