Kaum ein Jahr lang hat Ségolène R. den hiesigen Dorfladen geführt. Als „Auswärtige“ stand sie von Beginn an unter kritischer Beobachtung der hier „Ansässigen“. Sie war eine exuberante Person, Mitte dreissig schätzungsweise, auffallend hübsch, auffallend schrill geschminkt und gekleidet, stets mit tiefstmöglichem Décolleté; im Winter trug sie über Bluse und Rock einen geräumigen Pelzmantel mit breitem, stets hochgestelltem Kragen. Ségolène führte diverse Änderungen, Neuerungen ein. Sie installierte einen Ofen zum Aufwärmen von Brot und Gebäcken, eine gigantische Kaffeemaschine mit exotischen Sorten und Aromen, und den Verkaufsraum beschallte sie – für viele irritierend, ja unerträglich – mit moderner geistlicher Musik. Insgesamt ein deutlich reicheres Angebot als zuvor.
Doch die Hiesigen konnten Ségolène nicht leiden. Allein schon ihr Name, den sie auf einem altmodischen schmiedeisernen Schild über der Ladentür ausgehängt hatte, sorgte für Irritation – man hielt ihn für „hochtrabend“, für „ausgefallen“, und zu sehr wich sie selbst, als Person, von der grauen freudlosen Normalität ab, die das Zusammenleben vor Ort bestimmt.
Alles zu laut, zu grell, zu ungewohnt, alles doch überflüssig und vorwiegend störend! Lametta im üppigen Haar! Zuviel Wangenrot! Die klingelnden und glitzernden Ohrringe ordinär! Lachhaft ihre hohe Zwitscherstimme. Unpassend die High Heels und … oder die über die Knie gezogenen engen Stiefel, die sie mit sinnlos schwingenden Hüften so aufreizend trug. Und so fort.
Von Beginn an und fast ein Jahr lang wurde Ségolène von den Anständigen gemobbt; nie verlor sie ihr kindliches Lächeln, nie den Eifer, mit dem sie das Geschäft betreute. Bis eines Tags im März, im April ein Aushang an der Tür die sofortige Ladenschliessung – ohne Angabe von Gründen – bekanntmachte.
Erst nach einer Woche erfuhr man hier gerüchteweise, dass „die Ségolène von uns gegangen“ sei; sie soll sich im eiskalten Quellwasser der Source du Milieu du Monde unweit von La Sarraz ertränkt haben.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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