WEG INS ENDE
Abgestuckte Fassaden, durchgetretene Entrées:
Berlin-Charlottenburg mit seinem Jahrhundert –
Posen am Ende: mit Pressform und High Touch
werden die Kriegskinder auf neue Zeiten getrimmt.
Werden tragen, was hebt, türkt, stretcht, stützt.
Doppelmoral als Wonderbra – Krayatiden.
Das Alter: nur Träume des Körpers noch.
Der Rest des Wegs: Stimmungen in Geiselhaft
unter hochverschrammter Kapuzen-Nacht.
Trommelnd buchstabiert sie das Schicksal,
hustet, macht die Kehle vom Marmorkuchen
frei: für jenen Durst, zu brechen, zu täuschen,
es einmal noch zu machen, ein Möglich
an die Millionen Möglich zu fügen. Im Museum
zeigt ein Rampe von 100 Metern die dreizehn
Milliarden-Jahre-Geschichte des Universums.
Die Ära der Dinosaurier nimmt die letzten
drei schupppigen Meter ein, das Zeitalter
der Menschen hat die Breite eines Haars.
Wir schauen hinauf in prasselnde Sterne.
Zeiss heißt die Stimme des Kosmos. Wo all
das steht? In deinem Kopf. Ein Wind
aus Brandenburg schiebt den Schwefel fort.
Ein Wind, totenstill. Stiftet, was bleibt.
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Wie es weiter geht
Es gibt einen berühmten Kupferstich von Albrecht Dürer, der zeigt die Schicksalsgöttin Nemesis auf einer Kugel balancierend. Vom Betrachter abgewandt, ist die großzügig proportionierte Figur ganz konzentriert auf ihren stabilen Stand. Das große Glück, so der spätere Titel der Darstellung, verbildlicht die Physiognomie einer Unabhängigkeit, der allein es obliegt, bis hinauf in den Olymp unnachsichtig zu sühnen – oder überraschend zu trösten.
Warum nur muß man diese Darstellung, die Grundbedingungen menschlicher Existenz verbildlicht und auf die Joachim Sartorius in einem seiner jüngst vorgelegten Gedichte anspielt, beim Lesen nicht zwingend memorieren, ja nicht einmal kennen, um die Eindringlichkeit dieser Poesie, ihre existentielle Verbindlichkeit zu erfahren? Die Antwort auf diese Frage muß – wenn es denn eine gibt – in der Physiognomie, in den Konstituentien dieser Dichtung selbst liegen.
Joachim Sartorius hat sich für seinen neuen, inzwischen fünften Gedichtband unter dem Titel Ich habe die Nacht viel vorgenommen. In vier Kapiteln entfalten sich die dichterischen Konfigurationen: „Die griechische Abteilung“ bildet den Ausgangspunkt einer poetischen Weltreise durch Räume und Zeiten, die über „Die Orient-Sektion“ und „Archiv, Bilder. Aus alten Tagebüchern“ bis in „Das arktische Museum“ führt. Natürlich lassen diese Kapitelüberschriften Anklänge erkennen an Enzensbergers Museum der modernen Poesie, jene 1960 erstmals erschienene Bestandsaufnahme internationaler Dichtung. Allerdings weist der vorliegende Band keineswegs museale Strukturen auf.
So sehr sich diese Poesie am historisch und mythologisch Verbrieften entzünden mag: Ihre poetische Kraft beziehen diese Texte vor allem aus einer rückhaltlosen Individuation, wie das Prologgedicht „Am anderen Ort der Vorstellung“ eindrucksvoll vor Augen führt.
Der Ort, in den ich meine Liebe versenke,
ist über die Jahre weiß geworden, abgetragen,
durchsichtig, fast eine Senke des Gehirns
heißt es zum Auftakt dieses Bandes, um kurz darauf die Frage anzuschließen, deren Bewältigung die ganze Sammlung grundiert:
Ist das Glück des Erinnerns
größer als der wirkliche Taumel der Lippen?
Von hierhin bis zum Schlußgedicht „Im Paradies“, das der dänischen Dichterin Inger Christensen gewidmet ist, spannt Sartorius einen luftigen Bogen über die Jahrtausende hinweg und durch die Kontinente, durch Nord und West und Süd – und Ost.
Daß dieses mutige Unternehmen so vorzüglich gelingt, mag seine notwendige Bedingung darin haben, daß der Weltbürger Sartorius, in Tunis aufgewachsen, durch seine vielfältigen kulturvermittelnden Aufgaben zwischen Zypern, Istanbul, New York und Berlin mit unterschiedlichsten Kulturen und deren Historie glänzend vertraut ist. Allein hinreichend wären diese Bedingungen vielleicht für eine ambitionierte Reiseschriftstellerei. Das seltene Glück jedoch, dem sich die vorliegenden poetischen Gebilde verdanken, entspringt Sartorius’ originärer Kunst, Bilder der Welt sich anzueignen und ihnen gerade mittels kompromißloser Subjektivität wieder jene Allgemeinheit zu verleihen, an die wir längst nicht mehr zu glauben wagten.
Wovon also handeln diese Gedichte? – Von Licht und Schatten, von Werden und Vergehen, von Antike und Gegenwart, somit: von allem? – Nein, nicht von allem. Joachim Sartorius verhebt sich nicht an diesen Gegenständen, weil er ihre uralten Dichotomien eben auf dem Wege einer poetischen Selbstvergewisserung ins rechte Verhältnis setzt, ungeahnt neu und durchweg auf der Höhe der Zeit.
Wohl heben die Gedichte an in der Tradition, im Rekurs auf Antike und Mythos. Kenntnisreich, gelehrt und leicht bewegt sich der Autor im ersten Teil des Bandes durch die antike Historie und deren Mythen, läßt den weisen Kleobolus erscheinen wie Hermes, Orpheus, Diana und Aktäon, ohne daß diese Dichtung je zu einer Poesie der Gelehrsamkeit degenerierte. Die Erklärung dafür ist denkbar einfach. Ob nun das Ich dieser Gedichte „Auf dem Weg zum Grabmal des Kleobolus“ sich befindet, ob sein Blick auf das in Granit geschlagene Schiffsrelief der Akropolis von Lindos geht oder auf „Ayios Kassianos“, jenes Stadtviertel, das im geteilten Nikosia die Grenze markiert: Immer sind die daraus gewonnen Sprachbilder Ausdruck authentischer Aneignung, in deren Prozeß Erlebnis und Reflexion verschmelzen zu einer neuen, erfahrbaren Einheit.
Es ist eine fast spielerisch leichte Erinnerung, der es in diesen Gedichten gelingt, die Bedingungen der Gegenwart aufzudecken in poetischen Bildern, die lange nachwirken. Was die innere Ordnung dieser Dichtung ausmacht, ist gerade das Zurück- und Weiterverfolgen dieser Bilder, ihre dynamischen Pendelbewegungen, die das Material oszillieren lassen zwischen Altertum, Jetztzeit und einer (möglichen?) Zukunft. Hatte nicht schon der Mythos aufklärerische Züge? Dabei – und das ist das Gute – hat Sartorius keine Antworten parat. Ein skeptischer Grundton prägt die Gedichte. Ihre fast durchgängige Fragehaltung und der damit verbundene dialogische Gestus bewahren sie vor dem Scheitern, binden den Leser (und Hörer) vielmehr so ein, daß das authentisch Erlebte sich weitervermittelt, bereichernd und tief.
Jetztzeit ist anwesend schon in diesem Raum reflektierter Antike, und zwar in wechselseitiger Durchdringung der Gegenstände. Mehr noch spürbar wird das im zweiten Teil des Bandes, dessen Vielschichtigkeit bereits im Titel der „Orient-Sektion“ aufleuchtet. Elf Gedichte sind unter diesem Stichwort versammelt, in denen Historie zwischen Babylon und Gegenwart sowie die Geographie von Berlin bis Bagdad geradezu ineinander verschränkt sind: eine poetische Reise quer durch Raum und Zeit, die kinematographisch „In den ägyptischen Filmen“ der Gegenwart beginnt und vor dem Ischtar-Altar des Pergamon-Museums in Berlin endet.
Dazwischen, genau in der Mitte, „Das irakische Alphabet“ mit seinem dezenten Vertrauen in die Buchstäblichkeit der Sprache:
Nimmst du das R aus dem irakischen Wort für Krieg,
berührst du das Wort für Liebe.
Sartorius’ Verse durchwandern Wüsten, spüren Oasen auf und finden darin den „Schutt, der in der Geduld unseres Sehens glänzte“. – Allein dieser Orient-Teil, dessen Impulse – wie könnte es anders sein – in den anderen Teilen des Bandes nach- und weiterwirken, bietet größeren Aufklärungswert über die gegenwärtige weltpolitische Situation als die meisten Verlautbarungen der Politiker zusammengenommen. Darauf folgt – dezent an den Rand der formalen Mitte gerückt und mit notathaftem Titel versehen – das umfangreichste Kapitel des Bandes. „Archiv, Bilder. Aus alten Tagebüchern“ sind Figurationen einer Individuation, die intimste Betrachtungen zuläßt und dennoch nicht zur Nabelschau verkommt, sondern den Blick weitet für die existentielle Situation des Menschen.
Das Eigene ist Fenster zur Welt, von dem aus der Blick sich erstreckt auf Landschaften der Erde, Nigeria, Senegal, Korea und Kuba. Weiße Flecken werden entdeckt. Und: Immer wieder ein behutsames Abwägen der Möglichkeiten von Schrift, von Bild und Dichtung, das im letzten, 52 Strophen umfassenden Langgedicht „Capucelle“ in einen poetischen Dialog mit dem Maler Max Neumann kulminiert.
Noch einmal werden die Unterschiede zwischen Malerei und Dichtung erwogen, ihre Gemeinsamkeiten:
So viele heterogene Impulse
passen in ein Gedicht, in ein Bild. Wenn sie fertig
sind, sind wir klüger. Aber zu Beginn, anfangs,
wie es weiter geht, das wissen wir im vorhinein
beide nicht.
Der wohlerwogenen Skepsis gegenüber der Welt und ihren Bildern wird die malerische, die poetische Imagination entgegengesetzt.
Der letzte Teil – „Das arktische Museum“ – bietet innerhalb dieses insgesamt vorzüglichen Bandes die vielleicht radikalsten Bewegungen zwischen ältester (Menschheits-Geschichte und individuierter Jetztzeit. Im Blick auf die Pole und angesichts der Frage nach dem „Abdruck unserer winzigen, nackten Füße“ werden die Karten der Gegenwart aufgedeckt.
Nicht nur auf nördliche Landschaften ist der Blick ausgerichtet, sondern auch auf den Nord der Welt, des Lebens, auf die Konstitution des Menschen.
Noch einmal kommt Berlin in den Blick, aber eben auch Samarkand; Vergängnis wird thematisiert angesichts einer Fotographie von Majakowski und der Begegnung mit Venedig. Doch die dichterische Imagination gewinnt aus der Dialektik von Schatten und Licht eine Erinnerung, die sich ausgießt in nachhaltige, gültige Bilder.
Was über die vielschichtigen Motive, deren Variationen und Spiegelungen gesagt werden kann, gilt ohne Einschränkung auch für die Form dieser poetischen Gebilde. Es ist, als müsse der verwirrenden Vielfalt von Welt die versöhnende Vielgestalt des Dichterischen entgegengesetzt werden. Lesbar sind diese Gedichte zweifellos als (allerdings klanglich sehr präzise komponierte) freie Rhythmen. In einer tieferen Dimension jedoch entfalten sich die äußerst genau kalkulierten Anklänge an einen reichen Formenschatz, an Sonett und Stanze, Madrigal und Sestine, an arabische Formen, die hier auf eigensinnige Weise aufgegriffen, variiert und im besten Sinne des Wortes aufgehoben sind.
„Jede Menge Musik auf den Straßen“, konstatierte das Prologgedicht. Aber das Musikalische ist eben auch die Domäne der Dichtung, neben der Bildlichkeit. Mehr noch: „Leben ist Bilder sammeln“, unter dem Diktum der Erinnerung, und die Bilder stellen sich, in schönem Widerspruch zum Gegebenen, immer wieder in der Nacht ein.
Der Titel des Bandes Ich habe die Nacht ist – Dichters Geheimnis – vielleicht eine Anspielung auf den Eingangsvers einer Dichtung des in Alexandria geborenen italienischen Lyrikers Giuseppe Ungaretti (in der Übersetzung von Paul Celan). Dessen Gedicht endet mit dem Verweis auf jenes Licht, das im vorliegenden Band immer wieder die Augen öffnet, nicht zuletzt für die ältesten Bilder der Menschheit, die hier geradezu neu für die Gegenwart geschöpft werden.
Für Joachim Sartorius war, ist und wird Welt im Dunkeln durch Sprache vermittelt, ja, tendenziell versöhnt:
Die Sprache wartet auf die Ankunft der Bilder.
Sie gleicht der Geliebten, die mit dir
die Liebe entdecken will. Die bereit ist
alles zu denken, was du mit ihr denken möchtest.
Die Sprache, die Geriebene, am Mund Wunde.
Bei aller Widersprüchlichkeit der Welt ein hoffnungsvolles Bild: das große Glück einer reichen Poesie, die in der Balance zwischen den Welten weder anklagt noch sühnt, sondern durch alle Widersprüche hindurch überraschenden Trost verleiht. „Wie es weiter geht, das wissen wir im vorhinein / beide nicht.“
Christoph Leisten, die horen, Heft 216, 4. Quartal 2004
Einer mit Fallobst, einer mit nichts
Wie eigentlich stehen Wort und Bild zueinander? Joachim Sartorius wagt sich an die Grenzen der Malerei und Poesie . „Capucelle“ – so belehrt uns Joachim Sartorius, „Capucelle ist im neapolitanischen Dialekt die Bezeichnung für ,Köpfchen‘ oder ,Totenköpfchen‘, die in den zahlreichen Katakomben der Stadt immer wieder besucht und verehrt werden.“ Capucelle ist hier in seiner neuen lyrischen Sammlung Ich habe die Nacht der Titel eines 52 Strophen aus je vier Langzeilen umfassenden Gedichts, das sich auf eine Folge von elf Arbeiten des Malers Max Neumann bezieht, dem es auch gewidmet ist (die Bilder und das Gedicht erscheinen als „livre de peintre“ bei Kleinheinrich). Die Erinnerung an den Tod, die uns mit diesen Schädelsammlungen in barocker Direktheit entgegentritt, spielt der Dichter hemmungslos aus:
Daß alles nichts als
Tod ist, und wir Schriften des Todes sind.
Und doch ist dies nicht das wahre Thema des langen Gedichts, das vielmehr auf poetische Weise die Kunst des Malers der Kunst des Dichters gegenüberstellt. Auch dieses Thema hat, wie das Memento Mori, eine große Tradition: Mit genialer Bescheidung auf seine Belesenheit und sein ästhetisches Urteilsvermögen hat Lessing in seinem Laokoon von 1766 die Grundlage geschaffen, auf der man bis heute dieses Verhältnis reflektieren kann, freilich ohne seine Problematik und sein kreatives Potential damit auch schon zu erschöpfen.
Das Gedicht imaginiert öfter einen Dialog zwischen dem Poeten (Joachim Sartorius selber) und dem Maler (Max Neumann):
Die schlechten Enden des Films schneiden wir ab.
Wir kleben ein happy end dran. In der Bildnerei,
sagst du, ist das anders. Man geht durch Symbole
für die Last des Daseins.
Der Zwang des Vergleichs fördert solche sentenzenhaften Unterschiede zutage; auch bei Lessing war das schon so:
Bei dem Artisten dünket uns die Ausführung schwerer als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist es umgekehrt.
Getreu diesem Ansatz fragt der Dichter herausfordernd:
Denn warum, Maler, hat jedes deiner Bilder
einen zufälligen Anfang und ein notwendiges Ende?
… In der Poesie ist es anders. Weniger Zufall.
Max Neumann beschreibt in einem längeren Interview der Brüsseler Galerie Pascal Polar (in französischer und flämischer Sprache) tatsächlich, wie er sich programmatisch auf den kreativen Zufall verlässt, den Ideen im Kopf misstraut; wie bei ihm das Bild selber den Malvorgang steuert. Am Anfang, sagt er, zieht er gern eine Linie von einem Rand zum anderen Aber hat er nicht damit schon einer der mächtigsten „Ideen“ der Menschheitsgeschichte die Zügel überlassen? Heißt die Linie nicht immer auch Dialektik, hier und dort, Gott und Mensch, draußen und drinnen, ich und du? Der Maler mit seinen Formen entkommt den Ideen nicht leichter als der Dichter mit seinen Wörtern!
Richtung, ohne Ziel
Der Dichter Sartorius spürt, dass er seinem Kollegen nicht ganz so fern ist, wie der Vergleich fordert. Von seiner Kunst sagt er: „Denn die Wörter sind alt“ und fügt gleich hinzu: „alt wie die Formen“ – ja, die Linie ist ebenso alt und älter als jedes Wort, sie schleppt als Form so viel Sinn und Unsinn mit sich wie kaum ein Wort, und je länger der Dichter denkt und dichtet, desto wichtiger wird es ihm erscheinen, nicht mehr die Differenzen, sondern die Konvergenzen der Künste zu betonen:
… So viele heterogene Impulse
passen in ein Gedicht, in ein Bild. Wenn sie fertig
sind, sind wir klüger. Aber zu Beginn, anfangs,
wie es weiter geht, das wissen wir im vorhinein
beide nicht. Ich mit dem weißen Blatt, du mit
der grundierten Leinwand. Das erste Wort im ersten Satz
finden, die erste Linie im entstehenden Raum, noch ohne
Richtung, ohne Ziel.
Die Bilder von Max Neumann tauchen in vielen Motiven und Wendungen auf – aber der Leser kann sie hier nicht sehen, wenn er das Gedicht liest. Was er sieht, sind poetische Bilder vor seinem geistigen Auge, die er aus dem Klang der Wörter und dem Rhythmus der Verse selber konstruiert hat, wie vielleicht hier:
Einer mit Ohrmuschel. Einer mit Fallobst.
Einer mit Prinzipien. Einer mit Nichts.
Ohne Füße, ohne Rumpf, mit Hundemaul.
Manchmal erscheint der Bezug von Wort und Bild so direkt, dass der Dichter eine spielerische Ironie einfließen lässt:
Der Maler hat eine Reise um sein Gehirn gemacht.
An beißwütigen Hunden vorbei (hier nicht zu sehen),
an Chefmüttern und Vätern I (tot), II (auf Reisen) / und III (nur Kontur)…
Aber das Gedicht ist weder Traktat noch Dekoration noch Kommentar. Es behauptet seine eigene Existenz durch die poetische Form seiner vierzeiligen Strophen, durch den klassischen jambisch-daktylischen Tonfall, hinter welchem die Musik aller deutschen Blankverse und Hexameter mitschwingt, und durch seine eigene Wort-Bild-Welt.
Vielleicht würde das Verständnis der Verse durch das Anschauen der Bilder gar gestört? Hier, im Bändchen Ich habe die Nacht, muss und soll der Text sich auch ganz allein rechtfertigen. „In der gewöhnlichen Sprache dienen die Wörter dazu, an die Sachen zu erinnern; wenn aber die Sprache wirklich poetisch ist, dann dienen die Sachen immer nur dazu, an die Wörter zu erinnern“ – diese treffende Definition fand die französische Künstlerin Colette Deblé, mit der Sartorius ebenfalls zusammengearbeitet hat, beim Dichter Jean Joubert. Genau das geschieht bei Sartorius. Die Bilder von Max Neumann haben den Dichter an jene Wörter erinnert, die hier nun ihre eigene poetische Ordnung bilden. Wir zögern nicht, dies als die größte Qualität der Gedichte von Joachim Sartorius herauszustellen und an diesem Kriterium jene Gedichte zu messen, welche neben „Capucelle“ den Inhalt des Bändchens bilden.
Der Lebensweg des Dichters und seine Tätigkeit als Kulturagent haben ihn an sehr verschiedene Orte und in heterogene Kulturen geführt, immer mit einer praktischen Aufgabe, nie mit dem Auftrag, darüber zu dichten. Diese Weltläufigkeit spiegelt sich in den Kapiteln des Bändchens: „Die griechische Abteilung“, „Die Orient-Sektion“, „Das irakische Alphabet“, „Das arktische Museum“. Es gelingt ihm darin immer wieder, oft auf überraschende Weise, von einem Ort, einem Gegenstand, einem Motiv ausgehend das Wort zu erreichen, mit dem das Gedicht an sein Ziel gelangt. Was immer Ghardaia, die Oasenstadt, noch sein mag: Sie ist „Ghardaia Bebende / in die Leier des Lichts gedrängt / selbst Lichtverteilende“, und gibt eine Antwort auf die Frage, welche im ersten Gedicht des Bandes gestellt wird:
Ist das Glück des Erinnerns
größer als der wirkliche Taumel der Lippen?
Vielleicht dürfen wir das Erinnern des Schrecklichen, „die Sterblichkeit und ihr Lied”, nicht mit diesem Wort „Glück“ bezeichnen. Aber das Erinnern, einmal ins poetische Wort gefasst, führt auch über das Schreckliche hinaus wie über den „Taumel der Lippen“! Das letzte Gedicht der kleinen Sammlung heißt „Paradies“ und schließt so:
Nacht gibt es. Unkaputtbare Menschen
gibt es nicht. Vergebung von Rache
gibt es nicht. Vertrauen gibt es nicht.
Zukunft gibt es nicht. Das Paradies treibt
Schreie aus der Brust, Fliegen zur Wunde.
Das Gedicht kann daran nichts ändern, aber es übt seine eigene Macht aus, wenn es die richtigen Worte gefunden hat.
Hans-Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 16.2.2004
Loch an Loch wärmt doch
– Joachim Sartorius auf großer Lyrikfahrt. –
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.10.2003
Weiterer Beitrag zu diesem Buch:
Felix Philipp Ingold: Daß sich alles verändert hat, jedes, alles. Zu neuen Gedichten von Joachim Sartorius.
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Rüdiger Schaper: Das Lächeln des Dichters
Der Tagesspiegel, 18.3.2016
Thomas Steinfeld: Freund und froh
Süddeutsche Zeitung, 17.3.2016
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Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Brigitte Friedrich Autorenfotos + Dirk Skibas Autorenporträts + Galerie Foto Gezett + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Joachim Sartorius liest auf dem VIII. International Poetry Festival von Medellín 1998.








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