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ANFANG
ABSCHIED
 

 

ABSCHIEDS-
NOVELLE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AUTOR

 

 

ABLEBEN
(vgl. TOTLEBEN)

ATTILA

 

 

 

 

(vgl. SCHULD,
SCHLAG)

Kehren wir also zum Anfang zurück, zu Gogols letzten Worten, zu seinem Abschied: »Der schönste Augenblick ist für mich die Zeit des Abschieds von meinen Freunden … Ich bin sogar überzeugt, wenn ich einmal im Sterben liege, werden alle, die mich liebhaben, fröhlich von mir Abschied nehmen; keiner von ihnen wird weinen, und jeder wird nach meinem Tod weit heiterer sein als zu meinen Lebzeiten. Nun will ich Ihnen noch –« Aber nein, das würde ja doch viel eher der Abschied der andern von ihm, Gogol, gewesen sein: sein Abschied war schwieriger, er selbst, Gogol, komplimentierte sich – hüpfend auf hohen Absätzen, seinen Lesern mehrfach salutierend, unablässig Schwüre (Flüche?) zischend – rückwärts aus der Tür, wobei er seinem Publikum mit höflichem Hohn noch bei Lebzeiten ein Vermächtnis verpaßte, eine »Abschiedsnovelle«, für die er sich für NOVELLE die Zeit nach seinem Tod »Ohr und Herz« des Pöbels erhoffte: »Ich vermache allen meinen Landsleuten (indem ich davon ausgehe, daß jeder Schriftsteller seinen Lesern einen guten Gedanken hinterlassen sollte) das Beste von allem, was meine Feder hervorgebracht hat –« Und er vermachte ihnen, als Gabe aus dem Grab, ein literarisches Abschiedsgeschenk, das sich spekulativ auf sie, die Leser, beziehen würde: »Doch bitte ich inständig, es möge sich keiner unter meinen Landsleuten beleidigt fühlen, wenn er aus diesem Werk etwas herauszuhören vermeint, das einer Belehrung gleicht …«Und wieder: »Ich schwöre, ich habe es NICHT erdichtet und NICHT erfunden …« Ein Spiegel also, der dem Lesermob, als kollektive Fratze seiner selbst, das Bildnis des Autors hätte darbieten und, naja, für immer hätte vermachen sollen. Daß die »Abschiedsnovelle« ungeschrieben blieb, hat einen guten Grund. Gogol war vor seinem physischen Ableben jahrelang damit beschäftigt, detaillierte Instruktionen für die Behandlung und Bestattung seines Leichnams auszuarbeiten, um zu verhindern, daß man ihn – (»weil mich schon während meiner Krankheit Augenblicke der Erstarrung überkamen, in denen das Herz und der Puls aussetzten«) – lebendig »der Erde übergebe«. So hat man sich denn die »Abschiedsnovelle« zu DENKEN, beispielsweise als ein Stück Menschheitsgeschichte mit einem Helden (einem Mann!) wie diesem: »Attila …«, der allein durch seinen Blick das christliche Europa zur Weißglut brachte und es mit gelben Völkern verschmolz, bis er, geschwächt von einer blutigen Hochzeitsnacht, »sein ganzes eisernes Leben« in einem Schrei erschöpfte und – aufgab. 1 Das von Gogol als Selbstporträt entworfene, ins ausgehende 5. Jahrhundert reprojizierte Bildnis des exzessiv scharfsichtigen und exzessiv enthaltsamen Attila hat den Autor nie wieder losgelassen und ist später in die programmatische Künstlernovelle »Das Porträt« eingegangen: hier stellt sich der Darsteller in der Gestalt des Dargestellten selbst dar, um in ihm fortzuleben! .. Obwohl Gogols qualvolle Eigenliebe derjenigen seines Protagonisten in NICHTS nachstand, empfahl er dem verehrten, ach so verachteten Publikum, sein Porträt (auf dem er sich, wie einst Attila, als »Geißel Gottes« präsentierte), zu vernichten und es durch »Die Verklärung Christi« zu ersetzen. Gogols größte Blasphemie war seine Bescheidenheit.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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