Else Lasker-Schüler: Gedichte 1902–1943

Lasker-Schüler-Gedichte1902–1943

EIN ALTER TIBETTEPPICH

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

 

 

 

Nachbemerkung zur Textgestalt

Dieser erste Versuch einer Gesamtausgabe der Gedichte von Else Lasker-Schüler vereinigt vollzählig sämtliche zu Lebzeiten der Dichterin in Buchform veröffentlichten Gedichte samt den Textvarianten der verschiedenen Drucke. Unberücksichtigt blieben in der Regel die Abdrucke in Zeitungen, Zeitschriften und zeitgenössischen Anthologien. Einzelne Hinweise auf handschriftliche Varianten (in den von Ernst Ginsberg und Werner Kraft posthum veranstalteten Sammlungen) wurden vermerkt.
Die zeitliche Folge der Veröffentlichungen sollte im großen und ganzen gewahrt bleiben; zugleich aber durften die von der Dichterin selber durch zyklische Anordnung und die Beigabe von Widmungen hergestellten oder angedeuteten Zusammenhänge nicht zerstört werden. Dies erklärt, warum manche Gedichte in der gleichen Fassung zweimal vertreten sind. Mit Ausnahme des vollständigen Abdrucks der Sammlung Styx in unveränderter Gestalt wurde, wenn nicht zwingende Bedenken dagegensprachen. jeweils die späteste Fassung der einzelnen Gedichte in den Textteil aufgenommen. Wiesen die erste und die endgültige Fassung sehr starke Abweichungen auf, so wurden beide als ganzes Gedicht abgedruckt. Der folgende Nachtrag verzeichnet sämtliche Lesarten der früheren Fassungen und der Abdrucke in anderen Büchern der Dichterin. Nicht aufgenommen wurden einige bloße Scherzgedichte und Gelegenheitsreimereien aus „Konzert“ und „Hebräerland“.
Im Hinblick auf die verschiedenen Fassungen darf angemerkt werden, daß die späteren Veränderungen nicht immer Verbesserungen darstellen; bisweilen sind in den jüngeren Ausgaben einzelne Zeilen und sogar ganze Gedichte verlorengegangen.
Gewisse Eigenheiten der Orthographie wurden beibehalten; ebenso die häufig willkürliche, ungewohnte oder ungenügende Interpunktion. Letztere folgt in der Regel dem spätesten Druck, es sei denn, die früheren Sammlungen legen insgesamt eine andere Zeichensetzung nahe. Die zahlreichen Abweichungen in den verschiedenen Ausgaben -namentlich, was die Verwendung von Ausrufungszeichen, Gedankenstrichen, mehreren Punkten betrifft – wurden nur dort verzeichnet, wo durch die veränderte Interpunktion eine Sinnverschiebung eintritt. Offenkundige Druckfehler wurden meist stillschweigend berichtigt.
Für freundliche Hinweise und Auskünfte, für Rat und Hilfe sei an dieser Stelle den Herren Ernst Ginsberg, Werner Kraft und Sigismund von Radecki sowie dem Schiller-Nationalmuseum in Marbach gedankt.

Im einzelnen ist der Textteil der vorstehenden Gesamtausgabe folgendermaßen aufgegliedert:

 

  1. die Sammlung Styx in der ursprünglichen Reihenfolge der Gedichte, unter Beibehaltung der typographischen Anordnung und der Orthographie der einzelnen Gedichte; anschließend sämtliche Gedichte aus Styx, die, mehr oder weniger verändert, in Die gesammelten Gedichte und die zweibändige Gedichtausgabe von 1920 aufgenommen wurden (mit Ausnahme von 4 Gedichten, die an späterer Stelle und in anderem Zusammenhang wiederholt werden);
  2. die 33 neuen Gedichte der Sammlung Der siebente Tag in der ursprünglichen Reihenfolge; die einzelnen Texte jedoch, mit Ausnahme von 2 Gedichten, in der endgültigen Fassung der Ausgabe von 1920;
  3. 21 neue Gedichte aus dem Versband Meine Wunder, der außerdem 32 Gedichte aus Der siebente Tag und 5 der Gedichte an Senna Hoy enthält;
  4. der gesamte Zyklus der an Senna Hoy gerichteten Gedichte, in der gleichen Anordnung wie in den Gesammelten Gedichten und der Ausgabe von 1920;
  5. die Gedichte an Hans Ehrenbaum-Degele;
  6. der Zyklus der Gedichte an Gottfried Benn, in welchen auch alle übrigen Gedichte aufgenommen wurden, die ihm gewidmet sind oder auf Grund der Einordnung in den Gesammelten Gedichten und dem Bande Die Kuppel als hierhin gehörig gelten dürfen;
  7. die Gedichte an Hans Adalbert von Maltzahn, an die sich die übrigen Liebesgedichte anschließen;
  8. sämtliche Gedichte an Personen, soweit sie nicht schon in den vorhergehenden Zyklen Aufnahme fanden;
  9. unter der Überschrift „Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig“, aus dem Ersten Teil der Gesamtausgabe von 1920, zehn der dort unter dem gleichen Titel vereinigten Gedichte, ferner die letzte Fassung des Gedichtes „Mein stilles Lied“ (erste Fassung in Der siebente Tag) und 2 Gedichte, die in dem Bande Die Kuppel als erstes und letztes Gedicht stehen; dieser kleine Zyklus bezeichnet hier den Abschluß der Produktion bis 1920;
  10. der Zyklus „Hebräische Balladen“; er enthält sämtliche bis 1920 entstandenen Gedichte biblischer Thematik, vermehrt um 2 Gedichte aus „Konzert“; 2 frühe Gedichte fremden Tons, die in die beiden ersten Ausgaben der „Hebräischen Balladen“ Aufnahme fanden, wurden ausgeschieden; die Anordnung folgt, wie schon bei Ginsberg, im wesentlichen den Büchern des Alten Testaments;
  11. „Konzert“ enthält aus den zwanziger Jahren die Gedichte des unter diesem Titel erschienenen Sammelbandes, mit Ausnahme von 4 „Hebräischen Balladen“ und 2 Gedichten, die in die letzte Verssammlung Aufnahme fanden;
  12. diese, Mein blaues Klavier, bildet, in einem wortgetreuen Abdruck der Erstausgabe von 1943, der Textgestalt nach das späte Gegenstück zu der Sammlung Styx und als letzte zu Lebzeiten der Dichterin erschienene Veröffentlichung den Abschluß dieser ersten Gesamtausgabe ihrer Gedichte.

 

Das Buch

„Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte… Ihre Themen waren vielfach jüdisch, ihre Phantasie orientalisch, aber Ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch, eine Sprache reif und süß, in jeder Wendung dem Kern des Schöpferischen entsprossen. Immer unbeirrbar sie selbst, fanatisch sich selbst verschworen, feindlich allem Satten, Sicheren, Netten, vermochte sie in dieser Sprache ihre leidenschaftlichen Gefühle auszudrücken, ohne das Geheimnisvolle zu entschleiern und zu vergeben, das ihr Wesen war“, schrieb Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Im vorliegenden Band sind alle Gedichte enthalten, die zu ihren Lebzeiten in Buchform veröffentlicht wurden, von der ersten Sammlung mit dem Titel Styx, die 1902 in Berlin erschien, bis zu dem letzten Gedichtband Mein blaues Klavier aus dem Exil in Jerusalem.

Deutscher Taschenbuchverlag, Klappentext, Juli 1986

 

„Sie gleichen meinem Sohn Paul –

Ich muß Sie wiedersehen!“

– Die Journalistin Ulrike Müller hat diesen Zeitzeugen 1996 in Wuppertal interviewt. –

In Zürich war der junge Buchhändler Hans Bolliger für die Exilantin Else Lasker-Schüler so etwas wie Sohn-Ersatz. Der spätere „Papa Dada“ hat die deutschen Expressionisten – vor allem Herwarth Walden „Prinz Jussuf“ und den Künstlerkreis des Sturm – in der Schweiz bekannt gemacht. Die Lasker-Schüler-Gesellschaft erwarb von ihm seine Sammlung von ELS-Originalzeichnungen (ausgestellt im Zentrum der verfolgten Künste im Museum Solingen). Sie wurden in der Zentralbibliothek von November 2006 bis Januar 2007 erstmals in Zürich öffentlich gezeigt.
Die Journalistin Ulrike Müller hat diesen Zeitzeugen 1996 in Wuppertal interviewt.

Ulrike Müller: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Else Lasker-Schüler erinnern?

Hans Bolliger: Ich war damals bei Oprecht, und eines Tages kommt eine sehr merkwürdig gekleidete Frau in die Buchhandlung. Sie war immer schwarz gewandet, trug stets bunte Halstücher, ein Kopftuch und sah ein bisschen orientalisch aus. Ich gehe auf sie zu, frage nach ihren Wünschen. Sie schaut mich durchdringend an und sagt:

Sie gleichen so sehr meinem verstorbenen Sohn Paul – ich muß Sie wiedersehen!

Hat mir die Hand gegeben, und dann haben wir das erste Rendezvous ausgemacht. Sie schlug mir ein spanisches Restaurant vor, das sie Muskateller-Stube nannte, denn sie liebte den süßen spanischen Wein, den ich gar nicht vertrug. Wir sind dann ins Gespräch gekommen, sie hat mich nach meinem Leben ausgefragt, und dann – als wir uns näher kannten – wollte sie meine Mutter kennen lernen. Also, ich sag’ meiner Mutter:

Es wird demnächst eine etwas merkwürdige Frau kommen. Sei nett zu ihr, sie spricht nur hochdeutsch.

Meine Mutter sprach kaum ein Wort hochdeutsch. Es war eine merkwürdige Situation:
Die Else Lasker kommt an einem Nachmittag. Ich hatte ihr vorher gesagt:

Mit meiner Mutter können Sie kein literarisches Gespräch führen. Sprechen Sie einfach über die Dinge des täglichen Lebens…

Es war mühsam, weil meine Mutter Elses Gespräch etwas komisch fand. Die kam natürlich sofort mit „ja, morgen bin ich in der Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung. Herr Korrodi hat mir versprochen, Manuskripte aufzunehmen…“ Meine Mutter aber kannte den Herrn Korrodi gar nicht, und die NZZ war auch nicht unsere Hauszeitung. Es war ein Gespräch, das einfach nach ungefähr zehn Minuten erschöpft war. Meine Mutter hat Tee gemacht, und die Else hat am Vormittag in einer Konditorei Cremeschnitten gekauft. Es war Sommer, und die Else war ja eine betriebsame Frau, die viel herumgegangen ist. Sie hat also dieses Päcklein ein bisschen gedrückt und was da so aus dem Paket herauskam, war nicht sehr appetitlich. Aber es gab doch noch einen netten Tee mit den Feingebäcken. „Sie sind also die Mutter dieses netten Jungen, den ich so gern habe!“ sagte sie, und dann hat meine Mutter geantwortet, ja ich wäre ein netter Sohn usw. Sie war dann riesig froh, als Else Lasker-Schüler kein zweites Mal zum Tee kommen wollte. Aber Else huschte jeweils einmal in der Woche zu meiner Mutter, hat ihr eine Cremeschnitte oder irgend so etwas gebracht und ist wieder weg gehuscht. Ganz wahnsinnig rührend. Sie war ja sehr, sehr großzügig und hat – leider – viel Geld, das sie bekommen hat für ihr tägliches Leben – in Schleckwaren für Kinder ausgegeben.

Ich erinnere mich an ihren Talmi-Schmuck. Sie war behangen mit Messingschmuck, es musste glänzen, ein bisschen Gold imitieren. Wenn sie einen Leseabend hatte, setzte sie sich aufs Pult oder an den Tisch und hat zuerst an ihrem Schmuck herumgedreht und ihre Haare in Ordnung gebracht.
Sie hat kohlrabenschwarzes, gegen bläuliches Haar gehabt. Und immer Pony-Schnitt. Das sah sehr, sehr gut aus! Sie hatte ja sehr orientalische Züge, dunkle Haut, die sie noch ein bisschen eingedunkelt hatte. Sie hat sich ja sehr stark geschminkt und legte irrsinnig viel Wert auf ihr Äußeres. In Zürich hat sie in verschiedenen Hotels gelebt. Eines der angenehmsten war der Glockenhof, ein Hotel des Christlichen Vereins junger Männer. Es war wie eine Herberge, in keiner Weise christlich, aber es war eine christliche Organisation. Als ich sie zum erstenmal besuchte – an einem Abend vor dem Sabbat –, hatte sie Räucherstäbchen und eine Kerze angezündet. Aber sie hatte unsere Abmachung vergessen. Als ich dann kam, war sie ganz aufgeregt und hat gesagt: „ja, kommen Sie heute?“ „ja, wir haben auf heute Abend abgemacht.“ Daraufhin sie: „Aber es ist doch der Abend vor dem Sabbat, das geht nicht, mein Lieber! Gebt’s nicht nächste Woche?“ „Selbstverständlich“. An diesem Abend hatte sie auch vergessen, ihre Perücke aufzusetzen. Ich war irrsinnig geniert, dass ich sehe, was für einen kahlen Kopf sie hat. Ich habe dann versucht, ihr über dieses Missgeschick hinwegzuhelfen und das zu übergehen. Aber es erhöhte irgendwie eine gewisse Intimität zwischen uns.
In die Oprecht’sche Buchhandlung kamen jeden Tag viele Leute, die eigentlich kein Geld hatten und in den Büchern, die neu hineinkamen, blättern und Notizen machen konnten. Auch Zeitungen aus Deutschland durften sie dort studieren und vor allem das Pariser Tageblatt und die Emigranten-Publikationen, die Weltbühne und was damals in Paris in deutschen Emigranten-Kreisen publiziert wurde.

Müller: Auch Else Lasker-Schüler hat ja Schwierigkeiten bekommen mit der Schweizer Fremdenpolizei. Hat sie Angst gehabt, ständig beobachtet oder möglicherweise aus der Schweiz ausgewiesen zu werden?

Bolliger: Die Situation von Else Lasker-Schüler war sehr schwierig. 1933 ist sie aus Deutschland geflüchtet. Und da gibt es die Legende: die erste Nacht verbrachte sie auf einer Bank am Zürcher Quai, was also ziemlich nachweisbar nicht stimmt. Sie kam dann sehr schnell in eine jüdische Hilfsorganisation, wo solche Intellektuelle bei intellektuellen Kreisen untergebracht wurden. Eine erste Anlaufstelle in Zürich war einer der größten Pelzhändler in Europa, der eine große Wohnung im Roten Schloß am Zürich See-Quai bewohnte. Ein polnischer Emigrant, der es zu großem Reichtum gebracht hat. Bei ihm lebte also, z.B., Ignacio Silone, der Schriftsteller. Obwohl er nicht Jude war. Aber die jüdischen Kreise haben nicht nur jüdische Emigranten unterstützt, sondern vor allem intellektuelle Emigranten, die nicht unbedingt Juden sein mussten. Bei diesem Pelzhändler hat Else Lasker-Schüler eine Zeitlang gelebt. Sie war eine sehr schwierige Person: undiszpliniert, hat eben mit viel Phantasie gelebt, ohne sich an den Stundenplan dieser Familie zu halten, ist zu jeder Tages- und Nachtzeit gekommen und gegangen. Nach einiger Zeit ging es dann aber nicht mehr. Sie ist danach woanders untergekommen bei einem Getreidehändler, der unendlich viel gemacht hat für Emigranten und den Leuten Wohnungen zur Verfügung gestellt hat. Eines Tages war es einfach mit der Else unmöglich. Sie hat sich an nichts gehalten, was man mit ihr ausgemacht hat. Nicht aus Bosheit, sondern weil sie so war! Zu Ihrer Frage nach der Fremdenpolizei: Emigranten mussten sich bei der Fremdenpolizei melden. Sie bekamen eine Aufenthaltsbewilligung, sagen wir, vielleicht für den ersten Monat. Die Else musste sich also einmal, mindestens, in vierzehn Tagen bei der Polizei melden. Dann waren das ja zum Teil rüpelhafte Beamte; Antisemiten usw. Und die Else Lasker-Schüler hat natürlich mit ihrem Aufzug exotisch ausgesehen. Eine kleine, sehr kleine Frau mit so aztekischem Gesicht, wunderschön, wenn man das Gesicht studiert hat, aber sonst für den täglichen Schweizer ein Vorwurf! Dann war sie nicht so sauber, wie Schweizer sich eine Frau vielleicht vorstellen: die Kleider waren ein bisschen speckig, Wenn ein Mensch nur ein Kleid hat zum Tragen und nichts zum Wechseln, dann kann man sich vorstellen, wie das im Laufe der Monate wird…

Müller: Sie hat ja auch Leidenschaften gehabt, zum Beispiel das Kino…

Bolliger: Das hat sie auch gesagt: wenn sie im Kino ist, ist sie wie in einer Kirche. Und hat mich immer wieder gebeten: wollen wir nicht heute Abend? Es gibt einen Chaplin-Film – den hat sie besonders gern gehabt –, und dann Harold Lloyd, so ein Aufschneider, ein großartiger Mime, voller verrückter Einfälle. Wenn man einen Harold-Lloyd-Film gesehen hat, hat sie lachen können, hat sie die Hand genommen und gedrückt und war einfach wirklich wie im Himmel.
Sobald sie oder ich Geld hatte, gingen wir auf die billigsten Plätze. Da kostete ein Platz in einem Kino 65 Rappen, das war die vorderste Reihe. Bevor wir ins Kino gingen, gingen wir in das Café Select, da bekam man eine Suppe mit ein bisschen Fleisch und ein paar Kartoffeln für zwei Franken fünfzig oder drei Franken. Aber man musste das Geld trotzdem wieder mobilisieren. Und zu zweit – wir führten einige Zeit wirklich ein solidarisches Leben: ich lud sie ein, wenn ich Geld hatte, sie lud mich ein. Sie konnte mit mir telefonieren und sagen:

Hören Sie, ich bin heute bei Korrodi in der Neuen Zürcher Zeitung gewesen, ich habe etwas abgeliefert, und er hat mir auch gleich das Honorar gegeben. Wir können in die Muskateller-Stube gehen, also in die spanische Wirtschaft in der Münstergasse.

Dort setzten wir uns in eine Ecke und aßen eine spanische Kartoffel-Spezialität, und dann tranken wir Wein. Sie ihren süßen Muskateller. Nachher gingen wir ins Kino und schauten uns den Film an. Wenn wir dann noch Geld hatten, gingen wir noch mal ins Select, um einen Kaffee zu trinken.

Müller: Können Sie sich auch noch an Ihre letzte Begegnung mit Else Lasker-Schüler erinnern?

Bolliger: Die letzte Begegnung war – leider! – ein Unglück. Ich arbeitete als Lehrling in einem Verlag, der eine Zeitschrift publizierte, und die Else Lasker-Schüler hat mich von Zeit zu Zeit dort abgeholt und den unglücklichen Einfall gehabt, ich müsste Werke von ihr im Verlag unterbringen. Das waren eigentlich Antisemiten. Wenn die das Wort Else Lasker-Schüler nur schon gehört haben, bekamen sie einen Wutausbruch:

Wir hassen diese Frau, und Sie haben mit der Redaktionsarbeit sowieso nichts zu tun. Halten Sie sich heraus!

Ich versuchte, ihr klar zu machen, dass es absolut sinnlos ist, den Versuch zu unternehmen, Gedichte von ihr unterzubringen. Eines Tages hat sie mir einen Stoß Manuskripte gebracht und gesagt „So, jetzt gehen Sie zu den Schweizer Spiegeln und sagen Sie ihnen, sie sollten das drucken!“ Und ich hab’ ihr gesagt:

Es hat wirklich keinen Sinn, Frau Lasker-Schüler, Entschuldigung!

Aber sie hat es mir aufgenötigt, und ich habe so getan, wie wenn ich’s in den Verlag gebracht hätte, habe aber das Paket nicht geöffnet. Nach ein paar Tagen bring’ ich ihr das ungeöffnete Paket zurück mit den Worten: „Also, sie wollen nichts drucken von Ihnen.“ Und daraufhin sie, wütend: „Das ist unglaublich, Sie haben die Leute gar nicht gefragt. Die können doch nicht sagen: die Lasker-Schüler wird von uns nicht gedruckt!“ „Das ist leider so. Es tut mir furchtbar leid, aber in der Sache kann ich nichts mehr tun.“ „Das ist eine ganz große Enttäuschung, die Sie mir bereiten, Herr Bolliger.“ „Das tut mir furchtbar leid. Ich kann es nicht ändern.“
Ungefährt zwei Monate später ist sie nach Palästina zurück gereist. Und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Das war sehr traurig.

Aus Hajo Jahn (Hrsg.): Wo soll ich hin? Zuflucht Zürich – Fluchtpunkt Poesie, Peter Hammer Verlag, 2007

Else Lasker-Schüler (1945)

Die kleine Person, die diesen Namen trug und an deren Händen und Gesicht ihre Lebendigkeit beständig herumriß, ist in die Stille eingegangen. Im Morgenland hatte sie immer schon ein zweites Leben geführt; ihre Hebräischen Balladen geben dafür ein sie und den Orient bestätigendes Zeugnis. Die Phantasie war stärker als alles in ihr und geriet beim geringsten Anlaß ins Brennen, alle Konventionen und vernünftigen Sicherungen schmelzend. Ihre Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit kamen aus der Phantasie, wurden von ihr genährt und überwanden die Wirklichkeit für Augenblicke. Als Prinz von Theben oder Jussuf pflegte sie zu unterschreiben, und alles, was mit ihren Händen in Berührung kam, trug nachher ihr Zeichen, den Halbmond, der einen Stern umfängt, ihren.
Sie war 1871 in Elberfeld zu den beiden Welten gekommen, zwischen denen sie sich ruhelos bewegte.

Wir wohnten am Fuße des Hügels… Wer ein rotes, springendes Herz hatte, war in fünf Minuten bei den Beeren.

Dieser Satz, so einfach sein Vorwurf ist, kann einzig von ihr stammen; er enthält einen Schlag ihres roten, springenden Herzens. Sie wußte zu lieben und zu verehren wie wenige, und sie erhöhte ihre Freunde, wie es ihr gerade einfiel. „Seine Gedichte: singende Thesen. Er war wohl Martin Luther“, behauptet sie in einem Gedicht auf Georg Trakl. Von der Vernunft her gesehen, stimmt das alles nicht; für den von ihrer Liebe weitergedichteten Trakl stimmt es aufs Haar. Sie machte Helden und Heilige, ohne sorgfältig abzuwägen und zu bedenken, denn sie war verschwenderischen Herzens und warf die Gnaden hin, die sie zu verschenken hatte. Die Balladen widmete sie „Karl Kraus, dem Kardinal“, Peter Hille empfing eine Widmung:

Dem großen Propheten St. Peter Hille in Ehrfurcht

Ihren Freund Wilhelm Schmidtbonn verklärt sie im Gedicht:

Er ist der Dichter, dem der Schlüssel
Zur Steinzeit vermacht wurde.

Adam, den Urkäfer trägt er,
Ein Skarabäus im Ring.

Sein markisches Gesicht strömt immer
Zwei dämmerblaue Kräfte aus.

Er ist aus Laub und Rinde,
Morgenfrühe und Kentauerblut…

Sie bestand aus dem vollen Vertrauen in ihre Eingebungen, und sie kam daher in einer farbigen Wolke schwirrender Metaphern. Alles, was sie aus der Sprache hob, wurde Bild, Vergleich, Umschreibung, neuer Tonfall, manchmal über alles Maß hinaus. Aber wo die europäischen strengeren Maße überwuchert werden, ist auch ihr Geltungsbereich überflogen und bereits ein Orient erreicht, der anders mißt.

Ich kann die Sprache
Dieses kühlen Landes nicht,
Und seinen Schritt nicht gehn.
– – – – – – –

Immer muß ich an die Pharaonenwälder denken
Und küsse die Bilder meiner Sterne.

Die Sprache, deren Schritt auch der ihre ist, geht so:

Pharao ist von Gold.
Seine Augen gehen und kommen
Wie schillernde Nilwellen.

Sein Herz aber liegt in meinem Blut.
Zehn Wölfe gingen an meine Tränke.
– – – – – – –

Darum dichten meine Lippen
Große Süßigkeiten
Im Weizen unseres Morgens.

Wie wenige verstand sie es, Freunde anzudichten oder Gedichte zu widmen: Dehmel, Trakl, Zech, Werfel, Däubler, Benn, Georg Groß, Fritz Huf und andere gehören zu den Beschenkten; eines der schönsten Gedichte ist das „Gebet“, welches die Widmung trägt „Meinem teuren Halbbruder, dem Blauen Reiter“ und im Gedenken an den im Krieg 1916 gefallenen Maler Franz Marc geschrieben wurde.
Zwei Heimatlosigkeiten trug Else Lasker-Schüler in sich; beiden mußte sie an Schmerz entrichten, was jene ihr abverlangten, der Jüdin aus Wuppertal, die in deutscher Sprache zu zaubern die Gabe hatte. Doch war etwas in ihr, das sich überhaupt nicht beheimaten ließ und das sich entdeckte, wenn sie begehrend und heftig und bildreich wie die Psalmen Gott anrief. Bei ihr war es glaubhaft, daß sie seinen Namen „nicht unnützlich“ im Mund führte wie so viele, da sie sich blindlings in den Einsatz warf und doch stets bewahrt blieb, als die sie geschaffen war. Irdisch verstrickt und überirdisch hingewandt: beides war sie immerfort. Eine hitzige Mutter, ein stürmischer Freund, ein himmlisch berührtes Erdenkind ist mit ihr von uns gegangen.

Und bin doch dein spielender Herzschelm, Erde,
Denn mein Herz murmelt das Lied
Moosalter Bäche der Wälder.

Max Rychner, Die Tat, Nr. 47, 17./18.2.1945

Aus einem Brief über Else Lasker-Schüler (1950)

… Es ist schwer, die Dichterin, dieses Quecksilber, zu schildern; ich winde mich. Sie trat unter die Menschen wie ein Gewitter; gleich sandte sie denn auch gegen die einen Blitze, die anderen hüllte sie in die warmen Wolken ihrer Gunst. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen sie Walther Meier und mich (und andere noch) von Anfang an auszeichnete und in all ihre Lebenswirren großherzig einweihte: in einer unbeschreiblichen Tasche kramend, in der sie selbst Platz gehabt hätte, förderte sie beständig allerlei Dokumente zutage, aber immer andere, als sie wollte und brauchte, das Gespräch zickzackte dazu in nie zu ahnenden Richtungen, eine große Traumliebe zu einem jungen Sindaco spielte in den zwanziger Jahren eine ungemeine Rolle: sie erhöhte in ihrer Phantasie einen Tessiner zu prinzlich-thebanischer Ebenbürtigkeit und konnte sich um seinetwillen bis zu höchsten Graden aufregen. Dies alles im Café, im Odeon, gleichgültig wer zuhörte und teilnahm.
Einen großen Teil der Welt erklärte sie von vornherein als nichtexistent und behandelte ihn danach. Den anderen Teil übertrieb sie und machte Himmel, Erde und Hölle daraus. Man mußte den Nimbus gewisser Schlüsselworte kennen. „Die Wupper“, sagte sie, und während ich noch des Wahnes war, es handle sich um ein unbeträchtliches Rinnsal in der Ruhrgegend, fuhren ihre Arme aus, die Augen wurden groß, und sie erzählte, daß einem aufging, Vater Nil und Mutter Wupper seien wohl von den ungeheuersten Veranstaltungen hienieden. Sie sprach vom Fluß, der bald Styx, bald Lethe, bald der Phrat des Paradieses war, so wie sie ihn im Augenblick brauchte. Alles von den Menschen Ausgemachte, Feststehende, Berechnete war für sie nicht da; durch sie hindurch zogen beständig urtümliche Bilder, und diese waren ihre Wirklichkeit. Ihnen hatte man sich zu bequemen.
Sie hatte etwas Heftiges an sich und konnte aus der Haut fahren. Der Anlaß war stets unergründlich; jedoch mit aller Phantastik verband sie eine tiefe Witterung für Menschen, merkte bald, wer nicht zu ihr gehöre, und entfernte die ihr nicht Zusagenden mit höchster Energie weit von sich. Ich habe es erlebt; es traf natürlich einen aufrichtigen Verehrer. „Ich kann ihn ja nicht ausstehn!“ rief sie, noch während er sich vom Tisch erhob, und zeichnete sein etwas groß geratenes Kinn wie ein Mondhorn in die Luft, mit der Hand an ihrem Kinn ansetzend, damit es auch deutlich ausfalle.
Sie liebte „die wilden Juden“ (ihre Worte), die Kämpfer, die Mackabäer. Das Ungezähmte sprach sie an; sie wollte Energie, Kraft, Phantasie spüren – die lange Geduld des Bändigens hatte sie in ihrer Kunst nicht. Aber anderes in Fülle!…
Die Gespräche mit ihr verliefen in Rösselsprüngen, bei denen nach jedem Zug wieder neue Regeln ins Spiel traten, die man jedoch hinterher selber ermitteln mußte. Viele nannten das regellos.
Die Einmaligkeit dieser Erscheinung ist natürlich nicht voll zu erfassen von ihrem meteorhaft pfauchenden Durchfahren der menschlichen Gesellschaft her, so wichtig auch jede ihrer Gebärden war. Denn jede zeigte an, daß sie mit ihrem Leben, ihrer Seele, mit der Sprache alles wagte und in jedem Augenblick alles aufs Spiel setzte. „Mich hat niemand lieb“, steht in einem Gedicht; jeder Tag schien das hundertfach zu widerlegen; aber im Sinne dessen, was sie unter Liebe verstand, hatte sie recht, denn das war auf menschlicher Ebene nicht zu leisten. Sie taumelte über diese Erde, weil sie von Gott geschlagen war und alle Gleichgewichte vor ihr nicht mehr stimmten. Aber damit waren auch alle Quellen ihrer Sprache angeschlagen und strömten, wild und dann wieder mit sulamithischer Süße, in einem Strom, dessen Fläche vom Innern her Bilder in die Welt spiegelte, nicht die der Welt empfing. Sie konnte dabei wahllos verfahren, denn in ihr war schon ausgewählt; diese Sicherheit trug sie.
Ich glaube nicht, daß es für sie Kunstprobleme gegeben hat; sie konnte dichten wie weinen, mit der Richtigkeit eines Naturvorganges, wobei ja das Naturhafte auch nur ein Aspekt ist. Hat es das Wort „allerlanden“ vor ihr gegeben? Nicht daß ich wüßte; aber nun ist es da und gehört in den Grimm, und nicht nur die heutige Sprache, nein, auch die vergangenen Jahrhunderte sind einverstanden mit ihm, und ihre Worte begrüßen es als ihresgleichen. Das ist ein Fall von Kühnheit im Schlichten; Beispiele von Wortschöpfungen im Seltenen, Extremen fallen stärker auf. Es gibt in diesem Werke Verse, an denen die Sterne mitgedichtet haben.
Wie ist es ihr die letzte Zeit in Jerusalem ergangen? In Berlin wollte ich sie einmal an der Motzstraße besuchen; in einem riesigen wimmelnden Haus wohnte sie damals dort; ich fühlte mich doppelt so schwer werden beim Anblick des bedrückend freudlosen Zementklotzes, in dem doch ein Zimmer Theben umfaßte und Oasen und eine ganze Welt früher Schöpfung…

Max Rychner, aus Else Lasker-Schüler: Dichtungen und Dokumente. Hrsg. Von Ernst Ginsberg, Kösel, 1951 (Die mit Auslassungszeichen markierten Textkürzungen wurden von Ernst Ginsberg vorgenommen. Der Text wurde von Max Rychner für die Ausgabe Max Rychner: Arachne. Aufsätze zur Literatur, Manesse 1957 leicht überarbeitet. Der Originalbrief konnte nicht wieder aufgefunden werden.)

 

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Carl Stern: Erinnerungen an Else Lasker-Schüler

Zum 70. Todestag der Autorin:

Burkhard Reinartz: „Meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“
deutschlandfunk.de, 21.1.2015

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