Provinzielle Nachbarschaften (IX)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Fast täglich, meist sehr früh am Tag, treffe ich die Kleinbäuerin R. M. in unsrer steilen Gasse, wir grüssen einander, kommentieren wechselseitig das Wetter, wünschen Bestes − das Übliche hier; aber sie ist unter meinen hiesigen Nachbarn die Einzige, mit der ich mich duze.
Ich bin mit R. M. seit anderthalb Jahrzehnten bekannt; sie hat sich in der Zwischenzeit kaum verändert, zumindest was ihr Äusseres anbelangt: Mittelgross, schwer und massig gebaut, drahtiges Rothaar, wässrige helle Augen hinter dicken Gläsern, prankenartige Hände … Viel mehr ist von ihr nicht zu sehen, da sie zu allen Jahres- und Tageszeiten ihre dicke Jacke mit dem hochgestellten Kragen trägt, darunter viel zu lange Arbeitshosen, die sich in dreckigen Falten über ihren massiven Stiefeln stauen. Alles an ihr, neuerdings auch ihr Haar, ist auf desolate Weise grau − man übersieht sie leicht; dennoch wird sie, die Alleingängerin, von den Hiesigen gemobbt. Man nennt sie den „Knecht“, spricht von ihr als „unser Knecht“. Sie gehört seit eh und je zur Gemeinde, von Anfang an auch zu meiner Nachbarschaft, und doch wird sie wie eine unerbetene Zuzügerin behandelt.
R. M. besitzt ein Pferd, einen stets aufgeregten Hirtenhund, ein paar Schafe, ein paar Katzen. Ihren bescheidenen Lebensunterhalt verdient sie sich mit selbstgebauten Korbsesseln, mit Reparaturen von Polstermöbeln, mit dem Knüpfen von Hängematten. Diese Eigenproduktion bietet sie auf Märkten und Basaren hier in der Gegend an. Ihr schmales, langgestrecktes Haus – das Elternhaus – grenzt unmittelbar an mein Grundstück an und reicht bis hinauf zur Durchgangsstrasse. Den Aussenwänden und den Zäunen entlang lagert sie stapelweise Sperrmüll − angefaulte Balken und Bretter, kaputte Holzfässer und Blumenkisten, verrostete Grillroste, Badarmaturen, Gullydeckel, zerbrochene Garten- und Küchengeräte. Woher der Müll stammt, weshalb sie ihn hier zur Schau stellt keiner weiss es.
Von der Gemeinde soll sie schon mehrfach wegen der Vermüllung öffentlichen Raums gerügt worden sein. Vor Jahren habe man den angesammelten Unrat auf ihre Rechnung offiziell wegschaffen lassen. Sie hat dagegen Einsprache erhoben, ist aber unterlegen; schon bald allerdings wuchsen die Abfallberge um ihr Haus herum erneut an.
Als ich ihr kürzlich auf der Post begegnete, steckte sie mir eine Einladungskarte für ihre bevorstehende Vernissage in Lausanne zu: So erfuhr ich überhaupt erst, dass sie sich mit fein ausgearbeiteten Knüpfwerken − Wand- und Bodenteppichen, Bettüberwürfen − in der Kunstwelt einen Namen gemacht hatte. Zur Ausstellungseröffnung sollte auch ein von ihr selbst gestalteter Katalog erscheinen, der nun erstmals eine Werkübersicht bieten würde. Bis dahin hatte sie ihre künstlerische Arbeit und ihre künstlerischen Ambitionen mir gegenüber nie − mit keinem Wort − erwähnt.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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– Ein Glossar –

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