SICHERUNGEN
Auf der Milchstraße sind
wieder die Sicherungen
durchgebrannt. Du tappst durch
die Nacht, begegnest Gott,
der auch die Sicherungen
reparieren will. Es wird wieder
hell. Du erkennst Gott nicht
wieder, und auch er weiß nicht,
wer du bist. Hauptsache, ihr trefft
euch im Reich der Hoffnung.
![]()
Hodjak greift in seinen Gedichten
ewige Themen auf wie Vergänglichkeit, Freiheit, Liebe, Frieden, Tod und interpretieren sie auf eigenwillige Art. In seiner Lyrik thematisiert er auch sehr private Erfahrungen wie Heimatlosigkeit, Identitätsprobleme, Mehrsprachigkeit, historische Ereignisse, Ortsbegehungen und Ost-West-Beziehungen. Sein poetisches Register reicht von einer erstaunlichen Metaphernvielfalt über Anspielungen auf Mythen, Legenden und Märchenmotive bis zu parabelartigen Texten oder Porträtgedichten. Hodjaks poetische Welt zeigt auch den Verfall von Werten und Sprache und die Suche nach neuen ethischen und geistigen Maßstäben. Für sein Werk wurde er mit vielen Preisen und Stipendien ausgezeichnet.
Stadtlichter Presse, Ankündigung
„In den verschachtelten Sätzen wohnen“
– Eine gewisse Melancholie strömt der Titel des schmalen Gedichtbandes von Franz Hodjak – Was nie wieder kommt –, der Anfang Mai 2022 bei der Stadtlichter Presse in Wenzendorf erschienen ist, schon aus. Nachdenklich wirkt er, meditativ. Der Autor stellt philosophische Betrachtungen an, doch vor allem zieht er Bilanz. –
Von der Warte eines distanzierten „Man“ analysiert Franz Hodjak im titelgebenden Gedicht das Leben bisher: „Es waren Jahre der / Wanderschaft, der Lehrzeit, / der Lebenserfahrung.“, und bilanziert: „Aber / sie waren schön“, um gleich darauf festzustellen:
Schön ist immer
etwas, das nie wieder kommt
Eigentlich ist es eine bittere Tatsache, doch bei dem siebenbürgischen Autor klingt es nicht so, vielmehr hört es sich realistisch an und abgeklärt. „Man“ hat sich damit abgefunden. Das Eigentliche jedoch kommt als Credo schon zu Beginn des Gedichts zur Sprache:
In den verschachtelten Sätzen
wohnen. Die Wörter ständig
ausbessern
In diesem Band nimmt Franz Hodjak uns mit auf eine Reise ins Gedächtnis. Er erzählt vom verschneiten Talgrund, dessen Wegweiser in die Jugend zeigt, von der brennenden Sonne, die ein lyrisches Wir Hollitschek nannte und meistens schließt sich am Ende des Gedichts eine Reflexion an. Es ist jedoch eine Weisheit, die sich selber infrage stellt:
Fuhren wir
wieder hinunter,
kamen wir dort an, wo wir
nicht hin wollten.
Die Erinnerung ist letzten Endes aber das, was bleibt, denn:
Im Gedächtnis oder in
Träumen wird weiter gefischt
Andere Gedichte gehen von einer Alltagsbegebenheit aus, etwa vom Auftrieb im März und führen zur Selbstbefragung:
Und eine
Pause wäre gerade
das Richtige, um
herauszufinden,
wer du wirklich bist
Oder sie stacheln die Neugier an, obwohl alles anders läuft, als das lyrische Du (diesmal) es erwartet (S. 49). Und dennoch strömt auch Zufriedenheit aus diesen Versen, die erklären, was das lyrische Ich reizte: „was mich reizte, zu / sehen, wie komme ich / zurecht mit mir selbst“ und die seinen unkonventionellen Lebensweg bestätigen:
Wer etwas auf
sich hält, hält
sich nicht an das, was
andere von einem
erwarten.
Das lyrische Ich ist mit sich im Reinen.
Sogar eine Literaturgeschichte im Kurzformat gibt es in einem Gedicht, Helmut Braun gewidmet. In „Celan lesen“ fasst der Autor seine Lieblingsdichter zusammen von Novalis über Hölderlin, Else Lasker-Schüler, Bacovia und Rose Ausländer bis hin zu Celan, mit dem pointierten Schlusswort:
Und wer Celan nicht kennt,
hat alle anderen
vergeblich gelesen
Nicht fehlen darf ein Liebesgedicht, das einer imaginären Belinda gewidmet ist, mit dem das lyrische Ich auf dem Hausboot zusammenwohnt. Dabei könnte es auch ein negatives Liebesgedicht sein, denn Belinda ist kein Engel, obwohl sie zugeflogen ist. Ob sie das lyrische Ich liebt, ist nebensächlich, denn das höchste der Gefühle ist das Zugeständnis: „Ich genieße es, / mit Belinda auf dem Hausboot / zu wohnen“, was einer Liebeserklärung ähnelt, jedoch gleich darauf relativiert wird, zumal die Dauer ungewiss ist.
Neben seinen Betrachtungen und nonkonformistischen Lebensweisheiten gleitet Hodjak oft ins Anekdotische oder Ironisch-Alberne über, etwa wenn er ein Gedicht der Küchenschabe Nikita widmet, wenn er sich wünscht, einmal so wie Robert Redford zu sein, wenn er in der Konferenz als gehetzter Luchs auftritt, an Hegel denkt und dabei Schaka laka singt oder eine Meditation über den ominösen Jemand schreibt, der für alles herhalten muss.
Der Autor spricht vielstimmig, er referiert meist im unpersönlichen Man. Doch manchmal wechselt er ins Wir über, manchmal ins Du, und nur zuweilen ins lyrische Ich. Bezeichnend für den Tonfall ist seine Distanziertheit und der wohltuende Mangel an Dramatik. Selbst der Tod wird beiläufig definiert als etwas „was man / allgemein das / große Nichts nennt“. Oder er wird pragmatisch umschrieben mit den Worten des Großvaters:
Großvater sagte, so ist das.
Irgendwann
wird es ganz dunkel, aber
das wirst du
gar nicht merken.
Und auch die eigentlich bittere Erkenntnis: „Der Alltag lehrt uns, dass wir nichts / aus dem Alltag lernen“ kommt mit leichten Füßen daher, denn „Zeit und Leben tun so, als ob“ und schließlich hält Licht die Welt zusammen „mit goldenen Spangen“.
Insgesamt ist das neue Buch zwar eine nachdenkliche Meditation über das bisher Erlebte, jedoch von der Warte eines sowohl aufmerksamen wie auch neugierigen und letztendlich realistischen Beobachters, der stets seinen feinen Humor beibehalten hat. So schließt Franz Hodjak denn auch diesen Band nicht griesgrämig oder bitter – „Auch nicht, wenn der / Tod danach käme“ –, sondern münzt die Tragik in Hoffnung um. Letzteres ist dann auch sein Schlusswort.
Edith Ottschofski, Siebenbürger Zeitung, 6.6.2022
Alexandru Bulucz: Erleidenslyrik
„Der Raum hat mich geprägt“: Interview mit Franz Hodjak in Usingen
Eine Lesung von Franz Hodjak aus unveröffentlichten Texten und ein Gespräch mit den Autoren Werner Söllner und Peter Motzan am 27.5.1992 im LCB.
Enikő Dácz spricht mit Franz Hodjak über Die Erfahrung der Bewegung
Zum 60. Geburtstag des Autors:
Peter Motzan: „Ich wohne in einem Türrahmen“
Ostragehege, Heft 35, 2004
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Tom Schulz: Sehnsucht nach Feigenschnaps
Neue Zürcher Zeitung, 26.9.2014
Georg Aescht: Mühlen antreiben, doch welche? Franz Hodjak (70) weiß Letzteres nicht und tut Ersteres erst recht
Siebenbürgische Zeitung, 19.10.2014
Zum 80. Geburtstag des Autors:
Alexandru Bulucz: Meister der Erleidenslyrik
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.9.2024
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG + IZA
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich Autorenfotos + Dirk Skibas Autorenporträts + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Franz Hodjak: FAZ ✝︎ FR ✝︎ Siebenbürgische Zeitung ✝︎ Hermannstädter Zeitung ✝︎ ADZ ✝︎
Franz Hodjaks Laudatio zum Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis 2013 in der St.-Pauls-Kirche Dinkelsbühl.








0 Kommentare