Regina Ullmanns Gedicht „Schönheit“

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REGINA ULLMANN

Schönheit

Du bist vollkommen, doch dir fehlt das eine,
daß du schon alles hast, was dir gebricht!
Nicht wie die Kinder, die zum Feste eilen
und im Dahingehn schon den Schmuck verteilen,
den wir für sie gehegt im Sonnenlicht;
du bist wie Steine ohne eignes Licht! –

nach 1920

aus: Regina Ullmann: Erzählungen, Prosastücke, Gedichte. Kösel Verlag, München 1978

 

Konnotation

Mir war so schwer,“ grübelt in einer Erzählung das Alter Ego der Schweizer Schriftstellerin Regina Ullmann (1884–1961), „als trüg ich Lasten, unbekannte, aus aller Welt.“ Seelische Lasten trug auch die Autorin zeitlebens mit sich herum. In ihrer Kindheit in St. Gallen, die geprägt war vom Ehrgeiz ihrer überaus dominanten Mutter, litt sie unter starken Sprachhemmungen. Auf einem Bauernhof in der Steiermark, in der Auseinandersetzung mit den Lebensritualen einer bäuerlich-archaischen Welt, fand sie zur Literatur. Rainer Maria Rilke (1875–1926) wurde zu ihrem Förderer.
Der Preisgesang auf die Schönheit, den der Titel von Ullmanns Gedicht erwarten lässt, erweist sich als paradoxer Befund. Denn die Schönheit, die hier dem Du attestiert wird, ist trotz aller Vollkommenheit defizitär. Es fehlt dieser Schönheit eine eigene Leuchtkraft; ihre Vollkommenheit ist ohne jede Aura. So ist auch die Liebe, die der schönen Erscheinung gewidmet ist.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010

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