Georg Trakls Gedicht „Rondel“

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GEORG TRAKL

Rondel

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

nach 1912

 

Konnotation

Das kürzeste und musikalischste Gedicht, das Georg Trakl (1887–1914), der Dichter der Untergänge, je geschrieben hat, entwirft eine Herbst-Szenerie. Die strahlenden Tage des Sommers sind Vergangenheit, mit dem Verstummen der Hirtenflöte bricht der Abend herein. Das Gedicht durchläuft eine kreisförmige Bewegung. Im „Rondel“, das exakt symmetrisch um die Spiegelachse des dritten Verses gebaut ist, klingt eine romantische Schwermut an. Dabei darf man das „Gold der Tage“ als melancholische Reminiszenz an die romantische Utopie des „goldenen Zeitalters“ lesen.
Wie so viele Gedichte Trakls bezaubert auch das vermutlich 1912 entstandene „Rondel“ durch seine eigentümliche Farbenmystik. Der ins Offene und Zukünftige weisenden Konnotation von „blau“ ist das eher negativ besetzte „braun“ gegenübergestellt, und zwar jeweils im zweiten und im vierten Vers in vertauschter Reihenfolge. Verflüssigt und vergangen ist jedenfalls die Zeit der Zuversicht und der Illumination, das „Gold der Tage“. In den letzten beiden Lebensjahren Trakls hat sich dieser poetische (Farb-)Horizont weiter verdüstert.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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