Wolfgang Weyrauchs Gedicht „Einmaleins“

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WOLFGANG WEYRAUCH

Einmaleins

Eins
ist keins,

zwei
ist vorbei,

drei
ist entzwei,

vier
ist nicht hier,

fünf
fällt in die Sümpf,

sechs
hat ein Gewächs,

sieben
kann keinen lieben,

acht
rennt in die Nacht,

neun
wirds bereun,

zehn
wird vergehn.

1963

aus: Wolfgang Weyrauch: Atom und Aloe. Gesammelte Gedichte. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 1987

 

Konnotation

Wolfgang Weyrauch (1907–1980) war einer der neugierigsten Lyrik-Pioniere, -vermittler und -Anthologisten der Nachkriegsliteratur. Gedichte verstand er als „Expeditionen“ in unbekanntes Gelände: jedes Gedicht sei ein „besonderer Atemzug“ und das Ergebnis einer Frage: „Das Gedicht besteht überhaupt bloß aus Fragen. Die Antworten fügt der Leser hinzu, falls er will, falls er kann.“
In seinen lyrischen Versuchsanordnungen probierte Weyrauch auch die Formen des Kinderverses und des spielerischen Abzählreims aus. In seinem 1963 publizierten Band Die Spur erfand er ein negativierendes „Einmaleins“: Die aus pädagogischen Motiven meist positiven Sinngebungen des Abzählreims sabotiert er durch Konstatierungen des Scheiterns oder der Bedrohung. Das „Einmaleins“ ist zugleich eine Mathematik menschlichen Unvermögens.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010

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