Peter Maiwalds Gedicht „Spruch“

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PETER MAIWALD

Spruch

Wir haben unsern Baum gepflanzt.
Der Baum ist uns gestorben.
Wir haben unser Kind gezeugt.
Das Kind ist uns verdorben.
Wir haben unser Haus gebaut.
Das Haus ist uns zerfallen.
Wir haben auf den Krieg gesetzt.
Und das blieb von uns allen.

1980er Jahre

aus: Peter Maiwald: Balladen von Samstag auf Sonntag. Deutsche Verlags-Anstalt. Stuttgart 1984

 

Konnotation

Die Legende schreibt dem großen Reformator Martin Luther (1483–1546) folgende Sentenz über den Daseinsoptimismus zu: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Von diesem entschlossenen Lebenstrotz ausgehend entstand die Redensart, es gehöre zu den Elementaraufgaben jedes Mannes, einen Baum zu pflanzen, ein Haus zu bauen und ein Kind zu zeugen. Der politische Balladen- und Spruch-Dichter Peter Maiwald (1946–2008) hat diese Daseinszugewandtheit in bitteren Fatalismus verkehrt.
Fast liest sich dieser 1984 erstmals veröffentlichte Text wie ein finaler dramatischer Befund über den Zustand der menschlichen Gattung. Denn alle produktiven kulturellen Leistungen sind hier in ihr Gegenteil gekippt und legen das Zerstörerische des Menschengeschlechts frei. So ist es in letzter Konsequenz der Krieg, der alle Aufbauleistungen für immer eliminiert.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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