Ingold? „Ein Buch, das ich hätte schreiben wollen, mein Leben… es blieb beim Versuch.“
Die Geschichte hätte mit einer Himmelserscheinung begonnen. Dort. Ein verglühender Stein, wuchtig und fern. Und schon wieder weg.
Der Ingoldsche Komet. Anfang und Ende zugleich.
„Aber das war vor meiner Zeit.“
Irgendwie komisch schlingernd fuhr das Ding … Stein oder Stern … über Europa hinweg, ratsch und ade, an Europa vorbei.
Man blieb mitten im Schritt auf der Straße stehn, hielt für ein paar Augenblicke das Gesicht ins nächtlichere Licht und … aber der Komet stockte nur kurz auf seinem unentschiedenen Kurs. Als wäre er angestoßen … dort drüben … an der Kuppel der Hauptpost.
Vielleicht hatte er sich ja nur deshalb an unserm Himmel gezeigt … um zu verschwinden.
„Der. Dort drüben … am Schachtisch der Mann. Das ist er, das könnte er gewesen sein. Spielt gegen sich selbst. Sitzt stundenlang da, starr übers Brett gebeugt, sitzt da, stiert vor sich hin wie auf sein Erbrochenes.“
Ingold!
„Das ist einer, der nicht ist, wie ich niemals sein könnte.“
Anders wäre er wohl kaum zu definieren.
„Nicht auszudenken, denke ich und … aber jetzt beginne ich mich zu erinnern. Ja. Ingold ist meine Erfindung, wirklich, er hat gelebt.“
Ein Widerspruch in sich. Aber wahr.
„Schwer zu sagen, wodurch Ingold sich damals von uns andern unterschied.“
Und überhaupt ist es schwer, von Unterschieden zu reden, wenn man ganz auf sein Gedächtnis angewiesen ist.
„So wie ich.“
Der Erzähler ist, was Ingold betrifft, tatsächlich ganz und gar auf sein Gedächtnis angewiesen. Und tatsächlich fällt es schwer, sich an jemanden wie Ingold zu erinnern. Nach so langer Zeit.
„An einen Menschen ohne besondere Kennzeichen, an jemanden wie ich.“
Ingold war der Unauffällige, diskret wie keiner sonst, seine Unauffälligkeit war das Ungewöhnliche an ihm, das Ungemütliche.
Und doch hatte seine Anwesenheit, gerade darum vielleicht, etwas Bedrängendes.
„Ingold war, wenn man das überhaupt sagen kann, fast niemand, er war fast nichts, weniger als ein … als zum Beispiel eine Stubenfliege, die doch zumindest so etwas wie Sehnsucht verspürt, die Sehnsucht, entdeckt, mit Faust oder Klatsche zerquetscht zu werden. Ingold hatte eine solche Sehnsucht nicht, auch keine Angst, er schien nur einfach auf das schlimmste … das Ende zu warten. Vielleicht eine Hoffnung, vielleicht auch nicht“, sagte der Erzähler.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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