Eduard Mörikes Gedicht „Denk es, o Seele!“

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EDUARD MÖRIKE

Denk es, o Seele!

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehen
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

um 1852

 

Konnotation

Nur einen Augenblick lang gestattet uns hier der ebenso fromme wie schwermütige Dichterpfarrer Eduard Mörike (1804–1875), an die sanfte Idyllik unversehrt wachsender und gedeihender Natur zu glauben. Die liebevoll mit Diminutiva benannten „Tännlein“ und „Rößlein“ und der blühende Rosenstrauch im Garten: Ihnen wird keine autonome Schöpfungsherrlichkeit zugestanden – sondern sie erweisen sich als Signum des unentrinnbaren Todes.
Die um 1852 entstandenen Verse verweisen in volksliedhafter Schlichtheit auf die Todesverfallenheit jedes Reifungsprozesses. Für alle Lebewesen gilt: Sie stehen im Bannkreis des Todes, dienen der Ausschmückung eines Grabes oder dem Transport zu ihm hin. Die flüchtige Gegenwart ist hier an das kurze Aufblitzen der Hufeisen gebunden; mit dem Verlöschen des Blitzens ist auch schon der Augenblick des Todes gekommen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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