Ossip Mandelstam: Im Luftgrab

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ossip Mandelstam: Im Luftgrab

Mandelstam-Im Luftgrab

HAB VERIRRT MICH AM HIMMEL – was nun?
Wem er nah ist, der soll mir’s erklären…
So viel leichter war klangreiches Tun
Euch neun Danteschen Wurfscheiben-Sphären.

Bin dem Leben nie mehr zu entwöhnen,
Vom Erschlagen, Liebkosen nun träumt’s –
Daß in Ohren und Augenraum-Höhlen
Florentinisches Sehnen aufschäumt.

Ich will nichts auf den Schläfen, will keinen
Stechend-zärtlichen Lorbeerbehang –
Besser spaltet mein Herz, dieses meine,
Auf zu Scherben von tiefblauem Klang.

Wenn ich, ausgedient, bald schon hier sterbe:
Allen Lebenden lebenslang Freund –
Soll sich Widerhall himmlischer Erde
Hoch und weit in dem Körper zerstreun.

 

OSSIP MANDELSTAM

In meinen Händen halte ich das schmale Buch der Gedichte Ossip Mandelstams, und daneben den dicken Band der Memoiren seiner Frau, der heroischen, beharrlichen Nadeschda Mandelstam. Ich sehe vor mir auch das ausgeblichene und wie beschlagene Photo Mandelstams als Jüngling, ein hübscher jüdischer Jüngling, sinnlich und intelligent. Ich fühle mich wie einer, der eine Grabrede halten oder „staatsbürgerliche“ Verse schreiben sollte, wie man 1950 welche schrieb – über ein Ereignis, dessen Sinn die Geschichte aufreißt wie eine Verletzung, dazu bestimmt, unheilbare Wunde zu werden, und so völlig tragisch ist, daß er fast lichtvoll und wunderhaft erscheinen könnte.
Ist Mandelstams Leben ein Leben gewesen? Ich glaube nicht, daß es irgendeinem Leben gleicht, das zu meinen Erfahrungen gehörte, seien sie direkt persönlich, vernommen oder ausgedacht. Es fügt sich nicht der „menschlichen Überlieferung“ ein, die uns die Existenzen der andern als einander sehr ähnlich empfinden läßt, oder dann als ein unendlich verschiedenes, jedenfalls einzigartiges Phänomen. Mandelstam hat gelebt wie ein geblendetes Tier auf gänzlich unbekannten Weiden. Seinen Zeitgenossen mag er als ein Mensch wie die anderen vorgekommen sein, als ein Mensch, der zu leben versucht. Davon gibt es ein genaues und unermeßliches Zeugnis, von seiner Lebensgefährtin… Mandelstam hat tatsächlich, materiell existiert: trat in Erscheinung als einer, der ein reales Leben führte wie alle andern; der Ideen äußerte, auch literarische Ideen; der politische Meinungen hatte; und dem allem entsprechende Handlungen folgen ließ. Und dennoch ist sein Leben über Stationen verlaufen, hat Rhythmen angenommen und Wendungen gekannt, die es nicht als ein Leben erkennen lassen: es war eine ewig kindliche Anstrengung. Ab und zu hat dieses Leben die Illusion, endlich zur Reife gekommen zu sein – und dann freut sich Mandelstam darüber, kennt Pausen eines feinen und geistreichen Glücks; während jedoch nie so sehr wie in diesen Augenblicken sein Leben schmerzlich unvollendet, verweigert und nicht zu verwirklichen scheint.
Vielleicht ist da am Anfang nur ein Irrtum gewesen. Ein banaler Irrtum. Als er zwanzig war, hätte sich Mandelstam nicht an der Universität von Petersburg einschreiben, sondern in Heidelberg oder Paris bleiben sollen. Oder er mußte vielleicht nach Petersburg gehen, wenn es ihm bestimmt war, an den russischen literarischen Bewegungen jener Epoche (Akmeismus, Formalismus) teilzunehmen – doch darauf hätte er in den Westen zurückkehren müssen. Er war Jude, hätte damit nichts verlieren können. Ein Heimatloser wäre er dadurch nicht geworden. Er hätte ein wirkliches Leben gehabt, was es bis dahin auch gewesen war: die Jugend eines jungen polnischen, bürgerlichen Juden, der seine Geburtsstadt Warschau verläßt auf der Suche nach Intelligenz, Kultur und Zukunft.
Statt dessen bleibt er in Petersburg. Warum? Da beginnt die Absurdität seines Lebens, die keiner anderen Absurdität gleicht, weil das Absurde keine Erklärung zuläßt. Es war also vernünftig und richtig, in Petersburg zu bleiben, die Revolution zu erleben, und sei es auch als ein Dichter, „der sich als Schuldner der Revolution fühlt, ihr jedoch Gaben darbringt, die sie vorläufig noch nicht benötigt“, an den großen historischen Ereignissen jener Jahre teilzuhaben. Es war vernünftig und richtig zu versuchen, einen Posten zu kriegen und sich in die neue Welt einzufügen, die aus der Revolution entstand. Doch schon 1923 – allem noch Kommenden weit voraus! – erhielt er die erste offizielle „Einladung“, keine Gedichte mehr zu veröffentlichen. Als hätte er nicht genug Nerven dafür gehabt, als sei er unfähig gewesen zu irgendeiner Reaktion (nach den Fakten zumindest erscheint es so), hat Mandelstam nicht reagiert: hat sich verteidigt, indem er sich totstellte, hat alles akzeptiert und keinen angeklagt. Auch das war richtig und vernünftig, wenn man bedenkt, daß Mandelstam zur selben Zeit mit wahnwitziger Hellsicht und wahnwitziger Beharrlichkeit seine einsame und innere Opposition begründete, die ihn letztlich zum Heldentod führen sollte. Der Widerspruch zwischen einer solchen revolutionären Opposition innerhalb der Revolution und seinen fortwährend unwirksamen, illusorischen Versuchen, alles schweigend beizulegen, das Übel zu beschwichtigen und sich einzufügen – auch dieser Widerspruch ist erklärbar, als ein ganz normales Element des menschlichen Lebens. Wir anerkennen es. Und dennoch, bis hin zur Verhaftung von 1934, bereits mitten in der Stalin-Epoche, fährt Mandelstams Leben fort, seinen besonderen Weg zu nehmen, dessen Modell vielleicht eher als in unserer herkömmlichen Erfahrung in den Träumen oder in den Büchern Kafkas zu finden wäre. Gewiß, doch Kafkas Entfremdung ist – so sagt man – typisch für die kapitalistische Welt; und sie trägt daher im Falle Mandelstams anormale und nicht wiederzuerkennende Züge, denn Mandelstam ist der in einer kommunistischen Welt „entfremdete“, ewig zum Kind gemachte und ohnmächtige Mensch. Was mehr noch als sein beharrlicher und kluger Kampf gegen Stalin tragisch wirkt, sind sein Wunsch, sich zu begnügen, seine kläglichen Versuche, eine Einigung zu finden, seine kleinen Verlagsarbeiten, seine Reisen und seine Umzüge – die ihm so glücklich erschienen – in irgendeine stille Moskauer Wohnung. Und all dies unternahm er wie ein privilegierter, zum Reichtum bestimmter Mann, er, der tatsächlich mit der Kultur eines reichen Mannes ausgestattet war. Indem er sich abmühte in einem Vorraum des Lebens – das dann aber nur das Nicht-Leben jener hätte sein können, welche die Stalin-Diktatur akzeptierten – lebte Mandelstam also ein unwirkliches Leben, für das es keine Lösung gab. Vielleicht wird er ein reales Gefühl gehabt haben: das Gefühl, auf der Flucht zu sein. Vielleicht auch nicht. Doch wir wissen nichts davon. Wir sehen ihn im Bemühen, die Vorhölle hinter sich zu lassen, und von den Gründen, die ihn am Leben hielten, haben wir nur das Zeugnis seiner wenigen Gedichte.
Und so verschwand er schließlich in einem Nichts. „Offiziellen Berichten“ zufolge soll er in Wtoraja Retschka gestorben sein, einem Durchgangslager in der Nähe von Wladiwostok. Zunächst hatte er einen Zwangsaufenthalt in Tscherdyn verbracht (wo er auch einen Selbstmordversuch unternahm), dann, nach einer kurzen Rast in Moskau, einen Zwangsaufenthalt in Woronesch; 1938 dann die endgültige Verhaftung und die Deportation. (Heute werden in der Sowjetunion seine Werke noch immer im verborgenen gelesen. Der Albtraum ist also durchaus noch nicht zu Ende).
Leichtfüßig, klug, geistreich, elegant, ja sogar exquisit, fröhlich, sinnlich, immer verliebt, redlich, hellsichtig und glücklich, selbst noch im Dunkel seiner Nervenkrankheit und des politischen Schreckens, jugendlich, ja fast jungenhaft, bizarr und kultiviert, treu und erfinderisch, lächelnd und geduldsam, hat uns Mandelstam eine der glücklichsten Dichtungen des Jahrhunderts gegeben, viel glücklicher als diejenige Majakowskijs, und reicher – selbst in einem engeren Kreis – als diejenige Jessenins.
Mandelstam gehört jener Periode der russischen Kultur an, die man Formalismus nennt – auch wenn die historischen Grenzen dieser Periode in seinem Falle erweitert gesehen werden müssen. Er hat auch nicht eigentlich an ihr teilgenommen, und das metalinguistische Interesse des Formalismus blieb ihm fremd: er stellte sich das Problem einer Sprache der Poesie, und löste es, ohne den Bereich der poetischen Sprache zu verlassen. Es gab für ihn einen einzigen Bereich außerhalb: die Politik, die zur Lebenswirklichkeit gewordene Politik. Es ist lachhaft, ihn als einen Meister der „Autonomie der Kunst“ auszugeben! Im Bereich der formalen Versuche macht er sich alle Elemente des Formalismus zu eigen, doch gleichsam an deren Ursprung, in einem Moment der Reinheit, die noch nicht in Poetiken und literarischen Manifesten kodifiziert ist: weshalb sich in ihm die leichtsinnige, törichte und tiefgründige, unbekümmerte und absolute, scherz- und schamhafte „Schreibweise“ des Formalismus mit den Schreibweisen einer vorangehenden, oder besser – fast zeitgenössischen europäischen Schreibkultur mischt. Paradoxerweise würde ich eher Apollinaire und… Cocteau nennen als etwa Yeats oder Eliot. Und mehr noch: Mandelstam kann es sich nachgerade erlauben, zwei Leidenschaften zu vereinen, nämlich jene für den Surrealismus oder seinen russischen Verwandten, den Kubo-Futurismus, mit jener für den Symbolismus. Wie oft verkörpert sich Mandelstams „Leichtheit“ im „harten Gestein“ einer mythisch-klassischen Sprache!
Es gibt keine wirkliche Entwicklung innerhalb der Dichtung Mandelstams: sie ist aus einem Stück. Vielleicht nur gerade in seinen letzten Gedichten, besonders in den allerletzten, 1937 in Woronesch geschriebenen, findet man eine größere Abstraktion, und der materielle Hintergrund – Landschaft, Lebensumstände – wirkt dumpfer und grauer. Da gibt es bei Mandelstam nicht mehr die zärtliche Hinwendung zu den häuslichen und etwas albernen Einzelheiten des Alltagslebens, diese mit genießerischem Auge betrachteten „Dinge“, wie es dem Privileg eines Dichters und potentiellen Bürgers, im vornehmsten und bewegendsten Sinne des Wortes, entsprechen würde. Was ihn in Woronesch umgab, war nicht für ihn bestimmt, und seine Heiterkeit, sein Witz, sein Humor, die ihn nie verlassen haben, können sich nun auf sich selber beziehen, nicht mehr auf die ihn umgebende Welt, und verwandeln dadurch eine tragische Situation zu etwas sprachlich Seiltänzerischem.
Mandelstams Inspiration blieb stets dieselbe im Laufe eines unverwirklichten Lebens und einer Geistesbildung, die nicht durch neue Erfahrungen sich erneuern konnte: um zu überleben, mußte er offensichtlich immer wieder auf seine Ursprünge zurückgreifen, aus den Urquellen seiner selbst schöpfen.
Und so gibt es denn wohl kaum ein Gedicht, in dem nicht ein Vers oder ein Verspaar gleichsam als seinen Gegenstand Mandelstams Witz darstellen würde. Fast immer handelt es sich um einen Vers, der zwischen dem leichtfüßigen „Wort jux“ und einer auf Analogie gründenden sprachlichen Verknüpfung sich abspielt – so daß der vergnügte Skandal seiner Schlagfertigkeit und die formale Verblüffung einen Funken jener träumerischen Weisheit erzeugen, welche die ganze Welt als eine verschwiegene und strahlende, von Mandelstam sich zugeeignete oder kraft eines ausdrücklichen Privilegs immer schon in seinem Besitz befindliche Neuheit gleichzeitig begreift und erschafft. „… Beneide ich still einen jeden, / In jedermann heimlich verliebt“; „Bedeutung ist ein Nichts, das Wort: ein bloßes Rauschen, / Dient die Phonetik treu – den Seraphim“; „Vom leichten Leben waren wir halb verrückt“; „In der Sowjetnacht, da werd ich beten / Für das selige, sinnlose Wort“; „Der Welt der Mächtigen war ich nur kindlich verbunden“; „Denn ich bin nicht von wölfischem Blut, und das macht: / Wer mir gleichkommt, nur der bringt mich um“; „Ich will aus unsrer Sprache fort / Aufbrechen – / Nur dem zuliebe, was ich ihr verdank“; „Gott-Nachtigall, gib mir Pylades’ Schicksal, / Sonst nimm mir meine Zunge – kein Verlust…“; „Die Macht ist widerlich wie Baderhände“; „Es ist das Lebende, das dem Vergleich entrinnt“; „Denn alle wollen sie sich sehen nun: / Geborene, die Abgrundnahen und – die ohne Tod hier weiterschreiten“, usw. usw. Das ganze „Wissen“ Mandelstams entfaltet sich auf diese Weise – und bringt vier oder fünf der schönsten Gedichte dieses Jahrhunderts hervor – voller Liebe, ohne Liebe, voller Haß, ohne Haß: ein Kampf gegen das Nicht-Sein, ausgefochten mit der Selbstverständlichkeit eines Traumes, in dem jedoch das Bewußtsein, wenn auch machtlos, so doch hellsichtig wäre und beinahe, auf eine rätselhafte Weise, glücklich.

Pier Paolo Pasolini, Il tempo, 3. Dezember 1972
(Aus dem Italienischen von Ralph Dutli)

 

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Im Luftgrab

I
Am 27. Dezember 1988 jährt sich zum 50. Male der Todestag Ossip Mandelstams, den Joseph Brodsky, der Literatur-Nobelpreisträger 1987, „Rußlands größten Dichter dieses Jahrhunderts“ genannt hat.
Der widerspenstige, durch Gedichte gegen Stalin in Ungnade gefallene Dichter starb im sibirischen Transitlager Wtoraja Retschka in der Nähe von Wladiwostok, am 27. Dezember 1938. Seither ist dieser Tod bereits zum literarischen Thema geworden – etwa durch den Text „Cherry-Brandy“ in den Erzählungen aus Kolyma des Schriftstellers Warlam Schalamow (1907–1982), der selber siebzehn Jahre seines Lebens in Straflagern verbracht hat und die Grenzsituation des zermürbenden Gefangenendaseins zu seinem literarischen Thema machte. In „Cherry-Brandy“ (Mandelstams Spitzname, nach einem Gedicht des Jahres 1931) versucht Schalamow zu rekonstruieren, was dem gepeinigten Dichter in den letzten Stunden durch den Kopf fährt.
Außerdem ist Mandelstams Tod fast bis zur Unkenntlichkeit von Gerüchten und Legenden überrankt: Mandelstam sei im Lager wahnsinnig geworden, Mandelstam habe kurz vor seinem Tod den Mitgefangenen am Feuer Petrarca-Sonette rezitiert, Mandelstam habe aus Angst vor dem Vergiftetwerden fremdes Brot gestohlen und sei von Kriminellen erschlagen worden, etc. etc. Manche dieser Legenden brachten die aus den stalinschen Straflagern entlassenen Häftlinge mit nach Moskau zurück. Die Witwe des Dichters, Nadeschda Mandelstam (1899–1980), berichtet in den letzten Kapiteln ihrer epochalen Memoiren Das Jahrhundert der Wölfe (deutsch 1971) von diesen Gerüchten und Legenden, und es ist bewegend zu sehen, mit wieviel Würde sie die einzelnen Rückkehrer-Geschichten nach dem winzigsten Körnchen Wahrheit absucht. Und damit soll es sein Bewenden haben.
Das hier dem deutschsprachigen Leser zu Mandelstams 50. Todestag vorgelegte Lesebuch will nicht an der Legende weben, sondern von der Legende weg und zum Wort kommen, zu Mandelstams Wort: eine Anthologie von seinen Texten – Gedichten und Prosa – bildet das Kernstück unseres Bandes. Denn der Tod – der fremde wie der eigene, der vorausgeahnte und vorausgenommene, der akzeptierte und der bekämpfte – war eines der großen Themen Mandelstams. Und über den Tod des Dichters nachzudenken, sind wir von Mandelstam selber legitimiert worden – in dem nur fragmentarisch erhaltenen Essay „Puschkin und Skrjabin“ von 1915 schreibt er (als Vierundzwanzigjähriger) den merk-würdigen und bedenkenswerten Satz:

Mir scheint, man dürfe den Tod eines Künstlers nicht von der Kette seiner schöpferischen Leistungen ausschließen, sondern müsse ihn vielmehr als das letzte, das Schlußglied der Kette betrachten.

 

II
Unsere Anthologie von Texten, die um den Tod kreisen, beansprucht keinesfalls, dieses Thema bei Mandelstam erschöpfend zu dokumentieren. Es sei ganz einfach eine Handvoll Texte, welche auch dem uneingeweihten, neuen Leser den Facettenreichtum, die Tiefe und die Dichte der Mandelstamschen Poesie vor Auge und Ohr führen möchte.
Der Weg reicht von den ersten, noch jugendlichen Zweifeln („Ist es wahr, und bin ich wirklich, / Und ob der Tod auch wirklich kommt?“) bis zu den letzten Zeugnissen der Reife, den poetischen Testamenten der Woronescher Spätzeit. Der Tod war für den jungen Mandelstam zunächst eingeschrieben in die prunkvollen Rituale Petersburgs, der Stadt seiner Kindheit, mit ihren Paraden, Studentenunruhen und Begräbnisfeierlichkeiten (wie sie in der autobiographischen Prosa „Das Rauschen der Zeit“ erinnert werden). Der aufgebahrte italienische Gesandte in Petersburg – ein Schlüsselerlebnis für das Kind Mandelstam. Der Tod als Faszinosum, das mit dem Glanz des imperialen Petersburg in subtiler Verbindung steht: die „sterbende Epoche“ mit ihrem Prunk von Samt und Seide, seidenkaschierte Agonie eines Jahrhunderts.
Ob tatsächlich der Tod von Angehörigen und Freunden den „Tod der Epoche“ zu verdrängen vermag, ob nicht auch er auf die Zeit selber projiziert wird? (In der Prosa „Der Tod des Julij Matwejitsch“ etwa, dann in „Ein Spätherbst in Finnland“, wo Delirium und Tod seines Jugendfreundes Boris Sinani verschlüsselt liegen.) Naturgemäß abseits stehend oder erhaben ist Mandelstams Gedicht auf den Tod seiner Mutter („Diese Nacht – nicht gutzumachen“), das auch zum Blick auf seine jüdischen Ursprünge gerät.
Mit der Revolutionszeit rückt die Epoche erneut in den Vordergrund. In den Tristia-Gedichten (1916–1921) spricht Mandelstam in apokalyptischen, dunklen Metaphern vom Tod Petersburgs als vom Tod der Kultur, vom Verlust des dichterischen Wortes als vom Verlust der Atemluft. Das Gedicht „In ungeheurer Höhe“ mit seinem beklemmenden Refrain „Petropolis, dein Bruder, stirbt“ vertritt in unserer Anthologie den ersten Themenkreis, das Gedicht „Schwestern: Schwere und Zartheit“ den zweiten – denn da wird Gesterns Sonne auf einer schwarzen Bahre vorübergetragen: eine Anspielung auf Alexander Puschkins gewaltsamen Tod 1837 (Puschkin war auch für Mandelstam der Inbegriff russischer Kultur, deren erste und letzte Instanz). Vor demselben Hintergrund ist der in Mandelstams bizarrste Prosa „Die ägyptische Briefmarke“ (1928) eingeflochtene Tod der italienischen Sängerin Angiolina Bosio – und also: der Tod des Gesangs – zu lesen.
An der Schwelle zu den dreißiger Jahren kommt eine neue Dynamik in das Thema. Die polemische, gegen Stalin und seine Literaten-Marionetten gerichtete Vierte Prosa spielt zwar mit dem Gedanken an den Selbstmord (die Rasierklinge!), enthält jedoch ein ungeheures Potential an Auflehnungskraft, Empörung und dichterischem Stolz, welche letztlich die Oberhand gewinnen. Ein einzigartiges Bekenntnis zum eigenen Weg in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Mandelstams Lyrik der dreißiger Jahre zeigt den Widerstreit zwischen denselben Polen: die freie Annahme, ja Vorausnahme des Todes einerseits, den Widerstand andererseits, die Beharrlichkeit, das zu Schaffende noch dem Tod abzuringen.
Dabei ist auch auf die beiden Liebesgedichte in unserer Anthologie hinzuweisen: „Wie herrlich du die Wörter sprichst“ (aus den Tristia-Gedichten) und „Meisterin der schuldbewußten Blicke“ (das letzte Gedicht der Moskauer Hefte). Mandelstam hat nur einige wenige Liebesgedichte geschaffen, doch sie gehören zu den schönsten in russischer Sprache überhaupt. Wie fein und verhalten der Tod sich hier in die Worte mischt, sei jetzt nicht weiter ausgelegt.
Doch hier noch zur Metapher des „Luftgrabs“, die den „Versen vom unbekannten Soldaten“ (Februar–März 1937) entnommen ist, diesem visionären und unergründlichen Requiem auf die „Millionen von leichthin Getöteten“ (wie souverän Mandelstam die Grenzen des Requiems hinter sich läßt, zeigt auch sein Gedicht auf Andrej Belyjs Tod: „Blaue Augen, das Stirnbein darüber“). Der Tod von abgestürzten Piloten lag am Ursprung des Bildes: der Himmel als immenses leeres Grab, mit dem auch der dem Tod entgegengehende Dichter wird zurechtkommen müssen. Tragische Metapher – die Luft, dieser Lebensgarant, der zum Atmen notwendige Stoff, in sprachlich engster Vereinigung mit dem Grab, dem Todesort. Doch zugleich auch ein künftiger „Ort, wo sich atmen ließe“ und letztlich – Überwindung des Todes.
Diese kurze Einführung in unseren Gedenkband will und kann nicht erschöpfend darlegen, was dieses Thema von uns will. Jeder Leser gehe hier seinen eigenen Weg. Anzumerken bleibt, daß Mandelstams Werk keinen Totenkult will, daß es ein zutiefst dem Leben zugewandtes Werk ist („Allen Lebenden lebenslang Freund“, heißt es im allerletzten Gedicht unserer Anthologie). Da und dort hat dieser russische Dichter durchblicken lassen, daß der Tod nicht das letzte Wort habe. Die Schlußzeile eines Gedichtes von 1935 lautet:

Nur noch sterben – und dann noch: der Sprung auf das Pferd.

 

III
Daß Mandelstams Werk lebt, belegen in unserem Band vier gewichtige Zeugen: vier Dichter unserer Zeit, die – aus vier verschiedenen Sprachen kommend – in persönlichen Essays ihre je eigene Begegnung mit dem Werk Mandelstams zum Ausdruck bringen.
Der im amerikanischen Exil lebende russische Lyriker Joseph Brodsky (* 1940) hat sich stets zu Mandelstam als zu einem seiner großen Lehrmeister bekannt – zuletzt noch in seiner Stockholmer Nobelpreisrede. Brodsky ist der eigenständige Erbe einer ganzen Generation russischer Dichter dieses Jahrhunderts, für deren Höhepunkte die vier Namen Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa, Boris Pasternak und Marina Zwetajewa stehen. Sie waren seine geistige Nahrung in den Zeiten der Repression, sie waren auch sein Fundament, auf dem er den eigenen dichterischen Reichtum entfalten konnte.
Für viele eine Überraschung dürfte es sein, daß auch der italienische Filmschaffende und Dichter Pier Paolo Pasolini (1922–1975) Mandelstam einen Text gewidmet hat, einen schillernden Text, der sich aus Paradoxen nährt. Wir verdanken ihm die Betonung von Mandelstams „Leichtheit“ und „Witz“, sowie die Einsicht, daß dieses tief tragische Werk uns „lichtvoll“ erscheine, daß es eine der „glücklichsten Dichtungen unseres Jahrhunderts“ darstelle.
Der feinhörige französischsprachige Lyriker und Hölderlin-, Rilke- und Ungaretti-Übersetzer Philippe Jaccottet (* 1925) charakterisiert in seinem Essay die Begegnung mit dem Werk Mandelstams sehr eindrücklich als eine heftige Taufe (un baptême brutal), assoziiert die Mandelstamsche Poesie mit der Frische und Unbändigkeit von Wildbächen. Mandelstam, diesem Dichter der Kultur, wird auf diesen herben und zugleich lyrischen Seiten die Ursprünglichkeit einer Naturgewalt bescheinigt.
Ein besonderes Ereignis – und hier gilt unser herzlicher Dank Frau Gisèle Celan-Lestrange, Paris – ist der Abdruck eines bisher unbekannten Textes von Paul Celan (1920–1970), „Die Dichtung Ossip Mandelstamms“, eines Textes, der im Umkreis seines großen poetologischen Entwurfes Der Meridian (1960) entstanden ist und so manches Rätsel des Celanschen Denkens und seiner besonders intimen Beziehung zum Werk Ossip Mandelstams lüften könnte. Ohne den Celanisten vorgreifen zu wollen, sei die außerordentliche Bedeutung dieses ursprünglich für den Rundfunk konzipierten, lange Zeit verschollenen Textes hervorgehoben: es ist unverkennbar, daß Celan auch hier „unter dem Neigungswinkel seiner Existenz“ – wie er im Text selber formuliert – und damit unter dem Neigungswinkel seiner Poetik sich Mandelstam annähert. Durch diesen Erstdruck darf unser Lesebuch und Gedenkband – und dies ist gut so und hat seinen Sinn – auch zu einer Hommage an Paul Celan werden, der 1959 mit seinen ersten Übertragungen Mandelstam für den deutschsprachigen Raum entdeckt hat. Seine damals den Übertragungen beigefügte Notiz ist in unserem Band ebenfalls mitabgedruckt.
Gewiß ist es nicht unangebracht, abschließend jenen einen Satz aus Paul Celans französisch gehaltenem Brief an Gleb Struve vom 29. Februar 1960 in Erinnerung zu rufen, der den Kern dieser Begegnung zu fassen sucht (er ist abgedruckt in der Zeitschrift Germano-Slavica 2, 1978, S. 363):

Mandelstamm: rarement, j’ai eu, comme avec sa poésie, le sentiment de cheminer – de cheminer aux côtés de l’Irréfutable et du Vrai, et grâce à lui.

 

Mandelstamm: selten noch habe ich, wie mit seiner Dichtung, das Gefühl gehabt, einen Weg zu gehen – einen Weg zu gehen an der Seite des Unwiderlegbaren und Wahren, und dies dank ihm. (deutsch: RD)

Alle in unserem Gedenkband versammelten Beiträge möchten eine literarische Behausung für Mandelstam bilden, einen Ort, „wo sich atmen ließe“ – und wenn schon ein Grab, dann gewiß eines aus Poesie, ein Luftgrab eben.

Ralph Dutli, Vorwort

 

Zum 50. Todestag Ossip Mandelstams,

den der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky „Russlands größten Dichter des 20. Jahrhunderts“ genannt hat.
Das hier dem deutschsprachigen Leser vorgelegte Lesebuch will nicht an der Legende weben, sondern von der Legende weg und zum Wort kommen, zu Mandelstams Wort: eine Anthologie von seinen Texten – Gedichten und Prosa – bildet das Kernstück unseres Bandes. Denn der Tod – der fremde wie der eigene, der vorausgeahnte und vorausgenommene, der akzeptierte und der bekämpfte – war eines der großen Themen Mandelstams. Und über den Tod des Dichters nachzudenken sind wir von Mandelstam selbst legitimiert worden – in einem Essay schreibt er den Satz:

Mir scheint, man dürfe den Tod eines Künstlers nicht von der Kette seiner schöpferischen Leistungen ausschließen, sondern müsse ihn vielmehr als das letzte, das Schlussglied der Kette betrachten.

Doch Mandelstams Werk will keinen Todeskult, sondern eine Lebensfeier, und da und dort hat der Dichter durchblicken lassen, dass der Tod nicht das letzte Wort habe. Die Schlusszeile eines Gedichtes von 1935 lautet:

Nur noch sterben – und dann noch: der Sprung auf das Pferd.

Und dass sein Werk noch immer lebt, belegen in unserem Band vier gewichtige Zeugen: vier Dichter unserer Zeit, die – aus vier verschiedenen Sprachen kommend – in engagierten, persönlichen Essays ihre je eigene Begegnung mit dem Werk Mandelstams zum Ausdruck bringen.
Der amerikanisch-russische Nobelpreisträger Joseph Brodsky hat sich stets zu Mandelstam als zu einem seiner großen Lehrmeister bekannt. Die Texte des italienischen Filmschaffenden und Dichters Pier Paolo Pasolini und des feinhörigen französischsprachigen Lyrikers Philippe Jaccottet erscheinen hier erstmals in deutscher Sprache.
Ein besonderes Ereignis ist der Abdruck eines bisher unveröffentlichten Textes von Paul Celan, „Die Dichtung Ossip Mandelstams“, der im Umkreis seines großen poetologischen Entwurfs „Der Meridian“ (1960) entstanden ist und so manches Rätsel des Celan’schen Denkens und seiner besonders intimen Beziehung zum Werk Ossip Mandelstams lüften könnte. Durch diese Erstveröffentlichung darf unser Band auch zu einer Hommage à Paul Celan werden, der 1959 mit seinen ersten Übertragungen Mandelstam für den deutschsprachigen Raum entdeckt hat.
Alle diese Beiträge bilden ein literarisches Gebäude für Mandelstam, einen Ort, „wo sich atmen ließe“ – und wenn schon ein Grab, dann gewiss eines aus Poesie, ein Luftgrab eben.

Ammann Verlag, Ankündigung

 

Im Luftgrab ohne Steuer und Flügel

– Gedichte Ossip Mandelstams und Essays über sein Werk. –

Ralph Dutli, der emsige Übersetzer der Gedichte und der Prosa Ossip Mandelstams, hat zum fünfzigsten Todestag seines Dichters – Mandelstam starb am 27. Dezember 1938 in einem Transitlager in der Nähe von Wladiwostok – ein kleines Lesebuch zusammengestellt, das Anthologie, Ergänzung und Deutung in einem ist. Der Anlaß, aus dem es erscheint, wie auch die Sorgfalt, mit der es zusammengestellt wurde, verbieten es, in ihm lediglich ein Verlegenheitsprodukt zu sehen.
Im anthologischen Teil hat Dutli Prosastücke und Gedichte vereinigt, die um eines der zentralen Motive Mandelstams kreisen: Sterben und Tod. Wahrhaftig, Mandelstam hat ein enges, fast kameradschaftliches Verhältnis zum Tod, verzweiflungsvolle Schauer sind ihm fremd. Bei seinen Freunden, den Dichtern und Künstlern, empfindet er den Tod als letzten schöpferischen Akt: „Mir scheint, man dürfe den Tod eines Künstlers nicht von der Kette seiner schöpferischen Leistungen ausschließen, sondern müsse ihn vielmehr als das letzte, das Schlußglied der Kette betrachten“, schreibt er in dem Essay „Puschkin und Skrjabin“.
Für eine Ergänzung gebührt dem Übersetzer besonderer Dank: Mandelstams Sonett „Ewald Christian von Kleist“, das eine frühere Version des Gedichts „An die deutsche Sprache“ darstellt. Beide Texte sind nun nacheinander abgedruckt, und man kann verfolgen, wie die Beschäftigung mit dem „Dichter und Soldaten“ Kleist sich zur Verneigung vor der deutschen Sprache ausweitet, der Mandelstam, aus der eigenen Sprache fort, „wie eine Motte in die Flamme“ zustrebte. (Dutli ist die Übersetzung gerade dieses Sonetts erstaunlich gut gelungen. Kein anderer Übersetzer hat bisher den Mandelstam-Ton in ähnlicher Weise getroffen.)
Zur Deutung Mandelstams hat Dutli Texte von Paul Celan, Pier Paolo Pasolini, Philippe Jaccottet und Joseph Brodsky zusammengetragen. Celans „Notiz“ zu den Mandelstam-Übertragungen (1959) und ein Rundfunkessay aus dem Jahre 1960 zeugen von einem Herantasten an Mandelstam, fixieren aber auch schon den „phänomenalen Charakter“ (etwa in der Sammlung Stein) und den „menschlichen Ort“ der Poesie Mandelstams:

Das Gedicht bleibt, mit allen seinen Horizonten, ein sublunarisches, terrestrisches, ein kreatürliches Phänomen.

Pasolini hingegen, wohl stärker unter dem Eindruck der Memoiren Nadeshda Mandelstams als der Gedichte Ossip Mandelstams stehend und beides ineinanderwebend, stellt auf das Unwahrscheinliche im Leben Mandelstams ab. Der Dichter habe gelebt „wie ein geblendetes Tier auf gänzlich unbekannten Weiden“. Daß er, der Europäer und Jude, in Petersburg lebte, daß er, ausgestattet „mit der Kultur eines reichen Mannes“, die proletarische Revolution annahm, zählt Pasolini zu den Absurditäten dieses Lebens. Die unverhofften, beglückenden Wendungen in der Poesie Mandelstams, sein „Wortjux“, sind für Pasolini Indiz für eine Überlebensstrategie:

Seine Heiterkeit, sein Witz, sein Humor… verwandeln… eine tragische Situation zu etwas sprachlich Seiltänzerischem.

Der Lyriker Philippe Jaccottet analysiert einige Gedichte Mandelstams, „feinhörig“, wie es zutreffend im Klappentext heißt, indem er musikalische Kompositionsformen – Fuge, Kontrapunkt, Polyphonie, Leitmotive – aus den Texten heraushört, gebildet aus dem Material der Wörter, von denen jedes „wie ein Gestirn mit Strahlkraft versehen und befrachtet mit tief gelebter Erfahrung“ ist.
Was der vorjährige Nobelpreisträger Joseph Brodsky in seinem Essay „Kind der Zivilisation“ über Mandelstam sagt, gehört zum Besten und Klügsten, was über den Dichter bisher geschrieben wurde. Seine Verwurzelung in der russischen Sprache („Für den Geist gibt es möglicherweise keine bessere Unterkunft“), seine Affinität zu Petersburg, dem „Mediastinum des russischen Hellenismus“, werden als Fundamente der Mandelstamschen Dichtung herausgestellt. Mit dieser Ordnung und der Puschkin-Tradition bringt Brodsky den Gebrauch streng gebauter Verse in Verbindung, Verse, die freilich nichts weniger als konventionell sind, vielmehr auf eine neue Weise semantisch, gedanklich und stilistisch überfrachtet erscheinen. Manche neue, überraschende Einsicht bietet Brodskys auf mandelstamsche Weise komprimiertet Text; so wenn er die Zeitempfindung, die Mandelstams Lyrik vermittelt, mit den ungewöhnlichen Zäsuren im Fluß seiner Verse erklärt.
Bemerkenswert auch Brodskys Erörterung der Übersetzbarkeit der Mandelstamschen Gedichte – und das hier Gesagte gilt in gleichem Maße für die Lyrik von Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa, Boris Pasternak und Joseph Brodsky selbst: Die „konventionelle“ Form der Verse Mandelstams sei keineswegs das Produkt irgendeiner rückständigen Poetik, sondern im Grunde vergleichbar den Säulen eines Portikus:

Sie zu entfernen heißt nicht nur die eigene ,Architektur‘ auf Bruchbuden und Schrotthaufen zu reduzieren; es heißt zu lügen hinsichtlich all dessen, wofür der Dichter lebte und starb.

Das kleine Mandelstam-Lesebuch ersetzt gewiß keine Werkausgabe und keine Monographie über den Dichter, doch bietet es eine Fülle an Anregungen und Einblicken in die dichterische Welt Ossip Mandelstams, der in einem seiner letzten Gedichte schrieb:

Wie nur kann ich im Luftgrab mich halten
Ohne Steuer und Flügel und List?

Reinhard Lauer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.9.1988

 

Kind der Zivilisation

Aus unerfindlichen Gründen klingt „Tod eines Dichters“ immer irgendwie konkreter als „Leben eines Dichters“. Vielleicht weil „Leben“ wie „Dichter“ als Worte in ihrer ausdrücklichen Unbestimmtheit beinahe synonym sind. Wogegen „Tod“ – sogar als Wort – etwa ebenso fest umrissen ist wie das Werk des Dichters, d.h. wie ein Gedicht, in dem die letzte Zeile das Wesentliche ist. Gleich woraus ein Kunstwerk besteht, es läuft auf das Finale zu, das seine Form mitbestimmt und das eine Wiederbelebung nicht zuläßt. Auf die letzte Zeile eines Gedichts folgt nichts als Literaturkritik. Wenn wir also einen Dichter lesen, haben wir teil an seinem Tod oder dem seines Werks. Im Falle Mandelstams haben wir teil an beidem.
Ein Kunstwerk ist immer darauf angelegt, seinen Schöpfer zu überdauern. Den Philosophen paraphrasierend, könnte man sagen, daß auch Gedichte schreiben eine Übung im Sterben ist. Was einen aber schreiben läßt, ist, von rein sprachlicher Notwendigkeit einmal abgesehen, nicht so sehr die Sorge um die Vergänglichkeit des eigenen Fleisches als das Bedürfnis, Nachsicht walten zu lassen gegenüber gewissen Dingen der eigenen Welt, der persönlichen Zivilisation, des eigenen Kontinuums im nichtsemantischen Bereich. Kunst ist nicht eine bessere, sondern eine andere Art der Existenz; sie ist nicht der Versuch, der Realität zu entfliehen, sondern das Gegenteil: ein Versuch, sie zu beseelen. Sie ist der Geist, der einen Leib sucht und Worte findet. Im Falle Mandelstams waren es zufällig die Worte des Russischen. Für diesen Geist gibt es möglicherweise keine bessere Unterkunft: Russisch ist eine stark flektierte Sprache. Was bedeutet, daß das Substantiv ohne weiteres ganz hinten am Satzende sitzen kann und daß die Endung dieses Substantivs (oder Adjektivs oder Verbs) nach Genus, Numerus und Kasus variiert. All dies verleiht jedem sprachlichen Ausdruck eine stereoskopische Qualität der Wahrnehmung, ja, schärft und fördert diese (bisweilen). Das anschaulichste Beispiel hierfür ist Mandelstams Umgang mit einem der Hauptthemen seiner Lyrik, dem Thema der Zeit.
Nichts ist absonderlicher, als ein analytisches Verfahren auf ein synthetisches Phänomen anwenden zu müssen zum Beispiel, auf englisch über einen russischen Dichter zu schreiben. Allerdings wäre es bei Mandelstam auch nicht viel leichter ein derartiges Verfahren in russischer Sprache anzuwenden. Dichtung ist höchste Leistung der gesamten Sprache, und sie zu analysieren heißt nur, den Brennpunkt diffus werden zu lassen. Das gilt in noch stärkerem Maße für Mandelstam der im Kontext der russischen Dichtung eine extrem einsame Gestalt ist, und gerade die Dichte seines Brennpunkts ist der Grund für seine Isolation. Literaturkritik ist nur dann zu Einsichten fähig, wenn der Kritiker sich in psychologischer und sprachlicher Hinsicht auf derselben Ebene wie der Autor bewegt. So wie es derzeit aussieht, ist es Mandelstam bestimmt, in beiden Sprachen von einer Kritik beurteilt zu werden, die eindeutig unter seinem Niveau ist.
Die Unzulänglichkeit der Analysen zeigt sich schon am Themenbegriff, sei es nun ein Zeit-, Liebes- oder Todesthema. Dichtung ist zuallererst eine Kunst der Verweise, Anspielungen, der sprachlichen und bildlichen Parallelen. Zwischen dem Homo sapiens und dem Homo scribens klafft ein riesiger Abgrund, weil er den Schreibenden die Vorstellung von einem Thema sich erst aus der Kombination der oben erwähnten Techniken und Verfahren ergibt, wenn überhaupt. Schreiben ist ein buchstäblich existentieller Vorgang; es benutzt das Denken für seine eigenen Zwecke, es verbraucht Begriffe, Themen und dergleichen, nicht umgekehrt. Die Sprache ist es, die ein Gedicht diktiert, die Stimme der Sprache nämlich, die wir unter den Spottnamen Muse oder Inspiration kennen. Es ist daher besser, nicht vom Thema der Zeit in Mandelstams Lyrik zu sprechen, sondern von der Gegenwärtigkeit der Zeit selbst, als Entität wie als Thema, und sei es nur, weil die Zeit ihren Sitz ohnehin im Gedicht hat, und zwar als Zäsur.
Dessen sind wir uns voll bewußt, und deshalb sagt Mandelstam, anders als Goethe, nie zum Augenblick: „Verweile doch! Du bist so schön!“, sondern versucht nur, die Zäsur auszudehnen. Mehr noch, er tut dies nicht wegen der speziellen Schönheit oder Unschönheit dieses Augenblicks, sein Anliegen (und folglich auch sein technisches Vorgehen) ist ein ganz anderes. Was der junge Mandelstam in seinen ersten beiden Gedichtsammlungen zu vermitteln suchte, war das Gefühl einer überreich gesättigten Existenz, und als Medium wählte er die Abbildung der überfrachteten Zeit. Unter Einsatz aller Klang- und Anspielungskraft der Worte drückt seine Lyrik jener Periode das sich verlangsamende, zähflüssige Vergehen der Zeit aus. Weil Mandelstam (wie immer) das gelingt, was er will, nimmt der Leser die Worte und sogar die Buchstaben – vor allem die Vokale – als nahezu greifbare Gefäße der Zeit wahr.
Andererseits geht es ihm keineswegs um jene Suche nach vergangenen Tagen mit ihrem zwanghaften Umhertasten, um die Vergangenheit wieder einzufangen und neu zu überdenken. Mandelstam blickt in einem Gedicht selten zurück; er ist ganz und gar in der Gegenwart – in diesem Augenblick, den er andauern, sich über seine natürliche Begrenzung hinaus hinziehen läßt. Für die Vergangenheit, ob die persönliche oder historische, ist schon durch die Wortetymologie gesorgt. Doch so unproustisch seine Behandlung der Zeit auch ist, die Dichte seiner Verse ist der Prosa des großen Franzosen nicht unverwandt. In gewisser Weise ist es die gleiche totale Kriegführung, der gleiche Frontalangriff, in diesem Fall allerdings ein Angriff auf die Gegenwart und mit Mitteln anderer Art. Es ist beispielsweise außerordentlich wichtig, sich klarzumachen, daß Mandelstam fast jedesmal, wenn er dieses Zeitthema aufnimmt, einen stark zäsurierten Vers verwendet, der in Hebungen oder Inhalt den Hexameter anklingen läßt. Gewöhnlich ist es ein jambischer Pentameter, der in einen Alexandriner entgleitet, und es findet sich immer eine Paraphrase oder ein direkter Bezug auf eines der Homerischen Epen. In der Regel spielt dieses Gedicht irgendwo an der See, im Spätsommer, womit direkt oder indirekt der griechisch-antike Hintergrund heraufbeschworen wird. Betrachtet doch die russische Lyrik traditionell die Krim und das Schwarze Meer als die einzig greifbare Annäherung an die griechische Welt, zu der diese Gegenden – Tauris und Pontos euxeinos – als Randgebiete gehörten. Man denke zum Beispiel an Gedichte wie „Aus der Flasche ein Strom – wie der goldgelbe Honig da floß…“, „Schlaflosigkeit. Homer. Gespannte Segel“ und „Goldamseln drin im Wald, die Länge der Vokale“, in dem folgende Zeilen stehen:

In der Natur jedoch zum jährlich einen Male
Fließt lang die Dehnung hin, als wärs im Vers Homers.
Und gleich einer Zäsur klafft heute dieser Tag…

(Diese und alle folgenden Übersetzungen von Ralph Dutli)

Die Auswirkungen dieses griechischen Echos sind mannigfach. Man könnte es als rein technisches Problem abtun, aber der entscheidende Punkt ist, daß der Alexandriner der nächste Verwandte des Hexameters ist, und sei es nur hinsichtlich der Verwendung einer Zäsur. Da wir schon von Verwandtschaft sprechen: Die Mutter aller Musen war Mnemosyne, die Muse der Erinnerung, und ein Gedicht (sei es ein kurzes oder ein Epos) muß auswendig gelernt werden, um zu überleben. Der Hexameter war eine hervorragende mnemotechnische Erfindung, und sei es auch nur, weil er so schwerfällig ist und so verschieden von der Umgangssprache jedweder Zuhörerschaft, einschließlich der Homers. Wenn Mandelstam also auf dieses Gedächtnisvehikel innerhalb eines anderen – d.h. in seinem Alexandriner – Bezug nimmt, stellt er zugleich mit der fast physischen Wahrnehmung des Zeittunnels den Effekt eines Spiels im Spiel her, einer Zäsur in einer Zäsur, einer Pause in einer Pause. Was letztlich eine Form der Zeit ist wenn nicht ihr Sinn: wenn die Zeit dadurch nicht angehalten wird, wird sie doch wenigstens im Brennpunkt konzentriert.
Nicht, daß Mandelstam dies bewußt, mit Absicht, täte. Oder daß dies sein Hauptziel wäre, während er ein Gedicht schreibt. Er tut es beiläufig, in Nebensätzen, während er schreibt (oft über etwas anderes), nie, indem er auf diesen Punkt hinschrieb. Themenbezogene Lyrik ist nicht seine Sache. Ebensowenig die der russischen Lyrik allgemein. Ihre Grundtechnik ist die des Um-den-heißen-Brei-Herumschleichens, der Annäherung an das Thema von verschiedenen Blickwinkeln aus. Die klar umrissene Darstellung des Gegenstandes, die so typisch für die englischsprachige Lyrik ist, wird normalerweise in dieser oder jener Zeile abgehakt, und dann geht der Dichter zu etwas anderem über; sie füllt selten ein ganzes Gedicht. Themen und Begriffe sind – ungeachtet ihres Gewichts – nichts als Material, wie Wörter, und sie sind immer da. Die Sprache hat Namen für sie alle, und der Dichter ist der Meister der Sprache.
Griechenland war immer da, ebenso Rom und ebenso das biblische Judäa und das Christentum. Diese Ecksteine unserer Zivilisation werden in Mandelstams Lyrik etwa so behandelt, wie die Zeit selbst sie behandeln würde: als Einheit – und in ihrer Einheit. Mandelstam zu einem Verbünder einer dieser Lehren (und vor allem der letztgenannten) zu erklären, hieße nicht nur, ihn kleiner zu machen, als er ist, sondern auch, seine historische Perspektive oder vielmehr seine historische Landschaft zu verzerren. Thematisch wiederholt Mandelstams Lyrik die Entwicklung unserer Zivilisation: sie fließt nach Norden, doch vermischen sich die parallelen Strömungen in diesem Strom gleich von Anfang an miteinander. Gegen 1920 beginnen die römischen Themen gegenüber den griechischen und biblischen zu überwiegen – in erster Linie deshalb, weil Mandelstam sich zunehmend mit der archetypischen Kategorie des „Dichters gegen ein Imperium“ identifiziert. Diese Haltung war nur zum geringsten Teil durch die damalige politische Lage in Rußland bedingt, sie entsprang vor allem Mandelstams eigener Einschätzung dessen, wie sein Werk sich zum Rest der zeitgenössischen Literatur wie auch zu dem moralischen Klima und den intellektuellen Problemen der restlichen Nation verhielt. Es war deren moralischer und geistiger Niedergang, der ihm den imperialen Horizont suggerierte. Und doch überwogen die römischen Themen nur, sie wurden nie übermächtig. Sogar in „Tristia“, dem römischsten seiner Gedichte, in dem Mandelstam deutlich den exilierten Ovid zitiert, ist ein gewisser Hesiodscher Patriarchenton zu spüren, der darauf hindeutet, daß das Ganze durch ein irgendwie griechisches Prisma gesehen wurde.

TRISTIA

 

Ich lernte Abschied: eine Wissenschaft,
In Klagen – nachts – von unbedecktem Haar.
Gekau der Ochsen. Warten. Und kein Schlaf.
Den letzten Gang der Wache nehm ich wahr.
Und folg dem einen Kult: der Nacht der Hähne,
Als ich die Lasten hob, den Schmerz – für lang,
Ein Aug ins Ferne sah durch seine Träne,
Und Schluchzen mischte sich zum Musensang.

 

Wer weiß, hört er das Wort da: Abschiednehmen,
Welch eine Trennung es uns bringt –
Was er verheißen mag, der Schrei der Hähne
Auf der Akropolis, wenn alles brennt?
Und da es tagt, das irgendneue Leben,
Während er immer kaut, der Ochse, träg –
Warum der Hahn, der Künder neuen Lebens,
Auf seinem Wall die Flügel schlägt?

 

Ich lieb das Weiterspinnen all der Fäden:
Ein Schiffchen fliegt, und eine Spindel surrt…
Da schau: zu dir, wie Flaum der Schwäne,
Fliegt Delia, da kommt sie, unbeschuht!
O unsres Lebens Grund, der karge, sehre –
Wie arm der Freude Sprache, wie begrenzt!
Und alles war schon und wird wiederkehren:
Dein Glück – nur der Moment, da du’s erkennst.

 

So sei es denn: ein Wachsfigürchen, hell,
Das sich auf einer irdnen Schale zeigt
(Die Form – ein Eichhorn, sein gestrafftes Fell) –
Ein Mädchen, schauend, übers Wachs geneigt.
Nicht uns steht zu, den Erebos zu ahnen,
Den Männern Kupfer, Wachs den Frauen.
Uns fällt das Los, die Schlacht zu schlagen,
Doch sie: sie sterben, in die Zukunft schauend.

Später, in den dreißiger Jahren, während der sogenannten Woronescher Zeit, als alle diese Themen – einschließlich dem Roms und des Christentums – dem „Thema“ nackten existentiellen Grauens wichen und einer erschreckenden geistig-seelischen Akzeleration, wird das Muster wechselseitiger Beeinflussung und Abhängigkeit jener Bereiche noch offenkundiger und dichter.
Nicht daß Mandelstam ein „zivilisierter“ Dichter gewesen wäre; vielmehr war er ein Dichter der Zivilisation, für die er schrieb. Als er einmal gebeten wurde, den Akmeismus – die literarische Bewegung, der er angehörte – zu definieren, antwortete er:

Sehnsucht nach Weltkultur.

Dieser Begriff Weltkultur ist entschieden russisch. Auf Grund seiner Lage (weder Osten noch Westen) und seiner mit Mängeln behafteten Geschichte hat Rußland immer unter einem kulturellen Minderwertigkeitsgefühl gelitten, zumindest gegenüber dem Westen. Aus dieser Unterlegenheit erwuchs die Idealvorstellung von einer kulturellen Einheit „da draußen“, und die Folge war eine intellektuelle Gier nach allem, was aus dieser Richtung kam. In gewisser Weise ist dies eine russische Version des Hellenismus, und Mandelstams Bemerkung über Puschkins „hellenistische Blässe“ kam nicht von ungefähr.
Das Zentrum dieses russischen Hellenismus war St. Petersburg. Vielleicht wäre das beste Emblem für Mandelstams Einstellung zu dieser sogenannten Weltkultur der streng klassizistische Portikus der Petersburger Admiralität, den Reliefs trompetender Engel schmücken und von dem die nadelgleiche goldene Spitze aufragt, die die Silhouette eines Klippers trägt. Um seine Dichtung besser zu verstehen, sollte sich der nicht Russisch sprechende Leser vielleicht klarmachen, daß Mandelstam ein Jude war und in der Hauptstadt des zaristischen Rußland lebte, dessen herrschende Religion der russisch-orthodoxe Glaube, dessen politische Struktur zuinnerst byzantinisch und dessen Alphabet die Erfindung zweier griechischer Mönche war. Historisch betrachtet, war diese organische Mischung am stärksten in St. Petersburg zu spüren, das für Mandelstam die eschatologische Nische, ihm „zum Weinen vertraut“, für den Rest seines nicht allzu langen Lebens wurde.
Es war jedoch lang genug, um diesen Ort unsterblich zu machen, und wenn man seine Lyrik gelegentlich „petersburgisch“ genannt hat, so darf man diese Bezeichnung aus mehr als einem Grund als ebenso treffend wie ehrenvoll ansehen. Treffend deshalb, weil Petersburg nicht nur die Regierungshauptstadt des Zarenreiches war, sondern auch sein geistiges Zentrum, und zu Beginn des Jahrhunderts verschmolzen dort die Elemente jenes Stroms auf die gleiche Weise wie in Mandelstams Gedichten. Ehrenvoll deshalb, weil der Dichter wie die Stadt durch ihre Konfrontation an Bedeutung gewannen. War der Westen Athen, so war Petersburg im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Alexandria. Dieses „Fenster nach Europa“, wie Petersburg von einigen freundlichen Seelen der Aufklärung genannt wurde, diese „erfundenste Stadt“, wie sie später Dostojewskij definierte, die auf dem Breitengrad von Vancouver liegt, in der Mündung eines Flusses, der so breit ist wie der Hudson zwischen Manhattan und New Jersey, hatte und hat jene Art von Schönheit, die der Wahnsinn hervorbringen kann – oder die versucht, diesen Wahnsinn zu verbergen. Klassizismus hatte nie so viel Raum, und die italienischen Architekten, die von einer ganzen Reihe russischer Monarchen ins Land geholt wurden, hatten das nur zu gut begriffen. Die unendlichen gigantischen vertikalen Flöße der weißen Säulen an den Fassaden der Uferpaläste, die dem Zaren, seiner Familie, dem Adel, den Botschaften und den nouveaux riches gehören, werden von dem spiegelnden Fluß zur Ostsee hinabgetragen. Die größte Prachtstraße des Reiches – den Newskij-Prospekt – säumen Kirchen aller Glaubensrichtungen. Die endlosen breiten Straßen sind voller Einspänner, neumodischer Automobile, müßiger, wohlgekleideter Menschen, erstklassiger Geschäfte, Konditoreien usw. Unermeßlich weite Plätze mit berittenen Statuen früherer Herrscher und mit höheren Triumphsäulen als die Nelsons. Ungezählte Verlage, Journale, Zeitungen, politische Parteien (mehr als im heutigen Amerika), Theater, Restaurants, Zigeuner. Das Ganze umgeben von dem Kranz rauchender Fabrikschlote – einem backsteinernen Birnamswald – und bedeckt von dem weit ausgebreiteten feuchten, grauen Laken des Himmels der nördlichen Hemisphäre. Ein Krieg ist verloren, ein anderer – ein Weltkrieg – droht, und man ist ein kleiner jüdischer Junge mit einem Herzen voll russischer jambischer Pentameter.
In dieser riesenmaßstäblichen Verkörperung vollkommener Ordnung ist der jambische Takt so natürlich wie Kopfsteinpflaster. Petersburg ist eine Wiege russischer Lyrik und, mehr noch, ihrer Prosodie. Die Idee einer edlen Struktur ohne Ansehen der Qualität des Inhalts (manchmal genau gegen seine Qualität, was einen ungeheuren Eindruck von Widersprüchlichkeit schafft – Hinweis auf die Wertung des beschriebenen Phänomens, nicht durch den Autor, sondern durch den Vers selbst) ist rein ortsgebunden. Die ganze Sache fing im vorigen Jahrhundert an, und Mandelstams Gebrauch strenger Metren in seinem ersten Buch Der Stein gemahnt deutlich an Puschkin und dessen Plejade. Und doch ist dies weder das Ergebnis einer bewußten Entscheidung, noch ein Zeichen dafür, das Mandelstams Stil durch frühere oder zeitgenössische Vorgänge in der russischen Lyrik vorherbestimmt gewesen wäre.
Das Vorhandensein eines Echos ist das Hauptmerkmal jeder guten Akustik, und Mandelstam schuf lediglich eine große Kuppel für das Echo seiner Vorläufer. Die ausgeprägtesten Stimmen gehören Derschawin, Baratynskij und Batjuschkow. Jedoch handelte er weitgehend unabhängig, ohne sich um vorhandene Idiome, besonders das zeitgenössische, zu kümmern. Er hatte einfach zuviel zu sagen, als daß es ihm darauf angekommen wäre, stilistisch einzigartig zu sein. Doch war es gerade diese Überfrachtung seines ansonsten regelmäßigen Verses, die ihn einzigartig machte.
Rein äußerlich sahen seine Gedichte nicht so sehr viel anders aus als die der Symbolisten, die die literarische Szene beherrschten: er verwendete relativ regelmäßige Reime, eine Standardstrophenform, und die Länge seiner Gedichte war die übliche – sechzehn bis vierundzwanzig Zeilen. Aber mit diesem bescheidenen Vehikel trug er seine Leser viel weiter fort als irgendeiner jener anheimelnden (weil schwammigen) Metaphysiker, die sich als russische Symbolisten bezeichneten. Der Symbolismus war sicher die letzte große Bewegung (und das nicht nur in Rußland); doch Lyrik ist eine extrem individualistische Kunst, sie hat etwas gegen Ismen. Die Lyrikproduktion des Symbolismus war so umfangreich und seraphisch, wie es die Mitgliedschaft und die Postulate dieser Bewegung waren. Ein Höhenflug so bar jeder inneren Notwendigkeit, daß auch Universitätsabsolventen, Offiziersanwärter und Büroangestellte sich versucht fühlten und das Genre bereits an der Jahrhundertwende als inflationäres Wortgeklingel kompromittiert war, etwa so wie es heute bei dem freien Vers in Amerika der Fall ist. Zwar sank die Wertschätzung, als dann unter den Namen Futurismus, Konstruktivismus, Imaginismus usw. die Gegenbewegung einsetzte. Doch waren dies eben nur Ismen, die gegen Ismen kämpften, Schreibweisen gegen Schreibweisen. Nur zwei Dichter, Mandelstam und Marina Zwetajewa, brachten inhaltlich qualitativ Neues, und ihr Schicksal spiegelte in furchtbarer Weise das Ausmaß ihrer geistigen Autonomie wider.
In der Dichtung wie anderswo auch wird der Streit um geistige Überlegenheit stets auf physischer Ebene ausgetragen. Man muß einfach annehmen, daß es genau der (von antisemitischen Obertönen nicht ganz freie) Bruch mit den Symbolisten war, der die Keime zu Mandelstams Zukunft in sich trug. Ich beziehe mich nicht so sehr auf Georgij Iwanows Verhöhnung eines Mandelstam-Gedichts im Jahre 1917, deren Nachhall die offizielle Achtung in den dreißiger Jahren war, als auf Mandelstams zunehmende Absonderung von jeglicher Form von Massenproduktion, speziell sprachlicher und seelisch-geistiger Art. Die Wirkung war, daß eine Stimme, je klarer sie wird, desto dissonanter klingt. Das stört jeden Chor, und die ästhetische Isolierung erreicht damit physische Ausmaße. Wenn ein Mensch sich eine eigene Welt schafft, wird er zu einem Fremdkörper, gegen den alle Gesetze gerichtet sind: Schwerkraft, Druck, Abstoßung, Vernichtung.
Mandelstams Welt war groß genug, sie alle herauszufordern. Hätte Rußland einen anderen historischen Weg gewählt – ich glaube nicht, daß sein Schicksal so sehr viel anders gewesen wäre. Seine Welt war zu autonom, um mit einer anderen zu verschmelzen. Außerdem ging Rußland nun einmal seinen Weg, und für Mandelstam, dessen dichterische Entwicklung auch so schon schnell verlief, konnte jene Richtung nur eines bringen – eine beängstigende Akzeleration. Diese Akzeleration beeinflußte zuallererst den Charakter seines Verses. Dessen herrlicher meditativer zäsurierter Fluß verwandelte sich in ein rasches, ruckartiges Getrappel. Seine Dichtung wurde die einer hohen Geschwindigkeit und bloßgelegter Nerven, manchmal kryptisch, mit leicht verkürzter Syntax das Selbstverständliche überspringend. Und doch wurde sie auf diese Weise mehr zu einem Gesang denn je zuvor, nicht Barden-, sondern Vogelsang, mit unvorhersehbaren schrillen Doppelschlägen und Intervallen, etwa wie das Tremolo eines Stieglitzes.
Und wie dieser Vogel wurde er Zielscheibe für alle möglichen Steine, die sein Mutterland reichlich nach ihm warf. Nicht daß Mandelstam gegen die politischen Veränderungen war, die sich in Rußland vollzogen. Er besaß genügend Sinn für Maß und genügend Ironie, um die epische Qualität des ganzen Unternehmens anzuerkennen. Außerdem war er ein heidnisch lebensfroher Mensch, und andererseits waren schließlich die Wimmertöne völlig von den Symbolisten mit Beschlag belegt. Auch war ja seit Beginn des Jahrhunderts die Luft voll loser Reden über eine Neuaufteilung der Welt, so daß fast jeder, als die Revolution kam, das Geschehene für das Ersehnte hielt. Mandelstams Reaktion war vielleicht die einzig nüchterne auf die Ereignisse, die die Welt erschütterten und so viele nachdenkliche Köpfe schwindeln machten:

Nun los, versuchen wir’s: die große, linkische,
Die Wende! Knirsch nur, Ruderblatt…

 

(aus „Die Dämmerung der Freiheit“)

Aber die Steine flogen schon, und der Vogel auch. Ihre jeweiligen Flugbahnen sind in den Erinnerungen der Witwe Mandelstams ausführlich verzeichnet, und das erforderte zwei Bände. Diese Bücher sind nicht nur ein Führer durch seine Gedichte, obwohl sie das auch sind. Doch drückt jeder Dichter, egal wieviel er schreibt, physisch wie statistisch gesehen, in seinen Versen höchstens ein Zehntel seines Lebens aus. Der Rest ist normalerweise in Dunkelheit gehüllt; falls irgendein zeitgenössisches Zeugnis überdauert, enthält es gähnende Lücken, von den unterschiedlichen Blickwinkeln, die das Objekt verzerren, gar nicht zu reden.
Die Erinnerungen der Witwe Ossip Mandelstams befassen sich genau damit, mit jenen neun Zehnteln. Sie bringen Licht in die Dunkelheit, füllen die Lücken, merzen die Verzerrungen aus. Das Endergebnis kommt einer Wiederbelebung nahe, nur daß alles, was den Mann tötete, ihn überlebte, was weiter existiert und an Popularität gewinnt, ebenfalls auf diesen Seiten wiederersteht, wieder in Kraft gesetzt wird. Wegen der tödlichen Macht des Materials geht Mandelstams Witwe bei der Wiedererschaffung dieser gegnerischen Elemente so umsichtig vor, als handle es sich um das Entschärfen einer Bombe. Wegen dieser Präzision und auf Grund dessen, daß seine Verse, sein Tun im Leben und sein Sterben jemanden zu großer Prosa beflügelten, begreift man schlagartig – auch ohne eine einzige Zeile von Mandelstam zu kennen –, daß es in der Tat ein großer Dichter ist; dessen auf diesen Seiten gedacht wird: wegen der gegen ihn gerichteten Masse und Energie des Bösen.
Dennoch bleibt festzuhalten, daß Mandelstams Einstellung zu jener historisch neuen Situation keineswegs offene Feindschaft war. Im großen und ganzen sah er sie als eine eben etwas härtere Form der existentiellen Wirklichkeit an, als qualitativ neue Herausforderung. Seit den Romantikern haben wir diese Vorstellung von dem Dichter, der seinem Tyrannen den Fehdehandschuh hinwirft. Falls es eine solche Zeit je gegeben hat – heute wäre eine derartige Handlung völlig unsinnig: Tyrannnen stellen sich für solche Tête-à-têtes nicht mehr zur Verfügung. Die Entfernung zwischen uns und unseren Herren kann nur von letzteren verkürzt werden, was selten geschieht. Ein Dichter gerät wegen seiner sprachlichen und damit auch geistig-seelischen Überlegenheit in Schwierigkeiten, nicht wegen seiner politischen Anschauungen. Ein Lied ist eine Form sprachlichen Ungehorsams, und sein Klang zieht erheblich mehr in Zweifel als ein konkretes politisches System: es stellt die gesamte existentielle Ordnung in Frage. Und die Zahl seiner Gegner wächst proportional an.
Es wäre eine Vereinfachung zu meinen, daß es das Gedicht gegen Stalin war, das Mandelstams Verhängnis heraufbeschwor. Dieses Gedicht war trotz all seiner zerstörerischen Kraft nur ein Nebenprodukt in der thematischen Behandlung dieser gar nicht so neuen Ära durch Mandelstam. Im übrigen gibt es eine sehr viel explosivere Zeile in dem Gedicht „Ariosto“, das einige Monate früher in demselben Jahr (1933) entstanden ist:

Die Macht ist widerlich wie Baderhände…

Und davon gab es noch viele mehr. Trotzdem glaube ich, daß allein dieser verbalen Ohrfeigen wegen das Vernichtungsgebot nicht unbedingt hätte angewendet werden müssen. Der eiserne Besen, der in Rußland umging, hätte ihn aussparen können, wäre er nur ein politischer Dichter gewesen oder ein Lyriker, der sich hie und da in die Politik verirrt. Er war schließlich gewarnt, und er hätte daraus lernen können. Und doch tat er das nicht, weil sich sein Selbsterhaltungstrieb längst seiner Ästhetik unterworfen hatte. Es war die ungeheure lyrische Intensität der Dichtung Mandelstams, die ihn von seinen Zeitgenossen absonderte und ihn zu einer Waise seiner Epoche machte, „heimatlos im Allunionsmaßstab“. Denn Lyrik ist Sprachethik, und die Überlegenheit dieses Lyrischen gegenüber allem, was im menschlichen Zusammenspiel welcher Konfession auch immer erreicht werden könnte, ist das, was ein Kunstwerk ausmacht und es überleben läßt. Eben deshalb konnte der eiserne Besen, dessen Ziel die geistige Kastrierung der gesamten Bevölkerung war, ihn nicht aussparen.
Es war ein Fall reiner Polarisierung. Gesang ist letztlich umstrukturierte Zeit, der gegenüber stummer Raum von Natur aus feindselig ist. Ersteren verkörperte Mandelstam; letzteren hatte der Staat sich zur Waffe gewählt. Von erschreckender Logik ist der Ort des Konzentrationslagers, in dem Ossip Mandelstam 1938 starb: nahe Wladiwostok, in den tiefsten Eingeweiden staatseigenen Raumes. Innerhalb Rußlands von Petersburg noch weiter weg zu sein ist kaum möglich. Und in der Dichtung – im Sinne des Lyrischen – Höheres zu erreichen als hier ist auch kaum möglich (es ist ein Gedicht zur Erinnerung an eine Frau, Olga Waksel, die angeblich in Schweden starb, und entstand während Mandelstams Zeit in Woronesch, wohin er von seinem vorherigen Verbannungsort nahe dem Ural nach einem Nervenzusammenbruch verbracht worden war). Nur vier Zeilen:

Und starre Schwalben gerundeter Brauen(a)
flogen
(b) vom Grab zu mir her,
mir zu sagen, sie hätten genug geruht in ihrem
(a)
kalten Stockholmer Bett
(b).

Stellen Sie sich einen vierfüßigen Amphibrachus vor mit alternierendem Reim (abab).

Diese Strophe ist eine Apotheose umstrukturierter Zeit. Zum einen ist Sprache selbst ein Produkt der Vergangenheit. Die Rückkehr der starren Schwalben impliziert das periodisch Wiederkehrende ihrer Gegenwart wie auch des Vergleichs selbst, sei es als innerer Gedanke oder als gesprochener Satz. Auch deutet „flogen… zu mir her“ auf Frühling, Wiederkehr der Jahreszeiten. „Mir zu sagen, sie hätten genug geruht“ suggeriert wieder Vergangenheit: unfertige, weil trostlose Vergangenheit. Und dann schließt die letzte Zeile den Kreis, dadurch, daß das Adjektiv „Stockholmer“ die verborgene Anspielung auf Hans Christian Andersens Märchen preisgibt, das von der verwundeten Schwalbe erzählt, die im Maulwurfsbau überwintert, dann wieder zu Kräften kommt und heimfliegt. Jedes Schulkind in Rußland kennt diese Geschichte. Das bewußte sich Erinnern erweist sich als so stark in der unterbewußten Erinnerung verwurzelt und löst ein so stechendes Schmerzgefühl aus, daß es ist, als hörten wir nicht einen leidenden Menschen, sondern unmittelbar die Stimme seiner verwundeten Psyche. Eine Stimme dieser Art kollidiert sicher mit allem, sogar mit dem Leben ihres Mediums, d.h. des Dichters. Es ist wie Odysseus, der sich selbst an einen Mast bindet gegen das Rufen seiner Seele; dies – und nicht nur die Tatsache, daß Mandelstam verheiratet ist – ist der Grund, warum er hier so elliptisch ist.
Dreißig Jahre arbeitete er mit an der russischen Lyrik, und was er tat, wird so lange bestehen, wie die russische Sprache existiert. Er wird sicher das gegenwärtige und jedes spätere Regime in jenem Land überdauern – durch seinen Lyrismus wie durch seine Tiefe. Offen gestanden kenne ich in der Dichtung der Welt nichts, was einer Offenbarung eher gleichkäme als diese vier Zeilen aus seinen „Versen vom unbekannten Soldaten“, die er gerade ein Jahr vor seinem Tod schrieb:

Und Arabiens Krumen und Krollen,
Die zermahlte, die Schnellkraft des Lichts –
Dieser Strahl und gebogene Sohle:
Meine Netzhaut empfängt ihr Gewicht…

Kaum noch vorhandene Grammatik, was aber nichts mit modernistischer Schreibweise zu tun hat, sondern die Folge einer unvorstellbaren psychischen Akzeleration ist, wie sie zu anderen Zeiten für die Ausbrüche Hiobs und Jeremias verantwortlich war. Dieses Zermahlen von Schnelligkeiten („Schnellkraft“) ist gleichermaßen ein Selbstporträt wie eine unglaubliche astro-physikalische Einsicht. Was er hinter seinem Rücken „sich hastig nähern“ hörte, war nicht ein „geflügelter Wagen“, sondern sein „Wolfshund-Jahrhundert“, und er rannte, solange Raum war. Als der Raum endete, erreichte er die Zeit.
Was besagen soll: uns. Dieses Programm steht nicht nur für seine Russisch sprechenden Leser, sondern auch für die anderssprachigen. Vielleicht mehr als sonst jemand in diesem Jahrhundert war er ein Dichter der Zivilisation: er trug bei zu dem, was ihn inspiriert hatte. Es läßt sich sogar behaupten, daß er Teil von ihr geworden war, lange bevor ihn der Tod traf. Natürlich war er Russe, aber doch nicht mehr als Giotto Italiener war. Zivilisation ist die Gesamtsumme unterschiedlicher Kulturen, die von einem gemeinsamen geistigen Nenner beseelt sind, und ihr Hauptträger – metaphorisch wie wörtlich gesprochen – ist die Übersetzung. Die Wanderung eines griechischen Portikus in die geographischen Breiten der Tundra ist eine Übersetzung.
Sein Leben wie sein Tod ergaben sich aus dieser Zivilisation. Bei einem Dichter ist die ethische Haltung, im Grunde sogar das Temperament, durch die eigene Ästhetik vorbestimmt und geformt. Das erklärt auch, warum die Dichter mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit unweigerlich auf Kriegsfuß stehen, und ihre Todesrate zeigt die Entfernung an, die jene Wirklichkeit zwischen sich und die Zivilisation legt. Gleiches gilt für die Qualität einer Übersetzung.
Als Kind einer auf den Prinzipien Ordnung und Opfer gründenden Zivilisation verkörpert Mandelstam beides; und es ist nichts als angemessen, von seinen Übersetzern zumindest einen Anschein von Entsprechungen zu erwarten. Die Rigorosität, die das Hervorbringen eines Echos erfordert, so ungeheuer hart sie einem auch erscheinen mag, ist auch eine Hommage an jene Sehnsucht nach Weltkultur, die das Original antrieb und ihm Gestalt gab. Die formalen Aspekte der Verse Mandelstams sind nicht das Produkt irgendeiner rückständigen Poetik, sondern im Grunde die Säulen des oben erwähnten Portikus. Sie zu entfernen, heißt nicht nur die eigene „Architektur“ auf Bruchbuden und Schrotthaufen zu reduzieren: es heißt zu lügen hinsichtlich all dessen, wofür der Dichter lebte und starb.
Übersetzen ist die Suche nach einem Äquivalent, nicht nach einem Ersatz. Es erfordert stilistische, wenn nicht geistig-seelische Kongenialität. Beispielsweise wäre das stilistische Idiom, das man zur Übertragung Mandelstams ins Englische verwenden könnte, das des späten Yeats (mit dem er auch thematisch vieles gemeinsam hat). Das Problem ist natürlich, daß ein Mensch, der ein derartiges Idiom beherrscht – falls ein solcher existiert –, zweifellos sowieso lieber eigene Gedichte schreibt, anstatt sich das Gehirn beim Übersetzen (das außerdem nicht sonderlich gut bezahlt wird) zu zermartern. Doch von technischem Können und sogar auch von geistig-seelischer Kongenialität abgesehen, ist das Entscheidende, was ein Übersetzer haben oder sonst entwickeln sollte, ein gleichgestimmtes Gefühl für die Zivilisation.
Mandelstam ist ein formaler Dichter im höchsten Sinn des Wortes. Für ihn beginnt ein Gedicht mit dem „klingenden Abguß der Form“, wie er es selbst nannte. Die fehlende Realisierung dieses Begriffs degradiert selbst die genaueste Wiedergabe seiner Bilder zu anregender Lektüre. „Ich allein in Rußland arbeite nach meiner Stimme, doch ringsum schreibt das dickfellige Pack“, sagt Mandelstam von sich selber in seiner Vierten Prosa. Er sagt dies mit dem Zorn und der Würde eines Dichters, der erkannt hat, daß der Quell seiner Schaffenskraft deren Methode bedingt.
Es wäre vergeblich und unvernünftig, von einem Übersetzer zu verlangen, diesem Beispiel zu folgen: die Stimme, nach der und durch die man arbeitet, ist zwangsläufig einzig in ihrer Art. Doch dem Timbre, der Tonhöhe und dem Tempo, wie es sich im Metrum widerspiegelt, kann man sich annähern. Man sollte dessen eingedenk sein, daß Versmetren an sich schon feste Größenordnungen sind und als solche durch nichts zu ersetzen. Ein Metrum kann nicht gegen ein anderes ausgetauscht werden, schon gar nicht gegen freien Vers. Unterschiede im Metrum sind Unterschiede in Atem und Herzschlag. Unterschiede im Reimschema sind solche der Gehirnfunktionen. Lässiger Umgang mit dem einen wie dem anderen ist bestenfalls ein Sakrileg, schlimmstenfalls Verstümmelung oder Mord. In jedem Fall ist es ein geistiges Verbrechen, für das der Täter – vor allem wenn er nicht dingfest gemacht wird – mit beschleunigter intellektueller Degeneration zahlt. Und was die Leser betrifft, so kaufen sie eine Lüge.
Jedoch – die Rigorosität, die das Hervorbringen eines anständigen Echos erfordert, ist zu hoch in ihrem Anspruch. Sie hemmt die Individualität im Übermaß. Die Rufe nach dem Einsatz eines „poetischen Instrumentariums unserer Zeit“ werden nur allzu durchdringend. Und die Übersetzer machen sich hastig auf die Suche nach Ersatz. Dies geschieht in erster Linie deshalb, weil solche Übersetzer gewöhnlich selber Dichter sind und die eigene Individualität ihnen das Teuerste ist. Ihr Individualitätsbegriff schließt die Möglichkeit des Opfers einfach aus, das doch das Grundmerkmal des reifen Individuums ist (und auch die Grunderfordernis jeder – auch einer technischen – Übersetzung). Das Endergebnis ist, daß ein Mandelstamgedicht optisch wie strukturell irgendeinem witzlosen Text von Neruda gleicht oder einer Übersetzung aus dem Urdu oder Kisuaheli. Falls es das übersteht, dann nur auf Grund seiner seltsamen Bilder oder seiner eigenartigen Intensität, die in den Augen des Lesers eine gewisse ethnographische Bedeutung erlangen. „Ich kann nicht einsehen, wieso Mandelstam als großer Dichter gilt“, sagte der verstorbene W.H. Auden. „Die Übersetzungen, die ich kenne, überzeugen mich nicht davon.“
Kaum verwunderlich. In den verfügbaren englischsprachigen Übertragungen begegnet man einem absolut unpersönlichen Produkt, einer Art gemeinsamem Nenner moderner Wortkunst. Wären es einfach schlechte Übersetzungen, wäre es nicht einmal so schlimm. Denn schlechte Übersetzungen stimulieren, gerade weil sie schlecht sind, die Phantasie des Lesers und rufen den Wunsch hervor, aus dem Text auszubrechen oder sich von ihm zu lösen: sie spornen die Intuition an. In den vorliegenden Fällen ist diese Möglichkeit praktisch ausgeschaltet: die Übersetzungen tragen den Stempel eines selbstsicheren, unerträglichen stilistischen Provinzialismus, und die einzige optimistische Anmerkung, die man dazu machen kann, ist, daß Kunst so niederer Qualität ein untrügliches Zeichen einer von Dekadenz äußerst weit entfernten Kultur ist.
Russische Dichtung insgesamt und Mandelstam insbesondere haben es nicht verdient, wie arme Verwandte behandelt zu werden. Die Sprache und ihre Literatur, vor allem ihre Lyrik, sind das Beste, was das Land hat. Dennoch, nicht die Sorge um Mandelstams oder Rußlands Ansehen macht einen schaudern angesichts dessen, was seinen Zeilen auf Englisch angetan worden ist: vielmehr ist es der Eindruck, die englischsprachige Kultur sei geplündert, ihre eigenen Kriterien abgewertet, der geistigen Herausforderung sei ausgewichen worden. „Okay“, könnte ein junger amerikanischer Lyriker oder Leser von Lyrik nach Durchsicht der vorliegenden Bände resümieren, „in Rußland spielt sich dasselbe ab“. Aber was sich dort abspielt, ist ganz und gar nicht dasselbe. Die russische Lyrik hat – ihre Metaphern einmal außer acht gelassen – ein Beispiel für moralische Reinheit und Festigkeit gegeben, und das zeigt sich nicht zuletzt in der Bewahrung der klassischen Formen ohne gleichzeitige Beeinträchtigung der Inhalte. Dies zeichnet sie vor ihren westlichen Schwestern aus, wenn man sich auch keineswegs ein Urteil darüber anmaßen mag, wem diese Auszeichnung stärker zugute kommt. Jedoch es bleibt eine Auszeichnung, und in der Übersetzung sollte diese Eigenart, und sei es auch nur aus rein ethnographischen Gründen, gewahrt und nicht über irgendeinen gemeinsamen Leisten geschlagen werden.
Ein Gedicht ist das Ergebnis einer gewissen Notwendigkeit: es ist unvermeidlich, und dasselbe gilt von seiner Form. „Notwendigkeit“, sagt Mandelstams Witwe Nadeschda in ihrem Mozart und Salieri (einem Muß für jeden, den Kreativitätspsychologie interessiert), „ist kein Zwang und kein Fluch des Determinismus, sondern ein Glied zwischen den Zeiten, sofern die von den Vorfahren ererbte Fackel nicht ausgetreten wurde“. Für Notwendigkeiten gibt es natürlich kein Echo; aber die Mißachtung eines Übersetzers für Formen, die durch die Zeit erleuchtet und geheiligt sind, ist nichts anderes, als jene Fackel auszutreten. Die Theorien, die zur Rechtfertigung dieser Praxis vorgetragen werden, haben nur ein Positivum: daß ihre Verfasser für den Abdruck Honorar erhalten.
Ein Gedicht, als wäre es der Gebrechlichkeit und Unzuverlässigkeit der menschlichen Fähigkeiten und Sinne gewahr, zielt auf das Gedächtnis. Zu diesem Zweck setzt es eine Form ein, die im wesentlichen eine Gedächtnisstütze ist und dem Gehirn ermöglicht, eine Welt zu behalten – und die das Behalten erleichtert –, wenn das übrige Gestell zusammenklappt. Das Gedächtnis schwindet meist erst ganz am Ende, als ob es auch noch das Ende selbst aufzeichnen wollte. So könnte ein Gedicht das letzte sein, was über unsere sabbernden Lippen kommt. Niemand erwartet, daß einer, dessen Muttersprache Englisch ist, in diesem Augenblick Verse eines russischen Dichters murmelt. Murmelt er aber etwas von Auden Yeats oder Frost, wird er näher an Mandelstam sein, als es die derzeitigen Übersetzer sind.
Mit anderen Worten, die Englisch sprechende Welt muß diese nervöse, hohe, reine Stimme erst noch hören, eine Stimme, in der Liebe, Schrecken, Erinnerung, Kultur, Glaube mitschwingen, zitternd vielleicht wie ein brennendes Streichholz bei starkem Wind und doch gänzlich unlöschbar. Eine Stimme, die bleibt, auch wenn ihr Besitzer nicht mehr ist. Er war, ist man versucht zu sagen, ein moderner Orpheus: er wurde zur Hölle geschickt und kehrte nicht zurück, während seine Witwe, ein Sechstel der Erdoberfläche durchmessend, von einem Schlupfwinkel zum nächsten floh, den Kochtopf fest an sich gedrückt, in dem zusammengerollt seine Gedichte lagen, die sie sich nachts immer wieder hersagte für den Fall, daß sie von Furien mit einem Durchsuchungsbefehl gefunden würden. Dies sind unsere Metamorphosen, unsere Mythen.

Joseph Brodsky, 1977, Deutsch von Sylvia List, aus Joseph Brodsky: Flucht aus Byzanz. Essays, „Dieser Text ist verschwunden.“, 1988

Carl Hanser Verlag, 1988

Mandelstam. Meine Zeit, mein Tier

2
Fahrt nach Himbeerstadt
(Warschau 1891/Pawlowsk 1892–1896)

Das Geburtsdatum1 im „Unbekannten Soldaten“. Der Geburtsort Warschau im Albtraum von „Himbeerstadt“. Der Vorfahr: ein Uhrmacher in Kurland. Die biblischen Assoziationen des Namens: Aarons Mandelstab, der Mandelbaum (4. Buch Mose, Prediger Salomo). Die Familie des Vaters: orthodoxes Schtetl-Judentum. Flucht nach Berlin. Philosophische Träume und Lederhandel. Die Familie der Mutter: fortschrittlich-städtisches Judentum. Wilna: „Jerusalem des Nordens“, Stadt der Haskala und der Litwaken. Der Vorname Ossip als Programm der Assimilation. Von Warschau nach Pawlowsk und Sankt Petersburg. Der „Ansiedlungsrayon“ für Juden. Aufgeschobene Ankunft: Rastlosigkeit in der Hauptstadt, siebzehn Wohnungswechsel. Mandelstam der Stadtnomade und Petersburger Dichter.

Geburtsdatum und Geburtsort erscheinen in Mandelstams Werk je ein einziges Mal. Es ist, als hätte er damit sein Werk signiert. Eine Zeit, ein Ort. In den späten „Versen vom Unbekannten Soldaten“ (Februar/März 1937), Mandelstams Requiem auf die „Millionen von leichthin Getöteten“, im achten und letzten Gedicht des Zyklus, dekliniert er sein Geburtsdatum:

Und dann preß ich, zerreibe im Fäustepaar
Meine Jahrzahl, die zahllos geteilte,
Und ich flüstre mit blutleeren Lippen:
Bin geboren zur Nachtzeit vom zweiten zum dritten
Januar Einundneunzig, im glücklosen Jahr –
Und wie Feuer umzingeln mich: Zeiten
.

 

(Die Woronescher Hefte, S. 181) 

In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 1891: So lautet das Datum nach dem im vorrevolutionären Rußland geltenden julianischen Kalender. Im 19. Jahrhundert betrug der Unterschied zum Gregorianischen Kalender zwölf Tage, das moderne Datum also wäre: 14./15. Januar 1891. Heute wird als Mandelstams Geburtsdatum meist der 15. Januar 1891 genannt, eine Geburt um Mitternacht angenommen.
Im glücklosen Jahr, an einem unglücklichen Ort. Warschau war im Wiener Kongreß 1815 Rußland zugeschlagen worden und galt seit dem von General Paskewitsch blutig niedergeschlagenen Aufstand von 1830 als die Wunde des polnischen Nationalbewußtseins. Warschau bedeutete den westlichen Rand eines rücksichtslos expandierenden Zarenreichs. Mandelstams Geburtsort erscheint in seinem Werk einzig innerhalb eines Albtraums. Es ist die Fahrt nach „Himbeerstadt“ (Malinow) in dem fiktiv-autobiographischen Prosatext Die ägyptische Briefmarke von 1928, beschworen in einer Atmosphäre von Flucht, Entführung oder Kindesvertauschung. Das träumende Ich ist voller Gefühle der Fremdheit, der Wehmut, der Schande und des Ekels.

Mich hatte man einer fremden Familie und einer fremden Kutsche überlassen. Ein junger Jude zählte neue Hundertrubelnoten nach, die winterlich knisterten.
„Wohin fahren wir?“ fragte ich eine alte Frau, die in einen Zigeunerschal gehüllt war.
„Nach Himbeerstadt“, antwortete sie mit einer so bedrückenden Wehmut, daß sich mein Herz in unguten Vorahnungen zusammenzog.
(…)
Doch eine Stadt war nicht zu sehen. Dafür wuchs aus dem Schnee ein großer Himbeerstrauch mit seinen warzenhaften Früchten hervor.
„Das ist doch ein Himbeerstrauch“, stammelte ich außer mir vor Freude und lief mit den andern darauf zu, wobei sich meine Schuhe mit Schnee füllten. Die Schnürsenkel meiner Stiefel lösten sich, und darob überfiel mich ein Gefühl großer Schuld und Unordnung.
Und ich wurde in ein widerwärtiges Warschauer Zimmer geführt und gezwungen, Wasser zu trinken und Zwiebeln zu essen
.

 

(Das Rauschen der Zeit, S. 237f.) 

Die albtraumhafte Fahrt ins Leben ist die Verschlüsselung einer schwierigen Geburt in einer als fremd empfundenen Familie. Statt eines traditionellen russischen Willkommensgrußes (Brot und Salz) gibt es hier ein fades Getränk und eine beißende Knolle, eine Mahlzeit des Zwangs.
Die Familie Mandelstam war im 18. Jahrhundert aus Deutschland nach Kurland zugewandert, in jene Landschaft des heutigen Lettland, die zwischen Ostsee und dem Unterlauf des Flußes Düna/Dwina – lettisch: Daugava – lag. Der Herzog von Kurland, Ernst Johann Biron (1690–1772), hatte Handwerker in sein Land gerufen. Unter ihnen befand sich auch ein jüdischer Uhrmacher und Juwelier noch unter althebräischem Namen, der aus einem Rabbinergeschlecht stammte. Den Uhrmacher betrachteten die Mandelstams als ihren Ahnen. Ossip Mandelstam erfuhr diese Genealogie erst spät, im Sommer 1928 in Jalta auf der Krim, als er Nadeschdas Uhr zu einem Uhrmacher brachte, dessen Frau ebenfalls eine Mandelstam war und einen Stammbaum 2 hervorzauberte.
Die Mandelstams gehörten also nicht zu jenen polnischen Juden, die das „Goldene Zeitalter“ im polnisch-litauischen Königreich erlebten, die Zeit wirtschaftlicher Prosperität und reicher Gelehrsamkeit vor der Katastrophe von 1648. Damals fielen die Kosaken des Hetmans Bogdan Chmielnizki in die Ukraine ein und metzelten bei ihrem Aufstand gegen die polnische Herrschaft zugleich über hunderttausend Juden nieder. Es war ein grausames Vorbild für alle späteren Pogrome. Zu jener Zeit lebten Mandelstams Vorfahren noch in Deutschland, in einem Ghetto einer unbekannten Stadt.
Die Vorfahren waren wohl über die mitteleuropäische Route nach Deutschland eingewandert, es waren Aschkenasim (nach der in der rabbinischen Literatur des Mittelalters geprägten Bezeichnung „Aschkenas“ für Deutschland). Denkbar wäre auch, daß sie erst nach der Vertreibung der Juden aus Spanien („Sefarad“) unter Isabella von Kastilien im Jahr 1492 nach Norden zogen. So wollte es Mandelstam selber sehen. Als er in der Woronescher Verbannung 1936 ein Buch über die Opfer der Inquisition las, wählte er sich einen spanisch-jüdischen Dichter3 und bestand darauf, daß er von ihm noch „wenigstens einen Blutstropfen“ hatte. Im übrigen war Mandelstams Beziehung zum eigenen Judentum nicht vom „Ruf des Blutes“ bestimmt, sondern komplex und wechselhaft, mit Phasen der Distanznahme und der Wiederannäherung, wie sich zeigen wird.
Der Name Mandelstam? Er leitet sich von der Steinfrucht ab, vom Samenkern des Mandelbaums, und birgt eine biblische Assoziation in sich, ein Merkmal der Auserwähltheit. Er ist die Erinnerung an den Aaron-Stab im 4. Buch Mose (17,7). Aaron aus dem Stamme Levi wird als erster Hohepriester erwählt, da sein Stab als einziger von zwölf Stäben Blüten treibt und Mandeln trägt:

Am Morgen aber, als Moses in die Hütte des Zeugnisses ging, siehe, da blühte der Stab Aarons, des Hauses Levi, und er hatte ausgeschlagen und trieb Blüten und trug Mandeln.

In einem Gedicht von 1914 spielt Mandelstam auf diese Szene an, ohne Aaron oder den Mandelstab zu nennen. Es ist ein Gedicht auf den letzten Bühnendichter des russischen Klassizismus, auf Wladislaw Oserow (1770–1816):

Da blüht, als Stab im Zelte der Propheten,
Bei uns der große, feierliche Schmerz

 

(Der Stein, S. 137). 

Im Alten Testament spielt der Mandelbaum mit seinen bald süßen, bald bitteren Früchten eine markante Rolle. Im Buch Kohelet oder Prediger Salomo (12,5) ist er ein Symbol kummervoller kommender Zeiten. Salomo mahnt, des Schöpfers eingedenk zu sein, wie auch des Alters und des Todes, „wenn der Mandelbaum blüht, und die Heuschrecke sich mühsam hebt und die Frucht der Kaper aufbricht; wenn der Mensch in sein ewiges Haus geht, und die Klagenden auf der Gasse umhergehen“.
Das Blühen des Mandelbaumes wird traditionell mit dem weißen Haar des Alters assoziiert. Noch in einem politischen Gedicht Mandelstams von Mai 1933, das die Aushungerung der ukrainischen Bauern durch Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft geißelt, erscheint als trauernder Vertreter der Natur – der Mandelbaum.

Und immer noch so schön der weit verstreute Raum,
Die Bäume, von den Knospen leicht schon angeschwollen,
Stehn da wie zugereist, und er darf Mitleid wollen:
Durch Gesterns Dummheit noch verschönt – der Mandelbaum
.

 

(Mitternacht in Moskau, S. 143) 

Mandelstams Vater, Emilij-Chazkel Benjaminowitsch Mandelstam (1856 bis 1938), wurde in dem heute auf litauischem Territorium liegenden Schtetl Schagory im Gouvernement Kowno (litauisch: Kaunas) geboren. Er sollte Rabbiner werden, sträubte sich jedoch gegen eine streng orthodoxe Erziehung, lernte nachts auf dem Dachboden Deutsch und las die verbotene weltliche Literatur. Im Baltikum übte aufgrund historischer Verbindungen die deutsche Kultur große Anziehungskraft aus. Emil Mandelstam floh schließlich aus dem engen Schtetl nach Berlin.4 Statt fleißig die Jeschiwa (Talmud-Hochschule) zu besuchen, gab er sich der Faszination der deutschen Literatur und Philosophie hin, las Goethe, Schiller und Herder und studierte Spinoza. Nach einem halben Jahr jedoch mußte er seine Studien wegen Geldmangels abbrechen, kehrte ins Baltikum zurück und machte eine Lehre als Handschuhmacher und Lederhändler. Den Beruf des Lederbereiters übte auch sein Vater aus.
Das Berliner Abenteuer war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Assimilation. Emil Mandelstams Flucht aus dem Schtetl nach Berlin und in die deutsche Kultur war eine geistige Vorwegnahme von Ossip Mandelstams Flucht in die russische Kultur. Der Vater hatte sich als Autodidakt aus dem „Talmuddickicht“ zur deutschen Kultur durchgeschlagen, wie sein Sohn diesen prägenden Akt in Das Rauschen der Zeit (1925) aus ironischer Distanz, aber auch mit einer gewissen Bewunderung kommentiert (Das Rauschen der Zeit, S. 28).

Eigentlich versetzte mich mein Vater in ein völlig anderes Jahrhundert und in eine weitab liegende, fremde Umgebung, die keineswegs jüdisch war. Es war, wenn man so will, das reinste achtzehnte oder gar siebzehnte Jahrhundert irgendwo in einem aufgeklärten Ghetto, vielleicht in Hamburg. Die religiösen Interessen waren völlig beiseite geräumt, die Philosophie der Aufklärung zu einem ausgeklügelten talmudistischen Pantheismus umgewandelt. Irgendwo in der Nachbarschaft züchtet Spinoza in Einmachgläsern seine Spinnen, und man ahnt bereits Rousseau und seinen natürlichen Menschen voraus.

 

(Das Rauschen der Zeit, S. 41) 

Die Bewegung der jüdischen „Haskala“ (Aufklärung) erreichte um 1820 auch das lettisch-litauische Judentum. Sie war in Deutschland entstanden und hatte die intellektuelle Emanzipation der Juden wie auch die Erlangung von Bürgerrechten zum Ziel. Jüdisches Lexikon (Berlin 1929) und die Encyclopaedia Iudaica (Jerusalem 1971) verzeichnen zwei Mitglieder der Familie Mandelstam, die wichtige Exponenten der Haskala waren. Der 1805 in Schagory geborene, 1886 in Simferopol gestorbene Benjamin ben Joseph Mandelstamm war Schriftsteller und Kämpfer für religiöse Reformen. Dessen Bruder Leon (Arje Löb) Mandelstamm, geboren 1819 in Schagory, gestorben 1889 in Petersburg, war ein Verfechter der Reform des jüdischen Schulwesens in Rußland. In welchem Verwandtschaftsverhältnis die beiden zu Ossip Mandelstam stehen, ist ungeklärt. Es ist unwahrscheinlich, daß es sich bei diesen Männern um Urgroßvater bzw. Urgroßonkel handelte, da Ossip Mandelstams Großeltern väterlicherseits noch ganz gemäß den Gesetzen eines traditionellen, orthodoxen Schtetl-Judentums lebten. Aber unerheblich ist es nicht, daß es im Mandelstam-Clan bereits von der Haskala geprägte, fortschrittlich-reformfreudige Persönlichkeiten gab.
Die Familie von Mandelstams Mutter, Flora Ossipowna Werblowskaja (1866 bis 1916), war auf diesem Weg der Assimilation schon weiter gegangen. Sie stammte aus dem litauischen Wilna, dem „Jerusalem des Nordens“,5 Hochburg jüdischer Gelehrsamkeit und Zentrum der Haskala. Flora Werblowskaja kam aus einer Intellektuellenfamilie und besuchte in Wilna das russische Gymnasium. Nicht das Polnische, sondern das Russische war in Wilna die Sprache der Assimilation. Eine weltliche Bildung war nur in der Sprache der Staatsschulen möglich. Immer mehr jüdische Jugendliche durchliefen die russischen Gymnasien und bildeten in Wilna eine russisch geprägte Intelligenzia. Es waren die sogenannten Litwaken. Mandelstam erinnert sich in seiner autobiographischen Prosa:

Meine Mutter und besonders meine Großmutter sprachen das Wort ,Intellektueller‘ mit großem Stolz aus.

 

(Das Rauschen der Zeit, S. 29) 

So stammten denn Mandelstams Eltern aus dem lettisch-litauischen-Judentum unter zaristisch-russischer Herrschaft, aber aus Familien mit markant unterschiedlicher Traditionsverhaftung: väterlicherseits aus dem orthodoxen Schtetl-Judentum, mütterlicherseits aus dem fortschrittlich-städtischen Haskala-Judentum. Beide Eltern aber verband ein Streben nach Assimilation. Am 19. Januar 1889 heiratete der dreiunddreißigjährige Emil Mandelstam, Handschuhmacher und Lederhändler mit philosophischen Ambitionen, in Dünaburg (Dwinsk) die zehn Jahre jüngere Klavierlehrerin Flora Werblowskaja. Durch Emil Mandelstams Beruf bedingt wohnte das Paar zunächst in Warschau, als am 3. (15.) Januar 1891 ihr erster Sohn Ossip zur Welt kam.
Schon dessen Vorname, den bereits Flora Werblowskajas Vater trug, war ein Programm der Assimilation, bezeugte das Streben hin zum Russischen. Nicht „Iossif“, der biblische Name Joseph, sollte den Erstgeborenen zieren, sondern eine stark russifizierte, volkstümliche, beinah bäuerliche Form des Namens: Ossip, in der familiären Koseform „Ossja“. Mandelstam wird sich in einem Gedicht von 1913 an den biblischen Joseph erinnern, an Joseph den Träumer, den Lieblingssohn des Patriarchen Jakob, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde und am Hof des Pharao zum Traumdeuter aufstieg (1. Buch Mose, 37–50):

Die Luft – vertrunken, und das Brot vergiftet;
Und diese Wunden heilen: hart.
Die Schwermut Josephs in Ägypten –
Genauso bittre Gegenwart
.

 

(Der Stein, S. 117) 

Der Weg der Familie hin zur russischen Kultur spiegelte sich auch in ihrer allmählichen Annäherung an die russische Hauptstadt. Schon im Jahr nach Ossips Geburt zog die Familie von Warschau nach Pawlowsk, wo am 23. September 1892 der zweite Sohn der Mandelstams, Alexander (Schura), zur Welt kam.
Pawlowsk war ein bekannter und prachtvoller Wohnort, fünfunddreißig Kilometer südlich von Sankt Petersburg, fünf Kilometer südlich von Zarskoje Selo („Zarendorf“), der Sommerresidenz der Zaren. Pawlowsk war geprägt durch den Ende des 18. Jahrhunderts von Charles Cameron und Vincenzo Brenna erbauten hufeisenförmigen Palast. Er war für den Sohn Katharinas II. bestimmt, den Großfürsten Pawel Petrowitsch und späteren Zaren Pawell. (1796–1801). Die elegante Residenz, der Park mit seinen Pavillons, Brücken und Kaskaden im Tal des Flüßchens Slawjanka: Das nahe bei dieser vornehmen Kulisse gelegene Städtchen Pawlowsk bot eine exquisite Umgebung für die jüdische Familie Mandelstam, die den gesellschaftlichen Aufstieg sucht und die es nach der Hauptstadt drängt. Mandelstam nennt Pawlowsk in seiner autobiographischen Prosa ein „russisches Halbversailles“, eine „Stadt der Hoflakaien, Staatsratswitwen, rothaarigen Polizeioffiziere, schwindsüchtigen Pädagogen und bestechlichen Beamten“ (Das Rauschen der Zeit, S. 10).
Einmal wurde der kleine Ossip von Pawlowsk aus zu einem großen Pomp in die Hauptstadt mitgenommen:

Die dunklen Volksmassen auf den Straßen waren meine erste klare und bewußte Wahrnehmung. Ich war genau drei Jahre alt. Es war das Jahr 1894, man hatte mich von Pawlowsk nach Petersburg mitgenommen, weil meine Eltern die Begräbnisfeierlichkeiten für Alexander III. sehen wollten.

 

(Das Rauschen der Zeit, S. 21)

Für Juden war die Niederlassung in der Hauptstadt nicht leicht zu erreichen. Sie hatten im Zarenreich keine Freizügigkeit und waren prinzipiell an den polnisch-baltischen Ansiedlungsgürtel gebunden.6 Katharina II. (1729–1796) erleichterte im Rahmen einer aufklärerisch-judenfreundlichen Politik zunächst, d.h. nach der ersten Teilung Polens im Jahr 1772, den Zuzug von Juden nach Rußland. Als Reaktion auf Klagen von Moskauer Kaufleuten, welche die jüdische Konkurrenz für ihre Geschäfte fürchteten, bestimmte die Zarin jedoch am 23. Dezember 1791, daß Juden nicht in Innerrußland siedeln durften. Formell legte das 1804 erlassene „Statut für die Juden“ den bis zum Ersten Weltkrieg geltenden „Ansiedlungsrayon“ fest.
Für die Hauptstadt Sankt Petersburg galten besonders strenge Vorschriften. Mandelstams Vater hatte rigorose Auflagen zu erfüllen und der „Ersten Gilde“ der Kaufleute beizutreten, bevor er in der Hauptstadt leben und Handel treiben durfte. Im Jahr 1897 war es soweit: Die Familie Mandelstam zog nach Petersburg um und ließ sich zunächst im Kolomna-Viertel nieder. Es war nur eine erste Adresse, der viele andere folgen werden. Die Familie vollzog, einmal angekommen, scheinbar angekommen, ruhelose Wanderungen innerhalb des Stadtgebietes. Ossip Mandelstams Bruder Jewgenij erinnert sich für die Zeit seiner Kindheit und Jugend an nicht weniger als siebzehn Wohnadressen in Petersburg!7
Es war vor allem die Mutter, die immer wieder zu einem Wohnungswechsel drängte. Vielleicht hatte sie sich von der Ankunft in der imperialen Hauptstadt mehr erhofft, vielleicht einen günstigeren Ort für den gewünschten gesellschaftlichen Aufstieg? Die nervöse Unruhe, die Rastlosigkeit, der immer wieder neu zu schaffende Lebensrahmen – all dies mußte auch die Söhne prägen. Noch im Wirbelwind der Bilder von Mandelstams Erzählung Die ägyptische Briefmarke (1928) findet sich die Erinnerung an die Unruhe seiner Familie und „die uns nie geglückte häusliche Unsterblichkeit“ (Das Rauschen der Zeit, S. 187).
Die ersehnte Ankunft in der russischen Hauptstadt schien geschafft, doch die Bewegung ins Zentrum konnte nicht an einem Gelassenheit ausstrahlenden Ort enden. Das städtische Nomadentum übertrug sich auf den erstgeborenen Sohn Ossip. Petersburger Adressen wimmeln durch Mandelstams Werk. Die Hauptstadt des russischen Reiches ist tief eingeschrieben in seine Gedichte und seine Prosa. Mandelstam wird, bei allem Verlangen, ein russischer und europäischer Dichter voller „Sehnsucht nach Weltkultur“ zu sein, immer auch ein Petersburger Dichter bleiben. Noch 1930 wird er die Stadt, die längst einen neuen Namen verpaßt bekommen hat, in einem Gedicht voller Vorahnungen kommender Schrecken in zweifachem Anruf magisch beschwören:

Petersburg! Nein ich will noch nicht sterben, noch nicht!
Denn du hast meine Nummern, Telephone, Nachricht.

 

Petersburg! Denn ich hab noch Adressen auf mir,
Wo ich Tote noch finde, ihr Stimmengewirr.

 

(Mitternacht in Moskau, S. 45)

Ralph Dutli, aus Ralph Dutli: Mandelstam. Meine Zeit, mein Tier. Eine Biographie, Ammann Verlag, 2003

 

 

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Tilman Spreckelsen: Wenn die Sonne morgens durchs Fenster schreit
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.9.2024

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Instagram + IZA + DAS&DIMDb
Antrittsrede + Johann-Heinrich-Voß-Preis
Porträtgalerie: akg-imagesAutorenarchiv Isolde OhlbaumAutorenarchiv Susanne SchleyerIMAGOKeystone-SDA

 

Ralph Dutli liest aus dem Buch Fatrasien.

 

 

TODESFALL
in memoriam Osip Mandelstam

Der langsame Schmerz
jeweils bevor die Frucht
sich löst vom Ast
und fällt und rollt
ein runder-voller Laut
dir vor die Füsse

Felix Philipp Ingold

 

Ilma Rakusa: Mich gibt es nicht, Die Zeit, 6.12.1985

Alexander Weinstock: „Kein Körnchen gemeinsamer Seele“ – über Widerstand und Nonkonformismus in Leben und Werk Ossip Mandelstams.

Michael Borrasch: Dem lichten Andenken Ossip Mandelstams

 

Frank Diamand: Die Jahrhunderte umgeben mich mit Feuer. Osip Mandelstam, 1976.

 

Joseph Brodsky spricht über Mandelstam.

 

 

Zum 70. Todestag des Autors:

Olga Martynova: Eine Streichholzflamme im Wind
Frankfurter Rundschau, 29.1.2019

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2KLfGIMDbDichterstimmen + Internet Archive 1 & 2 + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Keystone-SDA

 

Paul Celan liest Ossip Mandelstam: „Diese Nacht, nicht gutzumachen“.

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