Steffen Marciniak (Hrsg.): Tänzer auf dem Seil

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Steffen Marciniak (Hrsg.): Tänzer auf dem Seil

Marciniak (Hrsg.)-Tänzer auf dem Seil

FÜR ULRICH GRASNICK

Wo habe ich dich nicht überall schon gesehen, stapfend
in wessen Unrat, in welchen Gebirgen, in welchem Theater,
trotzend dem Nebel, gekleidet in Nacht, im Spiegelkabinett
aus Träumen zweiten und dritten Grades. Du hast, weißt du
nicht mehr, als ein Kind von sieben Jahren, der verschnupften
Königstochter die Schnürsenkel gebunden, als Schwedisch
sprechender Adler. Das krächzende Ich mit der frischen Narbe
verriet mir deinen Namen. Spekulanten erwarben von deinem
Wort das mintgrüne Herz, die feurige Gabe. Wenn wir uns
gegenüberstehen, im windstillen Nirgends der Tage, im Flüstern
der Farben, sage du Verse auf, ich zähle dir Mandeln in die
Hände, damit bestichst du die Raben, Silberfäden statt Federn,
aus samtweißen Leinen: mannshohe Weide. Das ist das Ende
vom Chamäleon Macht. Wohin unser Schweigen fällt, das ist
heiliges Land, vom verstauchten Muskel: müdes Halleluja.

Gabriel Wolkenfeld

 

Trennzeichen 25 pixel

 

Zum Geleit

Ulrich Grasnick hat viele Wegbegleiter, die eher und einiges mehr zu erzählen hätten; um den Jubilar zu würdigen, ihm Beifall zu zollen, Hymnen auf das Werk dieses 85-jährigen Lebens zu schreiben, welches auch ein Drahtseilakt war, vielleicht immer noch ist, wie er es uns in seinem wunderbaren Gedicht „Der Seiltänzer“ mitteilt.

DER SEILTÄNZER

 

Er kommt,
eine Majestät der Lüfte,
empfangen von frischem Lorbeer,
Beifall, Hymne für einen Drahtseilakt.

 

Sein Balancestab,
ein schwankendes Geländer,
grotesker Halt,
gefährdet vom launischen Seil.

 

Wer wünschte ihm nicht Flügel,
wenn der Abgrund
dem Rachen eines Wolfes gleicht.

 

Schritt für Schritt
über dem staunenden Atemanhalten
trägt er seinen Wanderstab,
eigens erdacht,
für den Gang auf des Messers Schneide.

Dieses Gedicht sei dem Buch vorangestellt, das mehr eine Glückwunschanthologie sein soll, von einigen Dichterfreunden, Preisträgern und Jurymitgliedern des Ulrich-Grasnick-Lyrikpreises, die natürlich nur einen kleinen Teil der Menschen repräsentiert, die Ulrich Grasnicks Leben in den vergangenen Jahren begleiteten.
Geboren am 4. Juni 1938 in Pirna, als Sohn des Pharmazierates B. Erich Grasnick und seiner Frau, Thekla Grasnick, geb. Girard, studierte Ulrich Grasnick von 1959 bis 1963 Gesang an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Von 1966 bis 1973 gehörte er zum Ensemble der Komischen Oper Berlin unter Walter Felsenstein.
Der „Gang auf des Messers Schneide“ führte ihn durch unterschiedliche Gesellschaftssysteme, er musste immer jonglieren, wie ein Seiltänzer auf einem Drahtseil. Wichtiger waren ihm die Natur, das Meer, speziell die Ostsee, die Menschen und natürlich Poesie, Musik und Malerei. Zu der lebensbestimmenden ewigen Liebe zu klassischer Musik und zur Malerei, denen Ulrich Grasnick in vielen seiner Gedichte Stimme gab, gesellte sich schnell die Literatur, speziell die Lyrik, der er bis zum heutigen 85. Geburtstag treu blieb und über den Jubiläumstag hinaus treu sein wird.
Namen wie Hölderlin, Bobrowski, Chagall, Picasso, Schmidt-Rottluff u.a. bestimmen Eckpunkte seiner künstlerischen Tätigkeit. Und immer wieder Musik, wiederholt gab es Vertonungen seiner Gedichte durch den Komponisten Günter Schwarze. Die persönliche Begegnung mit Marc Chagall in  St. Paul de Vence im Jahr 1977 formte seine Inspiration für eine Verbindung von Poesie und Malerei.
Viele Gedichtbände zeugen davon bereits im Buchtitel.
Seit 1975 leitet er das Köpenicker Lyrikseminar, half so vielen angehenden Dichtern, jungen Suchenden und erfahrenen Lyrikliebhabern bei ihrem Dichten. Ein besonderes Vermächtnis schuf Ulrich Grasnick mit dem Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis, zu dem es alljährlich hunderte Zusendungen gibt. Einige der Preisträger sind in diesem Band mit einem Ulrich Grasnick zugeeigneten Gedicht vertreten: Sigune Schnabel, Carmen Jaud, Gabriel Wolkenfeld, Franziska Beyer-Lallauret, Kathrin B. Külow. Und jedes Jahr freuen sich viele weitere Teilnehmer über den Abdruck ihrer Gedichte in den von Almut Armélin und ihm herausgegebenen Anthologien zum Wettbewerb.
Zusammen mit dem peruanischen Dichter José Pablo Quevedo begründete Ulrich Grasnick 1996 die Cita de la poesia, eine Dichterbegegnung mit deutscher und spanischsprachiger Lyrik. Er wurde mit der goldenen Medaille des Peruanischen Schriftstellerverbandes „Haus des Peruanischen Dichters“ (Lima) ausgezeichnet und erhielt die Ehrenmitgliedschaft.
Auch im Namen von Vielen möchten wir Dichter dieser kleinen Lyriksammlung heute Danke sagen für alles, was uns die Begegnungen mit dem Jubilar gegeben haben, und herzlich zum 85. Geburtstag gratulieren. Vielleicht mag dieses Buch animieren, zum 90. einen noch breiteren Kreis für eine neue Jubiläums Anthologie zusammenzubekommen.

Steffen Marciniak, Vorwort

 

Der Dichter Ulrich Grasnick

feiert am 4. Juni 2023 seinen 85. Geburtstag. Ein Leben für die Dichtung, ein Leben für die Kunst. Ein Leben immer auch als Drahtseilakt, ein Tänzer auf dem Seil. Viele Menschen hatten mit Ulrich Grasnick einzigartige Begegnungen und Erlebnisse, die einen häufiger, die anderen selten. Jedem blieb der Poet aus Berlin unvergesslich im Gedächtnis. Das heutige Jubiläum nehmen 16 Dichter zum Anlass, Ulrich Grasnick gewidmete Gedichte in dieser Anthologie darzureichen.

Verlag der 9 Reiche, Klappentext, 2023

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Facebook

 

 

Zum 80. Geburtstag von Ulrich Grasnick:

Marko Ferst: Inspiriert von Chagall
neues deutschland, 4.6.2018

Fakten und Vermutungen zu Ulrich Grasnick + Kalliope
Porträtgalerie: deutsche FOTOTHEK

 

Ulrich Grasnick und Steffen Marciniak lesen am 29.10.2020 beim 2. Wilmersdorfer Lesesalon im KunstRaum der Künstlerkolonie Berlin.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Weekend

(wi:kend) ( ein Wink:) es wende der Wind! – Wie den Denkenden wecken?

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00