ZAUBERBILD UND VERKÖRPERUNG
Märzmitternacht, sagte der Gärtner. So ist der Einstieg geheimnisvoll wie bei einem Krimi oder man fühlt sich an ein deutsches Kunstlied erinnert, Märzveilchen. Ich habe dieses Gedicht, obwohl es 1972 veröffentlicht wurde, aus mancherlei Beweggründen erst viel später gelesen, als ich mich im zweiten Teil meines Landes befand. Wurde die DDR-Realität quicklebendig, hatte ich im Hinterkopf wieder Augen: Einer ging hinter uns, wir sprachen vom Wetter. Ich hatte Es ein paar Jahre später als Huchel am eigenen Leibe erfahren. Wie trostreich erreicht mich bis heute die ketzerische Zeile: langsam dreht sich das Jahr ins Licht. Things will take a turn. Mein Magier der schöne alte Peter Huchel hatte Gewißheit auf Änderung doch zu verschenken. Am Grunde der Moldau wandern die Steine. Das Frühjahr kommt! Energie setzt – durch seine Wut – den Halm frei. Alles erblickt der überwachte Dichter, der ein Stück Natur auch wieder ist und das gibt ihm Stärke. Während der wunderbare Dichter, von Jan Skácel verehrt – während beide wunderbaren Dichter also unter elenden Bedingungen ihre normalen störenden Gedichte schrieben, schickte die Anfängerin auf dem Bleistiftgebiet sich an, in die Hauptstadt zu gehen, ein Kind als Anker auszuwerfen, daß sie nichts anfechten kann. Ein Grundgesetz des Sozialismus besagte: Du sollst in der Hauptstadt wohnen! War man geschützter, gab es mehr Tiger im Regen, gab es einen Appel für das winzige Kind. Die Nachbarn mit dem Oktavheft selbstverständlich auch, welche die Autonummern der Freunde notieren, die vermutliche Rasse eines Besuchers auszumachen versuchen. Ich wohnte Fischerinsel, ein Neubau, die Bewohner gleich von der Stasi sortiert. Meiner Wabe gegenüber IM Katrin, Mitarbeiterin vom Sekretär des Schriftstellerverbandes. Sarah, wenn Du ne Lesung hast – Du kannst mir Deinen Schlüssel geben, ich seh nach Deinem Kind. Kamen die Freunde, die Konterbande im Mantelfutter. Einmal haben sie Delius an der Grenze einen Hölderlin abgenommen. Ich kam nicht dazu, Huchel zu besuchen. Wir kannten uns nicht, wir trafen uns später im Freien. Ich hatte selbst viel zu tun, Göld für mich und meinen Anker zu verdienen durch Übersetzen schlechter und guter russischer Dichter. Doch Huchel war ein Zauberbild für mich. Die Verkörperung des anderen Schreibens. Der schrieb auch hier in diesem besseren Land! was ihm einfiel (was fällt Ihnen denn ein!), nicht was verordnet war oder was die eigennützige Selbstzensur zu Papier bringen konnte. Er hing dem Irrglauben an, der war wie die Wolken. Fürchtete schon böse Geister, die ich ja auch sah, wollte aber nicht seine Verse verbrennen. Hat mich gerettet durch seine ausgesperrte Anwesenheit im ersten Teil meines Landes. Huchel sei Dank, ich durfte also tun was ich mußte, nicht was die Einbläser mir vorschreiben wollten. Heiteres Lachen aus dem Hubertusweg: der Dichter steigt die altersschwache Treppe hinunter und in richtigen Büchern steckt Trost und Heil. Selbst wenn die Keilschrift erst entziffert werden muß durch den Sohn. Als der Schnauzbärtige, der anfangs bei Huchel und den alten Weibern am Küchenherd oftmals gesessen – Geächtete konnten sich ohne Skrupel besuchen – als Biermann also via Gewerkschaftseinladung ausgesperrt wurde, da bin ich auch bald gegangen. Die Wilde Jagd vom Hubertusweg. Hab alles verstanden. War mir ne Wegschnur: die losgerissene Natur – das Sausen des Winds in freiliegenden Schlüssellöchern – der Halm ist stärker als der Standort wenn er nur will, und die Distel siegt schlechthin über die Hacke weil sie im Herbste fliegen kann über die stürzende Mauer.
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Sarah Kirsch
zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen der Generation, die um 1960 zu schreiben begann. Früh wurde ihre Stimme als einzigartig gerühmt, weil sie in ihren Gedichten und Prosatexten den Alltagsdingen und Naturbeobachtungen eine Poesie abgewinnt, die das Wunderbare, Schöne, Ewige sichtbar macht und verzaubert. Sarah Kirsch gewann, spätestens seit ihrer Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik, höchste Wertschätzung nicht nur bei den Kritikern, sondern auch bei den Lesern. Ihre Gedichtbände erreichten Auflagenzahlen, wie sie in diesem Genre nicht eben üblich sind. 1996, im Jahr als sie auch den Büchner-Preis bekam, hielt sie an der Universität Frankfurt a.M. die Poetikvorlesungen, in denen sie Fragen des Schreibens umkreiste und nach den Möglichkeiten poetischer Wirklichkeitserkundung fragte, das Existenzielle jenseits von Ideologie und Politik in den Blick nahm. Diese Vorlesungen werden hier nun erstmals veröffentlicht. Trockenes Theoretisieren ist dabei ganz und gar nicht die Sache der Dichterin, vielmehr stellt sie auch eigene Texte ins Zentrum ihrer Überlegungen, die sie spielerisch umkreist – so ist das Nachdenken über Poesie selbst Poesie.
Wallstein Verlag, Klappentext, 2019
Beiträge zu diesem Buch:
Monika Vasik: Bin ein meschuggener Vogel
fixpoetry.com, 14.8.2019
Volker Strebel: Treckerlärm, Hundegequietsche und Kantaten
literaturkritik.de, Mai 2019
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope
Urs Widmer: Sarah Kirsch ist eine Hexe, Die Zeit, 2.7.1976
Rolf Michaelis: Winter im Sommer, Die Zeit, 5.8.1977
Karin Huffzky spricht mit Sarah Kirsch: Den Himmel beschreiben, Die Zeit 28.10.1977
Wulf Kirsten: Rede auf Sarah Kirsch zur Verleihung der Ehrengabe der Heine-Gesellschaft 1992.
Andrea Marggraf: Ein Besuch bei Sarah Kirsch
Versprengte Engel – Wolfgang Hilbig und Sarah Kirsch ein Briefwechsel
Lesung in der Quichotte-Buchhandlung in Tübingen am 8.12.2023 mit Wilhelm Bartsch und Nancy Hünger sowie Marit Heuß im Studio Gezett in Berlin.
Begrüßung: Wolfgang Zwierzynski, Buchhandlung Quichotte
Einleitung: Katrin Hanisch, Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e.V.
Zum 60. Geburtstag der Autorin:
Jens Jessen: Versteckte Aggressivität
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.4.1995
Zum 65. Geburtstag der Autorin:
Jürgen P. Wallmann: Verspielte Vision
Rheinische Post, 14.4.2000
Heinz Ludwig Arnold: Ein paar Abgründe überwinden
Frankfurter Rundschau, 15.4.2000
Peter Mohr: Meine schönsten Akwareller sint weck
General-Anzeiger, Bonn, 15./16.4.2000
Jürgen Israel: Das Herz hat einen Riss
Unsere Kirche, 16.4.2000
Horst H. Lehmann: Bibliophile Werkausgabe auf Büttenpapier
Neues Deutschland, 17.4.2000
Hans Joachim Schädlich: Sarah. Ein Geburtstagsgruß
Neue Rundschau, Heft 3, 2000
Zum 70. Geburtstag der Autorin:
Marion Poschmann/ Iris Radisch: Man muss demütig und einfach sein. Gespräch
Die Zeit, 14.4.2005
Michael Braun: Landschaften mit Endzeit-Boten
Basler Zeitung, 15.4.2005
Unter dem Titel Idyllische Apokalypse
Stuttgarter Zeitung, 15.4.2005
Helmut Böttiger: Hier ist das Versmaß elegisch
Badische Zeitung, 16.4.2005
Michael Braun: Die Schmerzzeitlose
Der Tagesspiegel, 16.4.2005
Johann Holzner: Das Leben verlängern
Die Furche, 14.4.2005
Christian Eger: Unter dem Flug des Bussards
Mitteldeutsche Zeitung, 16.4.2005
Alexander Kluy: Den Himmel vergleichen
Frankfurter Rundschau, 16.4.2005
Dorothea von Törne: Schütteln und weiterleben
Literarische Welt, 16.4.2005
Gunnar Decker: Fisch, der am Grund lebt
Neues Deutschland, 16./17.4.2005
Samuel Moser: Verse vom Rand der Welt
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.4.2005
Hans-Herbert Räkel: Ein Elefant muss über die Alpen
Süddeutsche Zeitung, 16./17.4.2005
Sabine Rohlf: Läuse bei Mäusen in der Umgebung von Halle
Berliner Zeitung, 16./17.4.2005
Zum 75. Geburtstag der Autorin:
Andrea Marggraf: „Bevor ich stürze, bin ich weiter“
Deutschlandradio Kultur, 13.4.2010
Erich Malezke: Natürliche Distanz zur Außenwelt
SHZ, 15.4.2010
Jürgen Verdofsky: Remmidemmi in Tielenhemmi
Frankfurter Rundschau, 15.4.2010
Wilfried F. Schoeller: Hier bin ich gern und immerdar
Der Tagesspiegel, 15.4.2010
Heinz Stade: Sarah Kirsch zum 75. Geburtstag
Thüringer Allgemeine, 16.4.2010
Rebekka Haubold: Sarah Kirsch feiert 75. Geburtstag
Radio für Kopfhörer, 16.4.2010
Gunnar Decker: Pirol unter Krähen
Neues Deutschland, 16.4.2010
Brita Janssen: Sarah Kirsch zum 75. Geburtstag
BZ, 16.4.2010
Peter Mohr: Meine Naivität war mein Glück
literaturkritik.de, Mai 2010
Michael Braun: „Alles ist auffindbar in meinen Spuren“
Konrad Adenauer Stiftung, April 2010
Zum 5. Todestag der Autorin:
Heidelore Kneffel: 1997 bei Sarah Kirsch in Tielenhemme
nnz, 5.5.2018
Zum 10. Todestag der Autorin:
Karin Kisker: Zum zehnten Todestag der Dichterin Sarah Kirsch
Neue Nordhäuser Zeitung, 5.5.2023
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + KLG + Archiv + Internet Archive + IZA + Kalliope + DAS&D + Georg-Büchner-Preis 1 & 2 und weiteres
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Autorenarchiv Susanne Schleyer + Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK + Keystone-SDA
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