Der Tag war schon um sieben in der Früh blau überwölbt, die Luft so leicht, dass ich mich entgegen der Schwerkraft aufgehoben fühlte, in vollkommener Ausgewogenheit mit allem, was mich hier auf meinem Waldpfad in (sozusagen:) einvernehmlicher Kosung umhegt. Die Szenerie, die Stimmung, das flache, zwar heftige, dabei aber sanft modulierende Licht, der intensive Holzgeruch aus frisch gefällten Stämmen, der leichte Laub- und Nadelduft, das vielstimmige, vom dichten Baumbestand gedämpfte Zwitschern und Tschilpen, immer zuoberst (und überall) das transparente, dennoch undurchdringliche, absolut reine und absolut ebenmässige Blau des Himmels, das auch von der schäumenden Mannigfaltigkeit der Grün-, der Brauntöne nicht aufgewühlt wird.
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Das alles ist heute wie Arkadien, aber nein, es ist viel mehr als das, es ist Arkadien, aber dieses Arkadien ist zu reichhaltig, ist viel zu umfassend, reicht über alles und noch viel mehr hinaus, ruht so total harmonisch in sich selbst, dass keiner, denke ich, es begreifen, es mit allen Sinnen zugleich ungetrübt wahrnehmen kann – ein ewiger Jagdgrund ohne Jäger und … aber jetzt höre ich vor mir in nächster Ferne aus dem hüfthohen Gras kommend ein kurzes Trillern, das auch ein Kichern sein könnte, das tatsächlich ein Kichern ist und das mich nun den Kopf heben lässt, so dass ich, vom Gegenlicht geblendet, plötzlich nur noch – wie soll ich’s ausdrücken? – dass ich nur noch eine einzige schwarze Weisse sehe. Wie ich den Blick sofort wieder senke, seh ich vor meinen Füssen, seh ich zwischen meinen Schuhen einen dicken bibbernden Hasen, höre gleichzeitig den Ruf … höre einen Namen, höre den Namen Bibi, Bibi, Bibi, und sehe, wie der Hase … wie der kleine Hund sich um sich selbst dreht, dann von mir wegrennt, hebe wieder den Kopf und stehe nun einer hohen Schattengestalt mit gleissendem Strahlenkranz gegenüber; es ist Diana.
(Doch das wird mir erst jetzt, nach dem Aufwachen, klar; völlig unklar allerdings, was ich nun in Wirklichkeit zu erwarten habe. Also weitersehn.)
Und weiterlesen.
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Es gibt Autoren … es gibt Texte, gegen die ich gleichsam imprägniert bin, die aber doch auch allergische Reaktionen bei mir auslösen. Diese partielle, verwirrliche, nicht zu erklärende Unverträglichkeit verhilft mir zu seltsamsten Leseerfahrungen. Ich habe solche Erfahrungen, beispielsweise, mit Paulhan, Caillois, Quine, Jankélévitch gemacht, neuerdings mit Agamben, Auster, Sebald, Latour, Mamardaschwili, Földényi, Ransmayr − Autoren, für die ich durchaus Sympathie und Interesse aufbringen kann, deren Bücher ich mir immer wieder vornehme, ohne dass mir davon irgendetwas Namhaftes bliebe, mich gar erhellte, wenigstens verblüffte.
Am meisten bedaure ich meine Unfähigkeit, dem Werk Edmund Husserls in irgendeiner Weise gerecht zu werden und daraus irgendwelchen Gewinn zu ziehen. Was auch immer ich von ihm lese, es vermag mich … ich vermag mich nicht auf das zu fokussieren, worum es dem Autor im Wesentlichen geht. Die vielen breitangelegten Abhandlungen zur Phänomenologie der Alltagswelt und der daran anknüpfende Imperativ „zurück zu den Dingen selbst“ erwirken bei mir gegenläufig den Eindruck, als würden mir die „Dinge“ und der phänomenalistische Zugang zur Dingwelt generell durch gelehrte Rhetorik entrückt. Als Leser fühle ich mich hier gleichsam anästhesiert – nichts, das mich trifft, schmerzt, mich wirklich und merklich angeht.
Nicht dass mir das Verständnis dafür fehlte. Das Manko ist ein anderes − es gelingt mir nicht, aus den Texten einen Sinn zu gewinnen, will ganz einfach heissen: Ich kann nichts anfangen damit. Seit Jahren, Jahrzehnten stehen die Werke bei mir im Regal, einige habe ich ganz, andere auszugsweise gelesen, doch die Lektüre erwies sich noch jedesmal als Leerlauf, erbrachte keinen Erkenntnisgewinn, keinen Impuls zum Gegen- und Weiterlesen oder gar zur Nachdenklichkeit, keine Irritation, dafür mehr oder minder lange Weile.
Unergiebige Geduldsprobe! Dies in eklatantem Unterschied zu gleichermassen schwierigen Texten − zum Beispiel − von Lacan oder Derrida, von Artaud oder Blanchot, die mich faszinieren, fordern, befremden, manchmal auch abstossen, nie nicht bereichern. Eine vergleichbare Rezeptionshemmung tritt hier nicht ein.
Doch woran, worin genau liegt der Unterschied? Was macht ihn aus? Wieso folge ich diesen Autoren bedenkenlos ins Ungewisse, akzeptiere Stuss und Dunkelheit ebenso, wie ich jähe Einsichten oder Aufhellungen dankbar festhalte, während jene mich durchweg kalt lassen, mir gleichgültig bleiben?
Ob’s womöglich eine Stilfrage ist? Ob die Denk- und Schreibbewegung als solche, unabhängig vom Gemeinten, vom Dargelegten, die Rezeption bestimmt − das Verstehenkönnen ebenso wie das Verstehenwollen! Der passende Begriff dazu wäre wohl „Prägnanz“.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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