DER AUFENTHALT
eines abends kamen
die toten meines hauses
vom bahnhof zurück. einer
nach dem anderen, mit
geballten fäusten, erinnernd
an tulpen in ihrer
nachtverschlossenheit, erinnernd an die
im langen totsein
vergeudete zeit. von alters her
gehörte ihnen alles: jedes wort, gleich
von den lippen, jeder gute
satz, wie immer
die hausschlachtene leberwurst, die
eingekochten pflaumen, dazu
alle zigaretten & was
an alkohol greifbar war. unentwegt
sahen sie fern, aßen schokolade (in rauhen
mengen) & raunten
verse vor sich hin. eines abends
kamen die toten meines hauses
vom bahnhof zurück. es war dezember &
ihr nächster zug ging erst im märz
Thomas Kunst und Lutz Seiler stellen auf dem Sommerfest der Verlage Suhrkamp und Insel 2017 ihre Lyrikbände Kolonien und Manschettenknöpfe und im felderlatein vor. Das Gespräch wurde moderiert von Doris Plöschberger.
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Inhalt
Im felderlatein, das heißt: im Acker einer Sprache sein, ein Streifzug zugleich durch die Legende einer Landschaft, wie sie zu Ohren kommt, beim Gehen, im Flüstern, beim Schweigen. Lutz Seilers neue Gedichte, entstanden zwischen 2004 und 2010, unternehmen Expeditionen ins Grenzland rund um Berlin, mitten in den „satzbau dieser gegend“, die gezeichnet ist vom Wechsel der Zeit.
Mit jedem Schritt auf diesem Weg erweist sich die musikalische Kraft der Gedichte – im felderlatein trifft Lutz Seiler den Ton für die ernsthaftesten Übertreibungen der Poesie: Für die wundersame Geschichte der „ersten zärtlichkeit“, geschehen zu einer Zeit, als die Schatten noch „kleine schwarze zahlungseinheiten“ waren. Oder für die Odyssee der „fussinauten“, den Argonauten ebenbürtig an Treue und Beständigkeit. Und nicht zuletzt für die Geschichte der schönen, verstoßenen Aranka, die „aus den kniekehlen gesungen hat“. Legenden im felderlatein.
Die Verse riechen nach Thüringer Klößen
– Geschichte im Rücken: Der Dichter Lutz Seiler erweist sich in seinem neuen Band erneut als erdhafter Solitär unter den modernen Naturlyrikern. –
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.10.2010
Zarte Schatten um die Dinge
Die Erkennungszeichen des Epochenbruchs ruft der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler in seinem neuen Gedichtband herauf, in distanzierenden Anspielungen auf Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Inger Christensen. Das Zeitgedicht „das neue reich“, mit dem Seiler seine poetische Geschichtswanderung eröffnet, stellt der artistischen Esoterik und Seher-Pose in Georges-Gedichtsammlung Das Neue Reich (1928) das Deutschland unserer Tage entgegen, das auf unrühmlichem braunem Geschichtssockel steht. Die Dementis „kein labyrinth & keine chandoshysterien“ gelten der bloßen Relativität des menschlichen Weltverständnisses in Inger Christensens Versepos Det (1969) und der Sprachkrise, die Hugo von Hofmannsthal seinen Lord Chandos in dem berühmten Brief ausrufen ließ, den er in seinem Namen zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste.
Den Versuch Stefan Georges, mit einer Erneuerung der Naturpoesie das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Menschheit des Jahres 1897 „in den totgesagten Park“ einer herbstlich späten Rosen- und Rankenwelt einzuladen, konterkariert Seiler mit dem Hinweis auf die unumstößliche Realität des „technikparks“ mit seinem komfortablen „fischgrätenstrich“, in dem wir zusehends bequemer und mobiler leben. Seiler entlehnt einen guten Teil seiner Bildsprache diesem „technopark“, den „göttern des öl“, der Welt von Garagen, Motoren, Schrauben, Bowdenzügen, Vergasernadeln. Das Maschinelle, Mechanische, Automatische und namentlich das Elektrische webt eine magische Aura, „zarte / blaue schatten um die dinge“ und sichert einen „zufluß / ohne ende“ an „magnetischer sprache“, an Gesang, Musik, Rede. Der Allianz mit dem Fortschritt verdankt diese Lyrik ihr pionierhaftes Vokabular, ihre Wirklichkeitsgewinne.
In der Kritik an Stefan George deuten sich die Gegentendenzen eines gewandeltes Naturbegriffs an. Das Titelgedicht „im felderlatein“ und sein Zwilling „was wir sehen“ entdecken die Natur als Kommunikationsraum, wobei Natur im umfassenden Sinn als Welt und Lebenswelt zu verstehen ist. Beide Gedichte beziehen sich auf das „Gespräch über Bäume“, auf die Auseinandersetzung Paul Celans mit Bertolt Brecht um die Möglichkeit einer zeitlosen, von geschichtlichen Einlagerungen gereinigten Dichtung in finsteren Geschichtszeiten. Das waren Scharmützel über das poetische Subjekt und seine Rede von der Natur, als die Begriffe schon als idealistisch-metaphysische Konstruktionen entlarvt waren. Bei Seiler verwandelt sich das „Gespräch über Bäume“ in ein „Gespräch der Bäume“.
„felderlatein“ erinnert zunächst an das Koberlatein, den thüringisch-sächsischen Zungenschlag, dem Einar Schleef in seinen „Gertrud“-Monologen ein Denkmal gesetzt hat. Dem 2001 verstorbenen Landsmann widmet Seiler eines seiner Gedichte. Daneben zielt das „felderlatein“ auf ein erweitertes Sprachverständnis. Das Gedicht führt ins „nervenbündel dreier birken“, die das „Ich/Wir/Er“ der Gedichte sogleich in Spiegelbilder seiner selbst verwandelt: „umrisse der existenz“ und „schwarzer mann & stummer / stromabnehmer“. Der Widerruf folgt auf dem Fuß. Die gesetzgeberische Funktion des Verstandes gegenüber der Natur ist passé, gehört zu den gestrigen „falschen scheiteln, sauber / nachgezogen im archiv / der glatten überlieferung…“.
In den Schlussstrophen wird der Mensch als Sinnenwesen in ein Wechselverhältnis mit der Natur eingesetzt. Deren Botschaften fehlt allerdings die Eindeutigkeit. Der Ecksatz „gern / sagst du… so“ steht gegen die Unschärfe der Signale des Baums, des „schleifens in / den zweigen“. Die Schlussverse erkennen den Dingen ein Eigenleben zu:
es ist ein Baum
& wo ein baum frei steht
muß er sprechen
So könnte man das Gedicht lesen, ohne letzte Gewissheit über die Bedeutung der „falschen scheitel… im archiv / der glatten überlieferung“ zu haben. Sichtlich ist Seiler gewillt, sich von keiner begrenzten Sprache die Wirklichkeit als fertigen Gegenstand liefern zu lassen. Sein poetisches Idiom sprengt die gewohnten Sinn- und Verständigungsgrenzen. Allerdings bleiben hermetische Aussagen und Rätselbilder im Fluß der poetischen Kommunikation und erhellen sich immer wieder als Selbstzitate aus dem Zusammenhang älterer oder nachfolgender Verse, auch das „gespräch der bäume“. Das Zwillingsgedicht stellt zweifelsfrei klar:
was
wir sehen, das fragt sich
weitab in den bäumen. es ist
ihr eigenes gespräch…
Neben der Binnenkommunikation der Verse ist die stabile Metaphorik Seilers und seine Formsprache dem Verständnis der Verse dienlich. Die komplizierte, an musikalische Bauformen erinnernde Architektur des Zyklus sorgt dafür, dass die neun Kapitel durch ein engmaschiges Netz hin- und herlaufender Fäden, knisternder Lebensfäden, dicht verfugt ist. Dem Aufgesang folgt ein in römischen Ziffern durchnumeriertes Kapitel mit neun Gedichten, deren Themen und Gegenthemen in den nachfolgenden Kapiteln in variierender Form wiederkehren. Der Zyklus verwandelt sich in ein Verweissystem, wobei die Lebens- und Geschichtswanderung von reflexiven Kreisgängen durchkreuzt wird.
Die epische Erzählung setzt mit dem dritten Kapitel „handwunder & tagebuch“ ein. Es besingt ein zeitgenössisches Pompeji, die untergegangene, dem Wismutabbau geopferte ländliche Kindheitswelt des Ich/Er/Wir der Gedichte. Ein Leben wird ausgegraben, zu dem Vater, Mutter, Häuser, Bäume und das Kind gehören, dem sich die Außenwelt als Verlängerung des eigenen Leibes darstellt. Es kommt im Zwischenreich zwischen Aneignung und Ohnmacht zu einer bedrängenden Durchdringung des Innen und Außen:
… &
in der hohlform der wände
schwebte ein kind, das
mir vorsprach. Es wußte
alles von mir.
Vor allem aber gehört „aranka“ dazu, die wilde Schönheit und Unberührbarkeit Arankas, der zahnlosen Lumpenprinzessin mit dem stinkenden Karren, die „schon scheiße gefressen / hat für zwei mark“.
Der Weg führt im nächsten Kapitel in das erwachsene Leben in der märkischen Provinz. „warum, antäus, dieser ort“, fragt sich das Ich/Er/Wir der Gedichte und wird beim Anblick fußballspielender Hunde und ihrer Besitzer gewahr, wie ein Ast durch seinen Schatten wächst und die Asthand den Spielern immer winken will. Das Bild des märkischen Antäus, den der Anblick fußballspielender Passanten Wurzeln schlagen lässt, weist voraus auf das zentrale siebte Kapitel „die fussinauten“.
Das Gedicht schreibt die „Dritte Ode“, die Fußballode des 1935 in Dresden geborenen, im Juni 2000 in Berlin gestorbenen Autors Karl Mickel aus dem Jahre 1980 in die bundesrepublikanische Gegenwart fort. Im Modell eines Fußballspiels vor chorisch teilnehmenden Zuschauern zeichnete Mickel damals das Bild einer entzweiten, den Klassenkampf fortsetzenden DDR-Gesellschaft. Dem setzt Seiler die Individualität fußballspielender Argonautenfreunde entgegen, die vor dem Reichstag spielen, später im Wedding, in Potsdam, Michendorf, zuletzt in der Forckenbeckstraße, aber bei allem Wechsel beständig bleiben und vom Gedicht aufgefordert werden: „diesmal, bitte, laßt / uns bleiben“. Der vernarbte, gefurchte Platz mit dem inzwischen toten „preußischen Platzwart“ ist ein Ort versöhnter deutscher Geschichte.
Dem Gedicht sind zwei Kapitel vorausgegangen, die auf Bewusstseinsschauplätze führen, ins Reich kindlicher Ausreißträume, die sich in dem Maße dehnen und entstofflichen und auf andere Länder, andere Kontinente, ein anderes grenzensprengendes Leben richten. Gelöscht können sie nicht werden. Es bleiben „ungeköpfte träume“, die ein Nichts, eine Schneeflocke neuerlich mobilisieren können. Sie schieben den „mann durch die geschichte“ und reisen „bei fahrendem himmel“ mit dem Zeichner Bodmer bis nach Afrika und zu Ezra Pound nach Amerika. Unüberhörbar hat sich inzwischen das Vokabular sakral gefärbt.
Dem finalen Abgesang im „treppenhaus“ der Zeit geht ein „Inventur“-Kapitel voran. In einer Kontrafaktur von Günter Eichs gleichnamigem Habseligkeiten-Gedicht aus der Nachkriegszeit kehrt das Ich/Er/Wir noch einmal in die „kulissen deiner kämpfe“ zurück, jetzt in der Form des Erinnerns, als schattenhafter Gast des eigenen Lebens.
Es entsteht eine geistige Biographie, die im tiefsten „zeitregal“ vor die Kochtöpfe der Mutter führt, die dem auswendig lernenden Kind mit dem Kochlöffel „Die Kraniche des Ibykus“ und „John Maynard“ skandiert. Aber das schönste der Gedichte dieses Kapitels, „die erste zärtlichkeit“ gilt einem Nichts, einer hauchigen Berührung am Scheitel, wer weiß von wem, die das Gedicht rund um das kursiv gedruckte „wie neugeboren“ in schwebende Bedeutungen überführt.
So komplex sind die Mitteilungen des Buchs, so gesättigt mit deutscher Geschichte, mit Leben, Erfahrung, Erfahrungsformen, so gedanken- und figurenreich und empfindlich im Umgang auch mit den Dingen, – endlich haben die Steine auch in der deutschen Sprache ihren Poeten gefunden, dass die Einheitsform des Gedichts als Wunder erscheint, ein langsam vor den Augen des Lesers sich vollziehendes Schauspiel sinnerfüllten Sprechens.
Sibylle Cramer, Süddeutsche Zeitung, 13.12.2010
Als Dichter ein Solitär
– Lutz Seilers vierter Gedichtband heißt im felderlatein. Nun legt der in Wilhelmshorst im Peter-Huchel-Haus wohnende Autor nach einer längeren Pause – in der er erfolgreich als Prosaautor reüssierte – einen neuen Gedichtband vor. Die darin versammelten Gedichte sind in den letzten sieben Jahren entstanden. –
In seinem neuen Gedichtband im felderlatein geht Lutz Seiler in landschaftlich vertraute Gegenden. Durch das Echo seiner Schritte werden Geschichten hörbar. So bekommt Seiler Zugang zu längst vergangenen Zeiten, Zeiten, die noch immer vertraut klingen. Aber beim intensiven Nachhören stellt das lyrische Ich fest, dass es in den Erinnerungsräumen neben den hellen auch dunkle Winkel gibt. Vieles, was früher wie selbstverständlich vertraut war, erweist sich mit dem Abstand von Jahrzehnten als fremd. Orte, Personen und Dinge, die er zu kennen glaubte, erwecken zwar einen vertrauten Eindruck, aber in Wirklichkeit sind sie von Fremdheit umgeben. Auf die Anwesenheit des Fremden im scheinbar Vertrauten nimmt der Titel von Lutz Seilers Gedichtband im felderlatein Bezug.
,im felderlatein‘ ist eine Findung. Dieses Wort gibt es natürlich nicht. Es hat zwei Seiten. Es heißt zum einen: Im Acker einer Sprache sein, auf dem Feld einer Sprache umher zu gehen. Zum anderen: Durch diese Landschaft zu gehen. Man lauscht auf die Legenden einer Landschaft, indem man im Acker einer Sprache sich bewegt und da klingt natürlich sofort – wenn man Legenden sagt, das Märchenhafte sagt – Anglerlatein durch und genau das ist beabsichtigt. Also es gibt einige Texte in diesem Band, die das Legendäre eines Stoffes, das Märchenhafte eines Stoffes aufgreifen, wie man sich das beim Anglerlatein auch vorstellt. Ein bisschen Hokuspokus, aber auch legendäres Erzählen.
Lutz Seiler wurde 1963 in Culmitzsch geboren, einem Ort in der Nähe von Gera. Culmitzsch war lange Jahre ein von der Landwirtschaft geprägtes thüringisches Dorf. Verschlafen – bis man im Boden Uran entdeckte und mit der Förderung dieses radioaktiven Schwermetalls begann. Von jenem Moment an bewegten sich die immer größer werdenden Abraumhalden auf Seilers Heimatdorf zu, bis es 1968 von der Landkarte verschwunden war.
Ein Teil der eigenen Geschichte ist plötzlich weg, und das ist auch eine Erfahrung, die die Wende beispielsweise mitbringt. Ein Teil der eigenen Geschichte verschwindet, wird unsichtbar, wird in relativ kurzer Zeit völlig überzeichnet, und das ist immer eine ständige Herausforderung für das Schreiben. Die Rekonstruktion von dem, was war denn eigentlich? Was ist gewesen? Wo komme ich her und wer war ich damals selbst? So geht es mir auch mit Culmitzsch. Culmitzsch war der erste Ort in meinem Leben, den gibt es nicht mehr. Da gibt es jetzt nur noch ein Feld und eine Straße.
Bereits in seinen früheren Gedichtbänden pech & blende von 2000 und vierzig kilometern nacht von 2003 erinnert Lutz Seiler an die Landschaft seiner Herkunft, wenn er Bezüge zu seinem Geburtsort herstellt. Diesen verschwundenen Ort ruft er erneut in dem Gedicht „culmitzsch“ aus dem jetzt erschienen Band im felderlatein auf.
CULMITZSCH
am abend verrosten die schafe
über der brache, vögel
wie dahingeschneit & nachgedunkelt…
nur unter dem schutt
sind die höfe noch warm. die löffel
liegen bei den löffeln, das fett
an den stiefeln & zur stiefelkammer führt
jene zwergenhafte tür, die dich
zu tränen rührt, mutter der löffel
käm ich nach haus, wäre alles gesagt.
dein ortsfestes gehen, die
krätze, das kleinvieh, das stricken
gegen die strömung & ein geruch
von auferstehung in der luft;
salpetergedanken, salpetergespräche,
das feuchte im kissen
unter den köpfen, wenn sie noch träumen
die pilze der atmung; der lehm
der kühl in meine
lungen rieselt beim tief schlafen…
glück auf, gute nacht
mutter der löffel, prinzessin der schürze; du
warst nie & warst von nichts beschienen, du
strahltest alles selber aus glück auf
gute nacht ihr betrunkenen mütter. heimkehr
ist einkehr des atems
staubige umkehr & leise
wie von ferne fällt
der lehm zurück, langsam
aus der zeit ins stroh & um
die unsichtbaren fugen haftet
ein gebälk, das sich von selbst
errichtet, o
auffahrt der höfe ins fachwerk der nacht.
der hund gilt als schwierig, der fusel
wiegt schwer
rollen die schatten
der vögel im schutt;
das ist die steinzeit der dörfer
Culmitzsch existiert nur noch in der Erinnerung. Der Ort wurde ausgelöscht. Geblieben sind die Felder, von denen er einst umgeben war. Unschuldig liegen sie in der Landschaft und erwecken den Eindruck, als wäre nichts geschehen. Seltsam mutete allerdings die sich durch die Felder ziehende Straße mit ihren sinnlosen Links- und Rechtskurven an. Nur der Eingeweihte weiß, dass in der Straßenführung die Erinnerung an das verschwundene Dorf aufgehoben ist. Solchen Spuren ist Lutz Seiler in seinem neuen Gedichtband nachgegangen.
Das eigentliche Faszinosum für das Schreiben – für mich ist es jedenfalls so – ist die Tatsache: dass Zeit vergeht. Das ist unglaublich, dass Zeit vergeht. Und indem Zeit vergeht, gibt es einen Abstand und der Abstand macht etwas. Er verändert die Figuren, er verändert uns selbst. Es gibt eine neue Korrelation im Blick aus der Gegenwart in die Vergangenheit hinein, und das ist das Feld des Schreibens. Da sind wir wieder im felderlatein. Genau diese Spanne aus gegenwärtigem Schauen, Denken, Überlegen, hin zu dem, was wir glauben, was in der Vergangenheit gewesen sein soll. Das ist immer wieder das, was das Schreiben anregt: das sind die Ausgangspunkte.
Auffällig an den Gedichten des neuen Bandes ist, dass sich Seilers lyrisches Ich nicht nur in die Welt hineinhört, sondern es geht in die Landschaft hinein, wobei es sich, wie es in verschiedenen Gedichten heißt – „schritt für schritt“ vorwärts bewegt.
WAS ICH BESASS
in der bogenschrift des ackers glänzten
ein paar glasbausteine, büschel gras & kleine
gebeine: wie
alles beieinander liegt zum schluss.
anstieg, aufstieg & so war
viel morsen, funken, scheitern um
die füße, schritt für schritt. ich
hatte die kapuze dicht am ohr, das läuten
der arme, die feine
schabende arbeit des mantels, vor
zurück, zurück & vor – mein
schleichendes quartier.
ging ich langsam, war es leiser &
blieb ich einmal stehn, so war
ich fast gestorben
Bemüht um ein eigenes Schrittmaß macht das lyrische Ich allerdings die Erfahrung, dass es abhängig ist von den Bewegungen der Geschichte. Es muss das eigene Schrittmaß der Bewegung des Zeitalters abtrotzen und zu einem eigenen Gang finden.
Das Gehen ist im Grunde die Ausgangserfahrung für viele dieser Texte. Man geht in die Landschaft hinein, man ist im felderlatein. Es sind Schrittfolgen, also eine bestimmte Art zu gehen, durch die die Texte strukturiert werden. Man geht in einen bestimmten Bewusstseinszustand hinein, Schritt für Schritt. Der Körper nimmt im Gehen bestimmte Bewusstseinszustände an. Man geht unter Umständen in eine Träumerei hinein, man geht in eine Abwesenheit hinein, man erreicht eine bestimmte Form von Absenz. Gleichzeitig geht man durch die Landschaft. Man sieht die Bilder dieser Landschaft. Aus diesen besonderen Bewusstseinszuständen heraus, die das Gehen mit einem macht, die beim Gehen erreicht werden, gibt es eine Zugriff auf das, was zu sehen ist oder auf das, was wir glauben zu erkennen.
Auf der Suche nach seinem Schrittmaß wird der Einzelne von der Geschichte geschoben, wie es in Seilers „darß gedicht“ heißt. So kann es passieren, dass ganze Jahrgänge aus dem Schritt kommen und im falschen Schritt mit der Zeitgeschichte mitmarschieren, getrieben von dem Ehrgeiz, weit vorn liegen zu wollen. Hingegen bricht das lyrische Ich in dem Gedicht „wer hinten geht“ aus einem verordneten Schrittmaß aus. Es will nicht zur Avantgarde gehören und begnügt sich mit einem Platz im hinteren Feld. Es hält Abstand. In diesem Bekenntnis zum langsamen Gehen sind Seilers Gehende Nachfahren der Flaneure – doch mit einem Unterschied: Seilers Gehende halten sich fern von den großen Städten.
WER HINTEN GEHT
wer hinten geht
hat seine eigne welt. ganz leicht
fällt alles vom geräusch
der schritte ab
ins laub. du hörst
ein schleppen, scharren, schleifen
seiner beine auf
das unbeschriebne zentrum hin
mit schritten, die bloß weitergehn
wenn er die augen
schließt im rücken
ziehn die berge fort mit ihm
aus ihren existenzen
voller höhlen, flüsse, gipfel an
den füßen, wer
hinten geht, durchmisst den tag
den du vergessen hast (…)
Lutz Seiler ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. In seinen Gedichten aber erzählt er die Geschichten nicht „aus“, sondern er schlägt nur wenige Takte an und gibt so einen Ton vor, der lange nachklingt. Seiler legt in seinen Gedichten Tonspuren. Wer ihnen nachhört, findet neben der von Seiler intendierten Geschichte auch Zugang zu ganz eigenen, lange zurückliegenden Ereignissen.
Lutz Seiler ist als Dichter ein Solitär. Inzwischen fallen einem immer weniger Namen ein, die mit seinem in einem Atemzug zu nennen wären, so unverwechselbar und einzigartig meldet sich diese lyrische Stimme zu Wort.
Michael Opitz, Deutschlandfunk, 26.1.2011
Im Satzbau dieser Gegend
„Jedes Gedicht“, hat Lutz Seiler einmal gesagt, „geht langsam von oben nach unten.“ Das war ein lakonischer Hinweis auf die Affinität des Dichters zu den „Knochen der Erde“, den Substanzen und Mythologien des Bergbaus, dessen fatale Wirkungen er in seiner DDR-Kindheit miterlebt hat. In seinem neuen, vieldeutig funkelnden Gedichtband im felderlatein“ hat Seiler die Bewegungsrichtung seiner Poesie nun geändert – statt in die Vertikale strebt sein Gedicht nun in die Horizontale.
In sieben Kapiteln setzen die Fussreisenden dieser Gedichte zu immer neuen Expeditionen an in versunkene Kindheitslandschaften und in alte und neue Lebenswelten des lyrischen Ich. Zu Basisstationen der poetischen Erinnerung werden die ostthüringischen Heimatdörfer des 1963 geborenen Autors, Culmitzsch und Korbussen, die im Zuge der rücksichtslosen Nutzung des Uranbergbaus in der DDR 1968 geschleift wurden. Bereits in seinem fabelhaften Gedichtbuch pech & blende (2000) liess Seiler sein Alter Ego im felderlatein herumvagabundieren, symbiotisch verbunden mit diversen Naturstoffen.
Das wichtigste Sinnesorgan für den Landgänger in den neuen Gedichten ist nicht das Auge, sondern das Ohr. Wir erleben hier die poetische Transformation von Landschaft in ein akustisches Szenarium, das erfüllt ist von leisen Geräuschen. Wenn Seilers lyrische Protagonisten die Wälder, Felder und Chausseen in den Grenzräumen Berlins und der Mark Brandenburg durchqueren, dann weiten sich die Landschaften zu Echoräumen, in denen das lyrische Ich auf oft mystische Weise affiziert wird vom Rauschen, Knistern, Schleifen und Schaben der Dinge. Dabei werden die geografischen Signale oft nur in den Titeln der Gedichte gesetzt. Wer den Gangarten von Seilers Gedichten folgt, der partizipiert in einem doppelten Sinne an jenem Nomadisieren im felderlatein, von dem der Titel seines neuen Gedichtbands spricht. Denn die „Felder“ und Umgebungen dieser Poesie sind nicht nur real existierende Ort- und Landschaften zwischen Berlin, der Mark Brandenburg und Thüringen, sondern eben ganz buchstäblich auch Sprach-Landschaften, die dechiffriert werden wie eine Schrift.
In fast allen Gedichten ist das langsame, manchmal fast somnambule Gehen der Ausgangspunkt von Erkundungen, die eine sinnliche Aneignung des jeweiligen Landstrichs anstreben. Die Erkundungsgänge folgen dabei mehr der Struktur dunkler Phantasmagorien und Traumreisen als romantischen Landschafts-Imaginationen. Es sind emphatische Wahrnehmungszustände und überwältigende Offenbarungs-Augenblicke, in denen sich das Ich durch seine Suchbewegung ein neues Koordinatensystem der Erfahrung erarbeitet und die Welt sich dann in neuem Licht zeigt. Die strenge Kompositionstechnik Lutz Seilers, seine Engführung der Metaphern und die dichte Verfugung der Bilder und Assoziationen, verlangt viel Aufmerksamkeit vom Leser. Die fliessende Bewegung der Verse wird mitunter von schroff gesetzten Brüchen und Zeilensprüngen verlangsamt.
Mitunter scheinen diese hochmusikalisch strukturierten Gedichte die Aufgabe des von Seiler zitierten alten griechischen Orakels in Dodona zu übernehmen, das einst aus dem Rauschen der Bäume die Zukunft weissagte. Die Geschichtsversessenheit des Autors, in dessen Gedichte auch die Stimmen der Toten flüstern, wirkt ansteckend. Die poetischen Tiefbohrungen „im satzbau dieser gegend“ erzeugen einen geheimnisvollen Sog, wie er nur substanzieller Poesie eigen ist:
von
eckstein zu eckstein springt
die spreu deines schattens. Linien, auf denen
die stimmen der toten telefonieren. Wenn du
das nachsehen hast, atmen sie dir direkt
ins gesicht: untermieter, hausbuchführer, aranka, die
aus den kniekehlen gesungen hat… auch
deine eignen knochen musst du weiter denken, kommata
im satzbau dieser gegend.
Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 4.10.2010
Neue Gedichte von Lutz Seiler
Leicht zugänglich sind sie nicht, die neuen Gedichte von Lutz Seiler, die in den Jahren 2004 bis 2010 entstanden sind. Der 1963 im thüringischen Gera geborene Lyriker und Erzähler („Die Zeitwaage“) ist ein bedächtiger Beobachter und Erforscher eines Archivs von Bildern, die zumeist in die Vergangenheit zurückführen. Und manche Orte, wie das immer wieder bei Seiler auftauchende Culmitzsch, existieren nur noch in der Erinnerung – Mitte der 1960er Jahre fiel die Gemeinde dem Uranerzabbau zum Opfer.
Es lohnt sich allemal, mit diesen zumeist reimlos und eher lakonisch als feierlich sich gebenden Gedichten in konsequenter Kleinschreibung eine poetische Landschaft zu bereisen, in der die Verwüstungen der jüngsten deutschen Geschichte ihre Spuren hinterlassen haben. Schon das zweite Poem „das neue reich“ des Bachmann-Preisträgers von 2007 liest sich wie eine Kontrafaktur zum Pathos des treudeutschen Dichterfürsten Stefan George: „komm in den totgesagten technikpark“, eine Aufforderung, der alles Hymnische fremd ist. Der Dichter ist kein Prophet mehr, sondern ein skeptischer Vermesser von Industriebrachen. Nirgendwo Idyllen oder blühende Landschaften.
Aber die Träume der Kindheit sind noch nicht entsorgt, abenteuerliche Figuren wie „saywer“ und „finn“ kommen aus den Stollen der stillgelegten Bergwerke hervor, oder die verspottete Außenseiterin „aranka“ taucht auf, eine von Einsamkeit und Armut umflorte Hausiererin, der Seiler eines seiner ergreifendsten Gedichte widmet: „ausgetretner engelskörper auf der flucht“. Auch die kostbare Erinnerung an „tante lanny“ kommt als schwereloses Kunststück daher.
Etliche Gedichte kann man durchaus als Naturlyrik bezeichnen, Seiler steht erkennbar in der Tradition des von ihm verehrten Peter Huchel oder auch eines Günter Eich, dessen berühmtes Stunde-Null-Gedicht „Inventur“ zitiert wird. Aber das tradionelle Repertoire dieser Lyrik wird erweitert durch allerlei technische Apparaturen, und so schafft es der gelernte Baufacharbeiter Seiler tatsächlich, summenden Fernmeldemasten im Nebel einen lyrischen Ton abzulauschen.
Dass dieser Autor durchaus Humor hat, beweist er mit seiner Fußball-Elegie „die fussinauten“. Im hohen Ton eines griechischen Epos wird die Odyssee einer Hobby-Fußballmannschaft durch Berlin besungen, vom damals noch nicht heiligen Rasen vor dem Bundestag über staubige Ascheplätze in Vororten bis zur finalen Flanke auf dem letzten Acker.
Johannes von der Gathen, Berliner Literaturkritik, 30.11.2010
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Walter Fabian Schmidt: Das Rauschen der Bäume, die Sprache
poetenladen.de, 27.12.2010
Benjamin Stein: im felderlatein
turmsegler.net, 22.10.2010
Stefan Höppner: Der fernste Ort
literaturkritik.de, Mai 2011
Dorothea von Törne: „im felderlatein“
Literarische Welt, 13. 11. 2010
Rolf-Bernhard Essig: Bei den Fussinauten
Frankfurter Rundschau, 3. 12. 2010
Rolf Birkholz: Die Sie daheim an den Gedichten
Am Erker, Heft 60, 2011
Kai Agthe: Sangerhausen im Konjunktiv
neues deutschland, 4. 8. 2011
Dirk Rose: „im felderlatein“ und Niemandsland. Lutz Seilers Naturlyrik
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 205, 2013
Der Geruch der Gedichte
– Dankrede zum Fontane-Preis der Stadt Neuruppin. –
Ein Sonntagvormittag vor 35 Jahren konnte so beginnen: Ich erwachte und mein erster Gedanke war „John Maynard“ – das Gedicht, das ich an diesem Tag würde auswendig lernen müssen, das heißt, zuallererst dachte ich an Ergenbrecher, unseren Deutschlehrer – ihm und der ganzen Klasse mußte die Ballade vom Schiffbruch auf dem Eriesee vorgetragen werden. Vielleicht fragte ich mich einen Moment, warum wir ein Gedicht über einen Schiffbruch in Amerika auswendig lernen sollten. Daß man nicht Buffalo sagt (hier gesprochen wie geschrieben), hatte Ergenbrecher uns beigebracht, aber nicht, wo Buffalo lag. „Noch zwanzig Minuten bis Buffalo.“ „Noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.“ „Noch zehn Minuten bis Buffalo.“ – so heißt es im Gedicht. Dann fiel mein Blick sicher auf den Wecker neben dem Bett, mit dem Zifferblatt, das im Dunkeln leuchtete. Also nahm ich den Wecker vom Nachttisch und kroch damit unter die Decke. Die Ziffern und auch die Zeiger leuchteten grün. Nach einer Weile preßte ich das Gehäuse ans Ohr, das Metall war angenehm glatt und kühl auf der Haut. Je tiefer ich mich eingehört hatte in den Gang der Uhr und die unglaubliche Vielzahl der feinen metallischen Nebengeräusche (tatsächlich hörte man mit der Zeit so gut, als säße man mitten in ihrer Mechanik), je tiefer ich also eindrang in den Gang der Uhr, um so seltsamer und unregelmäßiger erschien mir ihr Rhythmus. Es gab schnelle, betonte, aber auch ganz oberflächliche Schläge; es gab langsame Schläge, so langsam, daß man glaubte, den Atem anhalten zu müssen, und die Uhr einem fast das Herz stillstehen ließ. Es gab Wechsel von einem metallisch singenden Pock-peck, Pock-peck hin zu einem Pock-pock-pock, das waren indianische Trommeln, und schon sah ich Krieger und Schamanen tanzen, schnelle Schritte, aber dann ging plötzlich wieder alles sehr langsam, provozierend langsam, und ich dachte etwas wie „Das schaffen die doch nie, das holen die doch nie wieder ein“, und sogleich überstürzten sie sich, holpernd, fast rasend, und bewiesen mir, daß sie es zu jeder Zeit schaffen konnten, und ein Wunder war es, wie aus diesem Tohuwabohu Minuten und Stunden entstanden.
Schon als Kind also war ich sicher, daß Uhrwerke eigenen Melodien folgen, es gab einen Geheimniszustand der Uhr, ein „Geheimherz“, wie Canetti es nannte. Daß Uhrmacher über eine kleine Apparatur verfügen, die in der Lage ist, diesen verborgenen, Zustand nicht nur zu erlauschen, sondern auch hörbar zu machen und aufzuzeichnen, ähnlich einem EKG beim menschlichen Herzen, wußte ich damals natürlich noch nicht. Die metaphorische Anmaßung, die darin besteht, einem Buch den Titel Die Zeitwaage zu geben, konnte ich damit begründen, daß ein kleiner Apparat dieses Namens tatsächlich existiert, daß er zur Werkstatt jedes Uhrmachers gehört, der mechanische Uhren repariert – und schließlich bildeten dieser Apparat und vor allem sein Geräusch den eigentlichen Ausgangspunkt für das Erzählen.
Aber zurück zu meinem Sonntagmorgen. Hatte ich mich sattgehört an meinem Wecker und war wieder aufgetaucht aus meiner Höhle, fielen mir bestimmt auch John Maynard und Ergenbrecher wieder ein:
„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein,
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.
Indem ich in die Küche schlich und mir ein erstes Frühstück aus einem trockenen Brötchen und Bautzner Senf ins Bett holte, konnte ich den Schiffbruch der „Schwalbe“ und die einsame Rettungstat des Steuermanns John Maynard vielleicht noch einmal verdrängen, aber spätestens am Frühstückstisch kam die Frage auf, wie weit ich eigentlich mit dem Gedicht sei. Nachhilfe in Mathematik gab mein Vater, an ebenfalls sehr langen, um nicht zu sagen endlosen Sonntagvormittagen, das Auswendiglernen von Gedichten hingegen wurde von meiner Mutter beaufsichtigt.
Dieses Auswendiglernen war damals selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts. Ergenbrecher gab zwei Noten – eine für die Textsicherheit und eine für den Ausdruck. Bei dreißig Schülern in der Klasse hatte man den „John Maynard“ neunundzwanzigmal gehört und einmal selbst gesprochen. In Wahrheit hatte man ihn noch viel öfter gehört, weil bei Ergenbrecher, der gerade mit „John Maynard“ unerbittlich war, jene Schüler, die steckenblieben, von Deutschstunde zu Deutschstunde neu antreten mußten, und zwar so oft, bis sie den Text von Anfang bis Ende aufsagen konnten. Das war keine Kulanzregelung, denn bei jedem Versagen gab es zwei Fünfen – eine für „Inhalt“, eine für „Ausdruck“, Andreas Michel, ein Schüler, der es ohnehin nicht leicht hatte in unserer Klasse, sammelte auf diese Weise so viele Fünfen, daß er Deutsch glatt mit Fünf abschloß, damit das zweite Mal sitzenblieb und ohne Abschluß die Schule verließ. Man könnte sagen, Michel sei an Maynard gescheitert, der doch eigentlich ein Retter war und sein Leben gegeben hatte für die Passagiere auf dem Eriesee. Aber natürlich war es Ergenbrecher gewesen, und ich und wir alle hatten Angst vor Ergenbrecher, und also übte ich das Gedicht so lange, bis es saß.
Daß ich dabei mehr gelernt habe als zwei, drei Seiten Text, die ich im Schlaf hätte hersagen können, verdanke ich meiner Mutter. Ihr verdanke ich, daß mich die langen Gedichte tatsächlich berührten und auch „John Maynard“ mich leise erwischte und mir auf eine Weise im Gedächtnis blieb (aufsagen könnte ich den Text längst nicht mehr), daß ich bei einem Besuch am Eriesee im vergangenen Jahr das Gefühl hatte, eine Beziehung zu haben zu dieser schönen fremden Gegend um die großen Seen zwischen den USA und Kanada. Aber in erster Linie ist das natürlich Fontane zu danken, der das Gedicht, wie ich viel später erfuhr, anläßlich eines Zeitungsberichts über ein Schiffsunglück geschrieben hatte.
Am Schluß soll ein Gedicht stehen, das etwas aufnimmt von dem, was ich über diese vielleicht entscheidende erste Begegnung mit Gedichten erzählen wollte:
GERUCH DER GEDICHTE
„schön konzentrieren bitte!“ das
war der tonfall unsrer langen sonntagvormittage &
ihre liturgie: handschuh, kraniche
des ibykus, john maynard
war unser steuermann, doch
meine mutter bestimmte den kurs:
zeile für zeile, name
des autors, überschrift, die kleine
pause & dann das gedicht:
enjambement, diesen ausdruck kannte
keiner, es gab nur den löffel
der mir diktierte, das wippen & nicken
über den töpfen mit klößen
& thüringer soßen, erst
die worte, dann die punkte („auch
die kommas hat der autor schließlich
nicht umsonst gesetzt“) & dann
die innere bewegtheit meiner mutter, die
mir vorsprach – ich
stand unter der küchentür, ich lernte das alles
von ihr: erst ohne betonung
dann mit
Lutz Seiler, Sinn und Form, Heft 1, Januar/Februar 2011
HIDDENSEE
Für Lutz Seiler
Hier kann man den Osten meilenweit sehen,
er versinkt erst tiefnachts in den Wassern.
Der Seekranke hat seinen Posten verlassen,
die Dünen, die Wäldchen der Volksarmee.
Betonplatten sichern noch immer den Weg
bis zum Enddorn des Landes, wo das Schilf
vertraulich raschelt, die Feldlerche aufschießt
vom Magerrasen, die Golddistel knistert.
Der Strandhafer sendet verschlüsselten Funk.
Zwischen den Kiefern steht noch die Spur
der Kegelbahnen, vom Wind blankgefegt.
Aber die Kegel fallen nun alle in Schweden.
Durs Grünbein
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