Eckart Kleßmann: Zu Gottfried Benns Gedicht „Einsamer nie −“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Einsamer nie −“ aus Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte. −

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Einsamer nie −

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

 

Abseits vom Rausch der Dinge

Zu den Favoriten lyrischer Zuwendung gehörte der Monat August noch nie; dem Höhepunkt sommerlicher Vollendung konnten die Dichter nur wenig abgewinnen. Auch dieses Gedicht besingt nicht den Sommer und seine Bilder; die drei Strophen variieren den Kontrast von gereifter, farbenfroher Landschaft und der asketischen Kühle geistiger Einsamkeit, die sich von Blüte und Frucht ausgeschlossen weiß. Zweimal wird angesichts der visuellen Erscheinungspracht die skeptische Frage gestellt, die mit „doch wo“ anhebt, eine Frage, die aber die Antwort längst weiß.
Die Einsamkeit des Geistes ist die Einsamkeit einer Persönlichkeit, die von den schlichten Freuden der Gemeinschaft ausgeschlossen bleibt. Der Mensch, der an sich, an seiner Arbeit und an seinen Einsichten zweifelt und sich dabei täglich in Frage stellt, kann sich weder „durch Glück“ beweisen noch sich dem „Rausch der Dinge“ naiv anheimgeben.
Ist Glück etwas Zufälliges (was ist „Zufall“?), Einmaliges, Flüchtiges, Unwiederbringliches, letztlich Ungerechtes Fortunas schimmernde Kugel? Aber der Liebende etwa, der sich glücklich wähnt, versteht sein Glück als etwas sehr Dauerhaftes. Benns „Gegenglück“ ist der von den Wechselfällen des materiellen und zufälligen Lebens unabhängige Geist. Jener Geist, der mächtig ist, das schauende Individuum zu befragen, in Frage zu stellen, skeptisch zu machen angesichts einer glückverheißenden Natur und einer sich harmonisch gebenden Gemeinschaft. Das kritische, sich selber mißtrauende Ich bewahrt sich als Trost die Erkenntnis, daß sein „Gegenglück“ dauerhafter und reiner ist als die „Wonnen der Gewöhnlichkeit“, um die Tonio Kröger jene beneidete, die ihn davon ausschlossen. Das Gedicht wurde, bezeichnend genug, „auf einem Hügelgasthof auf einem der kleinen Höhenzüge bei Hannover“ geschrieben oder konzipiert, „Nachmittag, Ernteende“, so Benn 1954.
Die Entstehung dieser Strophen ist von den äußeren Umständen ihrer Entstehung nicht zu trennen. Benn, vom NS-Regime geächtet und als Militärarzt in der Provinz, schickte es unter dem Datum des 4. September 1936 an seinen Briefpartner F.W. Oelze mit dem lakonischen Vermerk: „Bedarf keiner besonderen Antwort!“ Vorangegangen war ein Brief an Oelze vom 28. Juli mit dem Satz: „Immer einsamer wird es, menschenleer. Wohin führen die Jahre, wohl nirgends hin.“
Das Jahr 1936 sah die Olympiade in Berlin. Das Hitler-Reich triumphierte und erntete die Anerkennung der Welt. Wer nicht mit jubelte, sich nicht dem „Rausch der Dinge“ überließ, abseits stand, machte sich verdächtig und blieb unendlich allein. Benn war als Dichter zum Schweigen verurteilt, als Mensch vereinsamt. Das „Gegenglück“ wurde aus Bitterkeit gewonnen. Ich habe diese Verse kennen gelernt als junger Mensch, als mir selbst der Kontrast von verwehrtem Glück und dem erfahrenen Gegenglück zu schaffen machte. Später kaufte ich eine Schallplatte, auf der Benn dieses Gedicht, das zu seinen liebsten gehörte, vorträgt und die ich gerade dieser Strophen wegen wieder und wieder hörte. Nein, das Gedicht bot keinen Trost, es bestätigte die eigene Position und erwies sich als eine lyrische Ermutigung: Tua res agitur. Gewiß ist das nicht der Sinn eines Gedichtes, aber wenn Verse so teilhaben am eigenen Dasein: Wer fragt da noch nach einer lebensabgewandten Ästhetik.

Eckart Kleßmann, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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