Infantilia (XVII)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Ich erinnere mich. In den ersten Nachkriegsjahren durfte … musste ich meine Mutter regelmässig zum Einkaufen begleiten. Der Kolonialwarenladen lag gegenüber unsrer Wohnung auf der andern Strassenseite, war also leicht und rasch zu erreichen, so bequem jedenfalls, dass Mutter oftmals nur ihren Morgenrock überzog und in Hausschuhen mit mir die Rosenthalstrasse überquerte.
Der Laden gehörte dem Herrn Pittet, einem hochgewachsenen imposanten Mann mit silbergrauem Wuschelhaar, rosigem Gesicht und rosigen Händen. Herr Pittet (dessen französischen Namen ich wie „Bitte!“ aussprach) trug zur Arbeit immer einen weissen Mantel, dazu weisse Schuhe, er glich damit meinem Kinderarzt, war mir aber weit sympathischer, und da ich ihn regelmässig, ja, täglich zu sehen bekam, ersetzte er mir mit der Zeit den meist abwesenden Vater, so wie er − ohne dass ich mich je darüber gewundert hätte − meiner Mutter vermutlich irgendwie den Mann ersetzte.
Pittets Laden war für mich ein unergründliches Schatzhaus, allseits vom Boden bis zur Decke vollgestellt und vollgehängt mit Waren aller Art, erfüllt von würzigen Düften, erleuchtet von schummrigem Lampenlicht, das nur, da es keine Fenster gab, durch die Glastür von draussen etwas aufgehellt wurde.
Frischwaren gab’s hier keine, weder Fleisch noch Gemüse, immerhin aber Brot und Eier, alles andere war abgepackt in Kartons, Dosen, durchsichtigen Tüten, abgefüllt in Gläsern und Flaschen. Die Begriffe „exotisch“ oder „Eldorado“ kannte ich damals noch nicht, statt dessen war mir das schwierigere und seltenere Wort „Spezereien“ geläufig, das meine Mutter unterschiedslos für alles gebrauchte, was bei Pittet zu haben war − Kaffee und Tee in Dutzenden von Sorten, Reissverschlüsse und Briefumschläge, Wodka und Rum mit wundersamen Etiketten, Sicherheitsnadeln und Zahnbürsten, Sardellen und Rollmöpse, Coq-au-Vin und Thunfisch im Glas, Dörrobst, Honig, Konfitüren, Korkenzieher und Dosenöffner, Schokolade in Form von Tafeln, Pulver, Pralinen, auch Klopapier, Kugelschreiber, Glühbirnen, Heftpflaster, Streichhölzer, Nähgarn, Batterien, Seife und noch viel mehr; und alles zusammen verströmte einen betörenden, manchmal fast schon lähmenden Duft, der in mir Bilder aufkommen liess, die ich nur aus Träumen oder Märchenbüchern kannte.
Bei jedem Besuch gab ich dem Herrn Pittet die Hand, sagte „Bitte!“ und erhielt auch tatsächlich jedesmal irgendein „Bhaltis“ (etwas zum Behalten), ein Bonbon, ein bengalisches Streichholz, ein Klebebildchen, eine Glasmurmel. − Auf solche Weise durfte ich … musste ich noch im Vorschulalter miterleben, wie die Kriegswirtschaft, die für mich mit Rationierung und Verdunkelung identisch, aber damals noch nicht mit diesen Begriffen belegt war, binnen kürzester Zeit umschlug in eine neue Hochkonjunktur mit Einfuhren von Gebrauchsgütern aus aller Welt, gerade auch aus der dritten, die zu jener Zeit noch gar nicht als solche mitgezählt wurde.
In Übereinstimmung mit meiner Mutter war Herr Pittet der Ansicht, dass die vom Krieg weitgehend verschonte Schweiz … dass also „wir“ als Kleinbasler oder Oberwalliser den „Leidtragenden des Kriegs“ jenseits unsrer Grenzen, den Franzosen, den Italienern, auch den Deutschen irgendwie beistehen, sie unterstützen sollten. Neben seiner Registrierkasse stellte er deshalb eine kleine aus Papiermaché gefertigte Figur auf, darstellend einen knienden Mann mit einem Münzschlitz in der nackten Brust und einem beweglichen Kopf, der bei jedem Einwurf nach vorn kippte, um die milde Gabe zu verdanken. Eigens dafür hatte Pittet die Figur, ursprünglich als Neger schwarz eingefärbt und von der Basler Mission als Sammelbüchse „für unsre afrikanischen Brüder“ eingesetzt, mit Rosafarbe übermalt und ihre Haare blondiert. Monatelang hielt sich das bunte Männlein auf seinem Sockel, und noch jedesmal steckte ihm meine Mutter nach dem Einkauf ein Geldstück in den Schlitz, das dann klirrend in die Metallbüchse fiel und gleichzeitig das klickende Kopfnicken auslöste.
Das so gesammelte Geld war, wie mir Herr Pittet gleich zu Beginn der Aktion erklärte, für „das rote Kreuz“ bestimmt.
Kreuz? Rot?
Mir blieb rätselhaft, weshalb und wozu man für ein rotes Kreuz Geld sammeln sollte? Ob es darum ging, irgendwo ein solches Kreuz aufzurichten? Doch wofür, wogegen?
Um so rätselhafter, dass Mutter mit beiläufiger Regelmässigkeit ihre Münzen einwarf.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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(all das Vage zu ertragen...): nage Nerv! Regen wagen? Warner, geh!..

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– Ein Glossar –

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