Christoph Klimke: Poesiealbum 308

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christoph Klimke: Poesiealbum 308

Klimke/Kunert-Poesiealbum 308

SCHRIFT

Unterm Speichelrot die Münzen
auf der Zunge die Nähe
auf weißer Wand blättert der Bestand
Handlinien verlaufen im Grashaar
lesen wir in Augen Bildschirmtext
huscht die Schrift sagt Liebe
klingt metallen und klar kein Traumstoff mehr
Gespinstetuch diskettenhaft gespeichert
abrufbar sind wir auf Halden im weißen Rauschen
früher vom Himmel die Wolken fielen
da schritten wir ab das Gelände
zwischen Stadt und Land
da regnet jetzt die Ferne kennst du.

Sonnenstadt Sturmdeich Zitronenlichtorangen
leben in Sätzen untergebracht
die Haut den Glocken vermacht
im Dorf wildern die Katzen
starren vor den Häusern die Gerüste in den Himmel
die Glut streut uns mit Flammenflügeln
das Sommerspiel im Winter
hölzern dem Ofen zu
sagt Stille in den Buchten zum Windschilf
da hatten wir uns zur Hand
zwischen bunten Kleidern
die vertreiben jetzt den Vogelflug
kennst du Betongesteingebüsch die Inschrift.

 

 

 

Christoph Klimke

Der Berliner Dichter holt die Zeichen und Labyrinthe der eingemotteten Moderne erneut ans Licht – und läßt sie funkeln wie am ersten Tag. Der Erzähler in ihm weiß von einer Liebesgeschichte mit traurigem Ausgang. Der Stückeschreiber inszeniert das Auftauchen der Sonne aus der See und das Flackern und Leuchten der Dinge. Die ,leere Transzendenz‘ bedient sich dabei der Engelsfiguren Klimkes sehr weltlich. Sie erweisen sich als inexistente Nothelfer, an deren Flug sich die Sehnsucht heftet.

Aus Christiane Schulz: Poesiealbum 307, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2013

Poesiealbum 308

Gedichte sind für Klimke zwischen Theaterstücken, Opernlibretti, Essays und Prosa die wichtigste Äußerungsform. Liebe, Natur, Gefahr, Angst und das Immerwiederaufstehen und Bewahren sind die Themen seiner Lyrik. Er schreibt von einer Umkehr, nicht als reaktionäre Rückwärtsgewandtheit, sondern für den Rückgewinn von Werten, die nicht der Gewinnmaximierung unterliegen.

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2013

Stimmen zum Autor

Ich habe Parallelen zu Francis Bacon gefunden. Diese Formulierungen sind hinreißend.
Friederike Mayröcker

Es gelingt Klimke immer wieder, den Erlebnismomenten gut zuzureden, daß sie sich still stellen, den Wechsel der Zeiten vergessen. Es sind Träume, deren Deutung auf das Gespräch mit dem Leser setzt. Das ist ihr sie auszeichnendes Recht.
Alexander von Bormann

Anders als in der Kirschpostille schlägt das Klimkesche Herz hart auf den Boden der Ernüchterung. Es geht um nichts Geringeres als die Existenz des Menschen in Zeit und Raum und um seine Sehnsucht nach Liebe.
Dorothea von Törne

Das Naturgedicht von Christoph Klimke formuliere Daseinsbejahung auf Grund der Verbundenheit mit dem Elementaren, aber aus dem Geist skeptischer Gebrochenheit.
Tilman Krause

Daß Gedichte sinnlich und spannend sein können, unterhaltsam und aufregend und so auch lyrikverdrossene Leser in ihren Bann ziehen, führe Klimke vor, indem er das Flüchtige der Zeit in magische Bilder und Visionen bannt: Seine leidenschaftlichen und ruhelosen Texte brauchen keinen unentzifferbaren „Geheimcode“ und keine gedichterlichen Posen, um zu überzeugen und zu verführen; seine Sprachmacht überwindet die übliche Grenze zwischen Gedicht und Leser, der sich aufgenommen fühlt in den existentiellen Themenkreis von Liebe und Tod, Verlustangst und Hoffnung.
Mario Wirz

Sehnsucht und Verlangen nach anderem Leben, nach Glück, nach dem Objekt der Liebe, das sich ständig entziehen will, sind die bestimmenden Motive von Klimkes Konzentraten.
Günter Kunert

MärkischerVerlag Wilhlemshorst, Klappentext, 2013

 

Der Schnee ist grün, die Tinte weiß

Dichtung ist auf der Suche nach dem gültigen Wort. Das es zwar gibt, das aber niemals gefunden werden kann. Im höchsten Fall erfüllbarer Hoffnung stellt das zweit- oder drittgültige Wort sich ein. Dichtung gibt aber nicht auf, so dauert sie, als fortwährender Versuch einer ruhelosen Vergeblichkeit. Die Reihe Poesiealbum protokolliert diese Schatzgrabungen im meist so verschlossenen Innern der Sprache. In Heft 308 wird der Lyriker Christoph Klimke vorgestellt, Jahrgang 1959, Essayist und Dokumentarfilmautor, enger Mitarbeiter des Choreographen Johann Kresnik.
Sie habe Parallelen zu Francis Bacon festgestellt, wird Friederike Mayröcker im Heft zitiert, und der kürzlich verstorbene Mario Wirz schrieb von der Abwesenheit „gedichterlicher Posen“ im Werk Klimkes. Dessen Verse singen, meerfahrtbegleitend, die Wegweisung ins Uferlose, „mit uns / schwimmt ein Engel / flügellos und die Augen / verbunden weiß er den Weg / an kein Land“.
Von Günter Kunert, der die Auswahl dieses Heftes besorgte, stammt auch die doppelseitige Federzeichnung, „In Seenot“: Der Himmel eine Schraffur sanfter Linien, zarte, wie mit dem Lineal gezogene Striche, verbarrikadiert und irgendwie leblos dies Höhere – aber darunter die schwarze Schlingmasse Ozean, sie trägt die Rettungsplanken dreier kleiner Leutchen, dreier Fahnenschwinger gleichsam an der Höllenschwelle; aber es ist, als könne der Mensch eben nur in der Gelegenheit zur Not, zum Scheitern zu sich, zu einem Zuhause kommen – das darauf bestehen muss, unsicher und schwankend zu sein.
Das genau erzählt Klimke. Nie zynisch, sondern melancholisch und auffordernd, eine andere Hand zu fassen. Der Dichter weiß: Der Reiz von Untergängen besteht darin, dass etwas übrig bleibt. Es wächst im Bedrohten der Sinn für das Unzerstörbare, und natürlich die Hoffnung darauf, dass man selber auch unvernichtbar ist. Das ermutigt Dichter, just mit der Verwicklung in Unglücke zu – spielen. Auch diese Gedichte haben ein inständiges Interesse an den mysteriösen Elementen, die unseren alltäglichen Erfahrungen Farben geben. Grüner Schnee und weiße Tinte und bleigraue Narben und schwarzer Sand. Viel Sturm und Eis und beschädigte Engel kommen in den satzzeichenlosen Versen vor. Die Neugier ist hier so eine Art Haar unserer Welterkenntnis, das ganz klar die Tendenz hat, zu Berge zu stehen. Wenn wir nicht schleunigst den Seelenblick woanders hin wenden: in „Richtung Glut“, in die Vertröstungen der Kindheit, in Träume „an der Erde Rand“.

Hans-Dieter Schütt, neues deutschland, 4.11.2013

 

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