LYSANXIA
Die Freiheit hält sich nur auf, die glückliche, mit dem Raunen
Des wirklichen Kusses.
Das Gesicht, das erscheint,
Ist das der Schlüsselbume,
Schwester der Belle Ferronière,
Der Louise von Lyon
Und der Lysanxia.
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René Char zu Ehren1
Im Anschluß an die Musik das Wort zu ergreifen – droht das nicht der Feier Abbruch zu tun, die wir für René Char veranstalten? Welche „kritische“ Betrachtung wüßte von derselben Höhe, mit derselben Freiheit zu sprechen wie Mozart? Wie dürfte man das „souveräne Gespräch“ zwischen Dichter und Musiker unterbrechen? Dem Dichter kommt es zu, den Blick auf seine „Anrainer“ zu werfen, seine „wesentlichen Verbündeten“ aufzurufen: Georges de La Tour, Georges Braque, Alberto Giacometti, Miró … Wir wünschten, unaufdringliche, faszinierte Zeugen zu bleiben; wieder Mozart zu lauschen nach dem Anhören des Gedichts, so als wende man in aller Ruhe die Seiten von Lettera amorosa um, um abwechselnd den Text und das Bild sprechen zu lassen.
Wir feiern ihn. Er ist nicht dabei. Aber er läßt uns die Würze der „gemeinsamen Gegenwart“ schmecken. Er hat auch versichert:
Entfernung aufheben, tötet.
Er weiß, daß wir an ihn denken. Er weiß, wenn wir dieses Konzert hören, geben wir seinem Werk, das noch immer im Werden ist, Gehör. Könnten wir ihm Besseres an seinem Achtzigsten bieten? Denn das Werk eines Dichters wird erst beglaubigt durch das bewilligte, immer wieder bewilligte, bewußt wache Gehör. Ein Hören, das der Welt und zugleich seinem Wort gilt. Sagen wir René Char, daß die Wörter der Sprache, der Erdenlärm, der Gesang der Vögel- so unterschiedlich zwischen den Hecken in der Ebene und dem Ufer der Flüsse, zwischen dem Morgenrot und dem Anbruch der Nacht – sich für uns neu belebt haben, weil er selbst ein so geduldiger und bereitwilliger Zuhörer gewesen ist und so straff verknüpft hat, was die Wörter zu sehen und was sie zu hören geben:
Das Wort gibt eine Vorstellung, während sich so etwas wie Dekoration darum lagert. Plötzlich aber fällt der Vorhang, das Schauspiel ist vorbei: das nächste Wort kommt wie ein sehr fernes Orchester, wie Kammermusik. Die Klänge, die ich liebe, erschallen hier, doch keineswegs laut, bloß gedämpft. Und das läßt eine Art Glück aufkommen, wie am Sommerabend eine berieselte Wiese, von hohen, duftenden Akazien umsäumt.
Hier können wir leichthin den ganzen Abstand ermessen, den diese Beziehung zur Sprache gegenüber jenen wortschleudernden Automatismen wahrt, auf die sich die surrealistische Orthodoxie glaubte berufen zu können. So hat Char ihnen in dem, was sie bedingungslos aufgaben, niemals zustimmen können, wie er auch nie in die unkontrollierten Spiele mit der Bedeutung einwilligen konnte. Die Klangwerte der Sprache, er will sie gewiß „herrenlos“, frei entfaltet, doch einer Kontrolle unterworfen, von der letztlich der Sinn abhängt:
Ich liebe eine etwas entfernte, uneitle Musik. In die mischt sich das Gehör ein, und zwar so, daß es zur selben Zeit, da es lauscht, den Ton wieder entgleiten läßt und sehr rasch aufs Solfeggio zurückkommt: da sind die Wörter, die es interessieren, und diese machen dann ein zweites Examen durch. Und sehr schnell bildet der Satz sich aus, und er bedeutet für uns und die anderen, selbst wenn die sich täuschen. Eine Kraft erhebt mich, als schenkte mir ein unbekannter Pas sant die Wörter, schwierige und doch so vertraute, wie wenn sie irgendwo schon einmal geschrieben worden wären.
Mit dem Geschenk der vollendeten Form wird das hochsensible musikalische Hören belohnt und die äußerst aktive Wachsamkeit, die auf Gehalt und Reichweite (das „Solfeggio“!) der Wörter dringt. Char legt jede Arbeitsphase so an, daß sie für die Bedeutung ergiebig ist – eine Bedeutung von doppeltem Geltungsbereich, für die anderen und für das wir, eine Mehrzahl, von dem Hersteller nahezu abgelöst.
Wir sind jetzt diese anderen, die das großzügig geschenkte Buch in der Hand halten und darin bestätigt finden, was René Char immer als das eigentliche Objekt der Dichtung betrachtet hat: die Identität von Schönheit und Wahrheit unter dem Vorzeichen einer wohltätigen Gewalt und eines bestreitbaren Unglücks. Die Wanderer in den Morgen (Les Matinaux) enden mit diesem Gedicht, dessen typographische Form an einen Baum oder an eine Sanduhr denken läßt:
JEDES LEBEN…
Jedes Leben, das aufgehen soll,
gibt einem Versehrten den Rest.
Hier ist die Waffe,
nichts,
ihr, ich, austauschbar
dies Buch,
und das Rätsel,
zu dem ihr eurerseits werdet
in der bitteren Laune des Staubes.
In Chars Wort, in seiner „Mandel“, erkennen wir eine intransitive Kraft – glücklich und zunächst ängstlich, nur sich selbst zu erproben, zwischen der äußersten Konzentration und dem Aufsprudeln, das einen nächtlichen Himmel übersäen könnte. Aber muß ich nicht wieder streichen, was ich eben behauptete? Ich muß nämlich gleich hinzufügen, daß dies eine der unerbittlich Auskunft heischenden und eindringlichsten poetischen Stimmen ist. Von einem Ich her oder einem Wir, dessen Großzügigkeit nur dem „Hunger“ ebenbürtig ist, entwickelt sie sich zum Vokativ, schafft dabei eine Verbindung zur Liebe oder zur Fürsorge, um sie dann in eine weltweite Dimension zu projizieren und vor allem in eine erdnahe Landschaft. Ihr Ziel, ihre Zukunft entfalten sich jenseits eines Du oder Ihr, mit denen sie sich letztlich vereint. Der Dichter wird dann nur der „große Beginner“ gewesen sein oder der nie von seiner Aufgabe entbundene Lehrling, der für immer der Zeitgenosse seiner aufrührerischen Kindheit blieb. Es erweist sich: solche Dichtung hilft leben, hilft widerstehen – im wahren Sinn des Wortes, ist sie doch gezeichnet vom Mut dessen, der in der Zeit ungeheurer Unterdrückung und auch Gefahr das Antlitz des Dichters Hypnos und das des Capitaine Alexandre trug.
Ich möchte hier ein ganz persönliches Wort der Dankbarkeit einfügen, das an eine neuere Betrachtung anknüpft, deren Etappen und Ergebnisse vielleicht ein Buch verzeichnen wird, das ich zu schreiben hoffe. Meine Betrachtung entsprang der Lektüre jener wunderbaren Verse, die in Hölderlins Hyperion stehen:
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
Wie ist dieser großartige allegorische Text über das Schicksal der Menschen in die europäische Dichtung geraten? Wie ist er aufgenommen und umgesetzt worden? Es handelt sich da nicht um ein „Thema“ unter anderen: Ich sehe, wie sich hier, im bloßen Bild der metaphorischen Übertragung, das Wirken einer der großen Kräfte, die die Erde prägen, mit der Sorge verbindet, die von der Zeit unablösbar der menschlichen Existenz aufgedrückt wird. Hölderlins Gedicht steht stufenförmig auf der Druckseite wie eine Terrassenfolge im Gebirge…
So kommt auch René Char, Hölderlin entsprechend, zu der Einsicht, daß die Dichtung sich verströme, „wie das Wasser die Felsen durchdringt“. Er lädt uns ein zur „Rückkehr stromauf“, auf ein Diesseits hin, in dem jedes Schicksal enthalten ist und bejaht wird:
DIE ERSTEN AUGENBLICKE
Wir sahen das Wasser vor uns fluten und wachsen. Es verjagte sich selbst aus dem Mutterschoß, löschte jäh das Gebirge. Dies war kein Sturzbach, der seinem Schicksal sich stellte, sondern ein unnennbares Tier, dessen Wort und Substanz wir wurden. Es hielt uns fest, von Liebe gebannt, auf dem all mächtigen Bogen seiner Phantasie. Welcher Zwang hätte sich einmischen können? Die alltägliche Dürftigkeit war gewichen, das vergeudete Blut fand seine Wärme wieder. Kinder des Offnen, abgeschliffen bis zur Unsichtbarkeit, waren wir ein Sieg, der kein Ende mehr nahm.
Ein neues Sinnbild, mit Leben beladen, verdrängt die tödliche Flut, die, bei Hölderlin, die Menschen, Sturz um Sturz, in den Abgrund spült.
Wenn Char die Sorgue rühmt, gewinnt der Fluß eine mehrfache Bedeutung. Die Wasser enthalten den vielfältigen Glanz der Sonne:
Fluß, Erde ist Schauder in dir, Sonne Beklommenheit.
Daß jeder Arme in seiner Nacht aus deiner Ernte das Brot sich macht.
Der Dichter der Ersten Mühle (Moulin premier) weiß, wie das Plätschern der Wasserräder und der Schaum unter den Schleusen mitformen an der Substanz des Brotes. Er sah, wie die Mühlen verschwanden und durch andere, weniger dem Leben dienliche Industrien ersetzt wurden. Dieses Wissen schlägt sich dramaturgisch nieder in Claire, in der Sonne der Gewässer (Le soleil des eaux)… Der Fluß indessen bleibt, wenn auch in Trauer gehüllt, eine Kraft, die belehrt und beschirmt. 1941 schrieb Char in einem „Billet an Francis Curel“:
Sieh, noch drehen sich über der Sorgue die letzten Räder. Ermiß die singende Länge ihrer Moose. Berechne den verrotteten Widerstand ihrer Bretter. Vertrau dich den Wildwassern an, die wir lieben.
Man muß die „Kindheit in Les Névons“ lesen, um zu begreifen, welches Bündnis geschlossen wird:
Im Park von Les Névons
Aufwuchs ein Rebell,
Für Bach und Kind und Traumbild
War er Spielgesell.
Auf ein Manuskript dieses Gedichts hat Char an den Rand geschrieben:
Das Kind, der Bach, der Rebell sind ein und derselbe, der lebt und sich wandelt mit den Jahren. Der leuchtet auf und erlischt wieder über den Linien des Horizonts.
In den letzten Versen des „Liedes“ richtet der Dichter noch einmal eine Bitte an den Fluß:
Fluß, dem die kerkerverrückte Welt nie das Herz brechen konnte,
Wild laß uns bleiben und freundlich den Bienen der Horizonte.
In meiner Leserträumerei hatte ich mich dem melancholischen Akkord hingegeben, der von Hölderlin angeschlagen wurde: und den hat sich die wache Harmonik im Werk René Chars wieder angeeignet. Nur da verwirklicht sich die Registerfülle, die jeder großen Dichtung eignet. Sie kann Bezug nehmen auf jede große Dichtung von früher, ohne ihr unmittelbar etwas zu verdanken; sie kann auch auf unsere ganz persönlich gestellte Anfrage Bezug nehmen.
Ich bleibe bei meiner Fragestellung und erkläre, daß René Chars Werk nicht nur auf die letzte Strophe des Hölderlin-Gedichts Bezug nimmt – mit dem Bild von der Kaskade, vom Sturz in die Zeit –, sondern ebenfalls auf die beiden ersten, die dem labilen Schicksal der Menschen die göttliche Stabilität, die außerzeitliche, gegenüberstellen:
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt in bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Hölderlin ist untröstlich über den Fortgang der Götter. Das konnte René Char, auf der Höhe unserer Zeit, nicht gleichgültig bleiben: auch er nimmt Stellung zu diesem Rückzug. Anfangs um die Trauer über die Abwesenheit zu verscheuchen, auf daß die Trennung keine Wunde mehr sei:
Wir beneiden die Götter nicht, wir dienen ihnen nicht, fürchten sie nicht, aber auf Leben und Tod bezeugen wir ihre vielfache Existenz, und noch immer bewegt uns, daß wir ihre abenteuerlichen Zöglinge sind, nun da ihr Andenken schwindet.
Die freie kindliche Beziehung gibt den „Augenblicksgottheiten“ wieder eine Chance, doch ohne daß daraus für uns eine Beschwichtigung, ein verbriefter Schutz resultierte:
Die Götter sind wiedergekommen, Gefährten. Für einen Augenblick drangen sie jetzt in dieses Leben ein; aber mit dem Wort, das entfaltet, ist auch das Wort des Widerrufs wieder da, um uns gleichzeitig leiden zu lassen.
Ich erwähnte vorhin das „souveräne Gespräch“ zwischen dem Dichter und dem Musiker. In der Art höre ich auch das Rauschen des Flusses übers Felsgestein und sein Echo in der Dichtung. Schlichte Lesezeichen, die zwischen den Buchseiten stecken, um einen Weg zu markieren, der sich gerade auch in die Welt wagt.
Morgen, beim Anblick der schwindenden Nacht, aufs Morgenlicht wartend, will ich meine Augen auf die Wolke richten und das Anfangsgedicht2 hören:
Verbrannt das Gehege verfemt
Du Wolke schieb dich davor
Wolke des Widerstands
Wolke der Höhlen
Schrittmacherin der Hypnose.
Jean Starobinski, Nachwort
Nicht ohne Mühe – aber schön
René Char gehört sicher nicht zu den Dichtern, die man so ganz nebenbei ,konsumieren‘ kann. Die Wortkraft, die Schönheit der Bilder seiner Gedichte, die – sie erschließen sich nicht ohne Mühe, dann aber mit ganz großem Gewinn.
Das gilt auch für den Band Lob einer Verdächtigen / Éloge d’une Soupçonnée. Als Beispiel sein zitiert aus „Erdwärts blickend“:
Die Blütenblätter öffnen sich und breiten sich aus, verlassen die Runde, vom Tode geleitet, beigesellt für einen Augenblick dem abweisenden Herzen der Rose.
Und „beigesellt“ den französischen Text aus dieser zweisprachigen Ausgabe:
Le pétales s’ouvrent et s’étendent, sortent de la ronde, escortés par la mort, adjoints un instant au cœur révoquant de la rose.
Es geht um den Platz der Dichtung im Leben und nahe dem Schmerz. Dichtung also als Mitte – bei aller Hinfälligkeit.
Die Kunst ist aus Bedrängnis entstanden, aus Tragik, die von Zeit zu Zeit durchbrochen wurde von einem Freudenschwall…
Ist das die Dichtung – die Dichtung von René Char?!
So, wenn er in „Selten das Lied…“ dichtet:
Selten das Lied des traurigen Dompfaffs,
Der herrliche Winter des Ventoux;
Das neue Jahr wird reicher noch an Gefahren;
Spiele, Liebe, tropfe nur gütigst
Auf, ja öfter noch unter,
Die verführte törichte Quelle.
Aus der gespaltenen Sonne wird dieser
schwangere Abend.
Wer Dichtung liebt – er wird an René Char nicht vorbeikommen.
Günter Nawe „Herodot“, amazon.de, 21.7.2009
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + Instagram + Rundfunk + IZA + Kalliope
Nachruf auf Lothar Klünner: Der Tagesspiegel
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Horst Wernicke: Zorn und Geheimnis
Die Furche, 31.5.2007
Horst Wernicke: „Einen Blitz bewohnen“
Neue Zürcher Zeitung, 14.6.2007
Carmela Thiele: Sinnliche Ästhetik des Widerstands
deutschlandfunk.de, 14.6.2007
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + KLfG + Internet Archive + Kalliope
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Nachrufe auf René Char: Prisma ✝︎ Tumba
René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.









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