Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Tagesberichte zur Jetztzeit

adhoc-Felix Philipp Ingold - Leben & WerkPünktlich ± 4 Stunden, unser dichterisches Viertel, werden wir ab morgen für ein Jahr in einem neuen Feature jeweils 3 Tage (HEUTE, GESTERN, VORGESTERN) von Felix Philipp Ingolds 5-Jahres-Buch durchbuchstabieren. Rückblickend vom 1.1.2008 bis zum 31.12.2013 sind wir dann als Gast eingeloggt bei jemandem, dessen Diktion auch aus einem dictare erwächst, das man allerdings nicht wie geschehen mit „Großin…“ (zensiert) schmähen sollte. Mit Dichter liegt man einfach richtiger. Zur Einstimmung auf den Countdown und den Ereignishorizont die Vorworte des Autors:

 

 

Freun soll’s dich, von dem Gute zu nehmen, das drinnen du häufest.
Stiefmütterlich mag jetzt ein Tag sein und jetzt ein anderer Mutter.
Achte jedoch gar wohl auf die Tage des Jahrs nach der Ordnung.
Den letzten halte geeignet, Umschau über die Werke zu halten
und sie zu verteilen. Vortrefflicher Tag, dein Gewerbe zu enden.
Dann ja schlingt hochschwebend die fleißige Spinne die Fäden
und sammelt bedächtig sich Vorrat für kommende längere Nächte.
Dieses bedenkend versuch’, wie Tage und Nächte du ausgleichst
Bis zum Ende des Jahres.
– nach Hesiod, Werke und Tage

 

Die Jetztzeit, die ich in den nachfolgenden „Tagesberichten“ kalendarisch festzuhalten versuche, erstreckt sich über das Jahrfünft von 2008 bis 2013. Die Berichterstattung folgt größtenteils meinen regulären Aufzeichnungen auf dem Laptop. Dazu kommen Nachschriften aus Notizbüchern, wie ich sie gewöhnlich auf Reisen benutze, und Notate aus dem kleinen Diktiergerät, das ich auf Stadtspaziergängen und auf Wanderungen über Land gern bei mir trage. Tag für Tag habe ich so – ob daheim oder unterwegs – Beobachtungen, Erfahrungen, Erinnerungen, Begebenheiten, Eindrücke, Einfälle, Textentwürfe, Träume festgehalten, um sie nun nach einem vorbestimmten Prinzip auszuschreiben. Das Prinzip besteht darin, die Aufzeichnungen gleichsam archäologisch in Tagesschichten abzulagern, das heißt – sie aus der linearen beziehungsweise chronologischen Anordnung herauszulösen und statt dessen die in der Berichtzeit fünfmal sich wiederholenden Jahrestage jeweils in einem einzigen Datum zusammenzuführen.
So finden sich also, beispielsweise, unter dem 25. Juli alle Notizen vereint, die an diesem Kalendertag in den vergangenen fünf Jahren eingetragen wurden, was naturgemäß zur Folge hat, dass in einem „Tagesbericht“ jeweils ebenso viele, um ein Jahr auseinander liegende Tage zusammengelegt sind. Einzig die beiden Schalttage, die lediglich zweimal vorkommen, bilden diesbezüglich, naturgemäß, eine Ausnahme. Aus der Synthetisierung der Einzeldaten gewinne ich eine neue Erfahrung in Bezug auf meine eigene Lebenszeit und auf die Erinnerung daran, aber auch insgesamt auf die Zeitgeschichte, die solcherart nicht mehr als chronologisches Kontinuum wahrnehmbar ist, sondern in Sprüngen, Wiederholungen, Widersprüchen, Relativierungen, Exkursen, Leerläufen als mehrdimensionale Jetztzeit sich kundtut. Die Erinnerung selbst operiert bekanntlich mit Sprüngen und Widersprüchen, ungeachtet der kalendarischen oder logischen Ordnung, der wir unsre Tage, Wochen, Monate, Jahre … unsre Lebenszeit unterwerfen, um sie irgendwie „im Griff“ zu haben und darüber verfügen zu können. Von daher gehören Erinnerungen in ihrer eigendynamischen, oft kataraktischen Entfaltung – nicht anders als Träume – zu der vielschichtigen Jetztzeit, die ich hier zu bündeln versuche. Nicht Geschlossenheit oder Kontinuität ist angestrebt, das Disparate soll nicht harmonisiert, auch nicht verdeckt, sondern – im Gegenteil – herausgestellt werden. Lineares Zeitverständnis wird ersetzt durch transversale Zeiterfahrung. So finden sich in den „Tagesberichten“ fünf Kalenderjahre zu einem mehrfach verschalteten Jahr komprimiert – zur mehrjährigen Jetztzeit. Momentanes, Dauerhaftes, Gegenläufiges, sich Wiederholendes finden sich ebenso übergangslos aufgereiht wie Triviales und Erhabenes, Diskursives und Lyrisches. Auf sprachlicher beziehungsweise rhetorischer Ebene wird dies durch den häufigen Einsatz von Möglichkeitsformen, Verneinungen (auch doppelten Verneinungen), alogischen, absurden, paradoxen Wendungen bewerkstelligt. Dadurch wird eine Erlebniswelt vergegenwärtigt, die sich aus ganz unterschiedlichen Versatzstücken aufbaut und die auch ganz unterschiedlichen Zeit- und Realitätsräumen angehört.
Denn nun kann ich unversehens und völlig absichtslos an einem und demselben Tag in Berlin oder in Le Pont, im weißrussischen Flachland oder am Zürichberg zugange sein, kann gleichzeitig an einer Geburtstagsparty und an einem Workshop, an einer Vernissage oder einer Bergbesteigung teilnehmen. Am gleichen Tag kann das Thermometer am gleichen Ort auf Frost und auf einundzwanzig Grad Lufttemperatur stehen, es kann ein Feiertag und ein Arbeitstag sein, es kann – immer heute! immer jetzt! – „mein Tag“ oder auch „gar nicht mein Tag“ sein. Was sich ursprünglich, der klassischen Physik wie auch dem privaten Erleben entsprechend, auf der progressiven Zeitachse abgespielt hat, wird in den gebündelten „Tagesberichten“ zwar wirklichkeitsgetreu rapportiert, erscheint aber – gleichsam vertikal geschichtet – in irregulärer Abfolge und verdichtet sich zu einer vom realen Zeitverlauf unabhängigen Permanentszene. Das veränderte zeiträumliche Arrangement lässt die kalendarischen Fakten und Daten in unerwartetem, oft stark verfremdetem, bisweilen unmöglichem Wechselbezug erscheinen, so wie es gelegentlich in Träumen der Fall ist.
Träume kommen hier übrigens in großer Zahl vor, sie gehören ebenso selbstverständlich zum Alltagsgeschehen wie die Arbeit im Haushalt oder am Schreibtisch in Zürich, wie die Nachbargespräche und die Waldgänge in meinem jurassischen Revier, wie Kinobesuche, Betriebsquerelen, Krankheiten, plötzlich aufkommende Reminiszenzen, Verstimmungen, Begehrlichkeiten und Assoziationen unterschiedlichster Art. Alles so, wie’s wirklich war, und dennoch, aufs Ganze gesehen, eine Wahrheit, die einzig in der Möglichkeitsform Bestand hat.
In die „Tagesberichte“ sind auch diverse literarische Versuche eingegangen, meist Gelegenheitsgedichte, dazu kleine Essays, Anekdotisches, Aphoristisches, literarische Portraits, Entwürfe zu Briefen, Referaten und diversen Auftragstexten. Dass in den vorliegenden Aufzeichnungen sehr oft … fast täglich von Literatur die Rede ist, hat berufliche wie private Gründe. Die Lektüre macht einen guten Teil meines „Lebens“ aus, sie ist für mich ein unentbehrliches Sinnbildungsmedium und gehört außerdem integral zu meinem literarischen, publizistischen, übersetzerischen oder herausgeberischen „Werk“ – die „Wirklichkeit“, in der ich lese, empfinde ich als ebenso real und relevant wie die Wirklichkeit, in der ich lebe. Lesend erschließe ich mögliche Welten, die als solche … wie fiktiv, spekulativ, phantastisch, utopisch sie auch sein mögen … ihren eigenen Wirklichkeitsstatus haben.
Erst beim Zusammenschluss der Texte auf dem Rechner (und der Kürzung des Gesamtbestands um mehr als die Hälfte) habe ich das Korrekturprogramm aktiviert, habe zahlreiche private Kürzel aufgelöst, unnötige Wiederholungen gestrichen, unvollständige Formulierungen ergänzt. Gedichte und Traumprotokolle erscheinen in der Nachschrift kursiv, ebenso die in den Schreibheften unterstrichenen Wörter oder Wortverbindungen. Themawörter innerhalb der einzelnen Eintragungen werden halbfett gesetzt, um den absatzlos durchlaufenden Text stichwortartig zu akzentuieren.
Auf Absätze, Einzüge, Durchschüsse und andere typografische Markierungen wird verzichtet, damit sich die unkoordinierten Notate beim Lesen zu einer neuen Kontinuität verbinden können. Lediglich die in den Lauftext eingerückten Gedichte unterliegen dieser strengen Formatierung nicht – die Verse werden zwar unmittelbar in den Lauftext eingefädelt, dann aber wie üblich untereinander gestaffelt.

Romainmôtier/Zürich, im Januar 2014 Der Autor

 

Felix Philipp Ingold - Notizbücher

Die Notizbücher des Autors.

 

Ingold Handschrift

So hat Felix Philipp Ingold „Tag für Tag … Beobachtungen, Erfahrungen, Erinnerungen, Begebenheiten, Eindrücke, Einfälle, Textentwürfe, Träume festgehalten…“.

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