Gabriele Stötzer-Kachold: grenzen los fremd gehen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Gabriele Stötzer-Kachold: grenzen los fremd gehen

Stötzer-Kachold/Stötzer-Kachold-grenzen los fremd gehen

die lüge saß auf dem schemel und biß sich die
aaaaazehennägel ab
der salat war durchgerührt und weinte nun vor
aaaaarührung
das ich war besoffen und blubberte ätzend
der hut sagte guten tag beim in die luft steigen
die fliege flog und war tot an der patsche
der kleber klebte klug das eine ans andere auch wenn
aaaaaer
zwischendurch versank

die nähe ist angebunden
die ferne ist frei
die nähe kommt
die ferne geht
die nähe hat ein gesicht und hände
die ferne löst sich auf im nebel
die nähe schlägt sich prügelt sich kotzt ab
die ferne ist erhaben
noch zu haben?
der dampf treibt wolken −
vors gesicht
sieh mich an und sieh mich nicht
folg der worte lauteklang
körper dreht sich wochenlang
und es war trotzdem nur
ein lauern um den heißen brei

 

 

 

Gabriele Kachold –

sie schreibt jetzt unter ihrem Geburtsnamen Stötzer – erregte schon mit ihrem ersten Buch zügel los Aufsehen, weil man als erregendes document humain las: ein Schreib-Akt, um sich aus gesellschaftlich verordneten Begrenzungen und selbstangelegten Beschränkungen zu befreien. „Zumutung für den, der nicht wahrhaben will, was wir ihr und uns angetan haben.“ Ihr neues Buch treibt solches Wagnis rigoros und frech weiter. Scheinen alte Grenzen gefallen, sieht man sich anderen Fremdheiten und Fesseln ausgesetzt. Wie in einem automatischen Tagebuch hat sie alles fixiert, was ihr in letzter Zeit begegnete, über Satz-Grenzen ausufernd oder im aufgeblendeten Bild grell auf den Punkt gebracht. Sich über Scheu und Scham hinwegsetzend, über Lust und Leid sich genauer kennenzulernen und doch auch immer selbst fremd zu bleiben. Akribische Beschreibungen wechseln mit wild davon galoppierenden Passagen extremer Phantasie, rhythmisierten RAPs, Sprechgesang derer, die sich aus schlimmer Situation spontan und laut Luft schaffen. Texte wie authentische Stenogramme aus dieser unmittelbaren Umbruchzeit. „Immer tritt sie gerade aus jener Tür auf uns zu, hinter der wir sie am wenigsten erwarten.“

Janus press, Ankündigung, 1992

… selbstgebrannt… selbstbefreit…

Fragt man künftig nach literarischen Zeugnissen über diese Zeit der „Wende“, wird man zu einem Buch wie grenzen los fremd gehen von Gebriele Stötzer-Kachold greifen, in dem ein Frau, gegen Satz- und Sprachregelungsgrenzen wie über Scheu und Scham hinwegsetzend, sich freizuschreiben versucht von allem, was sie seit der Kindheit einengte, mit Tabus reglementierte, schließlich mit staatlicher Gewalt verfolgte. Jetzt, befreit von solchen Fesseln, stellt sie sich dieser mit überstürzenden Ereignissen auf sie einstürzenden Situation – suchend, süchtig nach Worten, sie mit allen Sinnen zu greifen, bis an ihre Grenzen zu gehen, sich der fremde die so nah ist zu bemächtigen.
Beschreibungen von ersten Reisen nach England, Holland und Spanien bis Nordafrika kontrastieren mit Passagen dokumentarischer und traumatischer Erinnerung, Phantasie- und Alpträume mit rhetorischen Attacken und rhythmisierten RAPs, Sprechgesängen und Pamphleten, die sich aus Bedrängnis spontan und grell Luft verschaffen…

Janus press, Klappentext, 1992

 

ich wollte nicht eure ordnung

− Gabriele Stötzer – für wahnsinnig, hexisch, lästig erklärt. −

Außer der Reihe hieß eine späte Edition des Aufbau-Verlags, die von Gerhard Wolf betreut wurde – Bücher junger Autoren aus der DDR, ungläubig, respektlos, individualistisch. Im Zweifel an der Möglichkeit, sich mit Sprache verständlich zu machen, zerstückelten, verbogen, verdrehten sie sie, um sie neu zusammenzusetzen zu skurrilen Gebilden, die einen höhnischen oder traurigen Kommentar zur Zeit gaben (Papenfuß, Faktor, Schedlinski, Döring).
Aber da war auch eine Frau in der Reihe: Gabriele Kachold (Stötzer ist ihr wieder angenommener Mädchenname), eine – für die DDR ungewöhnlich – feministisch denkende Frau, schwer verprügelt von Mann und Staat, klein, verwittert, zerbeult, mit vogelhaft gekrümmten Schultern, hartem Mund und schneidender Stimme; laut, scharfsinnig, aggressiv.
Sie ist weder zu vergleichen mit den Prenzlauer-Berg-Dichtern, denn sie muß auf Sprache bauen, weil sie einen Glauben und eine Botschaft hat, noch kann sie in den Schubkasten „Frauenliteratur“ gesteckt werden, weil ihr das Ineinander-Spiegeln auf der Ebene der Erfahrungsgleichheit nicht genügt. Sie stellt die Frage nach einer weiblichen Produktivität, die das Gegebene sprengt, sich auch aus den Klischierungen eigener Sanftheit, Stummheit, Duldsamkeit löst, sich sucht, neu bestimmt und keine Fremdvorgaben bedient, „die wahrheit ist daß in unserer umwelt ein großes seelenloses wissensloses schaubild der frau existiert…“
Inzwischen ist Gabi Stötzer schön geworden, etwas Weiblich-Weiches ist in sie hineingekommen, die Wende hat ihr gut getan, die Schultern sind gerade, der Gang ist elastisch – die Zeit und diese Frau stehen gut zueinander.
grenzen los ist ein wunderbares Buch, das aus den Reihen aller Bücher fällt, so unerschrocken, so häßlich und schön, so genial, banal, klar, verwirrend, so grob, schamlos, zartgesponnen und feingedanklich. Es ist nichts besser geworden darin, ist ein wilder Garten geblieben, wo sie mit brutaler Beharrlichkeit die Worte aller Augenblicke nebeneinander pflanzt, ohne achtzuhaben auf sich selbst, ohne Überblick über den eigenen Sinn. Ernstzunehmen ist, was zufällt im Jetzt, denn es meint mich, Wort und Bild gehen auf wie Lichter, die stelle ich hin und bekenne mich dazu bis in die letzte Schamfalte und immer. Dies bin ich. Was sich selbst nicht kontrollieren will, flößt Furcht ein, doch kommt es zu seiner Kraft. Sie ist bahnbrechend für sich – für mich – für Frauen. Es geht um Anknüpfbarkeit in der Horizontalen, ein riesiges Gewebe als sprachliche Struktur, „unter dem weben wacht das denken“, offen an allen Ende, erdnaher Geist, „im weben konnte ich das ungewisse berühren“, voller Licht und Dunkel, schauderhaft und schön. Keine hierarchisch-vertikale Gliederung des Geistes, nicht dieses Ausschließungsprinzip und Absäbeln des unteren. „liebe ist ein fortsetzungsprinzip“. Entweder ist es eine Umwälzung der Literatur oder es ist keine Literatur, was Gabriele Stötzer schreibt, auf jeden Fall ist es eine der Sinngestalten der Sprache: ein benennungswütiges, naives, spontanes, bildhaftes Philosophieren einer DENK-KÖRPER-FRAU, die sich in allem geschichtlich zu erkennen gibt, hellwach und voller Sendungsbewußtsein, das sich in pathetischen Deklarationen aus ungestalt klappernden Texten erhebt. Vielleicht das so schwer Erträgliche an Gabriele Stötzer dieses positive Verhältnis zu sich und der Welt, nicht der aggressive Gestus, mit dem sie es verteidigt.
Gemeinhin wird sie für wahnsinnig, hexisch, lästig, pervers erklärt, nicht nur von der Stasi (Sascha Anderson nannte sie kurzerhand eine „Faschistin“), sondern auch von den Dichtern und Denkern der Szene. In der Literatur der DDR und der, die dabei ist, ihre Handlungsorte von der DDR auf Deutschland, Europa, die Welt zu erweitern, kommt Gabriele Stötzer ein einsamer Platz zu, dem sich Leserinnen mit intuitivem Interesse und doch auch mit Schaudern nähern „der sinn der liebe ist gegenüberstellung“.

Claudia Kleinschmidt, Die Wochenpost, 1.10.1992

Das ICH ist eine SIE

Das Ich macht sich auf in die Welt, nach Sevilla, Tanger, London und Amsterdam. Es ist eine Sie, bewegt sich in einer Fremde, ohne zu driften, um „getroffen“ zu sein, gemeint und sich selbst zu meinen. Mit sich trägt sie/es die Fragmente einer Sozialisation, deren gesellschaftlicher Rahmen aufgelöst ist: „bin ddr-gebrannt irgendwo unabwendbar ist was festgefressen sieht flügelig aus steht doch ab und brennt doch so tief“. Gabriele Stötzer-Kachold nannte ihr zweites Buch grenzen los fremd gehen; das kann vielerlei bedeuten. Kachold, die jetzt wieder ihren Geburtsnamen benutzt, geht nicht nur in die Fremde, auch ihr Gehen ist dem der anderen fremd, und ihr „los“ klingt wie eine Aufforderung zur Differenz: den Mut haben, fremd zu sein und dabei in sich zuhause.
grenzen los fremd gehen ist glücklicherweise, wie schon das Debüt zügel los, immer noch „Außer der Reihe“, spröde, seltsam, exakt in seiner sprachlichen Fixierung von Disparitäten. Wenn da steht „zuerst war der schmerz“, meint das keineswegs ein masochistisches Erleiden einer extremen Biografie. Stötzer-Kachold, Jahrgang 1953 und in Emleben/Thüringen geboren, wurde 1976 wegen politischer Renitenz von der Pädagogischen Hochschule Erfurt relegiert. Nach Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns verurteilte man (mann) sie zu einem Jahr Haft. Was von den Medien gern zum Vorzeigemärtyrium nivelliert wird, hinterließ irreversible Wunden. „erfurt – mein mittelalter“ summiert das Leben einer DDR-Frau, die von einem ebenso mediokren wie gefährlichen Staatsgefüge ihrer Handlungsmöglichkeiten beraubt und an die soziale und psychische Peripherie gedrängt wird. Aus „ostexemplarischen“ Stationen wie Abendschule, Bulgarienurlaub, Studium oder Orgelkonzerten webt Gabriele Stötzer-Kachold ihr eigenes, eigen-unartiges Individuationsmuster, das präzise die Unmöglichkeit eines Sich-Heraushaltens widerspiegelt. Weben kann überhaupt als das gültigste Symbol für Stötzer-Kacholds Schreiben stehen. Aus Grenzerfahrungen rekrutiert sich ein bildhaftes, dabei wildes und lautes Denken, das in syntaktischer Reduktion bis hin zur Auflösung seine Entsprechung findet: RAPs und assoziative Sprechgesänge organisieren rhythmisch die gesplittete Realität, die Puzzleteile des Alltags, die nächtlich wiederkehrenden Traumata.
Kardinalthema sind nach wie vor die verletzte, aber nicht stumm erleidende Frau und die „geschlechter verkehrt schlächter“. Sein Ausdruck ist geschlechtlich determiniert, ohne aber nur chthonisch in sich selbst zu kreisen. Gabriele Stötzer-Kachold synthetisiert, als Feministin schon lange, bevor Feminismus im Osten lebensnotwendig wurde, Körper und Denken, ohne beide Zusammenstöße zu entschärfen. Sie hält es ziemlich gelassen aus, wenn „unvollkommenheit laster ist“, weil ihre neugierige Erwartung „sich in die zukunft biemt über den rücken meines unverjährten schmerzes“. Schmerzlich ist die Angst davor, im Fremdsein unterzugehen, in Männern, zwischen den Geliebten zu verschwinden. Nie habe ich in letzter Zeit den Orgasmus klinischer und sensibler konstatiert gefunden, nie männliche Informationssysteme hellsichtiger als latent hysterisch dechiffriert. Bei G. Stötzer hören „die herzohren was der blutsinne rede ist“, nämlich „untergründiges geschwätz“.
Ihre Wünsche sind klar, einfach und rosa ironisierend: „ich möchte kein glück im unglück mehr haben sondern glücklich lieben arbeiten leben schreiben weltreisen“; die Sorgen ebenso vertraut: „wie verkaufe ich mich“ im neuen Zuhause, das „Westen“ heißt, soll Frau „liebe warten“? Die Banalität dieser Wörter täuscht, weil Sehnsucht nie banal ist. Gabriele Stötzer-Kachold ist die derzeit am wenigsten „pflegeleichte“, dafür aber aufregendste Autorin. Ihre Texte sind nicht simpel zu konsumieren, sondern eine herbe Anstrengung. So subtil und spröde philosophisch wie diese Sprache verstören auch die vogeläugigen Figuren, die zwischen diesen wunderbaren Aufzeichnungen aus den Jahren 1988 bis 1991 vagabundieren.

Anke Westphal, März 1993

lochbrüder? schwanzschwestern?

Gabriele Stötzer-Kachold hat kein leichtes Leben, aber das ist kein guter Grund Bücher zu veröffentlichen. Nach zügel los, das 1989 in Gerhard Wolfs Reihe im Aufbau Verlag erschien (Lizenzausgabe bei Luchterhand) publiziert er nun grenzen los fremd gehen im eigenen Verlag – Texte auf dem Tagebuch der Autorin, Passagen des letzten Jahres werden mit früheren konfrontiert.
Das ist freilich kein konventionelles Tagebuch – ein originelles? „auf dem festland“ dies brachte sie von einer Englandreise mit, „heißt alle originalität neurose oder wahnsinn.“ Ihr Schreiben jedenfalls ist die Selbsterkundung einer Frau, die mit sich und anderen nicht klar kommt, und es hilft vermutlich weder ihr noch anderen, etwas verstehen zu können oder zu ändern. „ich bin betrogen worden“ ist ihr penetrantes Grundmotiv (andere sind schuld und schlecht), nicht nur von ihrem Mann, sondern überhaupt: „das gesetz der szene heißt verrat.“ „es kotzt mich an“, und ständig kotzt sie sich aus, aber nix Katharsis (es gibt keine Wahrheit im Falschen), „in einer männerwelt voller lieben mädels und bräuten zu leben“, prima Idee, Projektion ins Gesellschaftliche könnte Freundinnen schaffen. Doch nicht so gute Idee: verdrossene Freundinnen, die anderen werden dann ja als „schwanzschwestern“, die sich den „lochbrüdern“ hinzugesellen, ausgegrenzt. Wie fragte sie so schön bei ihrer Rede im Rathaus-Sitzungssaal von Erfurt vor 300 Frauen am 8.11.1989 um 22 Uhr? „warum werden wir nicht geliebt sind wir freiheitsbezogen oder individuell?“ Dabei heisst ihre Frage doch „warum werde ich nicht geliebt?“, und die nächste dann „warum liebe ich nicht“, und die Antwort „weil ich mich selber nicht ausstehen kann“.
Aber weiter in ihrem Buch, ein Rap „an alle männer die mich einmal verraten und betrogen haben“, worin sie davon träumt, dass es diese Männer kostenlos geben wird „und der orgasmus frei am gabenbaum hängt“. Schilderungen ihrer Frigidität, dann solch ein Satz: „mein kampf um den orgasmus ist ein kampf um mein wesens-ich.“ Was soll man dazu sagen? Muß man die Märtyrer-Episoden (Zwangsexmatrikulation und Knast im Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung, Mann mit Freundinnen, etc.) würdigend erwähnen? Klar doch. Und, sehr gerne, die kleinen, im gut aufgemachten (soeben zugeschlagenen) Buch enthaltenen sehr direkten, intensiven Zeichnungen, die viel mehr Kraft und Ausstrahlung haben als die verqueren Texte.

Dieter M. Gräf, Basler Zeitung, 18.12.1992

Eine Obduktion der Verhältnisse

− Gabriele Stötzer-Kachold schreibt gegen die Zerstörung der Persönlichkeit. −

Wirklich authentische Literatur von Frauen war in der Ex-DDR selten. Maxie Wander konnte in Todesnähe wahrhaftig sein, Inge Müller lebte und schrieb ihr Träume bis zum selbstbestimmten unausweichlichen Ende, Elke Erb bezahlte ihre Kompromißlosigkeit mit äußerster materieller Armut.
Seit dem Erscheinen des Buches zügel los, das Gerhard Wolf, Freund und Förderer ungewöhnlicher und experimenteller Literatur, 1989 im Aufbau-Verlag (außer der Reihe) herausgab, muß man – wenn von authentischen Texten die Rede ist – auch Gabriele Stötzer-Kachold nennen. In der Euphorie der Wendewirren fand ihre rückhaltlose Prosa nicht die Beachtung, die sie verdient hätte.
Eine Frau schrieb von ihren Verletzungen: vom Überleben der Gefängnishaft als politische Gefangene in der Frauenvollzugsanstalt Hoheneck, vom Sprengen der Formen und Normen der Männergesellschaft. Aus dem Verletztsein heraus wandte sie sich gegen vorgefundene Lebens-, Arbeits- und Denkformen.
Gegen die „Männersprache“ setzte sie ihre Frauensprache (ohne strophe, ohne vers, ohne reim, ohne maß“), die ideologische und erotische Tabus durchbrach. Sie entdeckte Sinnlichkeit als „moment der wachheit, der umweltbezogenheit, das eingehen auf soziale konstellationen“. Beweglichkeit ist das Element, das analog zu ihrem Leben ihre Prosa strukturiert. Nun ist bei Gerhard Wolf janus press ihr zweites Buch erschienen: grenzen los fremd gehen.
Wer ist Gabriele Stötzer-Kachold? Geboren wurde sie 1953 in einem Dorf bei Gotha. Sie absolvierte eine Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin in Erfurt und holte das Abitur auf der Abendschule nach. Während ihres Studiums, Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, protestierte sie gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, wurde deshalb exmatrikuliert und wegen „Staatsverleumdung“ ein Jahr inhaftiert. Nach der Entlassung arbeitete sie als Sachbearbeiterin in einer Schuhfabrik.
Danach begann sie zu schreiben, veröffentlichte in Untergrundzeitschriften, fotografierte und leitete eine Privatgalerie bis zu deren Verbot 1981. Seit 1983 macht sie mit Frauengruppen und allein Filme. Sie malt, webt, töpfert und kreiert Mode und veranstaltet jene Kunst-Mischform, die in der Szene „performance“ genannt wird.
Die Texte des neuen Buches sind Stücke aus einem umfassenden Tagebuch, das die Autorin seit 1988 führt. Die Auswahl besteht aus meditativ-assoziativen Erlebnisberichten, Erinnerungen, Porträts, gedichtähnlichen Texten und gedanklichen Reflexionen. Sie widerlegen die These, daß Literatur Zeit und Distanz brauche, um gesellschaftliche Umbrüche erfassen zu können.
Gabriele Stötzer-Kacholds Buch läßt sich als fortlaufender Text lesen, auf den man sich voll einlassen muß. Er führt ganz nah an einen Menschen heran, so nah, wie es sonst nur die unmittelbare Ich-Aussage der Lyrik vermag. Der Leser erlebt den inneren Kampf eines Menschen gegen die Zerstörung der Persönlichkeit durch Politik, Ideologie und Stasiverfolgung. Vergangenes Geschehen wird aus heutiger Sicht kommentiert.
Gabriele Stötzer-Kachold spielt – wie die Autoren der einstigen Berliner Prenzlauer-Berg-Szene – mit den vorgefundenen Worten, entlarvt sie als Worthülsen, doch bleibt sie nicht beim Ad-absurdum-Führen des Konventionellen stehen. Auch für sie ist die Sprache Material, doch abstrahiert sie nicht so vom Leben wie etwa Bert Papenfuß oder Stefan Döring. Das Spiel mit dem Sprachmaterial dient ihr einem Zweck: Befreiung aus Gefangenschaft des Körpers, des Geistes, des Sexus. In dem bilanzierenden Text „erfurt – mein mittelalter“ spricht sie unter anderem von einer Begegnung mit Jürgen Fuchs und Lutz Rathenow in Jena, an anderer Stelle von Sascha Anderson. Alle begegneten ihr skeptisch; man hatte für sie ein mitleidiges Lächeln. Ihre Größe blieb unerkannt. Jene Kraft des „frei und unverzettelt eigener richtung herrin sein“ war ihnen vielleicht zu emanzisch und daher suspekt.
In der Tat sind Gabriele Stötzer-Kacholds Texte sehr offen und frei, auch in der Wortwahl. Genau, minutiös, fast exhibitionistisch schreibt die Autorin u.a. über Sexuelles und Erotisches, ohne Scham, doch niemals schlüpfrig. Das Besondere liegt in der speziellen weiblichen Sehweise, die keine der traditionellen Frauenrollen bedient, sondern sich deutlich von Männererwartungen abhebt. Die Entdeckung des eigenen wird als Prozeß beschrieben. Vom Frust einer bewußt lebenden Frau in einer von Männern beherrschten Welt haben auch Christa Wolf und Irmtraud Morgner geschrieben, doch Gabriele Stötzer-Kachold geht ins Detail.
Sie erlebte die DDR-Ideologie als Männerideologie, die Sprache als Männersprache. Männer haben die Macht und verraten die Autorin, geben sie preis. Die Negativbilanz dieses Lebens setzt sich im Privaten fort. Während sie im Gefängnis sitzt, vertreibt sich ihr Mann die Zeit mit den Freundinnen. Eine Metapher kehrt in diesem Zusammenhang immer wieder. Sie ist der tödlich verwundete Stier, den sie in Spanien beim Stierkampf erlebte. Doch anders als das Tier kann sie entkommen. Zunächst in der Phantasie und im Traum, dann in der Wirklichkeit, sprengt sie die ihr zugemuteten Grenzen: „ein sprung in einen abgrund nach vorn… ich schaffe es und es war der große flug und ich war wahnsinnig frei“.
Wie ein Seismograph halten die Texte individuelle Befindlichkeiten in der unmittelbaren Umbruchszeit fest. Das Motiv der Gefangenschaft ist mit dem Fall der Mauer für Gabriele Stötzer-Kachold aber nicht aufgehoben. Gefangenschaft ist auch Unterdrückung jeglicher körperlicher und intellektueller Selbstbehauptung. Reisen nach Spanien, Marokko, England und Holland heben das Motiv nicht auf, erweitern es jedoch um die Erfahrung anderer Arten von Freiheit. Neben dichter Bildsprache finden sich gedankliche Reflexionen: „eigentlich ist auch die frau frei wenn sie sich vom blick frei denkt und an die festen rituale nicht hält…“.
Aus dem ganz subjektiven Erleben gewinnt die Autorin Verallgemeinerungen über das Verhältnis der Geschlechter zueinander, auch über Deutsche und Ausländer, über Liebe und Haß (einschließlich Fremdenhaß), über das Gegeneinander von Generationen. Mit vielerlei literarischen Verfremdungstechniken: rhythmisch wiederkehrenden Leitmotiven, Sentenzen, konsequente Vermeidung von Passivsätzen, Kleinschreibung und einsparen von Satzzeichen, entsteht der Eindruck eines bewegten Sprachflusses, der nur in den Pointen zur Ruhe kommt. Beschwörungen, Sprechgesänge, Dialoge, variierte Sprüche, Sentenzen, umgewandelte Märchenmotive, Sprachspielereien und geschickt eingesetzte Ironie täuschen nicht über den Ernst dieser Prosa hinweg. Die spielerische Leichtigkeit des Umgangs mit der Sprache führt immer wieder zum Nennen knallharter Fakten. Die Obduktion, ein Schlüsselerlebnis während ihrer Zeit als medizinisch-technische Assistentin, verarbeitet sie in den mehrfach eingestreuten Obduktionsberichten. Präzise beschreibt sie die Arbeit des Sezierens bis ins kleinste Detail und ohne Zynismus. Nüchtern schildert sie die „operativen Vorgänge“ der Stasi, exakt analysiert sie das Verhalten von Menschengruppen. Wie die Seziererin im Obduktionssaal anhand des Zustandes der menschlichen Organe die Todesursache erkennt, legt Gabriele Stötzer-Kachold die Krankheiten der Gesellschaft in den menschlichen Beziehungen und Verhältnissen bloß. Gesundsein bedeutet für sie Einssein mit sich selbst. Dazu braucht sie die Sprache, mit der sie alles neu und nach ihrem Maß definiert: Was ist wie und warum? Grenzen los fremd gehen ist Teil eines Denk- und Gefühlsprozesses auf der Suche nach Antworten. Vielleicht führt die mit viel Phantasie und nicht ohne Komik, doch auch verbissen exzessiv vorgeführte emanzipatorische Grunderfahrung der Gabriele Stötzer-Kachold zu einer neuen Souveränität. Die Autorin hat die Kraft und auch die Sprache dazu.

Dorothea von Törne, Neue Zeit, 15.12.1992

„ein stück leibverantwortung“

Gabriele Stötzer-Kachold paßt mit ihren tagebuchartigen Notizen zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem, mit Prosa und Lyrik, Redetext und „Rap“, Pathologie-Protokoll und Traumassoziation kaum in ein Schubfach. Oder doch? Die Übertretung künstlerischer Gattungsgesetze und -grenzen, die Verschränkung von autobiographischem und poetisch-fiktionalem Schreiben, beides deutet, zusammen mit der Rolle der Körpererfahrung, in die Richtung eines „weiblichen Schreibens“, einer weiblichen Ästhetik.
Bereits in ihrem offiziellen literarischen Debüt in der DDR (1989 unter dem Titel zügel los, erschienen in außer der Reihe im Aufbau-Verlag) schlug sie einen ungewohnt geschlechtsbewußten, auch aggressiven eigenständigen Ton an. Er trug der 1953 in Thüringen geborenen Autorin, Malerin, Weberin, Modegestalterin, Filmemacherin und Performance-Künstlerin den Ruf einer Radikalfeministin ein, mit allen Konsequenzen: vorsichtiger Distanz bis hin zur Ausgrenzung unter Autorinnen wie Autoren und Zurückhaltung der Literaturkritik. Interessanter (und vor allem verständlicher) als ihre Texte erschien Publizisten und Kritikern, wie so oft, wenn es um Kunst einer Frau geht, deren Biographie. „Wegen politischer Unbotmäßigkeit von der Pädagogischen Hochschule Erfurt relegiert (jetzt rehabilitiert) und wegen ihres Protestes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns (1977) ein Jahr in Haft“, steht werbewirksam im Verlagsprogramm von Janus press. In den Prosa-Texten „erfurt – mein mittelalter“ und „heimchen ddr“ (beide 1988 entstanden) ist das individuelle DDR-Schicksal im eindringlichen Bild des gesellschaftlichen Klimas der Erstarrung und „Heimeligkeit“ zugleich aufgehoben:

wir sitzen unter der decke und werden alt… nestniegeflüchtet bösniegefallen wir drücken unsere nasen an die scheiben… hier ist der deckel sofort auf dem topf…

Die im Frauen-Knast existentiell erfahrene Enteignung des Körpers bildet den Ausgangspunkt der Poetik der Körperlichkeit. In ihren Anfang der achtziger Jahre in den DDR-Selbstverlag-Zeitschriften UND, Mikado und ariadnefabrik abgedruckten Texten werden Blut, Bauch und Lippen zu zentralen Metaphern. Das weibliche Geschlecht wird entmystifiziert, in Besitz genommen und mit eigenen Bildern (in Wort und Graphik) belegt. Die „Übersetzung“ psychischer Gewalt in physische geht dabei für die Leserin/den Leser bis an die Grenze des Erträglichen, die Texte rütteln auf, wirken suggestiv.
Die Autorin stößt auf die Übermacht historisch überkommener Bilder („götzenbilder“) und Stereotypen von Weiblichkeit und muß sich, wie so viele Künstlerinnen vor ihr, „die Projektionen der anderen vom Körper wegschreiben“ (Filmemacherin Christina von Braun über Ingeborg Bachmann). In einer Frauengruppe versucht sie, über künstlerische Gattungsgrenzen hinweg, „eine Art Grundstock an archetypischen Frauenbildern“ zu erarbeiten. „Herausgekommen ist so ein stück leibverantwortung“, heißt ihr Resümee dieser Phase. Intuitiv geht Gabriele Stötzer-Kachold damit einen Weg, in dem sich der Erkenntnisprozeß westlicher feministischer Theorie von Kristeva bis Cixous auffinden läßt, ohne daß dies Ergebnis bewußter Auseinandersetzung mit den in der DDR relativ unbekannten feministischen Theorieansätzen wäre.
Während gleichaltrige männliche Autoren in den inoffiziell publizierten DDR-Zeitschriften der achtziger Jahre (Papenfuß-Gorek, Schedlinski, Anderson, Faktor, Döring) ausgesprochen sprachkritisch bis sprachexperimentell arbeiten, steht Gabriele Stötzer-Kachold dem Medium Sprache weniger kritisch und distanziert gegenüber. Im Gegenteil, sie vertraut sich der Assoziationskraft der Worte an, läßt sich von ihr treiben, um das, was hinter und zwischen den Worten wirkt („die worte tragen schatten“), hervorzuholen.
In ihrem zweiten Band wird der Schritt des „ich schrieb ich“ nun reflektiert und eine psychoanalytische Perspektive auf „innere“ wie „äußere“ Welt gerichtet. Die Autorin nutzt Reisen nach Spanien, Marokko, Holland und England, um Erkenntnisse von der Ebene des Individuums abzuheben und auf der Ebene der Gesellschaft, Kultur und Geschichte zu erproben. Dabei gelingen ihr feinsinnige Beobachtungen zum Verhältnis der Geschlechter in den verschiedenen Kulturen, so zum Beispiel wenn der spanische Stierkampf für sie zum Gleichnis für den Kampf um Macht überhaupt wird, wenn dessen Kategorien Kampf, Töten, Opfer oder Sieger als fremde männliche erlebt werden und schließlich „ich und das Opfertier“ im Text zusammenrücken. Immer ist der Außenblick mit Selbstbefragung verbunden:

ich habe meine metamorphosen gesucht
in fremder archetypen mythoswelt

Das auf Authentizität anglegte Konzept, „daß frauen sich öffnen darstellen zeigen (sollen) wie sie wirklich sind“, gerät jedoch an seine Grenze, wenn die Abhängigkeit des eigenen Konstrukts einer weiblichen Identität von kulturellen Normen außer acht gelassen wird. Ohne selbstkritische Reflexion geht der Weg der Emanzipation im Kreis. Letztlich landet Gabriele Stötzer-Kachold mit dem arg strapazierten Bild der Frau als der ewig (von „freundinnen“ und „männern“ im Plural) Betrogenen wieder bei dem Klischee, von dem sie sich polemisch hatte absetzen wollen.
Der verstärkt missionarische Gestus vieler Texte hebt den explizit geäußerten Anspruch, nicht für andere sprechen, sondern sie aktivieren zu wollen („guck dich an du hast auch einen mund“), oft wieder auf. Die einmal erarbeitete Methode des Experimentierens mit grammatischen und syntaktischen Strukturen hatte in der Abrechnung mit der männerdominierten Prenzlauer-Berg-Szene („das gesetz der szene“) noch zur Aufdeckung hierarchischer Macht-Strukturen gedient. In manchen neueren Texten dagegen scheint die Grammatikmaschine nur noch mechanisch weiterzuarbeiten und in Banalitäten zu enden („willst du normal leben dann geh / willst du unnormal leben dann geh“ usw.). Verfremdung wird Manie, („erzählbar – siezählbar“; „geist los ich keit“). Des öfteren werden Erkenntnisse explizit ausgesprochen: „ich suche verdammt noch mal mein geschlecht“ oder „ich glaube an die worte“, wo sie poetische Praxis werden müßten. Zwischen programmatisch geäußertem Anspruch auf Sinnlichkeit und Lust (z.B. in den „Tanz“-Texten) und deren seltsam unrhythmisch-monotonem, unsinnlichem Gestus ergibt sich ein Widerspruch. Bleiben uns Spaß und Lebenslust, Ironie und Selbstironie „in der hitze des geschlechts“ versagt?

Birgit Dahlke, neue deutsche literatur, Heft 486, Juni 1993

Mehr Sprache wagen

− Zur Lesung von Gabriele Stötzer. −

… Gabriele Stötzers poetisches Zentrum ist die „polemische Existenz gegen die Enteignung des Körpers“ und Geistes, die sie im Alptraum vom Frauenknast oder in Liebesbeziehungen erlebte, aber nicht mehr erleidet. Ihr zweites buch grenzen los fremd gehen zählt, wenn auch nicht von jedem Feuilleton bemerkt, zu den besten deutschsprachigen Veröffentlichungen des letzten Jahres. Stötzers Sprache ist von derselben brutalen Unbestechlichkeit, Aggression und vibrierenden Spannung, die die Präsenz der Frau auf der Bühne ausmacht. Tatsächlichkeiten werden bei den „schlimmsten“ Namen genannt; die Wahrheit der Künstlerin bleibt nie beliebig, sondern wird grell ins Bild geholt. Stötzer „addiert das gefühl als wissen / um den verrat zu stoppen“, und in ihrer experimentierenden Neugier scheut sie weder Normen noch Mißerfolge. Man kann über ihren Sprechgesang von „Summertime“ denken was man will – die Verunsicherung im Publikum endet doch irgendwie in einer anderen Sicht: Das geht also auch, selbst wenn es so merkwürdig klingt und zum Lachen reizt.
Eben nicht nur mehr Sprache, sondern überhaupt mehr Mut in der Aktion wagen. Kachold läßt ihre Textblätter über die Bühne stieben, verteilt Flugblätter für das demolierte Erfurter Frauenkunsthaus und – lacht…

Anke Westphal, Neue Zeit, 17.2.1993

Gespräch mit Gabriele Stötzer-Kachold

– Mit Gabriele Stötzer-Kachold führte Birgit Dahlke am 12.3.1993 das folgende Gespräch. –

Birgit Dahlke: Dein Text „Das Gesetz der Szene“ ist als eine der wenigen radikalen Szene-Kritiken bekannt geworden, in ihm setzt Du Dich mit Machtstrukturen innerhalb dieser Szene auseinander, die Du als patriarchalisch charakterisierst:

das gesetz der szene heißt verrat (…)
das gesetz der szene ist rache
das gesetz der szene ist haß (…)
achtung hier wirst du entwürdigt wie noch nie

Warum entstand der Text erst 1988, hattest Du Dich da nicht schon lange aus der Szene herausgelöst?

Gabriele Stötzer-Kachold: Ich hatte eigentlich immer was mit ihr zu tun. Um zu einer Szene zu gehören, brauchst Du eine Art imaginäre Beziehung, die entwickelt sich erst, die geht auch nicht so schnell zu Ende. Da spielt so eine Kraft hinein, die ich hatte… Man muß an eine innerste Kammer der Leute kommen, wenn das gelingt, verfolgen sie Dich, im Guten wie im Bösen. So weit muß man erst mal mit jemandem kommen, das ist dann sowas wie Berührung, die war immer da zwischen der Berliner Szene und mir. Die Inszenierung der Stasi griff genau an diesem Punkt ein, wenn diese Nähe zu stark wurde. Die nicht gelenkte Gruppenenergie sollte zerstört, die Leute sollten voneinander isoliert werden. Anderson führte Leute zusammen und trennte sie wieder, in den Beziehungen begannen Austauschbarkeit, Beliebigkeit zu herrschen. Das führte zu innerlicher Verzweiflung und damit Regierbarkeit der Leute, sie wurden instrumentalisierbar für Interessen, die außerhalb ihrer eigenen lagen. Die meisten gehen ja in so eine Szene, um mit den Eltern zu brechen, oder mit der Vergangenheit, mit einer Ehe oder so. Sie wollen keine Verantwortung mehr tragen, nicht mehr arbeiten gehen. Für mich war die Szene eine Möglichkeit, das zu leben, was ich wollte: Kunst.

Dahlke: Warum warst du an der Berliner Szene so interessiert? Du hattest doch Deine eigene in Erfurt aufgebaut: mit der Galerie, den Pleinairs im Eichsfeld, der Frauengruppe…

Stötzer-Kachold: Die Erfurter Kreise waren alles keine Literatenkreise. Anderson ging es um Zerstörung von Beziehungen und Projekten, um aus den Bruchstücken seine eigenen Projekte machen zu können, mit Hilfe der Stasi. In den Akten finden sich solche Pläne ab 1982, in denen er Künstler hin und her schob, als gehörten sie ihm.

Dahlke: Meinst Du, er bediente sich sozusagen der Stasi und ihrer Interessen oder meinst Du, er war selbst Instrument der Stasi, was ja beides schwer auseinanderzuhalten ist?

Stötzer-Kachold: Seine Interessen waren die der Stasi. Inwieweit er eine eigene Identität hatte oder inwieweit er im System der Stasi gefangen war, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, wer Sascha Anderson ist. Ich weiß nur, daß er der Stasi stets die Informationen gegeben hat, über die der jeweilige Mensch zu brechen war.
Der Trend war anfangs, von Dresden nach Berlin und von Berlin nach West-Berlin zu gehen. Anderson, Kerbach, Conny Schleime wollten, daß ich mit nach Berlin ziehe…

Dahlke: Bist Du sicher?

Stötzer-Kachold: Vor allem Conny hat viel mit mir darüber geredet.

Dahlke: Wenn es aber um Dominanz ging und es zutrifft, daß Du gut mit Leuten arbeiten kannst, hätte das doch Andersons Interesse entgegengestanden…

Stötzer-Kachold: Aber, wenn ich ihnen nach Berlin hinterhergelaufen wäre, sie mir eine Wohnung besorgt hätten usw., dann wäre ich in die Gefolgschaft eingeordnet worden. Du lernst doch Leute danach kennen, wozu Du sie bewegen kannst. Sascha war sowas wie ein Rattenfänger. Daran, daß Conny mich nicht dazu brachte, nach Berlin zu gehen, wurde deutlich: die hat noch was Eigenes vor.

Dahlke: Was hat Dich in Erfurt gehalten, nur der Trotz?

Stötzer-Kachold: Eigentlich haben die Frauen mich gehalten, ich hatte damals schon die Frauengruppe aufgebaut.

Dahlke: Conny Schleime sagt über Eure Freundschaft und gemeinsame künstlerische Arbeit, daß sie in Deiner Nähe keine „positive Energie“ finden konnte; nur negative. Ich sehe da zwei Wege künstlerisch tätiger Frauen: du kannst die patriarchalische Unterdrückung der Frau thematisieren, dabei besteht die Gefahr, daß du dich daran abarbeitest, oder du kannst den Konkurrenzkampf scheinbar gleichberechtigt aufnehmen, das kann dir gelingen oder auch nicht… Dann wird dich das Thema Frau in partriarchalischer Gesellschaft irgendwann einholen. Dein Weg war nicht der, der Connys Interessen entsprach.

Stötzer-Kachold: Ich habe Conny damals Adressen meiner Freundinnen in Berlin gegeben… Conny hat eine andere Art Beziehungen zu Frauen als ich. Sie benutzt sie, hierarchisch.

Dahlke: Moment mal, würdest Du für Dich auch sagen, daß Du Menschen benutzt?

Stötzer-Kachold: Ja, sicher, aber gleichrangiger, ich will sie in ihrer Identität, pur.

Dahlke: Weil Du gestern sagtest: die Frauen meiner Gruppe sind jetzt nicht mehr mein Medium.

Stötzer-Kachold: Stoff, das ist was anderes. Medium waren sie am Anfang, als ich noch Bilder mit ihnen gemacht habe. Für mich ist es jetzt die Frage, wie ich weiterarbeiten will. Es war schon immer die Frage, inwieweit sich das für mich gespalten hat: wenn ich eine Idee habe, weiß ich genau, das wird ein Bild, das wird ein Foto, das ein Film, das webe ich und das schreibe ich. Das ist natürlich irgendwie auch Schwäche. Ich webe schon lange nicht mehr, mache keine Fotos mehr, ich will jetzt nur noch schreiben, Punkt.

Dahlke: Weil Du dazu nur Dich brauchst?

Stötzer-Kachold: Erstens das und zweitens, weil dann die Bilder in die Sprache gehen. Ich habe eine andere Idee vom Schreiben entwickelt.

Dahlke: Wolltest Du 1979, als Du Christa Wolf Deine Texte gezeigt hast, nicht eigentlich auch „Schriftstellerin“ werden?

Stötzer-Kachold: Ich war damals total von mir überzeugt. Ich war dann öfter bei den Wolfs, habe auch über die Szene erzählt, und Gerhard Wolf sagt heute, das hätte etwas von Zwanghaftigkeit gehabt, jetzt könnte man sich ganz anders mit mir unterhalten. Ich denke aber, das hat auch mit der Generation zu tun, wir waren nicht wie ihre Kinder, da schien etwas ganz wild gewachsen zu sein. Es hat noch Jahre gedauert, bevor sie Gefallen an diesem Wilden gefunden haben, erstmal halfen sie uns mit Geld, damit wir nicht ständig ins Gefängnis einfuhren. Dabei haben sie aber wahrscheinlich ihre gesicherte Position in der Gesellschaft noch nicht so zur Kenntnis genommen… Wir haben ihre Position damals noch nicht in Frage gestellt.

Dahlke: Damit, daß Du zu Christa Wolf gegangen bist, hast Du ihre Position ja auch anerkannt.

Stötzer-Kachold: Da spielt bei mir noch was anderes hinein, Christa Wolf war berühmt, hatte Öffentlichkeit. Und ich wollte Schriftstellerin nicht im Elfenbeinturm sein, ich wollte es leben, ich wollte damit anerkannt sein, Lesungen machen können, rumreisen, diskutieren… Es hat sich für mich damit eine andere Lebensqualität verbunden.

Dahlke: Du sprichst von der Szene in Erfurt und der in Berlin so, als seien es zwei Varianten der selben Art. Gibt es nicht, neben den „normalen“ Hierarchiekämpfen in jeder Gruppe, Unterschiede zwischen einer gemischten und einer ausschließlichen Frauenszene? Wie erklärst Du Dir, daß unter „Deinen“ fünfundzwanzig IMs nur eine Frau war?

Stötzer-Kachold: Du darfst nicht unterschätzen, daß das System der Stasi männlich war. Die haben sich vorrangig auf Männer orientiert, Frauen waren für sie ja unzuverlässig, schwatzhaft und gefühlsgefährdet. Für Männer gab es da noch Armee und Reserve als Erpressungsräume.

Dahlke: Aber man versuchte, Frauen anzuwerben. Ich bin doch auch mit 19 angesprochen worden.

Stötzer-Kachold: Ja, Du warst aber auch in der Partei. Wir dort waren alles Aussteigerinnen, Autodidaktinnen, von uns gab es kein Zeichen der Unterwerfung. Insofern ist es interessant, daß für mich die „Macht der Männer“ immer eine staatliche, politische war. Ich habe irgendwann beschlossen, Männern und meinen Verletzungen durch Männer nicht so viel Raum in meiner Literatur zu geben, deshalb habe ich auch diesen Knast-Stoff nicht ausgearbeitet.

Dahlke: Bist Du durch die Knast-Erfahrung zur radikalen Thematisierung weiblicher Lebenserfahrung gekommen? Du hast für DDR-Verhältnisse ja sehr früh zu dieser Radikalität gefunden. Meine Sicht auf Geschlechterverhältnisse spitzte sich erst mit dem Ende der DDR zu. Davor dachte ich in Kategorien von Klassen, Schichten, Generationen, gesellschaftlichen Teilsystemen.

Stötzer-Kachold: Das hat damit zu tun, daß Du keine Schriftstellerin bist. Ich arbeite ja figurativ. Ich erkläre mir mein Motiv, außergewöhnlich zu leben, auch mit meiner evangelischen Erziehung: so zu leben, daß man darüber sprechen kann, da gibts ja keine Beichte wie bei den Katholiken. Wenn ich also stark sprechen wollte, mußte ich stark leben. Aber im Grunde bin ich auf das Thema Frauen wohl doch im Knast getroffen, dort im Frauenknast ist mir Sexualität als Frauensexualität begegnet. Es war, als ob du tauchen lernst und es begegnet dir plötzlich Flora und Fauna von unten.

Dahlke: Vor dem Knast hast Du nicht geschrieben?

Stötzer-Kachold: Vorher wollte ich nur immer schreiben, schon als Kind im Dorf, meine Aufsätze waren immer die längsten und phantasiereichsten. Aber so richtig habe ich mich noch nicht getraut, wahrscheinlich, weil ich meinen Stoff noch nicht gefunden hatte. Diese Ich-Figur, die ich dann entworfen habe, konnte ich bereichern durch mich und mein Geschlecht… Eine glaubhafte weibliche Ich-Figur kommt von einer glaubhaften weiblichen Identität. In der Literatur hatte ich die nicht gefunden, meine Mutter hat mich nicht über sich aufgeklärt, auch Christa Wolf hat mir nichts von sich erzählt. Überzeugt von der Triebstruktur der Frau wurde ich durch die Frauen im Knast.
Interessant ist auch, daß ich ja als Politische im Gefängnis war. Aber bei den Politischen gab es keinen Sex, das war nur bei den Kriminellen. Ich habe das am Anfang gar nicht politisch gesehen, was das für Frauen waren: die hatten die von Männern vorgesehene Arbeit verweigert. Kinderkriegen gehörte ja in der DDR auch zur Arbeit, die DDR war ein Arbeitslager. Die meisten Frauengefängnisse waren sozusagen Arbeitslager für Frauen, die draußen nicht freiwillig gearbeitet haben. Komischerweise haben dann die Politischen im Knast gestreikt und niedrige Prozente gefahren und die Kriminellen über 140 Prozent Leistung gebracht.

Dahlke: Die Lebensenergie ging für Dich also von den kriminellen Frauen aus, nicht von den politischen?

Stötzer-Kachold: Ja, die Politischen waren ja wegen einer Ideologie in den Knast gekommen, das hatte mit Lust weniger zu tun. Wären es politische Gründe im Sinne von Barrikadenbauen gewesen, hätte es wieder was mit Körperaktion und Lust zu tun gehabt, aber so… Aus gelebter Ekstase ist da keine Politische hingekommen, sondern weil sie in den Westen wollte. Erst dort gings um Genuß. Aber die Kriminellen konnten den Osten genießen.
Die „Szene“, als eine meiner Gegenwarten, habe ich erst viel später zum Stoff gemacht, wie Du sagst, 1988. Zuerst habe ich mich für weiter fern liegende Institutionen (Hochschule, Staat) selbst als Medium gesehen, bin dort Verletzungen nachgegangen. Später habe ich dann herausgefunden, daß es die Szene war, in die ich mich retten wollte, die mich verletzte, der Mann, den ich liebte usw., damit rückte das alles auch immer näher an mich heran.

Dahlke: In Deinen ersten Texten, so um 1982 herum, erarbeitest Du in meinen Augen diese weibliche Ich-Figur, das geschieht über den Körper: Blut, Bauch, Lippen, Schamlippen. Dann weitest Du deine Kategorien aus auf Libido, Lust, Angst, Orgasmus. Irgendwann ist diese Figur stabilisiert, gefunden, und nun wendet sich Dein Interesse „nach außen“, den Orten der Verletzungen zu, kann ich das so sagen?

Stötzer-Kachold: Ja, schon. In unserer Frauengruppe sagten einige, vor der Gruppe hätten sie Angst vor Frauen gehabt, sie wußten nichts von Frauen. Das Abstraktum Frau ist für viele Frauen viel weniger interessant als für Männer.

Dahlke: Frauenknast hieß natürlich auch Ausweglosigkeit, Du konntest ja nicht in einen gemischten Knast wechseln. Ich dagegen habe meine Identität in der Konfrontation mit Männern, als „emanzipierte“ Frau gefunden. Das verklärte vieles. Ist ja typisch für DDR-Frauen.
Zwischen den Fassungen Deines Szene-Textes in
Kontext 5/1989 und in Deinem ersten Buch gibt es größere Unterschiede: breite Passagen sexueller Worte („Entjungferer“, „Orgasmussuche“, „Schwänze“, „Sexwege“) wurden herausgenommen, tiradenhafte Wiederholungen weggelassen. Der Text wird dadurch dichter, souveräner. Wie kam es zu diesen Änderungen?

Stötzer-Kachold: Das hat aber mein Lektor Gerhard Wolf gemacht. – Ich habe eigentlich nie an meinen Texten gearbeitet. Ich schrieb in Situationen großen emotionalen Drucks, es war so schrecklich, das alles aufzuschreiben, es war ja beim Erleben schrecklich gewesen, da war nichts Schönes. Ich mußte mich beim Schreiben immer über Dinge hinwegsetzen, persönliche Scham, Datenschutz usw. Wenn du das geschafft hast, gerätst du in einen Zustand… Du bist woanders, so am Abgrund… Wenn ich die Texte später gelesen habe, konnte ich sie nicht mehr korrigieren, ich hätte sie von außen korrigiert, das ging nicht. So sind die Texte auch rauh, kantig, zerrissen, wie die Zeit war, wie auch Punk war. In der Punk-Musik habe ich später diese Härte wiedergefunden, die ich gespürt hatte, die wahr war. Als ich viel später in Spanien den Flamenco kennenlernte, oder in England den Tanz bis zur Ekstase, war ich froh, neue Rhythmen gefunden zu haben, du willst diese Härte ja auch mal wieder verlassen. Man braucht bestimmte Grundfähigkeiten. um an andere Reservate des eigenen Körpers zu glauben, um mit dem Körper umgehen zu können, alles rauszuholen. „Alles“ ist ein Synonym für das, was in mir ist. Man muß ja gar nicht alles haben, alle Männer oder so, es ist schon genug, an sich selbst heranzukommen, das ist schon unverschämt genug. Man kriegt ja auch Angst vor sich, nicht nur vor dem anderen: was ist wohl noch alles in mir… So weit sollte man mit sich schon kommen, an die eigene Angstgrenze.

Dahlke: Können wir nochmal auf die Sexualsprache in Deinen Texten zurückkommen?

Stötzer-Kachold: Ja, auf Formulierungen wie „Votzenenergie“ reagieren Frauen manchmal aggressiv… Das ist bei Lesungen zu merken.

Dahlke: Nun ist das Wort „Votze“ auch ein Urwort der Männersprache. Du hörst es mit sieben, acht Jahren zum ersten Mal auf dem Schulhof und beginnst zu ahnen, daß diese abfällige Beschimpfung irgendwas mit Dir zu tun haben soll, noch bevor Du selbst Dein Geschlecht in Besitz genommen hast. Es ist negativ besetzt, klingt für mich nach Erniedrigung, Beschmutzung und überhaupt nicht stolz, wie Du das meintest.

Stötzer-Kachold: Zuerst hat mich das Wort „Votze“ natürlich auch schockiert, aber dann begann ich es selbst zu benutzen, gar nicht, um zurückzuschocken, sondern um die Frage zu beantworten, warum es mich schockiert hat.
Gestern, nach der Lesung, sagte eine Psychologin zu mir: das war eine gute Diskussion, weil das Wort „Votze“ richtig war. Die Leute sind alle losgegangen, nur so kommt man an so eine motorische Energie von innen ran.

Dahlke: Ich verstehe, worum es Dir geht, Du willst es Dir nicht wegnehmen lassen, Du willst es positiv besetzen, auch ein bißchen trotzig, ich weiß aber nicht, ob Du ein so aufgeladenes Wort einfach neu besetzen kannst, ob poetische Kraft in der Lage ist, die in der gesellschaftlichen Kommunikation entstandene Bedeutung radikal umzukehren.

Stötzer-Kachold: Es ist so schwer, diese deutsche Männersprache zu benutzen, das versuche ich: als Frau die Sprache zu verändern, bis ich mit ihr leben kann. Und das ist, was mir das Adjektiv „feministisch“ eingebracht hat, daß ich in die Männerwelt eindringe.

Dahlke: Können wir nochmal auf diese „Nichtüberarbeitung“ Deiner Texte zurückkommen? Die für mich wichtigsten Texte sind Deine frühen: „der wecker ist geklungen“, „das haus ist mein bauch“, die Knasttexte. Trotz ihrer Authentizität, ihres existenziellen Gestus scheinen gerade sie sich am weitesten von der Tagebuchsituation zu lösen, ein künstlerisches Eigenleben zu erfahren. In Deinem zweiten Band dagegen wird ein Autoritätsanspruch erhoben, der sich vorrangig auf das Frausein und auf die eigene Biographie beruft. Das führt zu Formeln wie der der „Freundinnen, die ihr mich verraten habt“. Mir scheint, hier erliegst Du Deiner eigenen Ideologie, produzierst eigene Klischees zu den vorhandenen Klischees über Frauen hinzu.

Stötzer-Kachold: Das alles hat was mit Schmerz und Schmerzerweiterung zu tun, mit Ausdehnung der Qual. Wenn Schreiben Schmerz ist, kann man sich den Schmerz am Anfang immer nur punktuell zufügen. Die Schwäche bei diesen Texten um Frauen ist, daß ich den Schmerz nicht so hochkommen ließ, weil ich dann doch einer Ideologie diente, der Ideologie der Emanzipation. Dazu kommt, daß ich im Osten gebunden war, an die Erfurter Frauengruppe, an diesen Staat, an die Szene (so werde ich nie wieder gebunden sein). Die Verletzungen von Frauen, unter Frauen, sind dadurch nur weggerückt, unterdrückt, nicht aber verziehen, verarbeitet. Daß ich mit Frauen zusammenarbeite, denen ich nicht verzeihe, ist wiederum für mich unverzeihlich, das merke ich an den Texten. Es ist Zeit für mich, vor dieser Art die Kurve zu kratzen. Allerdings bleibt das Kunsthaus, das wir nach der Wende gekauft und aufgebaut haben, bestehen. Das ist zum ersten Mal so, daß etwas, worum ich gekämpft habe, weiterbesteht. Meine Galerie im Flur wurde damals (1981) zerschlagen, die Pleinairs, auch alle anderen Projekte wurden immer wieder liquidiert, nie blieb mir was. Dazu gibt es lauter Vorgänge in den Stasiakten. Das war dann die Logik für mich: in diesem Staat habe ich alles verloren… Ich habe immer gedacht, ich könnte das alles hergeben, aber das stimmte nicht. Da wird auch ein Grundzug dieses Systems deutlich, auf der einen Seite die Etablierten und auf der anderen die, denen alles genommen wird, immer wieder. Ich bin so vorsichtig geworden, habe niemandem mehr vertraut, niemandem außer mir. So habe ich mich selber auch zum Stoff gemacht, weil ich wußte, jedes Wort, das ich schreibe, ist Verrat, dann habe ich nur noch mich selber verraten. Das ist auch irgendwie tragisch, daß Du in diesem Staat nur 1:1 leben konntest. Literatur:Leben, daß es keine Chance gab, Literatur als Lust oder als Job zu nehmen. Das kann ich jetzt machen. Jetzt schreibe ich längere Sachen, Prosa, ich schreibe ja auch gern, dieses andere Schreiben in der DDR war so zwanghaft. Schreiben ist auch Fassen, Definieren, das ist dann doch wieder ein geistiger Prozeß, man kommt nicht drum herum, zu sagen: ich denke, ich war schon immer ’ne Intellektuelle. Da bekam ich zu hören, ich sei für eine Frau viel zu theoretisch. Aber das Intellektuelle ist ja auch eine Triebkraft, die ich als sexuelle Triebkraft einsetzen kann, mit deren Hilfe ich lieben lerne.

Dahlke: Während Du Dich anfangs der Sprache, ihren Assoziationen, einfach ausgesetzt hast und durch die Intensität Deiner Selbstbeobachtung zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen bist, wirkt das Brechen grammatischer Strukturen jetzt konstruiert, langweilig.

Stötzer-Kachold: Da mußt Du aber mal überprüfen, wann etwas für Dich langweilig wird… Glückszustände sind z.B. auch langweilig. Bist Du es nicht gewöhnt, damit umzugehen, bildet sich eine neue Form von Entsetzen, mußt Du diesen Zustand zerstören? Oder Leiden: Du kannst immer weiter leiden oder Du kannst das System zerstören. Das hat auch mit DDR zu tun, ich habe jetzt innere Redefreiheit, nicht mehr soviel Schmerz beim Schreiben. Natürlich gerätst Du dadurch auch wieder in eine neue Aussichtslosigkeit, Beliebigkeit. Ich wußte nicht, daß ich das brauche: innere Freiheit. Die Verelendung, die durch fehlende Gedankenfreiheit, durch permanenten Druck, mit mir passierte, habe ich lange gar nicht bemerkt. Ich mußte meine Instinkte wecken, die waren immer mehr domestiziert. Ich habe sogar mal im Westen gesagt, daß ich im Osten bleibe, weil ich da zur Schriftstellerin werde, weil ich da mit sehr wenig Geld überleben kann. Im Westen hatte ich Angst, zum Geldverdienen „verführt“ zu werden, in der „angewandten“ Kunst. Ich pries die Armut und habe mich bestimmten Ängsten nicht ausgesetzt: in der Welt der Möglichkeit zu bestehen.

Dahlke: Vielleicht schreibst Du aber die besten Texte im Schmerz?

Stötzer-Kachold: Nein. In der Trance…

Dahlke: Das ist es gerade: Deine Tanz-Texte sprechen vom Tanz, von Sinnlichkeit, aber sie sind nicht sinnlich, sie klingen nicht nach Tanz. Gerade die Texte, in denen von Lust die Rede ist, bereiten beim Lesen keine Lust.

Stötzer-Kachold: Aber das versuche ich Dir doch gerade zu erklären, die ersten Texte waren noch „prophetische“ Texte, die sind entstanden in einer Zeit, da ich nicht geliebt habe. Ich habe „Lust“ geschrieben, ohne sie zu leben. Ich wollte dann, daß mein Geschlecht nicht auch noch mein Feind ist. Ich schrieb, was ich nicht hatte. Das ist bei Christa Wolf genauso: sie schrieb die Kassandra, aber sie hat nicht gesehen. Es ist vielleicht eine Zeit notwendig, das zu schreiben, was man nicht lebt. Wenn ich also Glück schreibe, bin ich nicht glücklich. Liebe ist ein hungriges Wort. Ich habe in Amerika eine Filmemacherin kennengelernt, die sagte: die Lehre des Masochismus ist das Warten. Dann waren wir im Osten alle Masochisten… Zusätzlich haben wir das noch als sexuelle Genußform hingestellt.

Dahlke: Ich bin nicht sicher, ob das die Antwort auf meine Frage ist. Nochmal anders: Du wolltest Dich aus der Klammer männlicher Verletzungen, patriarchalischer Unterdrückung lösen, im Leben wie in der Sprache. Die Abgrenzung ist gelungen, Du hast eine Form weiblichen Sprechens gefunden, den eigenen weiblichen Raum zu bestimmen begonnen. Warum gibt es in diesem Raum nun kein Lachen? Lachen hat ja mit Lust ebenso zu tun wie mit Souveränität.

Stötzer-Kachold: Für mich ist das die Frage der Lustfindung. Das Lachen bei den Deutschen ist immer das Lachen über andere, ich muß erstmal über mich selbst lachen lernen. Das heißt aber auch, mir was zu verzeihen, mir meine Weichheiten zu gestehen. Das versuche ich jetzt in den längeren Texten: positive Texte zu machen. (Wahrscheinlich wurden die frühen Texte durch die Intensität der Negativerfahrung zu Literatur, wie Du sagst.) Nun gehe ich an Texte auch nochmal ran, versuche, demokratisch zu sein, den Satz wieder so zu öffnen, daß er sich noch „entscheiden“ kann. Das sind keine Zustände mehr, die ich beschreibe, bis zum Grund auszukosten versuche, wie in den frühen Texten. Ich versuche jetzt Energie aus meinem Leben zu schöpfen: o.k. das bin ich, das kann ich und wie kann ich das erweitern zu diesem Geisteswesen…

Dahlke: Geht denn das über Sprache?

Stötzer-Kachold: Du hast aber wenig Vertrauen zur Sprache.

Dahlke: Ja, viel weniger als Du. Das zeigte sich an der Diskussion um das Wort „Votze“ ja auch. Aber für mich besteht ein Widerspruch zwischen Deinen Texten und Deiner Person, wie ich sie hier sehe. Die Texte spiegeln die Souveränität und Lebenslust, die ich an Dir sehen kann, nicht wider.

Stötzer-Kachold: Wenn Brecht die Seeräuberjenny als enttäuschte Frau gestaltet, die alles töten will, wird das akzeptiert. Wenn ich aber in dem Text „an alle Männer, die mich einmal betrogen haben“ eine weibliche Figur wählte, die das aus sich heraus reflektiert, dann gehen alle auf die Barrikaden.

Dahlke: Deine Ich-Figur ist aber vielleicht gar keine Figur, vielleicht ist sie zu nah an Dir dran.

Stötzer-Kachold: Das Ich ist immer ’ne Figur.

Dahlke: In „der wecker ist geklungen“ gibt es sowas wie eine Erzähl-Instanz. Der Text entstand aus Deiner Erfahrung, aber er ist jetzt losgelöst von Dir, geht vielleicht auch über Dich hinaus. In den Texten, die ich kritisiere, habe ich das Gefühl, Dein Tagebuch mitzulesen.

Stötzer-Kachold: Vielleicht identifizierst Du Dich zu viel mit den Texten, Du fragst zu sehr, was Dich interessiert. Das ist dann so eine Identifikation, die mich dann wieder nicht interessiert, ich schreibe ja nicht für Dich. Ich schreibe für eine andere Form von Wortfindung, in diesen „langweiligen“ Passagen, wie Du sagst, suche ich nach grammatischen Strukturen, nach Worten. Das sind dann solche Details, wo Dir nicht klar wird, was ich jetzt gefunden habe…

Dahlke: Also, nehmen wir mal die rhapsodische Form, die Wiederholung von Rhythmus und syntaktischer Struktur. In „gesetz der szene“ führt sie zur Aufdeckung hierarchischer Strukturen innerhalb der Szene, es wird klar, daß das Wie der Szene-Kommunikation im Widerspruch zum Was steht, hinter der Einladung „setz dich!“ steckt der Befehl, die Vereinnahmung, der Machtkampf. Wenn ich hier aber lese:

„willst du normal leben / dann geh, willst du unnormal leben, dann geh…“, so wird’s banal.

Stötzer-Kachold: Für Dich.

Dahlke: Ja, natürlich für mich. Vielleicht ist Dir einfach beim Schreiben die Methode zu bewußt… Ich argumentiere jetzt so rational, rede von Erkenntnissen usw., so einschichtig ist das ja nicht.

Stötzer-Kachold: Was willst Du jetzt von mir wissen? Ich sehe, was du nicht siehst, ahne auch, woher das kommt, aber Dir das zu erklären, so weit reicht mein aufklärerischer Enthusiasmus jetzt nicht.

Dahlke: Vielleicht kommen wir von einer anderen Seite noch mal hin. Du sagtest gestern, in der DDR hattest Du immer Mut, so daß gar kein Platz für Angst blieb, das Muthaben war eine ständige, aktive Anstrengung. Wenn ich die von Dir zitierten Stasiakten in Deinem Beitrag zur „Frauenszene in der DDR“ lese, wird mir allerdings klar, daß alle Horrorgeschichten über die Methoden der Stasi zutreffen: Einschüchterung, Isolierung, Kriminalisierung, Denunziation, Eingriffe in intimste Bereiche wie Freundschaft, Liebe und Sex, angesetzte Liebhaber… Dazu kommt, daß Dein „Vorgang“ die klassischen Muster patriarchalischen Umgangs mit selbstbewußten Frauen aufweist: Psychiatrisierung, die „hysterische“ Kranke, die Sexbesessene, bis hin zur Lesbe, gemeint als schärfste Beschimpfung. Wie konntest Du Dich unter diesem Druck von Angst frei machen? Woher nahmst Du Deine Kraft? Wie konntest Du überall auch noch so konfrontativ auftreten: eine private Galerie machen, in inoffiziellen Zeitschriften veröffentlichen, offensiv in Diskussionen auftreten… Hattest Du keine-Angst, wieder im Gefängnis zu landen? Du wußtest doch, was Du machst.

Stötzer-Kachold: Woher kam meine Kraft… alles war gegen mich. Ich wollte frei denken, bin dabei aber so schnell verelendet. Ich habe meine Verelendung gar nicht bemerkt, habe von 50 Mark die Woche gelebt und mich damit noch gebrüstet. Davon habe ich aber zwei Super-8-Filme gekauft… blieben 20 Mark die Woche. Kaffee? Ein Löffel pro Tasse, mehr konnte ich mir nicht leisten, Brot, Butter… naja. Das war mein Leben, ich habe sehr genußlos, arm, bösartig umgeben, auch ohne Liebe gelebt.

Dahlke: War Trotz der Kraftquell?

Stötzer-Kachold: Wahrscheinlich. Ich habe auch keinen Bruch mit meinen Eltern erlebt, ich hatte sie, ich hatte eine ordentliche Sozialismustheorie, da war ja historisch alles klar, wir waren antifaschistisch, die neue Zeit… Selbst aus der Theorie von Marx über die Rolle der Arbeiterklasse kam Bestärkung: alle neue Kraft sollte von den Arbeitern kommen, ich bin Arbeiterkind.

Dahlke: Du hast Dich auch so gedacht?

Stötzer-Kachold: Klar: ich hatte doch alles Recht der Welt, das hat mir immer geholfen. Deshalb bin ich wahrscheinlich auch in der Nähe meines Heimatortes geblieben… Dann habe ich mich für Sternbilder interessiert, chinesische Sternbilder, Magie und sowas, weil es für mich wichtig war, eine andere Bildhaftigkeit außerhalb dieses sozialistischen Realismus zu entwickeln. Ich brauchte auch eine andere Eigenschaftsskala, „biologistisch“, „feministisch“, „logistisch“, das hat mir alles nicht gefallen, vor allem konnte ich damit keine menschlichen Probleme lösen. Ich habe im Osten nichts mehr gesehen um mich ’rum und habe dann versucht zu revoltieren. Ich bin exmatrikuliert worden, ich war im Knast, das waren schon andere Welten in dieser eingeschlossenen Welt, daraus habe ich meine Identität entwickelt, immer in inoffiziellen Räumen. Deshalb war die Szene so wichtig und deshalb hat wahrscheinlich Sascha auch so gegen mich gekämpft: Die Tragik war ja auch, daß ich gedacht habe, er sei so ein Antipode von mir, der männliche Archetyp. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn ich lesbisch geworden wäre, dann wären allein Frauen vielleicht mein Stoff geblieben. Dadurch, daß ich jetzt weiß, daß das nicht so ist, muß ich natürlich weitergehen. Es gibt immer so theoretische und konkrete Versuche, Überlegung und Fleisch, das wechselt.

Dahlke: Welches war Dein erster Text?

Stötzer-Kachold: Der erste eigentliche Text, wo ich wußte, das ist jetzt Literatur, war „gib mir einen tag von diesem land, gib mir die liebe, gib die triebe, alles rechnet sich über stunden aus, erst die arbeit, dann der lohn, der tag ist arbeit für achtdreiviertelstunden…“. Es war die Möglichkeit, in andere Räume der Sprache zu kommen.

Dahlke: Ich wurde eigentlich durch „der wecker ist geklungen“ aufmerksam, abgedruckt in Mikado. Später gab es einen Streit um meine Interpretation, wo mir Frauen sagten: hast Du gar nicht gemerkt, daß es hier um eine Abtreibung geht? Hast Du darin bewußt eine Abtreibung beschrieben?

Stötzer-Kachold: Nein. Ich habe doch als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet, Blut, Urin, Stuhl untersucht, da wirst Du, nach dem Ekel, irgendwie hart. Der Text bezieht sich auf einen alten Mann, der sich umbringen wollte. Er wurde gerettet und ich mußte ihm, da war ich sechzehn, immer Blut abnehmen. Der ist unter meinen Händen, während ich Blut genommen habe, gestorben. Dann gab’s eine Geschichte, da mußte ich lachen, als wir uns untereinander erzählten, daß einer gestorben ist. Das war der Punkt, an dem ich mich fragte: was ist mit Dir los, willst Du so leben, so gefühllos dem Menschen, dem Menschenleid gegenüber? Da habe ich im Krankenhaus gekündigt.

Dahlke: Dann haben sich Dir unbewußt Assoziationen einer Abtreibung eingeschrieben? Denn man/frau kann den Text schon auch als Abtreibungstext lesen. Oder lesen ihn nur Frauen so? Oder nur Frauen mit einer Abtreibungserfahrung? Wie kommen die Pathologie-Texte in Deinen zweiten Band?

Stötzer-Kachold: Da bin ich in die Pathologie gegangen.

Dahlke: Die Texte machen mir Angst, sie treiben mich an die Ekelgrenze und immer noch ein Stück weiter, als ich freiwillig aushalten würde. Es ist brutal, brutal auch Dir selbst gegenüber. Warum setzt Du Dich dem aus?

Stötzer-Kachold: Um mich einem anderen nicht auszusetzen. Das war 1989, als der Sputnik verboten wurde? Ich wußte nicht, wie ich reagieren sollte, ich wollte mich auch nicht so gefährden, daß ich wieder im Knast lande. Das war so ein tiefer Schmerz, diese Hilflosigkeit! Dann bin ich in die Pathologie gegangen: „und die schnitte liegen fremd“. Da hatte ich auch in mir zerstückelt, was mich zerstörte. Die erste Ebene war, nachts wachzuliegen und den Schmerz zu fühlen, nicht auszuweichen, die zweite Ebene war, das in der Pathologie anzusehen, und die dritte, das aufzuschreiben. Ich bin dann wie zwanghaft noch öfter hingegangen, bis ich einmal dort gesprochen habe, ich habe gefragt, ob sie eine Statistik haben, ob mehr Menschen in der DDR mit einem Lachen auf den Lippen sterben oder mit runtergezogenen Mundwinkeln. Das war zu viel, beim nächsten Mal wurde ich gleich abgefangen. Das ist natürlich interessant: was habe ich in der letzten Zeit der DDR gemacht? Ich bin zur Pathologie gerannt. Dieser Leichnam DDR… Ich hatte ein eigenes Mittel gefunden, mit der Sache fertig zu werden und darüber schreiben zu können.

Dahlke: Sind die Träume im selben Buch reale Träume oder „konstruierte“?

Stötzer-Kachold: Wirkliche.

Dahlke: Du erinnerst dich also so genau an Deine Träume?

Stötzer-Kachold: Ja. Die muß ich morgens sofort aufschreiben, sonst habe ich sie vergessen.

Dahlke: Nutzt Du den Traum auch als poetisches Mittel, als „Gattung“?

Stötzer-Kachold: Nein. Aber die Traumwelten beginnen mich immer mehr zu interessieren, als Energie- oder Bild-Reservoir der Nacht. Früher war der Traum für mich eine Vision, da kam ich auch an Bewußtseinsstrukturen ran. Aber das interessiert mich nicht mehr so sehr.

Dahlke: Eine Weile hast Du Dich wohl ausgiebig damit beschäftigt, nach den Texten zu urteilen, hast Freud gelesen usw.

Stötzer-Kachold: Ich habe ganz wenig Freud gelesen. Ich habe keine gute Ausbildung in der Hinsicht, auch im Studium gab’s das nicht.

Dahlke: Manche Deiner Erklärungsmuster ließen mich an Hélène Cixous denken, z.B. das „verlorene Wissen der Frauen“ oder die „Erarbeitung eines Grundstocks archetypischer Frauenbilder“…, hast Du Cixous gelesen?

Stötzer-Kachold: Nein, habe ich nicht.

Dahlke: Hast Du nicht 1992 nach Deiner offiziellen Rehabilitierung noch Dein Diplom geschrieben? Habe ich im Weibblick gelesen.

Stötzer-Kachold: Die haben’s mir gegeben für mein Buch.

Dahlke: Nichts gegen Dein Buch, aber das ist doch wieder schlapp. Aus schlechtem Gewissen geben sie Dir das Diplom, anstatt Dich zum Schreiben zu veranlassen…

Stötzer-Kachold: Ich hätte es auch nicht geschrieben.

Dahlke: Im öffentlichen Umgang mit Deinen Büchern fallen mir zwei Tendenzen auf: Zum einen wird über Deine Biographie mehr geredet als über Deine Texte (schon die Stasi hat Deine Texte als Material psychologischer Analyse gelesen), zum anderen werden Deine Texte rezensiert, ohne daß das Thema Frau, Weiblichkeit, weibliche Erfahrung fällt.

Stötzer-Kachold: Ich habe Probleme mit dem Markt, sie stellen mich als Exotikum zur Seite, damit bin ich weg von der Literaturszene.

Dahlke: Deshalb ist die Publikation in einem Frauen-Verlag ja so zwiespältig, manche Ost-Frauen werden Deinen Texten nur begegnen, wenn sie nicht in der „Frauenecke“ der Buchhandlung stehen. Aber ich hatte nach Erfahrungen mit Öffentlichkeit gefragt.

Stötzer-Kachold: Man muß die Öffentlichkeit ein bißchen durchschauen und eigentlich auch ein bißchen lieben. Durch die Demos bin ich an die „Seele des Volkes“ gekommen. In der DDR waren wir ja von allen deutschen Traditionen abgeschnitten, wir waren ein junges Land, die ewige Jugend. Früher konnte ich auch nicht „deutsch“ sagen.

Dahlke: Wärst Du gern in der Politik?

Stötzer-Kachold: Nein, das war ja die Schwierigkeit während der Wende, nicht in der Politik zu landen.

Dahlke: Machst Du unterschiedliche Erfahrungen mit Lesungen im Osten und im Westen, nur unter Frauen und mit gemischtem Publikum?

Stötzer-Kachold: Nein, es gibt Lesungen, wo die Atmosphäre feindlich ist, wo ich sehr kämpfen muß. Gerade Frauen lassen sich oft erst durch meine Person „gewinnen“, weil sie Probleme mit meinen Texten haben, sie definieren das nicht als weiblich… weil sie das von Männern nicht als weiblich definiert bekommen haben. Von Frauen lassen sie sich sowieso nichts sagen.

Dahlke: Ein Teufelskreis.

Stötzer-Kachold: Ja, nicht ’mal die Frauen akzeptieren das. Wenn ich sie durch einen öffentlichen Auftritt gewonnen habe, sperren sie sich danach erneut, weil sie wieder in ihre Interpretation der Welt hineingeraten.

Dahlke: Aber Du würdest nicht von Unterschieden im Osten und im Westen, in Deutschland und im Ausland sprechen?

Stötzer-Kachold: Naja, im Osten waren die Lesungen am Anfang total heiß, es knisterte. Aber niemand hat von dem, was ich gelesen habe, etwas verstanden, weil die äußere Situation so prekär war. Ich muß aber sagen, daß ich leider noch nie eine Lesung erlebt habe, in der ich einer Literaturbetrachtung begegnet bin, die mich ’mal weitergebracht hätte.

Dahlke: Nun bist Du auch eine dominante Persönlichkeit. Du trittst faktisch vor Deine Texte, bist gegenwärtiger als sie…

Stötzer-Kachold: Das wird sich aber ändern, wenn die Frauen stärker werden. Wenn sie mehr machen, werden sie sich nicht mehr schockieren lassen und eine andere Kraft genießen lernen. In einem Genuß lernen, heißt, etwas zu behalten. Und mit dem Behalten fängt unsere Geschichte an.

Deutsche Bücher, Heft 4, 1993

Gier nach Leben

Vor mir liegen zwei Bücher, bei denen Gerhard Wolf mein Herausgeber war, zügellos, das im Juni 1989 im Aufbau-Verlag Berlin erschien und grenzen los fremd gehen im Janus press Verlag Anfang 1992. Es sind meine ersten öffentlich herausgegebenen Bücher. Vorher waren Texte von mir nur in Untergrundzeitschriften erschienen, in einer Auflage von 15 Stück, zu denen wir unsere Gedichte selber 15 mal auf grauem oder grünem Durchschlagpapier abtippten, das in Dresden oder Berlin mit Fotos und Zeichnungen zu 15 Zeitschriften zusammengebunden, genäht, gezwickt wurde, damit es ein Kunstprodukt war und kein literarisches, das uns womöglich kriminalisiert hätte. Ein Exemplar ging an uns, die Autoren, andere wurden weitergereicht an Gerhard Wolf, Elke Erb oder Adolf Endler, die den literarisch-künstlerischen Wert feststellten oder uns überhaupt wahrnahmen. Anker waren für mich diese Leute, irgendwo oben, im Schriftsteller- oder Künstlerverband, die sich gerettet hatten aus diesem Schlund, in dem wir dunkle Runden drehten und es nicht mal aufs Trittbrett des Zuges, der auf festen Gleisen einem sicheren Ziel entgegensteuerte, geschafft hatten. Der Schlund hieß, eine Vergangenheit zu haben, die einen immer wieder durch das Netz fallen ließ, das zwischen Trapez und Boden lag, dieses Sicherheitsgitter, das einen auffangen und zu einer Veröffentlichung bringen konnte, die einen davor bewahrte, als Nichtarbeitende in der DDR wegen Asozialität in den Knast zu kommen oder vor stasiinszenierten Ablehnungen und Abweisungen in Selbstzweifel zu versacken. Das Schreiben war die einzige Möglichkeit, sich über den Alltag zu erheben, ein Getriebensein nach dem zu entwickeln, was uns versagt wurde. Gier nach Leben würde ich es heute nennen, die uns immer wieder in die Öffentlichkeit trieb.
Gerhard Wolf war der Erste, der es fertigbrachte, ab 1988 im Aufbau-Verlag eine Reihe herauszubringen, die Außer der Reihe hieß, und die seit Anfang der 80er-Jahre gewachsene Untergrundliteratur unzensiert in der DDR zu veröffentlichen. Nicht in Sammelbüchern, sondern jeder Autor erhielt ein eigenes Buch. Es war wie eine Selbstgeburt. Mit dem Buch wurde man Öffentlichkeit, konnte nicht mehr im Meer des Aufgebens oder des Knasts verschwinden. Ich gab meine Texte ab und wartete, dachte, alle Voraussetzungen zu haben, keinen Ausreiseantrag, eine Minderheit, eine mit einem besonderen Blickpunkt, eine Frau. Ich war in den letzten Jahren regelmäßig zu Christa Wolf, dem Vorbild vieler intellektueller Frauen innerhalb und außerhalb der DDR gefahren, und hatte ihr vom Untergrund berichtet. Das begann, als ich ihr meinen ersten großen Text über das Frauengefängnis Hoheneck überreichte, wo sie mir riet, ihn niemandem zu zeigen, da mich das wieder in den Knast bringen könnte, und mich wieder nach Erfurt schickte, um zu schreiben, was ihr aber nie gut genug schien. Sie gab mir Geld, um mich zu unterstützen, und es war mir ganz natürlich, dass sie mich schätzte.
Die Herausgabe ließ auf sich warten. Erst kamen Männer, und als ich nach den folgenden Büchern fragte, waren es auch Männer. Ich vermutete eine männliche Zensur – Gerhard Wolf. Als ich ihn aus einer Telefonzelle in Erfurt anrief, sagte er mir, dass er meine Texte gelesen hätte, aber dass gerade Christa Wolf meinte, diese wären wolkig und gegenstandslos, Schriften von Frauen aus dem Westen gleich.
Ich sagte, dass ich sofort nach Berlin käme, um mit Christa zu reden. Der Termin war am übernächsten Tag. Mit dem Zug fuhr ich nach Berlin, saß im Wohnzimmer der Wolfs an dem runden Tisch. Links von mir Christa und gegenüber uns beiden Gerhard. Vor dem Gespräch hatte ich mich gewappnet – der Ausdruck „Wolke“ war mir bekannt. Meine engste Knastfreundin, mit der ich Plastiken als Kassiber aus der roten Hülle von Käse über der Heizung geformt und eigene Gedichte gewechselt hatte, nannte mich immer „Grüne Wolke“. Das war eine Kraft gegen das Grau der Mauern, das Grau der Kleider und das Grau der zerbrochenen Gesichter. Wolke schwebte darüber hinweg, gab nicht auf. Und dass es im Westen Frauen gab, deren Bücher man in der DDR nicht kaufen konnte, die ähnlich wie ich schrieben, ermutigte mich, war ich doch nicht mehr allein und vollkommen außer der geistigen Welt der Menschheit. Was wir dann redeten, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich, dass ich ihr sagte, ich nähme eine Mark und vierundzwanzig Pfennige, ginge zum Bäcker und kaufte damit ein Brot. Aber das wäre nicht das, was ich als Literatur meinte. Ich beschriebe keine sichtbaren Dinge, eher Gefühle, sie mussten nur hier am Tisch angenommen und als veröffentlichenswert gesehen werden. Dann fuhr ich nach Hause.
Nach drei Tagen rief mich Gerhard Wolf an, dass er alles gelesen hätte und vieles gut fände. Wieder fuhr ich hoch und wir arbeiteten an der Textauswahl. Er sortierte aus und legte es Satz für Satz wie fein seziert nebeneinander. Das Skript musste ich für den Verlag selbst abtippen. Ich las meine Texte das erste Mal von außen und schämte mich für jedes respektlose Wort, stellte mir vor, wie die Sekretärinnen des Verlags, die meine Texte übernehmen mussten, elektrisiert wären, und dankte Gerhard Wolf innerlich für jede Zeile, die er akzeptierte. Bis jetzt war ich nur Ablehnung gewöhnt, auf die ich mit Gefühllosigkeit reagiert hatte. Mit Anerkennung konnte ich schlecht umgehen und entwickelte ein Gefühl der grenzenlosen Hingabe an ihn, was mich irritierte, blockierte, mir in den Bauch kroch und Übelkeit, Euphorie, aber auch Angst provozierte. Jetzt erst verriet ich Vater und Freunde, die mich beim Schreiben nie unterstützt oder weitergebracht, eher gebremst hatten. Ich hatte einen Anker nach oben, der mir eine Sekunde Ruhe und Geborgenheit brachte.
Das Buch wurde im Juni 1989 ein Renner, war sofort ausverkauft. Die Lesungen voll, es kamen Einladungen vom Aufbau-Verlag nach Berlin, zu offiziellen Veranstaltungen, Lyrik Spektakel genannt, in denen ein Großteil des Untergrunds auftreten und sich darstellen konnte. Es war, als gäbe es eine Versöhnung von Unter- und Oberklasse, als würden wir an einer Sprache arbeiten, in der wir gleich wären, unser aller Erfahrung ausbreiten, anhören und integrieren könnten. Keiner wusste, dass im Herbst die Grenzen aufgehen und die DDR im darauf folgenden Jahr zugrunde gehen würde. Eine neue Auflage meines Buches zügellos 1990 im Luchterhand-Literaturverlag wurde ein Flop – keiner wollte mehr etwas von der DDR lesen oder erfahren. Ein zweites Buch, grenzen los fremd gehen, das Gerhard Wolf 1992 nun in seinem eigenen Verlag Janus press herausbrachte, wobei das Layout meiner Texte und Zeichnungen sein Schwiegersohn Martin Hoffmann erstellte, verkaufte sich nicht. Ich hatte in experimenteller Form geschrieben, nun wartete man auf den großen Roman. Zu einem dritten Buch kam es nicht.
Heute bin ich Gerhard Wolf dankbar für zwei wunderbare Bücher, die wichtig für mein Leben als Schriftstellerin waren. Dankbarkeit ist ein anderes Gefühl als das der Gier. Ich bin froh, dem existentiellen Treibhaus des Untergrunds entronnen zu sein. Mit all seiner Wut, den Unterstellungen, dem ständigen Kampf, den Vorwürfen, den Ungerechtigkeiten und seiner Einsamkeit. Heute könnte ich Gerhard Wolf mehr zuhören, was er damals dachte, gegen was er kämpfen musste und was er überwand.

Gabriele Stötzer aus Friedrich Dieckmann (Hrsg.): Stimmen der Freunde. Gerhard Wolf zum 85. Geburtstag, verlag für berlin-brandenburg, 2014

Gespräch mit Gabriele Stötzer 1994

Cécile Millot: Ich werde als Erstes fragen, ob Sie – nicht in Ihrem Schreiben, sondern um sich herum –, seit der Wende an der Sprache irgendeine Veränderung bemerken. Wenn ja, reflektieren Sie oder benutzen Sie das in Ihren Texten? Ich beginne mit dieser Frage, weil ich davon ausgehe, daß Lyriker eine besondere Aufmerksamkeit auf Sprache haben.

Gabriele Stötzer: Man muß erst mal überlegen, was Lyrik ist. Lyrik ist eine Schichtung, eine komprimierte Form, um Sprache denkend auszusprechen. Jeder Mensch, der so komprimiert lebt und denkt, wird in sich selbst mit der Sprache reflektieren, aber nicht unbedingt, weil er von außen beeinflußt wird. Mich interessiert die Außenwelt nicht so sehr. Ich will auch keine Auskunft geben. Aber sicher: Die Ostzeitungen sind weg, die Schwarz-Weiß-Monogamie ist weg. Jetzt gibt es überall die West-Bunten-Sachen. Der Westen hat uns überschwemmt und insoweit ist es nichts Neues zu hören, daß der Westen in den Osten eingezogen ist, der Osten aber nicht in den Westen. Was man erforschen müßte, ist, was sich in den Leuten selbst an Denken und aus dem Denken an Sprache bewegt. Ich glaube nicht, daß die Sprache die Leute so sehr verändert oder daß eine veränderte Sprache die Lyriker verändert, sondern daß ein anderes Denken die Sprache der Lyriker verändert. Sprache ist abhängig von der wirtschaftlichen Macht, von der wirtschaftlichen Schwemme. Das ist für mich das eine. Das kann man mit Kaufpreis-, Kauferhöhungs-Statistik berechnen: Wieviel verdienen die Leute im Osten, wieviel Westzeitungen werden sie kaufen, usw. Das andere ist das Denken, was die Menschen mit sich selber herumtragen, ihr eigenes Schneckenhaus. Da muß man sehen, wie die Menschen sich in dieser neuen Gesellschaft verändern und eventuell damit ihre Sprache. Aber ich denke nicht, daß die Sprache die Menschen verändert.

Millot: Ist lyrische Sprache nicht eines der kommunikativen Mittel, womit man eine Veränderung feststellen oder messen könnte?

Stötzer: Komischerweise verlasse ich in letzter Zeit die geschlossene Form der Lyrik, zugunsten einer erweiterten epischen Sprachform. Ich werde epischer und gebe dabei immer mehr von mir und meiner Geschichte her. Bestimmte Sinnzusammenhänge, die dadurch, daß die DDR vorbei ist, archiviert und wissenschaftlicher Bestand einer untergegangenen Ära sind, werden von dem Moment an für mich wieder interessant. Interessant ist zum Beispiel, die wirklichen Beziehungen der Leute, die ihre Denk- und Handlungsstrukturen wahrten, jetzt offenzulegen. Ich denke nicht mehr im Schutz, so komprimiert wie im Osten, sondern versuche mir die sozialen Zusammenhänge spürbar zu machen, aus denen mein verschlossenes Denken damals gekommen ist. Ich gehe praktisch von diesem eingeschlossenen in ein erweitertes Denken, indem ich dessen Sozialstruktur freilege. Da öffnet sich plötzlich die Ich-Figur zu anderen Figuren, wird von ihnen umgeben. Im Osten habe ich die Ich-Figur gewählt, weil ich über niemand anders reden konnte. Jedes Reden über den anderen war schon ein Verraten, lieferte eine Definition von ihm, die ihn erreichbar, habbar machte. Im Osten war es daher wichtig, die Freiheit nur für sich zu nehmen. Der Horizont hat sich für mich indessen erweitert, daß ich mehr Leute in meinem Kreis öffentlich nennen kann, und das hat sicher etwas mit dem Abbau der Stasi und mit der durchsichtig gemachten Struktur des Systems zu tun. Ich kann mich erinnern, als ich Studentin war, haben wir noch die Unvollendete Geschichte von Volker Braun gelesen, wobei der Raum „unvollendet“ ein Synonym für alles war, was im Osten tatsächlich undurchsichtig war. Als junge Studentin sucht man Identifikationsfiguren und das war, unter anderen, Volker Braun eindeutig für mich. Sicher hat die Schriftstellerschicht, der er angehörte, auch dazu beigetragen, eine ziemliche Verwirrung in der Realität zu schaffen, weil sie selber ihre Beziehungen zu der Gesellschaft oder deren Strukturen nicht offengelegt haben. Das kommt jetzt nach und nach raus. Diese unvollendete Geschichte war sicher schon Brauns Versagen. Damals passierte der Bruch, der ihn für mich vom progressiven zum retardierenden Moment werden ließ. Er ist mir damals begegnet und hat viel Verwirrung bei mir verursacht, weil nicht ersichtlich war, daß, woran ich als Frau arbeite und wofür ich kämpfe, für ihn einen Sinn hatte. Ich habe damals versucht, in der Gesellschaft eine Liebesform zu finden, die dem Denken der Frau, ihrem Fühlen, ihrem Rhythmus, ihrer Phantasie, ihrer Romantik entspricht. Über solche Themen zu sprechen, ist in Ostdeutschland schwierig gewesen. Ostdeutschland war sehr puritanisch, sehr proletarisch. Alles war darauf ausgerichtet, das System so zu funktionalisieren, daß es wie ein großangelegtes freies Arbeitslager war. Die Frauen als Kollektiv hatten ihre Rechte, das muß ich immer wieder sagen. Die Frau an sich jedoch hatte nichts Eigenes, auch keine Macht, Sicher: Soweit die gesellschaftliche Struktur aus der Vergangenheit sie gebraucht hat, war alles da. Frauen konnten heiraten, bügeln, Kinder kriegen, arbeiten. Neue Erklärungen oder neue Statements für Frauen haben allerdings weder Margot Honecker noch Christa Wolf gemacht. Christa Wolf hat sehr psychologisiert, versucht, sich sozial zu definieren, es kam aber nie zu einem expressiven Aufschrei der sozialistischen Frau. Die Russinnen wie Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa haben mehr oder minder eine Poesie entwickelt, die eine expressive Aussage, einen Anspruch an Lieben und Leben, sowie an Eindringen in die Welt und an Auseinandersetzen mit der Männer- und Frauenwelt anstrebte. Dieser Stolz von innen raus war schwer im Osten zu finden. Und der Versuch, mit einem solchen Anspruch erstmal definiert und akzeptiert zu werden, ihn auszuleben, ohne als Exotin oder Idiotin hingestellt zu werden, war noch viel schwerer. Das zeigt der Weg, den ich versucht habe, durchzuziehen.

Millot: Könnten Sie Ihren künstlerischen Weg in der DDR noch genauer beschreiben?

Stötzer: Vor der Wende habe ich Verbündete gesucht und habe eine Frauengruppe gegründet. Dort hat man Performances gemacht, wo jede praktisch ihr Wesen nach außen kehren sollte. Wir sind aufgetreten und haben den Frauen gesagt, die unten saßen, daß man im Schutz der Gruppe mutig sein kann. Die Kehrseite ist aber, daß man als Team kommt und nach außen vollkommen unsozial ist. Es ist ein Bild, eine Kraft, die du im Raum darstellst und mit der du auch wieder weggehst, aber eigentlich hast du dich nicht wirklich mitgeteilt. Es gab nie ein Gespräch, nie eine Auseinandersetzung. Die einzige Kraft war, dazuzugehören und der öffentlichen Kritik standzuhalten. Das sind monolithische Gefüge. Kommunikation ist damals vielleicht gar nicht so nötig gewesen, es war ein Zeitpunkt, der Energie schaffte und wo so etwas wie eine gemeinsame Zeit existierte. Man hatte diese Zeit miteinander und plötzlich war man eine Generation. Im Osten wurde das Wort verfolgt. In dieser Frauengruppe, die künstlerisch war, traf ich mehr oder minder mit nonverbalen Kommunikationsarten zusammen. Ich habe z.B. in der Performance gelesen, eine andere hat sich angemalt, die nächste ausgezogen, die übernächste hat sich eingewickelt. Aus dem Nonverbalen möchte ich nun raus, denn es ist ein Schlauch, der nicht mehr nötig ist. Ich kann jetzt frei sprechen und fange an, ein bißchen epischer, offener, weiter, ruhiger, lässiger zu schreiben.

Millot: Ich finde interessant, daß Sie dabei sind, die Form zu wechseln. Wissen Sie warum? War es spontaner, natürlicher in der DDR Gedichte zu schreiben oder gab es ein größeres Publikum für Gedichte?

Stötzer: Der psychische Druck war so groß, daß man kaum reden konnte. Es kostete sehr große Überwindung, um überhaupt was von sich zu geben, was ein Stück wahr war. Es war so schamvoll und penetrant, überhaupt etwas zu sagen – ich habe immer gedacht, ich bin ein Schwein und habe mich immer als Frau und als Schriftstellerin extra geschämt. Dazu kam die politische Frage, denn ich wollte über das Weibliche sprechen. Das war schon ein Tabu und je tiefer das war, desto peinlicher war es auch, das Thema anzuschneiden. Es gibt unendlich viele Selbstzerstörungsgrenzen, die ich überschreiten mußte, weil das ganze System – obwohl es so tat, als ob es mich schützen wollte – so aufgebaut war, daß es mich in Wirklichkeit vom Reden und vom Schreiben abbrachte. Alles war da, um einen letztendlich zum Schweigen zu bringen. Dagegen mußte ich immer stückweise vorgehen, was man als Frau im Osten nicht sagt, um einen Mann zu kriegen, um im Job zu bleiben, um überhaupt – auch in dem Kreis, der ausgestiegen war – nicht als Durchgedrehte dazustehen. Lyrik war bei mir nur eine Frage von innerer Kraft. Ich hätte nie episch schreiben können, weil ich nicht die Kraft hatte, so viele Seiten an einem Tag zu schreiben. Ein Gedicht am Tag hat mich schon übermäßige Kraft gekostet. Ein psychischer Zustand von Druck kostet so viel Kraft, daß das Stückchen, was man sich selbst rausnehmen will, noch unendlich viel mehr Kraft bedeutet. Ich hatte gerade genug Kraftreserve, um mich am Leben zu halten, mich mit einer sinnlichen Schärpe zu umgeben, mir selber Kleider zu nähen, meine eigene Keramik zu machen, damit ich etwas von mir in der Welt hatte. Denn ich hatte Sehnsucht nach Dingen, die mir ein Stück von mir mitteilen. Ich wollte nicht aufstehen, gehen und es bleibt keine Erinnerung von mir zurück, nicht einmal in mir. Ohne dieses Stück eigener Vergangenheit oder eigener Identität war nichts aufzubauen. So habe ich immer reihum alles Mögliche gemacht, habe da und da gearbeitet, um ein Stück Glaubhaftigkeit von mir in die Welt zu bringen. Dann habe ich gemerkt, was ich mache, ist nicht nur Dreck und Verdorbenheit, sondern auch Schönheit und was ich spreche, ist vielleicht ebenso. Ich brauchte sehr viel Synonyme, um mich zu bestärken, dadurch kam diese knappe und zerstückelte Form. Daß ich experimentell lebte, hatte mit meinem Denken zu tun.
Als exmatrikulierte Studentin und auch später im Knast wußte ich, daß man über einen anderen Weg versuchen muß, das zu denken, was es zu denken gibt. Das ist eine Aufgabe. So kommt es, daß man in der Öffentlichkeit Themen anspricht, obwohl die Öffentlichkeit es gar nicht zugibt. Hinzu kommt, daß es nicht den Weg gibt, sondern immer Bruchstücke, in denen ein Stück von Wahrheit steht. Es geht darum, das nicht zu verleugnen, sondern dieses Stück zu nutzen, dieses Mosaik aufzubauen. Man muß die Kraft entwickeln, die Addition von auch minderwertigen Gedanken, die im Kopf und aus Selbstscham entstehen, zu ertragen, die dann plötzlich nicht mehr minderwertig sind. Diese vorsichtig tastende Struktur, diese ständige Auseinandersetzung, Wort gegen Wort, war mein Weg. Das waren Energiestrukturen, die sich bewegen, keine klare Schule aus Trochäus und Jambus, wo man sagen könnte, jetzt machst du ein Sonett und mußt noch drei Zeilen schreiben, dann kommt die Pointe und es ist zu Ende. Es war mein verletztes, dekonstruiertes Leben, was ich versucht habe, aufzuschreiben. Der Osten hat mich vorsichtig gemacht, weil ich mich schützen mußte, ohne feige zu sein. Deswegen habe ich angefangen, klein zu schreiben, ohne Zäsur, ohne Punkt und Komma, um Gedankenströme rauszulassen. Dadurch erhielten meine Texte diese ungewöhnliche Form. Das eine Wort brachte das andere und dann lief das selber, erlöste sich nicht, blieb in Klumpen.

Millot: Und jetzt, wo dieser Druck oder diese Notwendigkeit durch das Verschwinden der DDR weg oder geringer ist, nehmen Sie sich mehr Zeit und schreiben anders?

Stötzer: Jetzt überarbeite ich die Texte, was ich im Osten nie gemacht habe. Ich habe sie einfach rausgeschüttet. Inzwischen habe ich auch einen Computer. Ich tue meine Texte rein und da bleiben sie. Ich kann schnell über alles drübergehen. Ich kann sie früh schreiben und nachmittags nochmal durchlesen und wenigstens die Fehler korrigieren und sehen, wie die Gedanken sich entwickeln. Nach einer Woche oder nach einem Monat, je länger umso besser für die Texte, kann ich nochmal inhaltlich drüber, obwohl es vielleicht ein Fehler ist, aber das mache ich jetzt. Das ist wirklich etwas, was der Westen gebracht hat, den Computer, die Technik, den Fortschritt, die Leichtigkeit, die Möglichkeit, um den Text zu kreisen, ihn wie ein Mehl zu kneten. Das andere Gute ist, daß man das Material schnell drucken kann. Für Vervielfältigung wurde man im Osten verhaftet.

Millot: Verstehen Sie Ihr Schreiben als eine politische Tätigkeit?

Stötzer: Politik heißt nicht entweder Kapitalismus oder Sozialismus. Politik ist für mich einfach ein Realitätsbewußtsein, ein sinnliches Fühlen, ein bißchen Instinkt, ein bißchen Alltagswissen, ein bißchen, womit man sich einfach durchs Leben schlägt; es zeigt, wie man versucht, über die Runden zu kommen, ohne den anderen zu verraten oder übern Tisch zu ziehen. Politik ist sicher auch Ideologie und Macht. Ich habe im Juni 1989 in Klagenfurt gelesen und mich dort mit den drei männlichen Pfählen auseinandergesetzt, die die Gesellschaft hielten: mit dem Staat, der sich als Vaterfigur darstellte, mit meinem Vater, der ein faschistischer Soldat war und mit meinem Mann, der mich betrogen hatte. Ich habe die Aggression dieses Staates, als geistiger Vater, das Schweigen meines Vaters, als körperlicher Vater, das Betrügen meines Mannes, der mir sozusagen als Bruder danebengestellt worden war, angegriffen. Da wurde gesagt, ich bin eine Rundumfeuerwehr, eine politische Feministin, die mit Literatur nichts zu tun hat. Damals konnte ich auch nicht im Westen sagen, daß ich als Frau anständig behandelt werden will, in dem Sinne, daß ich nicht verhaftet werden will, wenn ich etwas Unbequemes sage, daß ich eine Sprache zu meinem schweigsamen Vater bringen will, der vorher vom gleichen Staat zum Schweigen gebracht wurde, der mich zum Schweigen bringt, daß ich von meinem Mann respektiert werden will, indem er mir treu ist. Damit bin ich selbstverständlich gegen die sexuelle Leichtigkeit der 68erGeneration im Westen vorgegangen, das war aber um meine eigene Leichtigkeit zu bewahren. Für mich heißt Politik eine Struktur in der Gegenwart zu finden, die mich nicht für alles schuldig macht. Wie der Rest meiner Generation mußte ich irgendwann sagen:

Jetzt bin ich nur noch für die Schuld verantwortlich, die ich gemacht habe.

Für mich war es als Schriftstellerin äußerst wichtig, immer wieder zu fragen: „Warum soll ich jetzt nicht reden?“, denn Schweigen war eigentlich das Normale. Das ist mein Politikum gewesen, denn, ohne die Klarheit im Gedanken, die nötig war, um sich eine Handlungsfreiheit zu erhalten, war das Überleben kaum möglich. Viel mehr als ein Mitsehen in der Welt, ein Mitreagieren auf bestimmte Probleme ist das Politische nicht.

Millot: Ich habe immer noch den Vergleich zwischen der Vor- und der Nachwendezeit vor Augen. Nach dem, was Sie gerade erklärt haben, hat sich die Grundeinstellung Ihrer Literatur nicht geändert.

Stötzer: Meine ganze Literatur besteht darin, daß die Frau eine Illusionsfigur ist – Illusion als Kategorie der Literatur; Männer sind Antipoden. Dieses Bild muß ich heute nicht mehr aufrechterhalten, weil ich jetzt aus diesem kleinen Kreis von Erfurt und der DDR rauskomme. Vorher wollte ich nicht in den Westen. Ich dachte, ich bin hier geboren und wegen dem Honecker gehe ich nicht weg. Das Hier-Bleiben hatte auch etwas mit Erdanziehungskräften zu tun, denen Frauen anders unterbunden sind als Männer. Es hängt wahrscheinlich auch mit einer Revolte gegen meine Eltern zusammen, weil es immer so ist: der älteste Sohn bekommt den Hof und die Töchter müssen in die Welt. Weder meine Schwester noch ich sind in die Welt gegangen, sondern haben uns irgendwo in der Nähe – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – angesiedelt und, zur Schande unserer Eltern, scheiden lassen. Es hat also mit alten Strukturen zu tun, weswegen ich nicht weggegangen bin. Diese Widerspenstigkeit ist heute noch sehr in mir. Irgendwas dörflich Mädchenhaftes ist noch da, das hat sich allerdings relativiert. Im genußlosen Osten konnte man nicht selbst genießen, weder die Liebe noch das Schreiben. Deswegen hätte ich ausreisen müssen, aber dann hätte ich die Aufgabe nicht erfüllt, die ich immer noch im Sozialismus sah und hätte die eigene Illusion zu Grabe tragen müssen. Außerdem war die Angst vor der Welt im Osten sehr groß. Hier in Holland sind das nun größere Ströme, an die ich mich binde.

Millot: Glauben Sie, daß die Angst vor der Fremde in der ehemaligen DDR immer noch größer ist als die Sehnsucht nach der weiten Welt?

Stötzer: Ja. Viele im Osten haben sich schnell ein Auto gekauft, Kredite abgeschlossen, für welche sie wieder nicht arbeitslos sein dürfen. Sie können nicht in Ruhe nicht arbeiten, um die Welt zu sehen, sondern hocken da und wollen schnellstens ein neues Produktionssystem, in dem sie glücklich jeden Tag acht Stunden herumwerkeln können. Das ist die politische Schwierigkeit. Ich war immer dafür, nicht zu arbeiten und jetzt kann ich wieder von diesem Proletarismus als Schriftstellerin nicht reden, weil ich diese kleinbürgerliche Angst nicht empfinde. Diese kleinbürgerliche Angst haben aber die Frauen unserer Gruppe in Erfurt, die alleinstehend mit Kindern sind. Sie haben neulich ein Haus gekauft, ein verrücktes Café gemacht, sie leiten Galerien. Dort kann sich jede profilieren. Plötzlich spüre ich, daß sie in dieser anderen materiellen Qualität auch andere Bräute geworden sind. Jetzt kommt die individualisierte Frau. Sie richten sich nach Markt und Geld, was sie vor der Wende nicht gekonnt hätten. Die Form von Vorwurf an sie, daß sie jetzt kapitalistisch sind, gab es vorher nicht, denn es wäre im Osten nicht möglich gewesen entweder Madonna oder Manager zu werden. Ich persönlich finde diese Entwicklung nicht schlecht, obwohl die Frauen für mich eindeutig eine andere Struktur als ich haben. Früher war ein anderer Solidaritätsgedanke als jetzt. Ich hatte es übrigens schon in meinem eigenen Kreis erlebt: nicht daß sich die Wege trennen, aber daß das Idealbild „Frau“ sich differenziert und daß wir auch Schwarz- und Dunkelfelder kriegen.

Millot: Heißt es, daß dieser feministische Kampf nun individueller ist, daß er mehr über das eigene Leben geht, weniger über eine Gruppe und ein Programm?

Stötzer: Man entwickelt eine Theorie oder ein Bild für sich selbst, dann kommen die Leute und es vervielfältigt sich. Es gibt in jeder Gruppe, egal wie, eine Zensur, denn es entwickelt sich eine neue Gesetzlichkeit. Deshalb muß man überlegen, ob man nicht lieber über diese Grenzen wieder rausgeht, um was anderes zu schaffen. Ich habe mich fürs Sprechen, fürs Schreiben entschieden und werde mich von der Frauengruppe verabschieden. Ich brauche das für meine Literatur. Ich könnte, was ich auch mache, ein paar Artikel darüber schreiben, aber das ist sekundär. Ich muß mich für primäre Sprache entscheiden, um wieder primär an die Substanz zu kommen. Mit vierzig Jahren hatte ich einen Bruch. Es war keine midlife crisis, ich dachte einfach:

Graue Haare, Falten, so, jetzt wirst du alt.

Dann mußte ich auch weise werden und mein Leben dahin verändern. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn ich lesbisch geworden wäre und hätte daraus eine eigene feminine Kultur gemacht. Die schwulen Männer haben eine eigene Kultur entwickelt, deswegen haben sie Macht in der Welt. So kann ich allerdings nur eine weibliche Sprache oder eine weibliche Form der Sinnlichkeit in dem heterosexuellen System vorschlagen. Dieser Liebesanspruch kommt automatisch in Konkurrenz mit dem der Männer, die auch reden, wenn ich reden will. Ich habe mich auch für den Schriftstellerin-Beruf entschieden, weil ich wußte, eine Schriftstellerin kann mit ihrem Job altern und ihre Erfahrung in Sprache umsetzen, was andere Künste nicht auf diese Weise können. Jeder Job hat eine gewisse Altersgrenze.

Millot: Sie haben in der DDR ein einziges Buch1 herausgegeben und zwar 1989 im Aufbau-Verlag. Wie ist es dazu gekommen?

Stötzer: Ich mußte mir in der DDR wegen der Exmatrikulation und des Betrugs meines Mannes sehr früh überlegen, in welchem Job ich jetzt weiter machen kann, damit ich das, was mir an Negativem widerfährt, zu etwas drehen kann, was mich wert macht. Als „Knastologin“ war ich ganz und gar draußen aus der Welt, ich habe danach keine Arbeit mehr gekriegt. Ich mußte eine Lösung finden, um mich in die Gesellschaft wieder reinzubegeben. Das hat lange gedauert, aber dann habe ich in der Szene Verbindungen geknüpft und bin praktisch von Dresden raus nach Berlin gewechselt. Ich habe in den Untergrundzeitschriften und in selbstgemachten Büchern veröffentlicht, war im Mikado bei Uwe Kolbe und Bernd Wagner tätig. Dann habe ich gemerkt, daß sich das eigentlich nicht lohnt, weil die Feindseligkeit im Prenzlauer Berg, die ja eine knallharte Männer-Szene war, gegen mich als Frau sehr groß war. Durch meine Art zu schreiben habe ich dort weder Achtung, noch Liebe, noch Männer, noch Macht, noch irgendwas bekommen, sondern nur Haß. So bin ich vom Untergrund in die Öffentlichkeit gegangen und habe über diese Außer der Reihe-Sache von Gerhard Wolf das eigene Buch gekriegt und bin jetzt noch bei ihm im Janus-Verlag.

Millot: Ich möchte wissen, von welchen Figuren Sie literarisch geprägt wurden. Können Sie sich außerdem mit gleichaltrigen Autoren, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, vergleichen oder haben Sie den Eindruck, daß Sie anders als sie schreiben, weil Sie in der DDR aufgewachsen sind?

Stötzer: Für mich war eine Zeitlang wichtig, Christa Wolf zu lesen. Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir war auch ein Einschnitt – wobei ich wütend wurde, als ich gelesen habe, daß de Beauvoir dort sagt, nur ein Teil der Frauen kriegen Orgasmen und überhaupt nur klitoriale… Sonst kenne ich gar nicht so viele gleichaltrige Autoren. Mich interessiert das nicht so systematisch. Ich bin in der westdeutschen Literatur nicht belesen, weil wir sie nicht kriegten. Es gab wenig Information. In Klagenfurt, zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, als mein Text als „Feministisches Traktat“ abgewirtschaftet wurde, haben mich Frauen in der Damentoilette oder hinter einem Busch gefragt:

Kennen Sie Elfriede Jelinek, sie schreibt so wie Sie.

Elfriede Jelinek bin ich aber bis jetzt nur als Dame begegnet, nicht als Frau. Ich bin auch heute keine schulmädchenmäßige Person, die sich überall herumliest. Literatur hat für mich etwas mit einer menschlichen Begegnung zu tun. Dabei zählt, was von Herz zu Herz geht oder mir sprachlich was bringt. Meine Gleichaltrigen lese ich eigentlich nicht. Das ist vielleicht auch ein Schutz.

Millot: Wenn Ihnen von mehreren Personen über Elfriede Jelinek gesprochen wird, bekommen Sie keine Lust, sie zu lesen?

Stötzer: Doch, doch. Ich habe sie dann gelesen. Solchen Leuten begegnet man allerdings immer nur, wenn der Bekanntheitsgrad ähnlich ist und ich weiß den Weg, den ich noch laufen muß, um dahinzugehen. Als ich Christa Wolf begegnet bin, hatte ich schon die Exmatrikulation, den Knast hinter mir, d.h. ein Stück Lebensaufwand, um für sie interessant zu sein. Für eine Elfriede Jelinek bin ich überhaupt nicht interessant. 1990 hatte ich ein Reisestipendium und bin nach England gefahren, um dort Doris Lessing zu treffen. Sie habe ich auch gerne gelesen, weil ihre Texte – gerade die von Südafrika – etwas Ekstatisches haben. Da kam von einer Frau etwas durch, wo noch Schweiß dran war. Das gab es in Europa überhaupt nicht. Doris Lessing läßt sich aber nur über ein Büro verwalten und hat sich für eine für sie unbekannte DDR-Schriftstellerin nicht einmal einen Termin geben lassen. Damit sieht man, daß es noch Grenzen gibt, wenn man wie eine freigewordene Wilde aus dem Osten kommt und denkt, man kann Doris Lessing treffen. Ich war dann auch so begeisterungsfähig, daß ich ihr beim Bäcker aufgelauert hätte, wenn ich die Chance gefunden hätte, ihre Adresse rauszukriegen, aber es ging nur über den Verlag und die Verlage verschweigen solche Informationen. Ich habe ihr einen Brief geschrieben und versucht, ihr zu erklären, sie gehöre für mich zu den wenigen Identifikationsfiguren, die man braucht, um zu leben und eine literarische Schule zu haben. Sie hat mir zurückgeschrieben, sie wünsche mir viel Erfolg, aber sie arbeite an dem neuen Buch. Ich habe es danach noch mehrmals versucht: Sie hat mich nie empfangen und ich habe aufgegeben. So bin ich weiter zu Christa Wolf gegangen, wo die Grenze offen war. Ich will, wenn ich jemand begegne, auch eine Chance haben. Um mich hat sich noch keine Westschriftstellerin bemüht, keine will sich anscheinend mit mir auseinandersetzen. Ostschriftstellerinnen, die vor 1989 in den Westen gegangen waren, wie z.B. Katja Lange-Müller, haben mich nach 1989 auch nicht mehr gekannt. Ich war für sie so ein Schmuddelkind aus dem Osten. Es ist einfach unmöglich für mich, einer Schriftstellerin zu begegnen, ganz komisch.

Millot: Katja Lange-Müller, die Sie erwähnen, ist eine der Personen, die ich als „dazwischen“ bezeichne, weil sie schon früher ausgereist ist. Fühlen Sie sich, vom Schreiben her, ihr näher als Elfriede Jelinek oder hat diese Frage keinen Sinn?

Stötzer: An sich fühle ich mich Elfriede Jelinek viel näher, weil das eine intellektualisierte, reduzierte und mit einem sehr klaren sexuellen Konzept durchgehaltene Sprache ist. Bei Jelinek ist total klar, wann welche Struktur kommt. Das Schreiben von ihr beeindruckt mich sehr, denn das ist das, was Sprache ist. Sprache ist nicht wahllos, Sprache ist Denken und eine sinnlich erfahrbare Struktur. Ihre Literatur enthält eine Schwingung, die was vom Haben und vom Behalten hat. Es gibt Schwingungen, die wegspritzen und exhibitionistisch sind, die aber im Grunde genommen wie ein Faß ohne Boden sind. Hier geht es einfach um eine magische Struktur des Textes. Sie fängt von einer Grundschwingung an, die sich dann zu einer wirklichen Höhe der Kultur erweitert, mit der Sprache, mit den Themen und mit den Figuren umzugehen. Ob es für die Figur letztendlich tragisch oder nicht tragisch ist, ist wieder was anderes. Die Figuren sind bei Jelinek gar nicht so positiv und optimistisch, aber es fängt immer damit an, daß es ein Stück Freiheit gibt oder, wie bei ihr, ein Stück Perversion, die durchgehalten ist und zum tragischen Fall führt. Das ist schon eine Struktur weiblicher Sexualität, die ich sehr gut finde, weil Jelinek sich durch diese Welt ganz alleine schiebt. Bei männlichen Homosexuellen gibt es ganz viele, die dieses „kriminelle“ Schreiben haben: Es gibt de Sade bei den Schriftstellern, es gibt Fotografen, es gibt Filmleute, wie Fassbinder, es gibt viele davon, während Jelinek das einfach alleine macht. Und es gibt nichts, weder in der Fotografie, noch in der Sozialkultur, das ähnlich wäre. ln Audre Lordes Schreiben ist auch ein weiblich-erotischer Rhythmus drinnen, was ich sehr gut finde. Das hat einen Sprachrhythmus, der zweifellos mit Arbeit am eigenen sexuell erfahrbaren Körper zu tun hat. Das bedeutet gleichzeitig Schönheit und Ästhetik, denn es bringt neue Worte rein. Ich weiß nicht, ob sie meiner Generation angehört und ob wir eines Tages zueinander finden. Es ist eine gewisse Tragik, weil wir gar nicht die Gelegenheit haben, voneinander zu lernen. So wie unsere Mütter uns nichts lehrten, lernen wir untereinander wenig, und es ist ganz schwierig, eine Ecke zu finden, die sich öffnet. Ich weiß nicht, wie es individuell behebbar ist. Ich habe gar nicht so viele Vorbilder, das sieht man daraus. Ich lese nicht so viel, was sicher mit dem Trauma des Knasts zu tun hat, wonach ich überhaupt keine offizielle Literatur mehr lesen konnte, außer wie gesagt, Doris Lessing, Simone de Beauvoir, Christa Wolf… Die Gleichaltrigen sind für mich als Sekundärliteratur gekommen, die Amerikanerinnen, die Holländerinnen… Ich wollte diese feministische Literatur in Holland treffen, begegnete aber meistens Professorinnen, die eigentlich nicht Primär-, sondern Sekundärliteratur schreiben und deren feministische Analysen, für mich keine Literatur sind. Das ist zwar Aufbauliteratur und Selbsterfahrung, die mich sehr interessieren, das kann ich aber nicht direkt in Literatur umsetzen. Wenn Frauen etwas über Sexualität sagen, brechen sie immer sowohl ein geschlossenes Männernetzwerk als auch ein Schweigen. Wobei Frauen oft schön mitmachen, weil sie auch davon profitieren. Wie bei den Präsidenten, wo immer eine Frau dahinter steht. Es gibt wahrscheinlich nur eine Frau, die offiziell interessant ist, das ist die Königin in Holland, deren Mann depressiv ist. Die holländischen Feministinnen mögen ihre Königin sehr, wobei letztere natürlich überhaupt nichts für sie tut.

Millot: Haben Sie zu DDR-Zeiten beim Schreiben an Ihr Publikum gedacht oder mehr für sich geschrieben?

Stötzer: Ich habe viel verzweifelter geschrieben und habe mich sehr alleine gefühlt. Das Merkwürdige war dabei, daß ich hinter der Mauer eingesperrt war und viele Eingesperrte gefunden habe. Das war eine komische Nestwärme oder Ursolidarität. Andere waren mit mir eingesperrt und dadurch hatte ich auch eine viel nähere Beziehung zu ihnen. Die Untergrundlesungen konnte ich überall machen, sie waren immer gut besucht und haben immer geknistert. Der Westen knistert anders. Bis ich dieses Knistern spüre, muß ich mich wahrscheinlich wieder eingesperrt fühlen. Es gab ein halbes Jahr, da hatte ich eine Talkshow nach der anderen. Jetzt interessiert sich niemand mehr für mich, also falle ich genauso schnell runter wie ich hochkomme. Ich kann mich heute genauso wenig vor dem Westen schützen wie vorher vor dem Osten. Ich bin durch die Wende weder weiser noch intelligenter geworden. Ich lerne weiter mit dem Leben, mit meinen Fällen und Fallen. Ich bin einfach ein komisches, bewegliches, sehr zerrissenes Mobiliar, das nicht weiß, wann es sich jemals beruhigt haben wird. Ich hoffe allerdings, daß es über die von mir vermittelten literarischen Strukturen zu einer Kultur der Liebe und des Vertrauens kommt.

Millot: Ist Ihr Verhältnis zum Publikum nach der Wende anders geworden? Wissen Sie von Reaktionen seinerseits in dieser Hinsicht?

Stötzer: Ich höre immer wieder, daß mein Schreiben über Körpersprache, über Bildsprache mit Körper, mit Fleisch, mit bestimmten Worten, die die Leute nicht in den Mund nehmen und die ich als Sprachstruktur gebrauche, unverhohlen und destabilisierend wirkt. In Amerika gibt es aber Germanistinnen, die WIGS2, die diesen feministischen Sprachgebrauch sorgfältig und achtungsvoll beschrieben haben, und sogar Studenten, die über die Schriftstellerinnen der Prenzlauer-Berg-Szene ihre Doktorarbeit schreiben. Wenn allerdings bei mir von „Fotzenenergie“ die Rede ist, stellt sich die Frage, ob das jetzt ein feministischer Begriff ist, weil Frauen auch überlegen, ob man so redet oder lieber nicht. Solche Sprachstrukturen versuche ich in das Denken der Sprache aufzunehmen, was für mich auch ein weiblicher Terminus und eine weibliche Kraft ist, über die Frauen verfügen müßten. Natürlich wenn ich sage, ich will über meine eigene sexuelle Energie verfügen, komme ich in solche Sachen wie Pornographie. Wenn Männer sich damit beschäftigen, kommst du sowieso in eine solche Mafiastruktur, Dennoch: Was ist Pornographie und was nicht? – da ist die Welt aufgeteilt. Liebe lebt allerdings auch von solchen Strukturen, so daß man den Liebesbegriff ausarbeiten muß. Orgasmus ist ein Wort, das man sich als Frau erkämpfen muß. Was sagen wir uns Frauen darüber? Meine Mutter hat mir nichts dazu gesagt. Dabei stelle ich mir regelmäßig die Frage:

Bringst du dieses Wort dazu oder nicht?

Dann finde ich es so ungerecht, daß Schwanz stehen kann und Fotze nicht, daß ich mich frage, warum soll ich mich dafür schämen? Und wenn ich beide Wörter wegstreiche, finde ich den Text unbedeutend. Bei rein geistigen Inhalten wird mein Schreiben androgyn und ich werde austauschbar. Das ist der harte, steinige Weg, den ich gehen muß. Eines steht aber fest: das, was ich schreibe, ist für bestimmte junge Frauen wichtig, für sie ist es Sprache und Literatur und sie können damit umgehen.

Millot: Ich wollte auch fragen, wie Ihre materielle Situation als Autorin sich seit der Wende entwickelt hat.

Stötzer: Materiell ist sie viel besser geworden, weil ich Artikel schreiben kann. Ich habe Lesungen im Kunsthaus gemacht, habe auch mein Metier gestützt, indem ich andere Literaten dahingeholt und eine Literatenwohnung, wo man Leute einladen kann, eingerichtet habe. Für sie trägt jetzt das Literaturbüro Erfurt die Miete. In dieser Welt habe ich ein anderes Darstellungsgefühl und eine andere Macht. Ich kann sagen, ich bin was, ich leiste was, ich weiß, was ich habe, ich werde von den Leuten, auch von den Journalistinnen, als Schriftstellerin angesehen. Ich könnte mich theoretisch mit Stipendien zurückziehen und aus dem Rückzug, der keine Resignation der Welt gegenüber ist, an der Entwicklung meines Liebesbegriffs, an dem Liebe-Leben-Projekt tätig arbeiten, daraus Bilder für die Literatur finden und eine Sprache entwickeln, die aus einem Glückszustand und nicht aus einem ewigen Verfolgungszustand kommt. Unglück ist immer eine gute Ebene zum Schreiben, der Liebesbegriff weitet sich aber mit Glück aus, also hole ich nun andere Begriffe dazu. Dadurch entstehen auch neue Bilder.
Ich muß nur mir selbst gegenüber souverän genug sein, um die Stipendien anzunehmen. Ich muß mich selbst überzeugen, daß ich das Geld der Stipendien der Welt nicht abtrotze und daß das Gute an ihr ist, daß sie immer Plätze für solche Einsamen wie mich hatte. Ich möchte mich allerdings nicht zum Sklaven des Geldes machen. Die Kraft zu verweigern habe ich auch. Diese Kraft führte zum Sturz des DDR-Staates. Das war zwar ein passiver Widerstand, das war nicht Mahatma Gandhi, aber diese ständige Verweigerung hat den Staat aufgeweicht und schließlich gestürzt. Weil sich alle verweigert haben, ist es zu einer friedlichen Revolution geworden. Daher habe ich einen Nobelpreis für die Bürgerkomitees in der DDR beantragt. Alle haben mich verlacht, aber unsere Aktion war mir einen Nobelpreis schon wert. Ich habe selber Demos mitgeführt, die Stasi gestürmt und mitaufgelöst. Ich habe jahrelang im Bürgerkomitee daran gearbeitet, daß der Staat abgebaut wird, ohne je einen Pfennig Geld dafür zu bekommen. Das ständige Verweigern führt aber zur Selbstauflösung. Denn es war schon ein Ableben von irgendetwas. Die Leute haben ohne Illusionen gelebt, außer der der imaginären Größe, die es drüben gab. Was man am Ende noch ertragen mußte, war die Rechtsradikalität, die aus diesem dunklen System kommt und sich überall im Osten wie schwarze Magie verbreitet hatte. Nichts war mehr etwas wert: der Boden, das Haus, deine eigene Familie, dein eigener Körper. Man konnte nichts schützen. Alles war nur noch ein politisches Zug-um-Zug-Geschäft. Wir haben aufgedeckt, daß die lnternierungslager schon fertig waren, was zeigt, daß die Menschen auch nichts mehr wert waren. Der Westen verdrängt, wie gefährlich wir hier gelebt haben. Deswegen bin ich froh, daß nichts passiert ist, und wenn jetzt die Westtheoretiker sagen, es sei keine wirkliche Revolution gewesen, weil sie unblutig war, denke ich, sie hätten wirklich die Kraft spüren müssen, die wir einbrachten, damit nichts passiert. Das war eine menschlich-soziale Qualität, an der wir wirklich gearbeitet haben.

Millot: Sind die deutsch-deutsche Frage, das Deutsch-Sein oder die Fragestellung um den Begriff Nation Themen, die bei Ihnen vorkommen?

Stötzer: Ich würde sagen, das Deutsche selbst kommt vor. Vor der Wende konnte ich immer nur sagen, ich bin DDR-Bürgerin, deutsch konnte ich nicht sagen. Von mir aus nicht und weil ich das auch nicht durfte. Mein Vater hat mir kein deutsches Bewußtsein gegeben und nichts darüber erzählt. Als ich dann mit ein paar Leuten in Holland gereist bin, merkten wir, die Leute dort mögen die Deutschen nicht. Das habe ich vorher nicht gewußt. Dann bin ich in England auf viele gestoßen, die Deutschland verlassen hatten, weil sie dort nur als BRD-Bürger/innen angesehen waren. Mir ist es erneut in Paris, mit deutschen Aussteigern, und in Amerika begegnet. Dort vor allem sagten viele deutsche Germanistinnen, die einen Amerikaner geheiratet haben, um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, daß sie weg aus der BRD wollten. Das waren keine RAF-Anhänger, das war jugendliche Revolte. Diese Frauen, die nie politisch waren, sagten alle, was ich als DDR-Bürgerin nicht aussprechen konnte:

Ich bin ausgewandert, weil ich keine Deutsche war, sondern immer nur BRD-Bürgerin.

Warum sollte man nach vierzig Jahren nicht mehr Deutsche sein, obwohl man deutsch redet, deutsch gelehrt bekommt und auf deutschem Gebiet wohnt? Warum soll man nach vierzig Jahren nicht mehr in diese deutsche Vergangenheit gehen, der man keine andere entgegensetzen kann? Sie sind also aus diesem Westdeutschland weg, und diejenigen, die dort geblieben sind, sagen nicht, was es für sie bedeutet hat. Wir Deutsche haben halt nochmal gegeneinander, was außerhalb die Franzosen, die Holländer gegen uns haben. Wir beißen uns wie Hähne. Es gibt keinen Schutz der Deutschen vor den Deutschen. Gerade Leute wie Katja Lange-Müller – Uwe Kolbe nicht –, die fünf Jahre vor der Wende aus der DDR ausgewandert waren, haben sich ganz schön gerächt an denen, die erst 1989 gekommen sind. Es gab keine Freundlichkeit, keine Begrüßung, keine Berührung, nichts mehr. Bernd Wagner hat mir gesagt, wenn du zu mir kommst, kannst du mich mal eine Stunde im Café besuchen, aber bilde dir nicht ein, daß du bei mir pennen kannst. Ich bin von diesen Leuten mies und knallhart behandelt worden. Sie hatten ihren Bereich und wenn sie ihn nur seit einem Jahr vorher hatten, haben sie den anderen nichts mehr gegeben. Ich habe das Deutsche schon sehr hart zu spüren gekriegt, muß ich sagen. Günter Grass hat als Linker gesagt, er war gegen die Vereinigung, obwohl das für uns die einzige Chance war, von den Russen wegzukommen. Wieviel Angst wir davor hatten, ist ihm wahrscheinlich gar nicht klar geworden. Wir wollten nur, daß die Russen wieder rausgehen. Die Verletzung von der russischen Besatzung ist bis aufs Unterbewußte gegangen und die Angst war unendlich groß. Sie darf man nicht unterschätzen. Sie ist noch nicht vorbei, hat nur andere Formen bekommen. Irgendwann wird das in der deutschen Geschichte klar werden, was die Deutschen miteinander haben. Es ist allerdings nicht mein Hauptthema, weil das nicht Literatur ist.

Millot: Es gibt ein paar Texte, wo Sie den Fall der Mauer oder die Vereinigung der beiden deutschen Staaten direkt thematisieren. Von denen möchte ich gerne wissen, welche Sie als Ihre wichtigsten Wendetexte betrachten. Ich möchte auch wissen, ob es vielleicht auch andere gibt, die nicht direkt den Mauerfall thematisieren, die aber ohne die Wende nicht entstanden wären oder nicht in dieser Form.

Stötzer: Wie ich schon erklärt habe, hat durch die Wende ein zwischenmenschlicher Differenzierungsprozeß stattgefunden. Die Selbstzensur, die Selbstkastration, die Selbstzurücknahme kann ich heute versuchen offenzulegen, anders zu leben. Ich denke, daß ich noch mehr von dieser Differenziertheit in die Texte reinbringen kann. Dadurch kriegen die Texte ein anderes Fleisch, sie sind nicht mehr so ideologisch, auch nicht mehr so illusionär, so mädchenhaft. Ich denke, sie werden erwachsener, weil man auch irgendwann nicht mehr sagen kann, ich bin unschuldig. Das ist nur durch die Wende möglich geworden, daß ich mich von diesen engen Systemen der Unterdrückung selbst befreie. Durch das Drübersehen hat sich das Sehen erweitert. Im Gegensatz zum Osten, muß ich nicht mehr wegsehen, mich blenden, sondern ich kann einfach die Realität über den direkten Rahmen sehen. Ich kann Schönheit nicht nur selber machen, sondern ich sehe Schönheit und kann sie glaubhaft genießen. Die Genußfähigkeit ist anders geworden. Ich kann chinesisch und italienisch essen oder sogar das in Italien machen, das ist ebenfalls durch die Wende gekommen. Die Schönheit ist anders geworden, sie tritt außer mir auf. Dadurch kann ich das Altern, den Verfall von mir anders sehen. Der Osten hatte die ewige Jugend der Alten, es waren immer junge Idole. Nun wandelt sich der Schönheitsbegriff ein bißchen.

Millot: Ist dieses Jugendideal im Westen nicht viel mehr ausgeprägt?

Stötzer: Im Westen entspricht das nur der Sprache der Alltagspresse. Das ist eine Welt, die ich so lassen kann, wie sie ist, weil sie mich nicht interessiert. Das ist nicht meine Sprache. Aus dieser Schicht schreibt keiner, das ist auch nicht das, was Literatur ist. Die revolutionären Ideen, die in der DDR gang und gäbe waren, waren immer junge und auch jugendliche ldeen. Insoweit brach alles mit meiner Jugend zusammen. Ich habe meine Schönheit und meine Jugend im Gefängnis verloren. Danach hatte ich nur noch die Ideologie der jugendlichen Idee, diese Kraft der Revolution, an die ich glaubte, an die wir alle glaubten, die noch im Sozialismus blieben. Wir lebten bis zum Schluß mit der jugendlichen Idee des Sozialismus und der Reinheit. Das war unsere Schizophrenie. Dadurch entstand eine Diskrepanz, die nicht aushaltbar war. Wenn man aber alleine lebt wie ich dann, ist der Reinheitsgrad so groß, daß du dir auch denken kannst, daß du wieder Jungfrau bist. Der jungfräuliche Aspekt kommt durch, du erlebst so einen Jeanne d’Arc-Effekt, hast eine unendliche Macht. Das ist die Macht der Askese. Letztere war gleichzeitig Verweigerung, die eine so große Kraft war, daß sie ein ganzes System aufgerissen hat. Dennoch wurden dabei die Liebeskraft, die Potenz, der Körper so sehr verdrängt, daß ich wirklich ermattet und innerlich ergraut war, ohne Fleisch. Was ich im Osten auch hatte, war, daß ich überhaupt nicht mehr deutsch reden konnte. Ich habe dann nur noch mittelalterlich geredet. Im ersten Buch ist das bei solchen Texten wie „harun et horun ni sanktu ketrorum“3 besonders klar. Wenn man als deutsche Schriftstellerin anfängt zu schreiben, kriecht nach kurzer Zeit alle Unschuld auf einen zu. Dann habe ich angefangen, infantil zu schreiben, bin ins Mittelhochdeutsche zurückgeschrumpft und habe alle meine Bewußtseinsinhalte nur noch in irgendwelchen althochdeutschen Sprachmustern geschrieben. Ein ganzes Jahr konnte ich nicht mehr deutsch sprechen, und dann habe ich mich mit Sprachverschiebungen beschäftigt. Dann kam ich auf die Traumata, auf die Hexenverbrennungen, die für eine Frau in der Zeit entstanden sind, und habe angefangen, mich mit Astrologie zu beschäftigen, wofür die Frauen damals bestraft worden sind. Das haben wir im Osten viel gemacht, obwohl das auch verboten war. Ich habe ebenso gewebt und gestrickt, also die alten Frauenkünste gepflegt, um wieder an andere Bewußtseinsstrukturen zu kommen, die genauso wie im Osten mit einem Trauma endeten. Sozialistische Schicksale sind bekanntlich nicht besonders positiv: Für mich persönlich war es höchste Zeit, daß die Wende kam. Um nochmal eine Chance als Frau zu bekommen.

Millot: In Ihrem letzten Buch, grenzen los fremd gehen4, stellen Sie neuere Texte von 1990/91/92 älteren gegenüber. Manche sind datiert, manche nicht. Gibt es eine Systematik?

Stötzer: Ich schreibe die Texte datiert, aber sie sind im Buch nicht datiert. Wir wollten kein Datum mehr. Wenn ein paar Daten auftauchen, liegt es vielleicht daran, daß es für die Stasi-Stimmung wichtig war. Das ist eigentlich in Absprache mit Gerhard Wolf so passiert. Sein Lektorat führte dazu, das Buch ein bißchen durcheinanderzubringen. Das erste Buch war chronologisch aufgebaut und dadurch ziemlich brav, die Idee war also, das Ganze ein bißchen aufzulockern, so offen und bruchstückhaft, wie das auch bei mir kommt, darzustellen. Das hat Gerhard Wolf dann versucht, in Verbindung zu setzen, wie er es gedacht hat. Derzeit arbeite ich an dem dritten Buch und setze die Texte in Verbindung, so wie ich es denke. Diese neue Vorgehensweise hat auch mit dem Altern zu tun. Bis vierzig habe ich meine Literatur ein bißchen als genial gesehen. Ab vierzig habe ich angefangen, an sie mit weniger Genialität und mehr Geist heranzugehen. Das würde mir sowieso niemand mehr abnehmen, wenn ich das nicht selber ordne. Man kann nicht das ewige Genie sein. Obwohl es schön ist, andere für sich arbeiten zu lassen… Im September wird das Buch fertig sein und ich werde es Gerhard Wolf vorschlagen. Das ist aber kein strategisches Konzept. Ich muß zunächst das Buch machen, erst danach werde ich sehen, wo es mich hinbringt.

Millot: Ich habe Sie die ganze Zeit über die Wende befragt. Ich möchte aber auch erfahren, ob es außer der Wende andere wichtige Wendepunkte für Sie als Autorin gegeben hat, die ebenfalls von einem Ereignis von außen bewirkt wurden.

Stötzer: Sie habe ich schon erwähnt, sie liegen alle in meiner Biographie: Exmatrikulation, Knast… In Bezug auf Knast habe ich dennoch einen schönen schriftlichen Wendepunkt. Danach wollte ich einfach das Negative aus eigener Erfahrung nicht mehr in die Welt geben. Ich habe also versucht, eine eigene Poesie zu begründen und das ist konzeptionell passiert. Ich wollte meine eigene Schwingung finden, deswegen auch diese Rhythmusfrage, ein eigenes Denksystem bauen, ein eigenes weibliches Daseinssystem beanspruchen und nicht ständig an Männer stoßen, die mich verletzen, über die ich dann wieder schreibe, was sie eigentlich ganz gut finden. Das ist ein sadistisch-masochistischer Effekt, der immer zwischen Männern und Frauen klappt, wenn Frauen in dieser Mitleidhaltung sind. So habe ich mir meine eigenen Inhalte geschaffen. Christa Wolf meinte dazu: „Du schreibst gar nicht über dein Leben“, aber das wollte ich nicht – sie hat es ja auch nicht gemacht. Auf der anderen Seite ist mir auch aufgefallen, daß die Themen, die alle wichtigen Autoren nehmen, im Selbstmord enden. Ich habe diese Schwingung des Mords oder des Selbstmords schon gespürt, deswegen war ja Jelinek teilweise auch schwierig für mich, als ich sie las. Diese Schwingung führt zum Aufgeben und zum Verlust, zu einem Tode, den ich nicht wollte. Ich wollte so schreiben, daß ich meine Liebe behalten kann, daß ich damit umgehen lernen kann, daß ich insoweit eine Gegenwartsperson bin, die letztlich auch Erfolg hat, nicht nach dem Sinne von Kommerz, sondern weil ihr das Leben gelingt. Das ist vielleicht die Kraft, die ich von meiner Mutter habe, sich Strukturen einfallen zu lassen, die Leute am Leben halten, die kleine Lebensphilosophien darstellen. Sie wollte ich auch für mich schaffen. Deswegen habe ich angefangen, eine andere Sprachstimmung zu haben, die über dieses „Es geht mir schlecht“, über dieses Nölen hinausging – obwohl, das was ich sagen wollte, gar nicht so erfreulich war. Das habe ich für mich theoretisch entwickelt und das war ein Wendepunkt, wo ich sagte, jetzt lasse ich mir nichts mehr gefallen. Von dem Moment an ist mir auch nichts mehr passiert. Ich bin nicht mehr in den Knast gekommen, obwohl ich ständig Operative Vorgänge5 hatte, durch die die Stasi mich in den Knast bringen wollte. Die Exmatrikulation war eine Stasi-Aktion, das zweite der Knast, meine Privatgalerie wurde verboten, wofür Sascha Anderson noch gesorgt hat, in dem dritten Operativen Vorgang „Toxin“ sollte ich wegen Hetze zwei bis fünf Jahre ins Gefängnis gebracht werden. Zum Schluß kam noch die Psychiatrie in Frage. Sie haben alles geplant, Berichte wurden abgegeben, die mich als vollkommen beknackt darstellten. Trotzdem haben sie mich nicht mehr gekriegt und das finde ich gut. Die Schuld gebe ich ihnen allen, auch Sascha. Es war äußerst wichtig für mich, daß das Prenzlauer-Berg-System aufgeknackt wird. Erst dann konnte die Geschichte mit ihm zu Ende gehen. Sicher muß ich jetzt allen meinen Illusionsverlusten hinterhergehen, um wieder Vertrauen zu haben. Das System muß ich mir wieder aufbauen. Ein solcher Prozeß ist immer mit Schäumen und Träumen verbunden, die sich auflösen und den Eindruck erwecken, man verliere alles. Für mich ist das Wichtigste, daß man das formuliert. Das ist Denken, das ist Klarheit, das ist Sprache und Sprache zeigt mir den Weg. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, ob das nun im Osten war oder im Westen ist, setze ich mich hin und schreibe. Die Sprache sagt mir, wie ich leben muß. Dabei wird sie immer anders, differenzierter und offener. Da ich jetzt in Holland lebe, kann ich zwar als deutsche Schriftstellerin schreiben und meine Artikel irgendwohin schicken, aber ich kann nicht mehr am deutschen Geschehen direkt teilnehmen. Das Gute an solch einer Sache ist, daß ich wieder das Deutsche als Kunstsprache sehe. Aus all diesen Elementen rührt meine heutige Lebensphilosophie. Dazu gehören Genuß und der Wunsch, einen Beitrag zum positiven weiblichen Schöpfungsprinzip zu leisten. Ich möchte mit Leben etwas zu tun haben und zwar durch eine Sprachstruktur, die poetische Schönheit schafft. Insofern muß ich mein Leben verändern, damit ich das auch schreiben kann.

Gespräch mit Gabriele Stötzer 8. Dezember 2015

Sibylle Goepper: Verwendest du gerne den Begriff „Wende“?

Gabriele Stötzer: „Wende“ ist so ein netter Begriff. 1989 rutschte er einem immer wieder durch, man gewöhnte sich dran und war auch froh, dass es diesen kurzen und schnittigen Begriff gab, weil er das, was sich bewegte, zeigte und die Dinge so schön auf den Punkt brachte. In dieser Hinsicht war er schon ganz gut. Bald gab es den nächsten Begriff Wendehälse, den alle komischerweise benutzen konnten, wie z.B. jetzt dieses „Wir sind das Volk“, was Pegida auch sagt. Deswegen habe ich auch irgendwann mit diesen netten Begriffen aufgehört, weil es von allen benutzbare Massenbegriffe sind. Nach einer Weile hat es mich auch geärgert, dass alle immer bei diesem Begriff „Wende“ geblieben sind und keiner von den großen Philosophen konsequent gesehen und gesagt hat, dass der Sozialismus selbst nicht stimmte. Seitdem sage ich, es sei eine antisozialistische Revolution gewesen. Wir sind damit groß geworden, dass der Sozialismus da oben war, dass wir zu diesem Höheren streben mussten und dass die Realität, die wir gelebt und kritisiert haben, kein Sozialismus war, sondern ein menschliches Versagen – und wir waren natürlich die Menschen, die versagt hatten. Deshalb musste man dauernd soziale Selbstkritik üben. Dabei ist der Sozialismus in seiner ganzen Struktur nicht stimmig, weil er der Individualität keinen Raum gibt und die individuelle Kraft nicht ausschöpft. Wenn wir Menschen uns nicht in jeder Hinsicht entfalten und öffnen können, dann ist jedes System einfach falsch. Diese individuelle Komponente muss ausgelebt werden können, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Ich bin letztendlich eine Künstlerin oder Schriftstellerin geworden, weil ich ein Verantwortungsgefühl mir selbst und den anderen gegenüber hatte, auch dem Ort gegenüber, wo ich bin. Dem Leben gegenüber, das ich lebe, habe ich eine Verantwortung. Deswegen habe ich immer gewartet, dass jemand den Sozialismus widerlegt. Aber alle lavieren rum und es ist noch nicht zu einer großen philosophischen Abrechnung mit dem ganzen System gekommen. Es wird immer erklärt, dass es eigentlich anders ist, aber das glaube ich nicht. Für mich gab es nie einen dritten deutschen Weg. Ich wusste, die Eliten wollen abhauen oder sind abgehauen, und wenn sie hiergeblieben sind, sind sie gebrochen worden, weil sie sich nicht weiterentwickeln durften. Das war ja nicht nur in der Kunst so, wo man nicht mehr in die Künstler- und Schriftstellerverbände rein kam, wenn man sich kritisch äußerte. Auch einem Physiker, der festgestellt hat, dass jemand an demselben Thema wie er in Amerika arbeitet, und sich mit seinem Kollegen in Verbindung gesetzt hat, wurde sofort gekündigt, weil er persönlich Kontakt mit dem Klassenfeind aufgenommen hatte. Der Platz wurde einfach mit einem Parteimitglied neu besetzt. So konnten sich die Forschung und das System nicht weiterentwickeln. Wenn du überlegst, ist die Elite immer glattgemäht worden. Sicher haben einige Leute geschickt mit dem System und mit der Geheimpolizei jonglieren können. Diese doppel-, vier-, fünfgesichtigen Leute haben es brillant geschafft, aber die Gesellschaft lebt ja auch von der Mittelschicht, die sich entwickelt. Die innere Emigration, die die hier lebenden Leute gemacht haben, hat sie auch nicht weitergebracht. Nach der DDR, als sich die Leute entfalten durften, waren sie oft nicht in der Lage, das zu machen. Dies rührt aus einer ursprünglichen tiefen inneren Verunsicherung her, die mit dem sozialistischen System zusammenhängt. Der Sozialismus ist kein reales System, sondern eine Kopfgeburt, die den Menschen nicht leben lässt. Es müssten alle Geistesköpfe zusammenkommen und mal darüber reden. Das fände ich interessant.

Goepper: Glaubst du wirklich, dass die Ostdeutschen, die damals auf die Straße gegangen sind, antisozialistisch gesinnt waren?

Stötzer: Ja, sie wollten den Sozialismus und die DDR nicht mehr. Sie wollten den Kapitalismus. Das ist, was die Bürgerrechtler nie begriffen haben. Sie sagen immer: Am Anfang ging es um Freiheit und später um Einheit. Es ging aber von Anfang an nur um Einheit. Gleich nach dem Krieg ging es nur um Einheit. Zwar wurden diejenigen, die auf die DDR sozialisiert wurden, langsam auf sie stolz, durch den Sport etwa, durch die kleinen Bonbons, wie z.B. die Eiskunstläuferin Katharina Witt – die übrigens IM gewesen sein soll –, die sie gekriegt haben, um eine DDR-Identität aufzubauen. Aber ich habe bis in die Tiefe hinein erlebt, wie menschenzerstörend es war. Das war für mich keine DDR-Identität, ich wollte diese DDR nicht weiterführen. Wenn du dir heute das Haus meiner Mutter anguckst, sind alle Elektroleitungen, die noch aus der DDR sind, total gefährlich. Mein Vater war sehr ordentlich, er bekam aber kein Material und konnte keins besorgen. Daran siehst du, wie im Grunde genommen seine Klarheit und Geradheit immer wieder in das verkleinert wurden, was möglich war. Das Unmögliche war viel größer als das Mögliche in der DDR. Die Pegida-Leute in Dresden habe ich anfangs nicht begriffen, bis ich gedacht habe, dass die ganze DDR-Bevölkerung infiltriert, verunsichert, isoliert und vereinsamt wurde, jeder gegen jeden. Auch die sogenannten sozialistischen Bruderländer – unser Bruderland Polen, unser Bruderland Tschechoslowakei, Ungarn, usw. hieß es ständig – wurden untereinander negativ belastet. Im volkstümlichen Sinne hat die Stasi alles pervertiert. Die Leute, die auf die Straße gehen, sind noch verunsichert, haben noch Angst und vertrauen niemandem. Sie haben es nicht geschafft, ihr eigenes Ich in die Gesellschaft zu bringen. Sie verlangen, dass die Gesellschaft sich wieder schließt, damit sie in dieser auf ihren Körper zugeschnittenen Sicherheit bleiben können. Im Grunde genommen gehen sie gar nicht raus. Deswegen habe ich auch das Buch Das Leben der Mützenlosen geschrieben.

Goepper: Was ist das für einen Roman – und kannst du bitte kurz auf den Titel eingehen?

Stötzer: Mützen sind Bedeckungen, mit einer Mütze oder einer Krone bist du geschützt. Dagegen sind die Mützenlosen ungeschützt. Sie sind nackt, draußen, stehen am Rand der Gesellschaft und müssen sich alleine durchkämpfen. Sie sind aber auch die Glücklosen, solche, an denen sich das Schicksal rächt. Ich habe das Buch geschrieben, weil ich in der DDR nicht in den Westen gegangen bin. Ich war eine „Steherin“, so nach dem Motto:

Bleibe im Land und wehre dich täglich.

Alle wussten das auch. Die Regisseurin Christa Maar gehörte in den 80ern der neuen westdeutschen Filmwelle an – wie etwa Wim Wenders, das ist dieselbe Generation – und wollte damals einen Film über eine Frau machen, die sich in einen Westdeutschen verliebt und vor der Entscheidung steht:

Gehe ich in den Westen oder bleibe ich hier?

Zur Recherche ist sie in die DDR gekommen, hat Elke Erb besucht und gefragt, wer unter den Künstlerinnen bleibt. „Das ist eine in Erfurt“, hat Elke Erb geantwortet. Zu dieser Zeit hatten fast alle einen Ausreiseantrag gestellt, nur ich nicht. Plötzlich stand in meiner leeren Straße in Erfurt – es gab damals noch nicht so viele Autos – ein silberner Mercedes. Ich habe geglaubt, es sei ein Raumschiff und mir so gewünscht, dass es zu mir kommt. Und als ich die Tür aufmachte, saß eine „Westfrau“ in meinem Wohnzimmer. Sie hat danach bei mir gewohnt und es war eine tolle Begegnung. Sie ist jetzt noch meine Freundin, lebt in München…
Nachdem ich in den Jahren nach 1989 alles abgearbeitet hatte, was in der DDR war, habe ich überlegt:

Was hast du in deinem Leben nicht gemacht? – Du bist nicht in den Westen gegangen, bist nicht abgehauen.

So habe ich mich in diese Zeit wieder zurückversetzt und bin „abgehauen“. Ich habe das ganze Material fantasievoll wieder eingesetzt. Für mich war es wichtig, mit diesem Buch den Leuten zu sagen:

Liebe Leute aus dem Osten, geht bitte in den Westen, geht rüber und guckt euch den Westen an.

Daher ist das Buch auch ganz einfach geschrieben. Gleichzeitig wollte ich ebenfalls sagen:

Liebe Leute aus dem Westen, geht mal in den Osten und guckt euch das an.

Ich wollte, dass wir uns begegnen, indem wir zueinander kommen. Früher war ich immer so arrogant:

Ich bin hiergeblieben, ich bin die Steherin.

Ich wollte mit dem Buch sagen, dass ich doch über die Grenze gegangen bin, dass ich nicht besser bin als die Leute, die vor mir im Westen waren. Denn es gab eine große Differenz zwischen den Ostleuten, die vor 1989 im Westen waren, und uns.
Nach 1989 waren die Türen der Freunde, die schon im Westen waren, dicht. Der Roman ist also ein Versuch gewesen, diese Arroganz untereinander aufzuheben.

Goepper: Wie interpretierst du im Nachhinein die Berührungsangst zwischen Gebliebenen und Übergesiedelten? Wurden die ostdeutschen Künstler etwa als Konkurrenten empfunden?

Stötzer: Die Konkurrenz im Westen ist und war in der Tat sehr groß, der musste man schon standhalten und wenn man Angst kriegte, passierte so was. Der Empfang durch die Westdeutschen selbst war allerdings auch nicht viel freundlicher. 1989 bin ich zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen worden. In den davor liegenden Jahren hatte immer eine Schriftstellerin, die aus dem Osten kam, den Preis erhalten, so dass alle sicher waren, ich kriege ihn. Nun hat sich aber in diesem Jahr alles bewegt. Ich bin dort vollkommen ausgebuht worden, weil ich gegen die drei patriarchalischen Ordnungen geschrieben hatte: gegen den Staat, diese sozialistische Diktatur, gegen meinen Vater, der im Krieg war und nicht darüber gesprochen hat, und gegen meinen Ehemann, also den Mann aus meiner Generation, der mich betrogen hatte. Das war den Leuten dort zu viel, sie haben gesagt, es sei ein Rundum-Feuer und meine Literatur als feministisches Traktat beschimpft. Im Flur hat mir Hellmuth Karasek noch gesagt:

Du wirst nie in der Literatur landen.

Goepper: Das Leben der Mützenlosen ist ins Holländische übersetzt worden. Wie ist es dazu gekommen? Interessieren sich die Holländer für dieses Kapitel der deutschen Geschichte?

Stötzer: Das Buch ist etwas über Grenzüberschreitung, deswegen haben wir es ins Holländische übersetzt. Mein holländischer Partner hat es übertragen. Als ich in Holland ankam, wurde mir wegen meines deutschen Kennzeichens auf die Scheibe gespuckt und auch ins Auto eingebrochen. Sogar die beste Freundin sagte:

Ich habe nichts gegen dich, aber die Deutschen…

In Holland sind die meisten Juden von Europa deportiert worden, es war das am dichtesten besiedelte Land. Zwar gab es einen Aufstand gegen die Deportation der Juden, der wurde aber plattgemacht wie die Stadt Rotterdam. Seitdem war das Verhältnis schwierig. Erst 1994 hat die Königin gesagt, dass nur deswegen so viele Juden deportiert werden konnten, weil sie von den Holländern verraten wurden. Damit hat sie zum ersten Mal eine Mitschuld an der Vernichtung der Juden in Holland erklärt. Mit den Mützenlosen wollten wir sagen, dass es auch noch eine andere deutsche Vergangenheit gibt .
Mein holländischer Freund war schon 1975 mit achtzehn in die DDR gekommen. Für die Holländer waren damals die DDR-Bürger die besseren Deutschen. Sie waren leiser, ärmer, kamen nicht mit ihren teuren Karawanen auf die Campingplätze, galten als bescheidener. Die Holländer schätzten das, sie sind zurückhaltend, man steht dort „nicht zu hoch mit dem Kopf hinaus“. Als die Wende kam und die DDR-Bürger plötzlich reisen konnten, laut wurden und auch alles haben wollten, waren die Holländer einerseits geschockt. Andererseits ging es wirtschaftlich nicht schlechter mit den Deutschen, was man in Holland nicht geglaubt hatte, das man ein Land, das pleite war, so integrieren konnte. Der Blick auf Deutschland hat sich verändert. Aber als ich vor zwanzig Jahren in Holland ankam, war alles noch diffizil. So bin ich lieber ruhig geblieben, was ich vorher in der ganzen DDR-Zeit nicht war, um zu beweisen:

Wir sind die guten Deutschen.

Ich bin mit diesem Schuldbewusstsein als Deutsche groß geworden. Die meisten aus meiner Generation empfinden dieses Schuldgefühl heute noch, im Osten wie im Westen. Zwar waren unsere Eltern im Krieg, aber die nächste Generation hat die Schuld auch noch auf ihren Schultern. Das hat die Jugend heute nicht mehr. Sie hat schon die zweite Diktatur gar nicht miterlebt.

Goepper: Wäre das vielleicht die Voraussetzung und die Basis der neuen gesamtdeutschen Identität, dass man sich frei von dieser Schuld fühlt?

Stötzer: Ja, ich glaube schon, wobei man die Schuld unbedingt in Verantwortung verändern muss. Eine Freiheit ohne Verantwortung der Bürger oder des Staates bringt nichts. Ich glaube wirklich, dass man diese individuelle Kraft mit hineinnehmen muss. Das sind andere politische Worte als die üblichen, die freilich ein bisschen moralisch klingen. Aber nur wenn das Politische sich erweitert und ein paar menschliche Funktionen übernimmt, wird es möglich, dass man nicht korrumpiert wird und mit sich selbst in Einklang steht. Ich denke z.B. an den deutschen Waffenexport. In Amerika haben sie alle noch eine Waffe, bei uns hat der Staat die Waffenproduktion in den Händen, verkauft sie und macht viel Geld damit. Man muss sich allerdings fragen, woher kommt dieses Geld und wozu führt das. Für mich ist das wirklich wie ein Bumerang. Natürlich bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Leute die Konflikte lösen müssen, bevor sie aus den Ländern, wo Konflikte sind, wegrennen. Man kann aber jetzt in Syrien doch nicht sagen: „Bleibt da und wehrt euch täglich“ oder „Macht Widerstandsgruppen“, denn sie werden von allen Seiten, von oben bis unten, bekämpft. Und es geht natürlich auch nicht, dass man Waffen in diese Kriegsländer liefert und dass dann die Leute indirekt mit unseren deutschen Waffen hierher getrieben werden. Natürlich muss man sie danach auffangen… Verantwortung wäre vielleicht die Idee, dass die Völker sich verständigen. Dass sie sich, wie sie es jetzt mit der Umwelt versuchen, an einen Tisch hinsetzen, um noch einmal über die Kriege oder Kriegsherde zu reden.

Goepper: Seit 1945 pflegt Deutschland eine Tradition der Enthaltung in militärischen Sachen. Darf man sich überhaupt enthalten, wenn nach Hilfe gerufen wird?

Stötzer: Man darf nicht immer auf die Worte reinfallen. Das hat auch wieder etwas mit Literatur zu tun. Manchmal sind Leute gar nicht dankbar, wenn du ihnen den Herzenswunsch erfüllst, weil sie sich das selber erfüllen müssen. Es kann Kraft kosten, nicht zu helfen. In meinem Leben, auch privat, hat es mich sehr viel Kraft gekostet, manchmal nicht einzuspringen, weil ich das sehr gut kann: Ich kann wunderbar kämpfen und wunderbar leiden. Sich selbst die Chance zu geben, nicht zu kämpfen, war immer schwieriger. An der Pädagogischen Hochschule war ich bis 1976 Beststudentin und dann hat mein Kommilitone Wilfried Linke einen Pamphlet-Brief an die Hochschulzeitung geschrieben. Von da an kämpften wir nur noch um mehr Redefreiheit und Demokratie. Wir waren so sehr mit Politik beschäftigt, mit Organisieren und Unterwegssein, mit Diskutieren, mit Briefverfassen, in denen wir uns beschwert haben, dass ich nicht mehr studiert habe. Ich hatte damals ein Faust-Seminar, für das ich am Ende eine Zwei bekommen habe, obwohl ich vorher immer nur Einsen geschrieben hatte. Wegen dieses Dauerkampfzustands konnte ich teilweise nicht mehr denken. Ich war gar nicht mehr da. Als das passierte, habe ich zum ersten Mal gespürt, dass etwas, auch mit mir, verändert ist und dass dieses ewige Kämpfen etwas anderes ist als das, was ich mir wünschte: Kunst, Literatur. Ich begriff: Entweder bist du da oder da.

Goepper: Beides gleichzeitig geht nicht?

Stötzer: Ich glaube nicht.

Goepper: Bleiben wir noch ein Weilchen bei der Politik und bei der DDR. Wie hat sich dein Verhältnis zum DDR-Staat und -Regime im Laufe der Zeit entwickelt? Was sind die wichtigsten Etappen gewesen?

Stötzer: Bevor ich in den Knast kam, hatten wir jeden Tag Zeitung gelesen, Neues Deutschland. Zwischen den Zeilen suchten wir immer was Politisches, eine Freiheit oder ein neues Recht. Wir haben es sehr minutiös gelesen, ich weiß nicht genau warum, vielleicht um ein Stück Eigenleben zu bekommen. Jedenfalls waren wir immer daran orientiert, was sie in der Zeitung politisch gesagt haben. Als Ende 1976 Wolf Biermann ausgebürgert wurde, war es für mich vollkommen klar: Jedes Volk braucht einen Sänger. In Holland gab es Herman van Veen, in Griechenland Mikis Theodorakis. Überall gab es Männer, die kritische Lieder, mit Gitarre begleitet, gemacht haben. In der DDR hatten wir Biermann und nun war er weg. Wir hatten schon keine Rede- und Reisefreiheit und jetzt auch noch keine Lieder mehr. Denn in der Öffentlichkeit gab es sozialistische Lieder oder diese Jugendlieder von Jugendverbänden, die auch nur den Sozialismus propagierten. Dass war für mich eine Motivation zu sagen, dass Biermann wieder zurückkommen muss. Dafür kam ich ins Gefängnis, wo ich in der U-Haft noch Zeitung gelesen habe. Gestern als wir im Stasi-Museum waren und uns dieses Video im ehemaligen Knast angeschaut haben, sagte der Mann, er habe eine Woche lang kein Buch und keine Zeitung gehabt. Ich selbst hatte vierzehn Tage lang kein Buch und keine Zeitung, erst danach kriegte ich ein Buch. Jeden Tag habe ich zehn Seiten gelesen, damit das Buch nicht aufhört und ich was zu tun habe. Aber sobald ich aus dem Gefängnis kam, waren der Sozialismus und das Zeitungslesen für mich erledigt. Was ganz entschieden dazu führte, war der Gefangenenverkauf. In Hoheneck war ich innerhalb der Mauer noch einmal hinter eine Mauer gekommen, ins Innerste, ganz am Herzen des Systems. Da habe ich gesehen, wie es funktioniert: Ausbeutung der Kleinsten, vor allem der Frauen. Alle mussten arbeiten, Individualität gab es nicht, und dann der Verkauf der Upperclass-Leute. Je mehr man gebildet war, desto teurer wurde man verkauft, die Ärzte also teurer als die anderen. Und alle haben mitgemacht. Auch die Gefangenen, die sich einfach haben bezahlen lassen. Bei Schiller gibt es ein Stück, wo die Landeskinder verkauft werden.6 In der Schule wurde uns gelehrt, wie schlimm das sei. Und hier war es nicht anders. Du kannst es dir nicht vorstellen: Du warst da drinnen und alle saßen wie auf einer Schiebebank. Es ging nur noch um Ausreise und um deren Zeitpunkt. Einmal im Monat, wenn das Licht in einem bestimmten Fenster nachts brannte, wusste man, dass am anderen Tag ein Transport in den Westen stattfand. Auch in den Kassibern ging es nur darum zu wissen:

Welchen Paragrafen haben sie jetzt wieder eingesammelt? Wen haben sie das letzte Mal transportiert?

Einmal waren die Republikflüchtlinge „mit Hetze“ dran, dann wieder nur die „Spionage“… So ging das hin und her. Das war wie eine Rampe in den Westen. Ich fragte mich:

Wo bin ich denn hier? Auf einem Markt, wo Leute verkauft werden?

Ich war, so wie mir bekannt wurde, die einzige politisch Gefangene in Hoheneck, die nicht in den Westen wollte. Damals habe ich wirklich für eine bessere Welt, Freiheit und Demokratie gesessen. Die anderen wollten studieren und sich als Doktor weiterqualifizieren, sie wollten reisen oder sich in einer Kommune niederlassen, sie hatten alle einen Grund. Aber für mich war das nicht politisch und darum hatte ich eine Sonderstellung, weil ich im Osten raus wollte. Deswegen konnte ich auch mit Kriminellen und Politischen reden. Ich war politisch, aber eigentlich war mein Schicksal das der Kriminellen, die gar nicht in den Westen konnten, auch wenn sie es gewollt hätten.

Goepper: In der Literatur wurde dieses Thema selten angeschnitten. Ich denke natürlich an Jürgen Fuchs, aber ansonsten gibt es kaum jemand, der darüber berichtet.

Stötzer: Nach ihrer Entlassung in den Westen haben viele ehemaligen Gefangenen die Zeit im Gefängnis in ihre Biografien oft gar nicht reingenommen. Sie drückten das anders aus, sagten sie seien „übersiedelt“. Viele Gefangene reden bis heute noch nicht darüber. Das kann man allerdings nicht mehr so pauschal sagen. Jetzt sind viele sechzig, siebzig und plötzlich schreiben sie ein Buch. Es gibt viel Krach mit ihnen über Die bröckelnde Festung7, weil es für sie zu einfach geschrieben ist. Diese Leute reden erst jetzt darüber und wollen beschließen, wie man über das Gefängnis schreiben darf: Es muss traumatisierend und hart sein, aus der Opferrolle heraus und so und so. Als ich raus kam, habe ich gemerkt, dass Details schnell weggehen und das erste dokumentarische Buch geschrieben Dabei sein und nicht schweigen8 und genau dieses Material habe ich noch einmal für Die bröckelnde Festung benutzt. Echt, exakt, mit Details, nur in eine literarische Form gebracht. Wie gesagt, nach dem Knast habe ich keine einzige Zeitung mehr gelesen, ich habe dem Regime nichts mehr geglaubt, alles war gelogen, Propaganda und Manipulation. Der Sozialismus war für mich gestorben.

Goepper: Im Interview mit Cécile Millot hast du gesagt, dass du 1989 immer noch an den Sozialismus geglaubt hast. Heute siehst du das also anders?

Stötzer: Als ich damals das Interview gegeben habe, war ich noch nicht so klar wie jetzt. Ich hatte noch ein bisschen Erbarmen mit mir, glaube ich. Weißt du, der Marxismus-Leninismus hatte den Arbeiterkindern und insofern mir per Wort alle Macht gegeben. In meiner Familie gab es keine hohe Literatur, keine Musikkultur, keine Opern – Operette war das Maximum. Aber viel Liebe und Solidarität. Ich hatte überhaupt kein Know-How, was mir heute keiner glaubt. Die Marx-und-Engels-Lehre hat mir schon geholfen, indem sie gesagt hat, dass die Arbeiterkinder die neue Kraft sind. Daran habe ich geglaubt und habe mein Dableiben im Sozialismus noch so verkauft. Wie hätte ich den Leuten sagen können, ich bin vollkommen desillusioniert in diesem Land, an das ich nicht mehr glaube? Das hätte bedeutet, in den Westen gehen, und das wollte ich nicht. Freilich sagte ich mir auch:

Warum soll ich denn gehen, sollen sie doch gehen.

Honecker war ja aus dem Westen gekommen. Ich hatte immer noch die Idee, wir müssen im Land bleiben und kämpfen, um die DDR zu einer lebenswerten Gesellschaft hin zu verbessern. Ich hatte keine Vision, wusste aber, dass es nicht der Kommunismus war, das es was anderes sein musste. Dieses neue Gesellschaftssystem war auch mit Arbeit verbunden, dazu musste man erst mal in sich gehen und aus dem jetzigen System aussteigen. Was ich ihnen im Knast sehr übel genommen hatte, ist, dass die jungen Mädchen, die nicht in der Sozialistischen Produktion arbeiten wollten, die sich selbst kennen und letztendlich auch frei lieben wollten, als „asozial“ abgestempelt und kriminalisiert wurden. Da saßen tausend junge Mädchen für nichts, außer dass sie nicht arbeiten wollten und versucht haben, selber durchzukommen. Ich fand das einfach verwegen, dass sie überhaupt nicht arbeiten wollten. Das habe ich danach selber gemacht, nicht arbeiten. Ohne diese ganzen „Asozialen“ hätte ich so was nicht denken können. Früher wusste ich nicht, dass es so hart bestraft wird, aber im Knast erfuhr ich es. Der Zwang zu arbeiten war wirklich da, ich habe ihn erlebt. Wenn du deinen Lebenssinn außerhalb dieser scheinbaren Moral der DDR-Deutschen gesucht hast, wurdest du kriminalisiert. Auch jetzt sage ich:

Leute, sucht euren Sinn im Leben auch woanders als nur in der Arbeit.

In die Welt gehen, um sich selbst zu erfahren, ist literarisch ebenso kein Thema mehr. Das ist eigenartig. Alle funktionieren mit. Alle glauben, es gebt ihnen gut und sie kauften das, was sie wollen, aber eigentlich kaufen sie nur das, was sie kriegen.

Goepper: Die Entmystifizierung der Arbeit in deinen Texten ist auch ein einmaliges Thema in der ostdeutschen Literatur. Aber konkret: Wie hat deine Familie darauf reagiert, als du nicht mehr arbeiten gegangen bist?

Stötzer: Meine Familie, meine Mutter vor allem, hat wirklich dadurch gelitten, dass ich nicht gearbeitet habe. Dass man arbeitslos war, konnte man in der Familie nicht sagen. Maximal wenn man krank war, durfte man nicht arbeiten gehen. Vor zwanzig Jahren gab es auch kein Verständnis für Depression. Man war es einfach nicht, man arbeitete weiter und steckte ein. Vor zwanzig Jahren gab es genauso kein Verständnis für Homosexuellen- und Lesben-Hochzeit. Das ist wirklich vorangeschritten. Mit der Kirchenaufarbeitung von Missbrauch ist auch etwas in die Öffentlichkeit gekommen, was vorher nicht aussprechbar war. Aber noch mal zum Sozialismus in der DDR: Für mich war er auch nicht praktikabel, weil er sich finanziell nicht selbst erhalten konnte. Nur durch den Menschenverkauf wurden Millionen verdient. Eigentlich funktionierte die ganze Planwirtschaft nicht. Ich bin auf dem Land groß geworden. Was sie da in den 50er Jahren gemacht haben, war ein solches Leid. Die ganzen Ländereien wurden den Leuten weggenommen, um in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften umgewandelt zu werden. Die Bauern durften nicht reich werden, wenn sie viel Land hatten. Ich sah, wie sie alle reduziert in ihrer Kraft arbeiteten. Leute haben viel getrunken, sich scheiden lassen und noch einmal geheiratet, ohne zu überlegen, warum die Trennungen sich immer wiederholten, was da an Liebes- oder Partnerarbeit fehlte. Das ist ja auch ein Thema, das zu besprechen wäre, dass es eben Arbeit ist, mit einem Menschen zusammenzukommen und -zubleiben. – Da es verboten war, aus dem Produktionsbetrieb auszusteigen und seine eigene Arbeit zu machen, bin ich nach dem Knast in die Kunst gegangen, wo man nicht sofort verhaftet wurde und wo noch Arbeitsplätze frei waren. Das habe ich den Frauen in der Künstlerinnengruppe deklariert: dass die Kunst, die wir machten, auch Arbeit ist. Aus der Knasterfahrung wusste ich, was wir machen mussten, um nicht verhaftet zu werden: etwa das sogenannte asoziale Benehmen vermeiden, wie zum Beispiel die Miete oder die Stromrechnung nicht zahlen. So haben wir uns durchgeschlagen.

Goepper: Du hattest damals schon connections in Berlin, auch mit älteren Künstlern. Haben diese Kontakte auch manchmal geholfen?

Stötzer: Sicher: Christa Wolf zum Beispiel hat einmal 3.000 Ostmark überwiesen und an den Staatsanwalt geschrieben, damit eine Nachwuchsliteratin aus der Gruppe nicht in den Knast kommt. Sie hat die Szene unterstützt und mir hat sie auch 1.000 Mark gegeben. Es war oft so, dass die Autoren aus dem Verband einem von uns in der Untergrund-Szene Geld gegeben haben: Heiner Müller hat Sascha Anderson Geld gegeben – beide waren IMs (lacht) –, Gerhard Wolf an Bert Papenfuß, Franz Fühmann an Dieter Schulze. Und ich habe sofort einen Kassettenrekorder gekauft, der auch 1.000 Mark gekostet hat, und habe damit unsere Musik für die Super-8-Filme aufgenommen. Später hat sich auch Christa Wolf als kurzzeitige Inoffizielle Mitarbeiterin herausgestellt. Sie wollte sich nicht mehr daran erinnert haben. Ich habe mich bei ihrem Coming-out gefragt, ob ich sie aus einem unbewussten Wissen erpresst hätte – aber das war nicht so. Ich denke, diese älteren Autoren hatten ein schlechtes Gewissen, das sie an uns reinwuschen.

Goepper: Nach der Wende hast du die Machtverhältnisse innerhalb der Prenzlauer-Berg-Szene stark angegriffen. Damit hast du zum Ende eines Mythos beigetragen. Wie hast du dich in der Szene gefühlt?

Stötzer: Im Untergrund gab es auf einer Seite die politischen Autoren, mit Lutz Rathenow z.B., und auf der anderen Seite die Assoziativen, Freieren: Döring, Papenfuß und Anderson. Die politischen waren mir zu strukturiert, zu brav. Die anderen waren die gefährlicheren Männer. Ich gehörte zu den Unverschämteren. Es gab aber auch andere Trennlinien unter uns. Die Arbeiterkinder, wie mich, standen den Bonzenkindern gegenüber, die gegen ihre Eltern waren, wie Katja Lange-Müller oder die Braschs. Das war in jeder Stadt so. Es gab die Upperclass, den Underground und dann die Zwerge wie mich. Am Anfang durfte ich in die Berliner Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß, als sie mit Sascha Anderson zusammen war, gar nicht rein. Später aber, wenn ich mich z.B. mit Christa Maar aus dem Westen traf, durfte ich auch ab und zu bei Sascha in Berlin schlafen, auch wenn Wilfriede nicht dabei war. Durch meine berühmte Freundin war ich nicht mehr nur die kleine Provinzielle, sondern wurde attraktiv. Der Westen war natürlich wichtig für Sascha, um Macht zu behalten. Sascha, der vorgab androgyn zu schreiben, sagte immer mein Schreiben sei nicht viel wert, weil ich nur über Frauen geschrieben habe. Ich habe geantwortet:

Nein ich schreibe mein Ding, ich habe meinen Bereich. Schreibt über eures, ich schreibe über meines.

Ich habe mich nie beirren lassen, denn ich wusste, dass Frauen mein Stoff waren. Dass ich authentisch war, fanden die Leute im Untergrund teilweise auch toll. Aber dass ich die Einzige war, die übers Gefängnis reden und berichten konnte, hat Sascha gestört. Dazu gehörte auch, dass ich nicht in den Westen wollte. Deshalb war er wie manche andere so sauer.

Goepper: Die Rezeption deiner Texte war aber nicht allgemein negativ. Du wurdest auch für sie anerkannt, oder?

Stötzer: Sicher. Bernd Wagner9 meinte einmal zu mir:

Du hast mir eine Sache geschenkt, die ich mein ganzes Leben als Literatur nicht missen möchte. Du hast etwas ausgedrückt, was keiner wusste.

Er sprach von den ersten Stücken, die ich über das Gefängnis geschrieben habe und die in zügel los10 gesammelt sind. Volker Braun hatte gesagt, die DDR sei das langweiligste Land der Welt, aber im Knast habe ich die Stimmen der Frauen entdeckt, das Gefühl, verletzt zu werden, das Aua-Sagen in der Öffentlichkeit. Ines Geibel hat mir gesagt, dass sie das, was sie vorher mit Brauns Unvollendeter Geschichte oder mit Biermanns und Havemanns Texten machte, mit meinen Texten gemacht hat, selber abgetippt und weitergereicht. Die Studenten fanden darin eine Hoffnung, dass man Dinge ausdrücken kann, die vorher nicht da war. Das war auch der Sinn, weswegen ich hier im Osten rausgekommen bin. Ich wollte ganz normal über das Gefängnis schreiben und über die dort gelebte Leidenschaft und Zerstörungskraft berichten, die das Pendant zur Schöpferkraft im Weiblichen sind.

Goepper: Du hast die Künstlerinnengruppe schon erwähnt. Was wollte die Initiative Frauen für Veränderung, die du 1988 mitgegründet hast, erreichen?

Stötzer: 1988 hatte der Erfurter Propst Falcke die Idee, dass Frauen die Bibel anders interpretieren als Männer und er hat uns praktisch im Kirchentag 1988 das Augustiner Kloster zur Verfügung gestellt. Da habe ich mitgekriegt, dass es in Erfurt ganz viele Frauengruppen gab, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie existierten, weil sie sich nicht gezeigt haben. Wir von der Künstlerinnengruppe waren die einzigen, die in die Öffentlichkeit gegangen sind, um etwas Spektakuläres zu machen. Obwohl wir alle Frauen sehr dazu ermutigt haben, Ähnliches zu machen, wollten die anderen nicht so weit gehen. Davon kriegt man keinen Mann und keine Kinder. Plötzlich waren trotzdem viele Frauengruppen da. Wir haben uns danach einmal im Monat bei der Offenen Arbeit getroffen und alle Gruppen haben erzählt, was sie erlebt haben. In dieser Zeit gründeten sich Neues Forum und Demokratischer Aufbruch, deren Mitglieder zu uns kamen, weil sie ein paar Frauen brauchten. Da habe ich mir gesagt:

Nee, wir sind keine Vorzeigefrauen, wir machen selber was.

Es gab genug andere Frauen, die sich auch profiliert hatten und überzeugt waren, dass die Frauen die Kraft haben, eigene Ziele selber zu formulieren. Sabine Fabian und Kerstin Schön haben sich z.B. in den Schulen gegen die militärische Ausbildung eingesetzt. Wir wollten auch einen eigenen Frauenbund. Unsere Tätigkeiten sind schon auf großes Interesse gestoßen. Es kamen sogar Frauen aus Berlin, weil sie wussten, dass wir, also in dieser Thüringer Kante Erfurt, Weimar, Eisenach, ganz besonders aktiv waren. Wir wollten mit Reformen anfangen, also eine neue Politik innerhalb der DDR betreiben mit einer eigenen Frauenorganisation. Obwohl ich es mir noch nicht eingestehen konnte, war ich nach 1989 eigentlich persönlich damit schon am Ende. Ich bekam noch ein Stipendium in Deutschland und habe nicht geglaubt, dass ich wirklich weggehe, was ich später der Liebe zuliebe gemacht habe.

Goepper: Wie ist dazu gekommen?

Stötzer: Mit der Auflösung der DDR haben sich alle diese Initiativen aufgelöst. Es gab keinen alternativen Frauenbund mehr, keine Initiative Frauen für Veränderung mehr. Ich jammere dem nicht hinterher, denn es war wahnsinnig viel Arbeit. Ich wollte nebenbei immer schreiben und hatte immer viel zu viel zu tun. Im Untergrund kriegte ich das noch hin, aber als ich im Bürgerkomitee war, schaffte ich das nicht mehr. Wir trafen uns ständig im Rathaus, wo es nicht nur um die Frauen ging, sondern um alle anderen Gruppierungen, so dass ich monatelang zu nichts mehr kam. Dann habe ich einen Trick benutzt. Das Bürgerkomitee hatte das Geld des Biermann Auftritts11 eingesammelt, und es war klar, dass es unter den Gruppierungen verteilt wird. Also habe ich nach 10.000 Mark für die Künstlerinnengruppe gefragt, damit die Künstlerinnengruppe ein Haus kaufen konnte, das heute noch als Kunsthaus existiert. Danach habe ich gesagt:

So, jetzt habe ich privat Geld genommen, bin also politisch nicht mehr einwandfrei, jetzt steige ich aus dem Bürgerkomitee aus.

Und dann war ich weg. Leider hatte ich genauso viel im Kunsthaus zu tun, denn wir haben das Haus komplett restauriert. Ich musste jeden Tag da sein. Sobald ich mich hingesetzt habe und schreiben wollte, kam ein Anruf:

Da kommt ein großer Lkw, wir müssen das und das machen.

Irgendwann habe ich gesagt:

Ich klinke mich aus, ich muss zu Hause schreiben, sonst schreibe ich nicht mehr.

Ich wollte auch abwechselnd eine Woche in Holland und in Erfurt verbringen, dann sagten sie, das geht nicht. Wir sollten uns halt mit Leib und Seele an das Kunsthaus verkaufen. Das Versprechen zum Schreiben, das ich mir im Knast gegeben hatte,12 half mir zu sagen, dass ich dann nicht weiter mitmache. Ich wollte nicht mein ganzes Sein dieser Frauengruppe geben. Vor allem weil ich gemerkt habe, dass die entstandene Galerie kein Experimentierraum für unsere Gruppe mehr war. Man hat uns nicht mehr ausgestellt, sondern Gelder für andere Ausstellungen bekommen. Welche Archetypen wir als Frauen entwickelt hätten, hätte mich noch interessiert, aber andere Leute auszustellen, so weit wollte ich mich nicht hingeben und zurücknehmen. Das hatte ich mit der Galerie im Flur 1981 schon gehabt. Da kam die Trennung, was ein schmerzhafter Einschnitt war.

Goepper: Hast du dich damals schon mit deinen Stasi-Akten beschäftigt?

Stötzer: Nein, noch nicht so konkret. Ich hatte ja die Stasi mit den anderen Frauen besetzt.13 Obwohl wir den anderen gegenüber hundert Meter Vorlauf hatten, nahmen die Bürgerrechtler den Job mit den Stasi-Akten, oder die, die im Westen waren, wie zum Beispiel Jürgen Fuchs. Als ich im Untergrund tätig war, war Fuchs schon im Westen. Er hat aber sehr wohl mitbekommen, dass ich auch politisch gefochten habe, dass ich sozusagen auf allen Hochzeiten getanzt habe. Als er zum ersten Mal nach dem Mauerfall seine Freunde an der holländischen Grenze in Venlo eingeladen hat, war ich als einzige Frau auch dabei. Nach der Wende ist er in die Gauck-Behörde gekommen, hat dort fest gearbeitet und wollte mich einrechnen. Aber um sich mit den Stasi-Akten befassen zu dürfen, musste man unterschreiben, dass man das Material geheim hält. Ich habe also Jürgen gesagt:

Pass mal auf, ich habe damals, als die Stasi noch aktiv war, meine Fresse nicht gehalten, und jetzt, wo wir sie überwunden haben, sollte ich für sie schweigen? Das mache ich nicht.

Darauf meinte Jürgen:

Ich habe unterschrieben, aber ich gebe trotzdem die Infos raus.

Und er hat es in der Tat gemacht: Er hat rausgegeben, dass Heiner Müller IM war, dass sein großer Freund Robert Havemann KGB und auch bei der Stasi in seiner Frühzeit war. Christa Wolf hat er auch über den Spiegel nach draußen gebracht. Das hat ihm sicher wehgetan. Das hätte ich mir gar nicht getraut, weil ich immer zu meinem Wort stehe (lacht).

Goepper: Als du dich damals mit Cécile Millot getroffen hast, warst du dabei an einem Manuskript zu schreiben. Erfurter Roulette14 ist dann nicht mehr bei Gerhard Wolfs Verlag Janus press veröffentlicht worden. Was hat sich in dieser Zeit mit und in deiner Literatur ereignet?

Stötzer: Damals habe ich die Form verändert. Ich habe zwar weiter experimentell geschrieben, aber immer öfter merkte ich, dass ein paar Kurzgeschichten kommen und die habe ich leben lassen. Ich war sehr stolz darauf (lacht), aber das wurde von Gerhard Wolf sofort abgelehnt. Er hat mich auch nicht gefragt, ob ich andere Texte habe, er wollte nichts mehr mit mir machen. Ich war draußen. Im Janus press wollte er nur experimentelle Literatur machen. Das hat er mir aber nicht gesagt. Dann wollte auch niemand anders aus dem Osten etwas von mir haben. Sie waren immer noch auf die großen Namen aus. Ich bin also zu Peter Kirchheim, einem Verleger in München gegangen. Der Verleger hat meine Texte unterstützt. Ich war froh, dass ich jemanden gefunden habe, der das Erfurter Roulette angenommen hat. Ich wollte sowieso nicht immer im Untergrund bleiben, sondern ins Literarische rein. Ich wollte auch mal einen Roman schreiben. Das habe ich dann gemacht mit der Bröckelnden Festung und dieses auch bei Peter Kirchheim herausgebracht. Danach kam das Leben der Mützenlosen und zwischendurch das Buch Ich bin die Frau von gestern15, bei der Büchergilde, in dem Joachim Walther die nicht veröffentlichten Texte aus der Ostzeit gesammelt hat. Leider war das kein Erfolg auf dem Weltmarkt. Die experimentelle Literatur ist wie Lyrik im Grunde genommen nicht mehr zu verkaufen.

Goepper: Ich möchte beim Verhältnis zwischen Experimentellem und klassischer Prosa bleiben. Andere Dichter haben mir gesagt, dass sich das Experimentieren nach der Wende für sie erübrigte. Du hast eben gesagt, dass du weiter experimentiert hast, in welchem Rahmen war das?

Stötzer: Zunächst mit der Künstlerinnengruppe. Die experimentellen Texte waren Performance-Texte. Später, als ich in Holland war, habe ich aber noch zehn Jahre experimentell geschrieben. Manchmal habe ich gemerkt, dass es sich verdichtet, dass es Geschichten sind, manchmal lief es wieder auseinander. Es kamen Einzelteile und dann wieder ein größeres Thema. Die Prosa-Texte sind die Texte, die ich einfach nach außen gegeben habe. 50 bis 70 Prozent der Texte sind aber unveröffentlicht. Meine Arbeitsweise hat sich in dieser Zeit auch verändert. Früher konnte ich schwer noch mal über meine Texte gehen, mich mir selber stellen. Die Selbstzerstörung als Zensur war sehr groß. Wenn Gerhard Wolf oder Joachim Walther gesagt haben: „Das nehme ich“, habe ich geantwortet:

Dann nimm es ruhig.

Vor allem bei den experimentellen Texten war so viel Unverschämtes, dass ich immer froh war, wenn die Leute das angenommen haben. Ficken z.B. kannst du heute als Schriftsteller gar nicht mehr so einfach hinhauen, das nimmt dir keiner mehr ab. Fotze und Vagina, das kannst du nur noch als Rapper sagen. In dieser Hinsicht hat sich schon viel geändert.

Goepper: Was hast du aus Holland mit nach Erfurt zurückgebracht?

Stötzer: Zum Beispiel Fahrrad fahren. Ein Horizont ohne Berge, das Abtauchen in ein Unterbewusstsein allein durch die Lage unter dem Meeresspiegel (zumindest meist). Ich habe den Sohn meines Partners mit aufgezogen und in den Krankheitsphasen meines Partners Solidarität und Freundschaft erlebt. Deutschland hat mich immer in politische Konfrontation gebracht, hier kam ich in persönliche Nähe.
Dann viele Techniken, um in einem Umfeld von stetiger sozialer Kontrolle doch noch an seine eigenen Grenzen zu kommen und gemeinsam zu praktizieren. Dazu gibt es in Holland in jeder Stadt viele Angebote: etwa seinen eigenen Rhythmus im Tanzen finden im Programm des Fünf-Rhythmentanzes nach der Amerikanerin Gabriele Roth. Oder Yoga-, Meditations-, und Atemtechniken nach dem indischen Meister Sri Sri Ravi Shankar. Auch Familienaufstellung nach dem Deutschen Bert Hellinger ist mir hier begegnet und vieles mehr. Das alles hat sich in Erfurt nicht entwickelt. Das ist Arbeit an sich selbst und erweitert deine Konzentration, das Gedächtnis kommt wieder… Es ist ja so, dass in Hoheneck die Arbeitskommandos immer über Umwege geführt wurden, damit sie sich nicht begegnen und damit das Orientierungssystem der Gefangenen verunsichert wird, Das war im Dreischichtsystem. Danach habe ich mich jahrelang auf der Straße nicht mehr zurechtgefunden, obwohl ich früher immer alles wusste. Nach und nach ist es wieder besser geworden und jetzt habe ich wieder ein gutes Orientierungsvermögen.
In Holland allerdings ist an mir viel vorbeigegangen, ich hatte keinen Zugang mehr zu meiner Vergangenheit. Jetzt wohne ich seit einem Jahr wieder in Erfurt und es ist, als ob sich die Pforten für mich geöffnet hätten. Ich habe immer gesagt:

Erfurt hat eine Pforte zur Unterwelt.

Ich muss nur hier bleiben und ganz viel kommt auf mich zugeflogen. Ich muss nun erst mal mit dieser Vergangenheitsbewältigung fertig werden, dann kann ich wieder schreiben.16

Goepper: Du hoffst also, dass du irgendwann mit der DDR fertig wirst?

Stötzer: Manchmal lasse ich Leute wie dich kommen, weil ich denke, dass ich irgendwann über diese Zeit nicht mehr rede. Ich wollte schon nach einem ähnlichen Besuch im Mai aufhören und dann kam jemand aus Amerika und ich habe gedacht, da gibt es wenigstens eine Ausstellung in Amerika. Denn, wenn eine Studentin, die ein bisschen Geld für ihre Dissertation hat, zu mir kommt, verschwindet ihre Doktorarbeit in einer Bibliothek irgendwo in New Jersey und das war’s. Dadurch komme ich auch nicht weiter. Ich muss allerdings sagen, dass ich seit 2009 durch Beatrice Stammer und dem Projekt react Feminismus17 in der Kunst rehabilitiert bin. Die Idee war, die großen Namen, die sich im Westen durchgesetzt hatten, und uns aus dem Osten in Berlin zusammen auszustellen. Es ist eine tolle Ausstellung geworden, die durch Europa wanderte, wo ich zum ersten Mal künstlerisch anerkannt wurde.
Auf literarische Anerkennung warte ich noch. Jedoch sehe ich auch, dass im Moment, anstatt eines großen literarischen Projektes, dieses politische „immer wieder erklären“ dran ist, dass es sich dieses Jahr durchzieht und dass ich danach wieder schreibe.

Goepper: War die Rückkehr in Erfurt für die Auseinandersetzung mit deiner Vergangenheit ausschlaggebend?

Stötzer: Ja absolut. Während der zwanzig Jahre in Holland war ich nicht diejenige, die ich jetzt bin. Ich bin dieses Jahr dazu gewachsen, dass ich wieder authentisch über diese ganzen Prozesse reden kann, weil das früher für mich auch Vergangenheit war. Am Anfang, als ich zurück nach Erfurt kam, habe ich die Power-Frau nur gespielt. Ich war sehr unsicher, bin nachts schweißüberströmt aufgewacht. Ich habe ein Jahr dazu gebraucht, aber jetzt bin ich mir selbst wieder begegnet. Wenn ich vor der Galerie im Flur stehe, ist sie wieder mein Jetzt und das bleibt sie auch. Vielleicht kommt irgendwann eine Platte dran: Hier war die Untergrund-Galerie Galerie im Flur. Ich wollte auch immer, dass am Rathaus gesagt wird: „Am 4.12.1989 kamen fünf DDR-Bürgerinnen (mit Namen) hierher und haben die erste Stasi-Besetzung in der DDR initiiert.“ Ich wollte unsere Namen dran haben. Denn die Station im Rathaus war einer unserer ersten Akte. Das wollten leider die vier anderen Frauen nicht, weil sie sich nicht in den Vordergrund stellen wollen. Das ist aber Quatsch. Ich sage immer:

Nur wenn jemand dahintersteht, bleibt das Geschehen.

Es muss wirklich solche Leute wie mich geben, die immer wieder erzählen, wie die Stasibesetzung real war – dass das ein reales Ich, ein reales Heute war. Das ist zwar für mich wichtig, aber das ist auch historisch wichtig. Damals sind die sozialistischen Systeme der ganzen Länder geknallt und es ist doch toll, dass es hier in Erfurt angefangen hat. Denn nachdem die Stasi in unserer Stadt friedlich besetzt war, haben die anderen Städte auch aufgegeben, weil sie das als Signal gesehen haben.

Goepper: Kannst du noch einmal in Detail erzählen, wie es dazu kam?

Stötzer: Es war einfach ein guter Plan. Eines Tages stehen Kerstin Schön und Sabine Fabian, die vorher nichts mit der Stasi zu tun hatten, auf und sagen:

Heute wird die Stasi besetzt.

Diesen Qualitätssprung habe ich sofort erkannt und auch, dass es die richtige Zeit ist. Es gibt manchmal politische und historische Momente, wo alles möglich ist. Dass es ein solcher Moment ist, habe ich sofort gespürt. Heute bin ich die Einzige unter den vieren, die mit jeder anderen Kontakt hat. Alle sind anderswo mit anderen Projekten beschäftigt. Deshalb habe ich dieses Jahr vorgeschlagen, dass wir uns zusammensetzen. Wir müssen einfach begreifen, was wir haben, wir müssen uns achten und ehren. Dann erst wird das äußerlich ins allgemeine Bewusstsein kommen. Die Männer, die heute die Stasi-Akten verwalten, sagen, sie hatten Angst, sie hätten das, was wir Frauen gemacht haben, nicht gemacht. Mit dieser Frauenkraft drücke ich aber an einem wunden Punkt, weil keiner es mehr wissen will. Frauen dürfen immer machen, aber Macht aus dem Machen haben, das dürfen sie nicht, das gehört nicht zum Status. – Deswegen bin ich weiter dafür, dass die Stasi-Akten offen bleiben, obwohl sie eine offene Wunde sind. Sie sind das Gewissen der Deutschen, die im öffentlichen Umgang mit diesen Akten sich etwas trauen, was die anderen Länder sich nicht so trauen. Es ist für mich wichtig, dass das so bleibt und dass das weiter nach außen kommt.

Goepper: Die Aufklärungsarbeit setzt sich also fort. Wie konkret?

Stötzer: Durch die Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt habe ich einen Forschungsauftrag gekriegt, um die Stasi-Akten der Erfurter Künstler einzusehen. Dafür musste ich allerdings diesmal unterschreiben, dass ich mich an die Regeln halte. Das ist auch ein spätes Hutziehen für Jürgen Fuchs. Ich freue mich, dass ich nun die Kraft habe, dem Unsinn dieser Stasi standzuhalten. 33 Künstler haben mir ihre Unterschrift gegeben, so dass ich ihre Akten einsehen darf. Die Gauck-Behörde fand es schon ein Wunder, dass mir so viele Leute vertrauen, denn die Sachen, in die ich reingucken werde, sind oft peinlich. Dazu schreibe ich einen großen Text, den ich veröffentlichen will: „Kunst und Stasi in Erfurt“. Er soll die Mechanismen der Staatssicherheit an den Einzelleuten erklären und zeigen, wie die Stasi gewirkt hat. Ich habe zudem einen anderen Text für einen Vortrag verfasst: „Frauen und Stasi“. In diesem Rahmen arbeite ich praktisch an dem Material, das mir damals von der Stasi weggenommen wurde. Jürgen Fuchs hat die Gedächtnisprotokolle als Literaturform entwickelt. Als ich von der Hochschule exmatrikuliert wurde, habe ich ganz viele Gedächtnisprotokolle geschrieben. Ich habe später auch ein solches Gedächtnisprotokoll verfasst, als die Galerie im Flur 1981 verboten wurde. Ich habe mit dieser Form gearbeitet, weil sie sehr frei ist, halb dokumentarisch und halb künstlerisch.

Goepper: Wenn ich richtig verstehe, sind das hauptsächlich Dokumentationen und Aufsätze, an denen du gerade arbeitest?

Stötzer: Ja, das hat mich im Moment erwischt. Ich bin halt in dem politischen Zustand und nicht in dem Künstlerin-Zustand. Das ist was anderes. Mein Originalbrief an Margot Honecker gegen die Exmatrikulation meines Kommilitonen an der PH Erfurt 1976, den 83 Studenten unterschrieben hatten, wurde im Bundesarchiv gefunden und seitdem arbeite ich das ganze Material der Pädagogischen Hochschule ab. Die Unterlagen von der Hochschule zu dieser Studentenbewegung 1976 wollte ich auch veröffentlichen. Ich bin zum aktuellen Präsidenten der damaligen Pädagogischen Hochschule, heute Universität Erfurt, die mich exmatrikuliert hat, gegangen und habe ihm gesagt, dass ich das ganze Material habe und dass ich das mit ihm aufarbeiten will. Er meinte zu mir:

Ich habe damit nichts zu tun. Es erinnert mich an die 1968er. Da hatten wir im Westen auch solche Revolten. Sie haben das eben hier gemacht. Das hat nichts mit unserer Hochschule zu tun.

Er hätte sowieso lieber die neue Universität auf einem anderem Terrain gebaut und nicht da, wo die Gebäude jetzt sind. Ich habe dennoch schon angefangen, mit den ehemaligen Studenten Interviews zu führen über damals, wie sie das empfunden haben. Was daraus wird, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass ich das erst mal machen muss. Dabei stelle ich fest, dass mir die Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Täter und Opfer von früher doch ganz schön gepasst hat. Aber wenn ich jetzt mit den erpressten Studenten rede, dann bin ich nicht mehr der Hero. Denn sie haben ihre eigene Leidensgeschichte. Dass sie verraten haben, ist ihr Leiden. Da sie es jetzt annehmen, mit mir Kontakt zu haben, in die Öffentlichkeit zu gehen und über ihr Leben zu berichten, muss ich plötzlich auch offen werden. Ich kann sie nicht mehr beschimpfen und sagen:

Ihr könnt mich mal (lacht).

Im Rahmen dieses Projektes bat ich einige darum, mir zu bescheinigen, dass ich ihren Namen nicht schwärzen muss. Bevor sie ein solches Ding schreiben, musst du ihnen innerlich verziehen haben, sonst lassen sie sich nicht auf das Glatteis ziehen. Das ist auch was, das ich bei Art of Living gelernt habe, wo man sagt, du musst kämpfen 100 Prozent und wenn du verloren hast, musst du das anerkennen und dich 100 Prozent unterwerfen. Das ist auch mit dem Museum in der Andreasstraße so gewesen.18 Ich habe 100 Prozent gekämpft, dass es nicht zu einem solchen durchgestylten Museum wird, aber als diese Konzeption gesiegt hat und anfing zu leben, habe ich gesagt:

Okay, jetzt gehe ich da auch rein und gebe meine Sachen hin.

Dass sie jetzt noch meine Kunst gekauft haben, ist eine große Freude. Siehst du, man muss nur zwanzig Jahre überleben, nicht aufgeben und die Sachen nicht wegschmeißen. Das ist wirklich so, man muss dran glauben.

Goepper: Machst du das alles umsonst?

Stötzer: Das meiste ist leider erst mal ohne Geld. Deshalb ist der Verkauf von Kunst extrem wichtig, und auch, dass ich sagen kann, es wird gefördert. Ich will auch, dass der Forschungsauftrag bezahlt wird, damit die Gesellschaft Verantwortung für die Prozesse von damals übernimmt. Es geht nicht nur darum, dass sie mich finanziert, sondern auch, dass sie das Projekt offiziell anerkennt. Klar lebe ich arm: Ich kriege Opferrente, Sozialunterstützung und Mietzuschuss. Wenn ich bei jemandem bin, der ein tolles Haus hat, denke ich immer, du musst dich wirklich kümmern, dass du mal eine größere Wohnung kriegst. Sobald ich das aber verlassen habe, ist es wieder weg und bin ich froh, dass ich irgendwie meine Sachen und einen Raum, wo ich was machen kann, habe. Ich bin sowieso immer mehr so ein Maulwurf gewesen.

Goepper: Als Maulwurf fliegst du morgen nach China. Was hat dich dazu gebracht, diese Einladung anzunehmen?

Stötzer: Das mit China ist erstens ein Zeichen dafür, dass ich wirklich in Deutschland und in Erfurt sein muss. Wäre ich in Holland geblieben, hätte man mich nie geholt. Ich kann natürlich auch meine Teilnahme an der Tagung dort als Abenteuer erklären, das ist aber vor allem eine Anerkennung meiner damaligen Tätigkeit im Widerstand als öffentliche Performance.19 Inzwischen kann ich Lob auch ertragen. Zuletzt mache ich das auch, um einen Fuß in die Tür zur Öffentlichkeit zu bekommen, damit sie uns sehen.

Goepper: Du hattest allerdings vor Kurzem eine literarische Atempause, wie du sie ab und zu brauchst. Kannst du noch einmal auf diese Lektüre, die du im Auftrag vom Literaturbüro Thüringen gemacht hast, zurückkommen?

Stötzer: Es ist eine der vielen konkreten kleinen Sachen, die ich im Moment mit oder ohne Geld mache. Es ging um einen Vortrag im Literaturbüro über eine vergessene Autorin Thüringens. Und dann habe ich den Roman von Toni Schwabe Die Hochzeit der Esther Franzenius gelesen. Da kam wieder die Leichtigkeit, die Schönheit der Sprache, all das, wofür man als Schriftstellerin lebt. Du läufst und bist total beglückt über alles, weil alles anders ist. Es ist, als ob du in der Manie bist. Das ist einfach Glück, einen solchen Zustand zu kennen und darin zu schaffen.

Goepper: Was gefällt dir besonders in der Kunst und in der Literatur?

Stötzer: Die Einzigartigkeit, die dazugehört. Das hatten wir in den Performances. Es war Kunst, es war Hoffnung, Breite und Größe. Kunst und Literatur geben dem Bewusstsein eine andere Dimension. Daher denke ich, dass die Texte, die wir gemacht haben, nicht von gestern sind. Sie haben wirklich noch was. Allmählich wird man wieder entdecken, dass dieses etwas Einzigartiges war. Das Problem ist, dass die Frauen es selber weggesteckt haben. Ich aber stecke es nicht weg, weil ich glaube, dass sich noch zeigen wird, was das für eine Kraft war. Auch mir selbst. Damals haben wir es einfach gelebt. Wir waren das. Wir waren alle total süchtig an uns, an Erfurt und an der Idee, etwas zu machen. Ohne das machst du das nicht. Es war ein Appell an die Schönheit, an die Freude untereinander und an die positiven Stoffe, die sich dadurch entwickelten.

Goepper: Könntest du dir vorstellen, in einer solchen Künstlerinnengruppe oder Frauengruppe wieder aktiv zu werden?

Stötzer: Ich habe keine Zeit, nee. Ich muss erst mal meine Vergangenheit aufarbeiten und auf die Welt bringen. Und dann muss ich an meinem Buch schreiben. Ich möchte über Depression und Selbstverleugnen schreiben.

Goepper: Kannst du dir vorstellen, dass du experimentell darüber schreibst oder wird das wieder episch?

Stötzer: Das weiß ich nicht. Es wird jedenfalls eine schmerzende Literatur sein, weil ich gegen mich selbst vorgehen muss. Ich muss darüber berichten, was ich mir selbst angetan habe, um im Kampf gegen die Depression meines Partners zu bleiben. Der Kampf ist wahrscheinlich das Letzte, was wir von unseren Vorvätern haben. Ich suche aber eine andere Taktik. Ich habe mich immer im Kampf für Männer unterworfen: Indem ich mich für Wilfried Linke engagiert habe, bin ich aus der Hochschule geflogen, dann kam Wolf Biermann, für ihn war ich im Gefängnis, dann kam mein Partner, wo ich kaum Beziehungen zu anderen hatte. Depressive leben in einer existenziellen Einsamkeit. Für diese Leute bist du derjenige, der noch bei ihnen bleibt, also das andere überhaupt, und das ist kompliziert. Du bist das andere und kämpfst gleichzeitig für ihn gegen die ganze Welt. Wir könnten aber etwas anderes anstelle dieser männlichen Taktik des Kampfes entwickeln. Eine andere Sozialisationsform. Das ist vielleicht das politische Potenzial des Weiblichen. Ich sage jetzt mal das Weibliche dazu, im Sinne von „als Weib erfahren zu haben“. Ich weiß allerdings nicht, ob es beim Schreiben was wird, denn Schreiben nimmt dich woanders hin.

Goepper: Glaubst du, dass Literatur das Leben ändern kann?

Stötzer: Ich denke, dass man zu allen Schritten, die ich jetzt gemacht habe – vergeben, aufhören zu kämpfen – auch literarisch kommt, wenn man schreibt. Schreiben heißt nicht werten. Du musst zunächst erstaunt beobachten, was alles vorhanden ist. Das ist die Voraussetzung, denn um zu schreiben, um diese und jene Seite zu vereinen, muss man viel ertragen. Man muss sich auch vom Schreiben führen lassen. Man muss sich hingeben können, fast glauben, dass es etwas Höheres ist, nicht etwa Gott, aber dass dieses ES dich führt. Das sind Mechanismen, die ich zwar im Leben praktiziert habe, aber das Schreiben führt dich ganz eindeutig noch einmal hin.

Goepper: Das Vertrauen hast du also nicht verloren, weder in der Politik noch in der Literatur…

Stötzer: So was habe ich im Gefängnis selbst mitgemacht. Hoheneck war der härteste Frauenknast in der DDR. Da saßen alle Schwerverbrecherinnen und ich war die Einzige, die erleichterten Vollzug hatte. Die Zellen waren alle zugeschlossen, sogar sonntags. Wir wurden nur für die Arbeit und das Essen und den Freihof rausgeschlossen. Nachdem mir die Durchführung eines Zeichenzirkels gestattet wurde, wurden alle Zellen unseres Kommandos Sonntagvormittags aufgeschlossen. Nicht nur diejenigen, die gezeichnet haben, konnten aus ihren Zellen raus, sondern alle. Und schon das Gefühl, dass die Zellen offen waren, war toll. Einige Gefangene kamen dann in meine Zelle und in der Zeit des gemeinsamen Zeichnens war Freiheit. Es war sozusagen eine Extra-Zeit. Wenn ich sage, dass es eine höhere Sache ist, klingt es arrogant, aber damit entsteht wirklich eine andere Wesenheit, eine Art höheres oder gesteigertes Ich, das sich über den Alltag hinstellt. Das macht Literatur oder Kunst – immer. Dahin muss man sich aber entwickeln, dafür muss man wirklich die Realität abführen und sagen können:

Jetzt mache ich das nicht mehr, sondern das.

Das ist einfach, wo ich mit meinem Buch hin will, zu dieser anderen Dimension: Hoffnung, Schönheit, Kreativität. Aber erst wenn alle Spannungen weg sind, kommt die Literatur. Ich habe es erfahren. Es kommt einfach auf mich, ich muss mich nur öffnen und hinstellen. Es nur ertragen und nehmen. Wenn du nur verkrampft und verknallt dastehst, auch als Frau, kannst du sowieso nichts nach außen geben. Schreiben beißt für mich, dass es fließt. Dann kommen auch der Erfolg, das Glück und die Liebe, alles kommt zusammen. Und letztendlich auch die Macht als Frau.

Aus Sibylle Goepper und Cécile Millot (Hrsg.): Lyrik nach 1989 – Gewendete Lyrik? Gespräche mit deutschen Dichtern aus der DDR, Mitteldeutscher Verlag, 2016

Vor-Sätze außer der Reihe

– Zu Gabriele Kachold: zügel los.

ich habe die wut
ich habe die wut
auf das verfluchte
auf die verfluchten
auf mich verfluchte
(damit ich die kraft habe über alle
grenzen zu gehen und in ein anderes
land)

Gabriele Kachold, die verschiedene Berufe ausübte und sich auf verschiedenen Gebieten künstlerisch versucht (sie webt, strickt, zeichnet, fotografiert und macht mit anderen Frauen zusammen Videofilme und Performances), hat zu schreiben begonnen, um sich in Texten über sich selbst zu verständigen, in einem Schreibakt, der nicht nur darauf angelegt war, sich Rechenschaft zu geben, sondern den sie auch nutzt, um Gefühlen und Gedanken endlich einmal freien Lauf zu lassen, sich von Zwängen und Begrenzungen zu befreien (zunächst ganz unabhängig davon, was mit solchen Texten geschehen sollte). Sicher war die Gefängnishaft, zu der sie 1977 in Zusammenhang mit den Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns verurteilt wurde, ein Grunderlebnis. Aber die Auseinandersetzung mit solcher unmittelbaren Freiheitsberaubung führte dazu – es war wie ein Zwang –, über sich selbst, über ihre Lage als Frau in dieser Gesellschaft, über ihre Verstrickung zu den Männern, zur Elterngeneration und zu ihrer eigenen Generation zu reflektieren, sich dessen zu vergewissern, was sie sich bisher nicht gestattet hatte. Und das möglichst nicht – wie es so schön hieß – literarisch, sondern indem sie manisch – d.h. besetzt, besessen, leidenschaftlich, tobsüchtig, aber auch leidend – notierte, wie sich dieser Gefühls- und Erkenntnisprozeß bei ihr vollzog, mit Höhen und Tiefen, Sinn und Unsinn, Licht und Schatten, Erhellung und Zweifel. Ein fortlaufender Text, der nichts verbergen sollte, nicht Fakten, Emotionen, Begebenheiten, wie man sie sonst auch aus der Literatur kennt, aber – so wollte und mochte sie es – nicht ,gestaltet‘, gefügt, gefaßt in vorhandene ,Form‘ – natürlich ein Unding.
Denn beim Schreiben läßt sich der schriftstellerische Impetus nicht verleugnen, er setzt sich, auch unfreiwillig, mit einmal im Kopf vorhandenen Mustern, so oder so durch (es gibt keine ,naive‘ Literatur, wie es vielleicht eine ,naive‘ Malerei gibt, nicht in unserer Zivilisation) und auch der literarische Dialog ist unvermeidbar. Ihr Text „undink“ adaptiert rigoros ein Motiv von Ingeborg Bachmann; Arbeiten von Gertrude Stein muß sie gelesen haben, in bestimmten Textpassagen nähert sie sich den Experimenten der Autoren der „Prenzlauer Berg Schule“ (die inoffizielle Zeitschrift mikado veröffentlichte zuerst etwas von ihr) auch um sich zugleich von ihnen abzustoßen oder selbständig ihrer Sprache freien Lauf zu lassen bis hin zur reinen Lautmalerei, die sich natürlich aus dem heimatlichen thüringischen Dialekt ableitet und in Kontrast zu Heimat- und Kindheits- und Volkstümelei gebracht wird: heimatwürze – homungtata papa geht durchs dorf – harun et horun –

das herz ist ein pendel
schrendel schindel schandel kindel
mutterle vaterle der böbu der baderle
………………
das blickle was golden die hände sin gefolten un i wein
weil i weiß

Aus den umfangreichen Textbüchern der Gabriele Kachold wurde im Gespräch mit ihr eine Auswahl getroffen, die möglichst „alle Seiten“ ihres sich fortschreibenden – automatischen? – Tagebuchs zeigen soll.

es gibt so viele lügen wie lagen
es gibt so viele Wahrheiten wie waren
………………
und was du durchhältst ist der lebensfaden

Also:

Gabriele Kacholds Texte bestechen durch ihre Aufrichtigkeit.
Man wird ihnen manches vorwerfen können, nicht aber, daß sich in ihnen und mit ihnen eine Person, eine Frau – ein Mensch kühn durchsetzt, sich – weitgehend ungehemmt seinen Sinnen, Gedanken und Worten und damit seiner eigenen Sprache überläßt, sich ihr anvertraut, um sich mit ihrer Hilfe auf die Füße zu stellen. Den Kopf erhoben, nachdem sie zuvor lange nicht wußte, in welcher ,Lage‘ sie sich wirklich befand, jetzt ein Zustand, dessen sie sich – zu ihrem Glück – immer wieder neu versichern muß, daß sie darüber außer Rand und Band geraten kann. Gabi Kacholds Texte sind auch die authentische Schilderung solchen Bewußtseins.
Mit einem Zuge versucht sie alle Einschränkungen und Begrenzungen abzustreifen, die ihr durch die Maße ausgeübter Kunst und eingelaufenen Lebens gesetzt sind. Vielleicht hat sich hier in diesem Land in diesen Jahren keine Frau so rückhalt- und wehrlos, das heißt auch waghalsig auszusprechen versucht, ohne sich an die bekannten Spielregeln zu halten. Sicher wird sie überall dort auf Widerstand stoßen, wo man sich der verordneten Verhaltensmaßnahmen und Verkehrsvorschriften nur allzu sicher ist.
Gabriele Kachold ist sehr jung wegen politischer Unbotmäßigkeit zur Verantwortung gezogen, daß heißt auch widersinnig kriminalisiert worden. Sie hat sich dem ausgesetzt und Ausweichmöglichkeiten nicht gesucht. Zweifellos sind ihre Texte von dieser existentiellen Situation motiviert und gezeichnet, nicht nur an den Stellen, wo sie direkt davon spricht, übrigens, wie ich meine, auf bravouröse Weise nicht getrieben von Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit, wenn auch nicht ohne Zwang anspruchsvoller Selbstbehauptung, die auch die krasse Gebärde kennt. Ja, sie ist ein gebranntes Kind, eine verletzte Frau, die sich ständig ihrer Haut wehrt. Sie sagt es in den Manuskripten, die sie, manchmal über viele Seiten hinhetzend, aufgezeichnet hat; oft, ohne sie absichtlich oder nachträglich ,in Form‘ zu bringen – wie es ausgefeilte Prosastücke dieses Buches auch bezeugen.
Ich lese gerade aus den spontan wie unkontrolliert skizzierten und so stehengelassenen Sätzen mehr heraus als aus den abgerundeten Episoden.
Der aufgerissene Mund, die zügellose Geste, manchmal bestürzend, manchmal erschreckend banal, sie geben Zeugnis davon, was bisher von dieser Generation noch nicht gesagt wurde, was unterdrückt, geleugnet oder einfach verschwiegen worden ist.

ich habe etwas geborgen
kein geld keinen hasen keine streunende katze
aber mich

[…]
und ganz drinnen noch so was wie
da blieb was ist
[…]
eingeweiht und lang nicht gelebt
[…]
steh ich hier und weiß:
das leben wird nie wieder so sein wie es war
von dieser minute an

Gerhard Wolf, aus Gerhard Wolf: Sprachblätter Wortwechsel. Im Dialog mit Dichtern, Reclam Verlag, Leipzig 1992

Ein Skelett, eine Traube, ein Vieh

Gabriele Stötzer

Erfurt, am Abend des 20. November 1976. Die 23-jährige Gabriele Stötzer sitzt mit ihrem Mann in der Küche. Es klingelt. Zwei Freunde, Walfred Meier aus Jena und Thomas Wagner, Bühnentechniker der Städtischen Bühnen Erfurt, stehen vor der Tür und haben ein Schreiben bei sich – die Unterschriftensammlung Ostberliner Künstler gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, die bisher nur im Westen veröffentlicht wurde. Im oppositionellen Jena hatte man die Stimmen gegen den Rausschmiss im Handumdrehen zusammen, aber was ist mit Erfurt? Kommt hier nichts zustande? Die vier einigen sich schnell.

Der Text wurde auf meiner Schreibmaschine abgetippt und von mir als Erster unterzeichnet. Während ich unterschrieb, wurde mir schwarz vor Augen. Mir war klar, dass die Unterschrift Folgen haben könnte. In Jena waren schon mehrere Leute verhaftet worden.

Die beiden Männer zogen los und sammelten zwanzig Unterschriften. Die Erfurter Namensliste sollte daraufhin von Gabriele Stötzer nach Berlin gebracht und im SED-Hauptsitz abgegeben werden. Doch der Geheimdienst hatte die geplante Aktion schon im Visier. Am Abend des 22. November 1976 wurden Gabriele Stötzer und ihr Mann verhaftet.

Nach einer Nacht voller Verhöre konnte ich am anderen Morgen wieder gehen, ebenso mein Mann.

In den Wochen darauf wurde sie jedoch immer wieder abgeholt und verhört. Auch Freunde und Arbeitskollegen, da die Biermann-Ausbürgerung längst zum Lackmustest für die scheinliberale DDR geworden war. Jeder musste Farbe bekennen, in allen Brigaden wurde abgestimmt: Ja für Biermann hieß Nein für den Sozialismus. Ein Nein konnte Verhaftung, Verhöre, auch Exmatrikulation und Berufsverbot bedeuten. „Die Zeit war schlaflos“, sagte Gabriele Stötzer. „Wir saßen im Hexenkessel, mit unseren Ängsten in der DDR-Soße, in der Provinz.“ Zwei Tage nach ihrer ersten Verhaftung hatte der Geheimdienst den Operativen Vorgang „Kapitän“ eröffnet, mit Ermittlungen zu Thomas Wagner, zu ihr und ihrem Mann. Am 3. Januar 1977 glaubte der Erfurter Geheimdienst die Akte ausreichend gefüllt, um im Hinblick auf den Willkürparagraphen „Verdacht der Staatsverleumdung“ gegen die drei vorgehen zu können. „Die zu bearbeitenden Personen haben durch ihre Aktivitäten den Straftatbestand Paragraph 220, Absatz 1, Ziffer 1 des StGB erfüllt.“ Drei Tage später, am 6. Januar 1977, griff das MfS zu. Am Morgen wurde Gabriele Stötzer erneut abgeholt. Während des Verhörs legte man ihr ein Blatt vor, auf dem „Tätige Reue“ stand. Sie sollte unterschreiben, zurücknehmen, bereuen und die Biermann-Aktion auf diese Weise ungeschehen machen. Sie weigerte sich, wurde abgeführt.

Plötzlich kamen drei Leute in den Vernehmungsraum; eine Frau in einem braunen Pelzmantel und zwei Männer. Sie holten mich ab. Wir verließen das Haus und gingen durch Wände und Wände und Wände.

Sie kam in den Stasiknast Erfurt in der Andreasstraße 37 – das Untersuchungsgefängnis samt Bezirksverwaltung des MfS in einer Nebenstraße am Erfurter Gericht, direkt am Domplatz, dem Zentralnerv der Stadt. Der dreckige Gemüseladen an der Ecke zum Stadtring mit Zuckerrüben- und Kohlstiegen, oben an der Kreuzung die Kessel mit offenem Feuer, die den Verkehr durch die Suppe des Braunkohlesmogs leitete, die morbiden Häuserfassaden als untere Rotunde des Domplatzes, die durch den Schneematsch rutschenden Erfurter mit ihren alltäglichen Besorgungen und verspäteten Neujahrswünschen, die verstreuten Reste von Silvesterknallern, das notorische Schlagen der Domuhr.

Niemand rastete aus. Die Welt ging nicht aus den Fugen, als ich in die unnormale Welt gefügt wurde.

Eine Frau Anfang zwanzig, auf dem Weg in ihre Zelle, entlang an Wachen und Toren, durch jede Menge Maschendraht gesichert. Kurze Zeit später saß sie allein, in einem grauen Trainingsanzug, in Zelle Nummer 5.

der weg den ich gegangen bin der mich genommen hat
öffentlich anziehen ausziehen zähne putzen
es war ihre öffentlichkeit ihre mauern ihre scheißhäuser ihre schlafbestimmungen
ich sah ihren himmel ihre gefangenen ihre bewacher
ich war ihrem fleischgeruch ausgeliefert ihrem kartoffelsegen
ihren gittern ihren vorgaben das was sie uns gewährten
ihrem gerüst das leben zusprach liebe absprach

Die Zelle mit schallschluckenden Wänden, matten Fenstern, Außengittern, fehlender Möblierung, der verbotene Kontakt nach draußen, die Endlosverhöre in den Nächten, die Drohungen, der Schlaf- und Essensentzug, manchmal auch Dunkelhaft und Fesselung.

Ich schwieg, schluckte die Einsamkeit, habe ins Klo gesprochen, Klopfzeichen gelernt.

Die Kälte, der Schock, die Einsamkeit, die Schreie der Mithäftlinge durch die Wand, der Schmerz. Sie bekam Nierenkoliken. Ein Schmerz, mit dem sie sich kaum mehr aufrecht halten konnte. „Eine Liegeerlaubnis für den Tag darf nur der Haftarzt erteilen“, besagte die Haftordnung. Doch der Arzt erteilte gar nichts, überwies den „Verwahrhäftling“ stattdessen ins Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf, wo schon Edeltraud Eckert gelegen hatte. Nach der Untersuchung teilte man Gabriele Stötzer mit, dass sie eine Bauchhöhlenschwangerschaft habe. Sie hielt das für unwahrscheinlich, doch die Operation war bereits angeordnet.

Ich heulte, schrie, bekam Anfälle.

Als sie aus der Narkose erwachte, war von Schwangerschaft nicht mehr die Rede. Es gab keine. Der Arzt zuckte mit den Achseln:

Wenigstens haben wir ihre angewachsenen Eierstöcke gelockert.

Die Fahrt zurück nach Erfurt, ins Eisverlies am Dom. Das Hoppeln über die löchrige Autobahn, so löchrig wie ihr Bauch. In Gedanken zählte sie die Orte ab, an denen der Transporter vorbeimusste: Weißenfels, Naumburg, Jena, Weimar. Sie sagte sich, dass es genug sei, dass man sie jetzt entlassen müsse.

Ohne direkt das Wort Erbarmen zu denken, erwartete ich es.

Als das Auto hinter Jena die oberste Kippe nahm, um in die weite Landschaft dahinter zu rollen, wusste sie: Ab hier begann ihr Zuhause – ihr Wald, ihre Hügel, ihre Sprache, ihr Himmel, ihre Zeit, ihre Burgen, ihre Lieben, ihre Mulden, ihr Luther. Zuhause, das waren auch das Dorf Emleben bei Gotha, die Mutter Gerda Stötzer, Hauptbuchhalterin der Gemeinde, der Vater Herbert Stötzer, Werkzeugmacher im VEB Stahlverformungswerk Ohrdruf, die drei Geschwister, das Westfernsehen, die Dorfrituale, der graue Dachschiefer der Häuser an der Ortsstraße, der Weg zur Schule. Sie hatte dort in einer Welt gelebt, in der Tacheles geredet wurde, wo jeder seinen Platz hatte, die auch eng sein konnte, aber Augenmaß besaß.
Nach dem Zehnklassenabschluss in Gotha 1969 entschied sich Gabriele Stötzer für ein Studium als Medizinisch-Technische Assistentin an der Fachhochschule Erfurt.

Das klang wenigstens gut. Scheiße abwaschen? Nein. Scheiße analysieren? Ja.

Das neue Leben hatte außerdem einiges zu bieten – nicht das Internat, nicht die tägliche Ausbildung, sondern die Szene-Treffs im Cafe Angereck. Dort hockten sie alle: die mit den langen Haaren, die echten Rolling-Stones-Fans, die Jeansträger, die Tramper, die Scheunenschläfer, die mit Vorliebe Wermut tranken, die unentwegt rauchten, die Ideen hatten. Aber Gabriele Stötzer wollte nicht einfach nur dagegen sein – gegen das System, die Institutionen, die Strukturen, das Denken. Untergrund gut und schön, aber sie wollte in jedem Fall studieren, etwas, das in der Szene absolut verpönt war.
Ab Herbst 1971 holte die Achtzehnjährige neben ihrer ersten Arbeit am Institut für Arbeitshygiene auf der Abendschule das Abitur nach, lernte dabei ihren späteren Mann kennen, machte zwei Jahre später ihren Abschluss, um sich ab September 1973 für ein Studium in den Fächern Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt zu immatrikulieren. Sie nun mit Studium, Mann, Wohnung, Ehekredit, Waschmaschine und einem Trabant vor der Tür. War es das, was sie gewollt hatte? Vielleicht. Jedenfalls wurde sie Beststudentin, stellvertretende FDJ-Sekretärin ihrer Studiengruppe, Mitglied der Studentenbühne. Jedenfalls heiratete sie, begeisterte sich für Trotzki und Bakunin, inszenierte Die Wanze von Majakowski mit, fuhr zu Ausstellungen, Rockkonzerten und in Provinztheater, wo renommierte Regisseure den frühen Brecht und Ulrich Plenzdorf auf die Bühne brachten.
Als jedoch der Student Wilfried Linke, Chef der Studentenbühne, im Juni 1976 wegen „revisionistischer Thesen über die widersprüchliche Entwicklung im Sozialismus“, konkret wegen eines Schreibens zum Stand der Dinge im Fach Marxismus/Leninismus, exmatrikuliert wurde, war Schluss mit dem studentischen Schmus. Ein Rauswurf wegen ein paar Fragen, die noch dazu alle angingen? Das war mit ihr nicht zu machen. Gabriele Stötzer setzte eine Petition auf, sammelte am Institut 84 Unterschriften und schickte sie postwendend nach Berlin, an die Bildungsministerin des Landes Margot Honecker. Deren Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie verlangte, dass man sich zu distanzieren habe oder mit Konsequenzen rechnen müsse. Was jetzt? Wegen so einer Lappalie noch mehr Druck, noch mehr Drohungen und absurde Gespräche, womöglich gar weitere Rausschmisse? Das machte gar keinen Sinn, folglich konnte es sich auch nur um ein Missverständnis handeln. Doch wie aus der üblen Situation herauskommen, wie dem Freund helfen? Gab es niemanden, der hier Fürsprache einlegte? In ihrer Not schrieb Gabriele Stötzer am 8. Juli 1976 einen nächsten Brief, diesmal an den in Berlin lebenden Schriftsteller Volker Braun, und schilderte die prekäre Situation:

Wilfried ist exmatrikuliert, und egal, wie er sein Leben jetzt gestalten wird, ist dies in erster Linie bestimmend. Und ich, wenn ich an dieser Hochschule bleibe, die meinen Namen schon fast so verachtungsvoll nennt wie Wilfrieds, es wird so schwer sein, so schrecklich. Und die anderen? Hoffnung? Und wie leben so? Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch und sicher denken viele, ich bin stark, vielleicht stimmt es auch, doch alles kostet seinen Preis.

Volker Braun reagierte in gewohnter Manier, nämlich taktisch: mit einem knappen Schreiben an die Studentin und einem entsprechend längeren an den Erfurter Rektor. Doch dort hatte man keine Informationen aus Berlin mehr nötig. Dort lief schon alles – stabsplanmäßig, ritualisiert. Große Teile der Studenten wurden vom „Lehrkörper“ instruiert, die Protestierenden abzukanzeln. Die, die ihre Unterschriften noch nicht zurückgezogen hatten, wurden vor Tribunale gezerrt. Das hieß: trübe Nachmittage an langen, grau gesprenkelten Sprelacart-Tischen, dann fielen Worte wie „ungeheurer politischer Verrat“, „antikommunistische Vorurteile des Klassenfeindes bekräftigt“, „politische Provokateure“, „revisionistische Tendenzen“. Gabriele Stötzer wehrte sich, doch der Ausgang der Farce war vorherbestimmt:

Die Studentin wird entsprechend der Disziplinarordnung mit Wirkung vom 8.9.1976 vom Studium an allen Universitäten und Hochschulen ausgeschlossen.

Von den Denkfabriken des Landes ausgeschlossen. Vielleicht hatte sie diesen Moment vor Augen, als das Auto aus Leipzig-Meusdorf durch das mittelalterliche Erfurt kreiselte, um sie erneut in der Andreasstraße abzugeben. Vielleicht dachte sie an ihren prompten Einspruch, an den dritten Brief nach Berlin, mit der Bitte, den Rauswurf noch einmal zu prüfen. Sie war keine Provokateurin. Sie traf keine Schuld. Sie hatte einfach reden wollen. Wieso sollte sie nicht weiter studieren? Warum hielt man sie für eine Verräterin, die „Krallenhand des Klassenfeindes“? Wie kamen die überhaupt darauf? Die Zeit nach dem Einspruch: Sie saß mitten in der Stadt, am Wehr, auf der Steinmauer, keine 500 Meter Luftlinie vom Domplatz entfernt. Es war September und der Sommer noch ganz schön. Sie hörte dem Geplapper der Enten nach, lief zum Fischmarkt, an den Schaufenstern vorbei, betrachtete ihr „eigenes gespiegeltes Bild. Augen, Nase, Mund im weißen Gesicht“. Plötzlich hielt sie inne: Und wenn die einen nicht lassen, ihr die Rückkehr an die Hochschule verwehrten, wohin dann? Am letzten Septembertag kam die Antwort aus Berlin:

Die zur Sprache gebrachten Fakten und aufgeworfenen Probleme rechtfertigen die Entscheidung des Zentralen Disziplinarausschusses der Hochschule. Ihrem Einspruch wird von uns nicht stattgegeben. Diese Entscheidung ist endgültig.

Diese Unabänderlichsprache, Abstraktsprache, Gespenstersprache. Zurück in Zelle 5 hatte sie an das viele Nein denken müssen, an die dumpfen Ausschussgesichter, die stumpfe, kalte Tischplatte, an das heimelige Licht auf den Fluren der Hochschule, die gedämpften Geräusche, nachdem alles vorbei gewesen war.

Piep sagt der Vogel am Fenster in alten Knastberichten.

Piep? Tagsüber saß sie in ihren zweieinhalb mal dreieinhalb Metern, auf dem Hocker. Nachts lag sie wach.

Aus dem Hass, aus der Erniedrigung wuchsen plötzlich die Gedanken. So hoch wie damals habe ich nie mehr gedacht. Alles Kleine wurde aus einem rausgeschwemmt.

der mittelalter särge bloßgelegt
die sarkophage heißen schweinekoben
ich blicke von oben hinunter
wo ich fünf monate die freistunde genoss
ich habe alle räume vergessen
räume waren ecken zum wegdrehen wenn zufällig ein anderer mensch kam
ich hab dich damals nicht gekannt zellennachbarliche
nur diese mauern und das stück licht diesen unzureichenden himmel

Fünf Monate U-Haft, dann am 17. Mai 1977 der Prozesstag. Noch so eine Farce. Wie hieß nochmal das Gesetz, gegen das sie verstoßen haben sollte? Wo war der, der ihr das sagen konnte? Thomas Wagner wurde zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt und musste nach Bautzen, ins „Gelbe Elend“. Gabriele Stötzer erhielt „wegen der Schwere des Delikts“, also vermeintlicher „Staatsverleumdung“, ein Jahr Zuchthaus ohne Bewährung. Die verbleibenden sieben Monate hatte sie in der Frauenhaftanstalt Burg Hoheneck abzusitzen. Burg Hoheneck? Das grau glänzende Eingangstor, dahinter der Hof, noch ein Tor. Der erste Gang zur Krankenstation, in der sie untersucht wurde. Der zweite Gang die Effektenkammer, wo sie ihre Anstaltskleidung erhielt: ein graues Kostüm, drei graue Blusen, eine grauen Pullover, einen grauen Kleiderrock, ein Paar Schuhe, fünf Garnituren Unterwäsche, zwei BH, einen Strumpfhaltergürtel, Strümpfe, zwei Nachthemden. Für Herbst und Winter gab es später einen dicken grauen Mantel, ein Paar graue Handschuhe, einen grauen Schal und ein graues Kopftuch.
Gabriele Stötzer kam in „Verwahrraum Nummer zwei“, ein Raum für 33 Gefangene, dreistöckige Pritschen, Regale für die wenigen Sachen, ein großer Tisch. „Hey“, warf die Verwahrraumälteste ihr lässig zu, „pass auf, wir sind Verbrecher. Wir könnten Mörderinnen sein, wir könnten alles mit dir machen.“ Das Leben unter Prostituierten, Diebinnen, Mörderinnen.

Oft, wenn sie die Dicke der Mauern betrachtete, dachte sie: Das kann doch nicht wahr sein.

Das Nichtwahrseinkönnen, das Kriminellseinsollen, das Vorsichhinmickern. Die Gesetze des Nahkampfes zwischen den Frauen. Die Neue schwieg, zwei Wochen lang, biss sich auf die Lippen, irgendwann hatte sie entschieden: Sie wollte leben.

Im Knast gibt es nicht gut, böse, besser. Du bist nackt da drin.

Leben, also überleben. Das hieß, den „gerissenen Faden zum alten Leben“ gerissen sein lassen. Das hieß, die Abgründe, aber auch das „Ethos, die Verletzlichkeit, die Kraft der kriminellen Frauen“ sehen lernen.
Tagsüber die Arbeit am Fließband, im Dreischichtsystem, wie vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Arbeiten für VEB Esda: pro Schicht 650 Strumpfhosen in Einheits-Weiß, pro Monat 40 Mark Knastgeld, eintauschbar für Kaffeemarken, Brausepulver, Florena-Creme. Das Rattern der Nähmaschinen durch den Traum oder die Nacht-Geschichten der Frauen in den Betten neben ihr: über die, die mit einer Klobürste vergewaltigt wurde, über die, die sich mit dem Hammer einen Nagel ins Hirn schlug, über die Geliebte, die ins kochende Wasser gestellt wurde, über das Burgfräulein vom Hügel nebenan, das den Fürsten betrog, eingemauert wurde und nun als Geist durch Hoheneck wandelte, über die gehäutete Dichterin, der eine Welle die Haare wegriss und die verreckte, weil niemand den Erstehilfe-Kasten öffnete. Geschichten, die das Schlimmste aufriefen, um den eigenen Horror erträglicher zu machen. „Ein Skelett, eine Traube, ein Vieh“ – war das der Zustand?

rote striche auf der weißen haut
löcher in armen und brüsten
zernarbte bäuche
das schlucken von löffeln
durch die scheibe gehen
die versuche, sich die adern aufzuschneiden, wurden schnippeln
genannt.

Im Januar 1978 wurde Gabriele Stötzer mit 391,71 Mark Arbeitslohn nach sieben Monaten Haft aus dem Zuchthaus entlassen.

Nach zwölf Monaten Eingeweide fand ich mich wieder in ihrem Abfallhaufen. Die erste freie Luft war scharf und kalt und fast unerträglich einsam.

Die Starre danach und der Kampf ums Loswerden. Schreiben als Selbstaussage. Ich-Texte als Aufhebung aller Selbstzensur. „Dieses Niederfallen, Zubodengehen, diese dunklen Felder meiner Biografie“ – die Gewalt, die Demütigung, das Erlittene, ja. Doch vor allem das andere: „die Ekstasen, Schönheiten, die Kraft und Leichtigkeit suchen, die nur in Sprache ist“, Texte ohne Punkt und Komma. Mit einem großen Schmerz und deshalb starker Eruption. Treibend, ratternd, rhythmisch. Nichts Ausgedachtes, Angelesenes, sondern etwas durch und durch Lebenswahres. Pochend, leuchtend, stark, dröhnend, stolz. Sie schrieb, was ihr fehlte, holte sich das, was nur Sprache kann, holte sich mit Worten die Farbigkeit der Welt zurück. Sprache als Inversionsraum. Das Universum Hoheneck als Riss, doch ihr Schmerz ein Potential, um die Welt durch ihn hindurch offener, farbiger, weiter zu machen, das ihr aufgebürdete Unrecht wegzuschreiben. Eine unbedingte Ansage, das eigene Gesetz, die Idee ihrer Wahrheit.
Rigoros, exzessiv, hart, provokant, atemlos. Als Staccato-Text mit einem Ich, das sich nähert, sucht, lauert, das spuckt und jammert, das fleht und droht, das hackt und wispert, das für Momente in seiner Mitte hockt, später ängstlich wird, aggressiv, zärtlich, das sich abstößt, sich verwickelt, zerstört. Ein Ich, das nervös Pickel im Gesicht macht.

Ich schrieb ich weil ich dachte mit jedem Wort andere zu verraten.

Etwas Unverwechselbares war in der Welt.

Vergib dir alles, gib alles hin. Nur wer gibt, gewinnt. Wer macht, was er sagt, ist verdächtig. Wer glaubt, ist verdächtig, wer fühlt, ist verdächtig. Wer zu hoch hinaus will, den lassen wir vor der Tür stehen. Entwertete Fahrscheine gelten nichts. Gestempelte Frauen reicht man die Straße entlang. Wenn sie sich brechen lassen, sind sie selber schuld. Schließlich sind sie die anderen, schließlich sind sie der Feind, schließlich haben sie eine Gurgel.
Besinnungslos zum Bahnhof gehen. Gepäck in der Hand. Sprache gestorben, Ohren taub, Blick versteinert. Das Herz bröckelt. Die neue Stadt, die neue Straße, das neue Haus, die neue Tür. Die geschlossene Tür. Die stufenlose Tür. Die abgetötete Haut. Es gibt keine Ankunft, hier erwartet man Sie nicht, Sie müssen sich geirrt haben, bitte gehen Sie, aber bitte nicht mit diesem ausweglosen Blick, bitte halten Sie nicht die Luft an.
Tiere legen sich in die Gräber ihrer Herren und sterben nach. Wo sterben wir hin, wenn man unsere Liebe nicht will. Ich kann tanzen, weißt Du, ich tanze Dir etwas vor. Diese einsame Straße entlang. Sie wird dann zeitweilig bunt. Die spitzen Steine stören mich nicht, das Blut stört mich nicht, die Tränen stören mich nicht. Dass ich nicht mehr bin, stört mich nicht. Dass ich niemals war, stört mich nicht. Die Trauer stört mich nicht, der Abschied nicht, das Nichts nicht.

Sie fragte sich, ob Krieg und Knast das gleiche seien. Weil man in beides ging, um für etwas zu kämpfen und wenn man zurückkam, war einem eine Schuld in den Körper hineingewachsen, über die man nie richtig würde reden können, die man nie wieder loswurde.

Hoheneck hatte die Schriftstellerin Gabriele Stötzer aus dem Schmerz gestampft. Die poetische Gangart war entschieden. „Schreiben als Nötigung“, nannte Robert Musil das. Dabei war die Erfurter Realität nach dem Gefängnis alles andere als kunstdienlich. Erneut hatte sich die Fünfundzwanzigjährige sozialistisch zu bewähren, musste in die Produktion, in die Schuhfabrik Talisman. Ratternde Massenproduktion, Neonlicht, diesmal nicht Strumpfhosen, sondern Sohlen. Sie ertrug diese Art Normierung nicht mehr und kündigte. „Langsam bekam sie eine Vorstellung von der wirklichen Veränderung, die sich in ihrem Leben ereignet hatte“, schrieb sie. Der abgerissene Faden. Die innere Zeichnung. Die wirkliche Veränderung im Hinblick auch auf die Freunde, Bekannten, ihr Umfeld.

Die Stasi verstreute Legenden: Die, die einmal mit ihr Kontakte hatten, sollten nun selbst Stasi sein. Gerüchte, über die niemand redete, und gegen die man nur schwer angehen konnte. Ich merkte es daran, dass ich gemieden wurde, nicht informiert wurde, nicht mehr willkommen war. Das schleichend Unfassbare war das Schreckliche im Osten.

Keine Arbeit, kein Geld, der Verlust der Freunde, 1979 die Scheidung. Der richtige Augenblick offenbar, um erneut in den Untergrund abzutauchen. In Anlehnung an die Bauhauspraxis forcierte Gabriele Stötzer die Idee der künstlerischen Manufaktur. 1980 übernahm sie die private Kunstgalerie Galerie im Flur, eine besetzte Wohnung am Erfurter Anger. In zwei anderen besetzten Häusern entstanden Werkstätten für Fotografie, Malerei, Siebdruck, fürs Holzdrechseln, Töpfern, Weben. Sie kaufte Schafwolle, färbte, spann, verwob sie zu originalen Textilien, die ein Stück weit ihr Leben finanzierten. Lesungen, Ausstellungen, die eigenen Kunstbücher, Super-8-Filme, Kontakte. Ihr Leben lief schnell und sah für den Moment so aus, als hätte es in seinem Aktionismus das Land um sie herum ausschalten können. „Ich wollte an die Kunst glauben als außerstaatliche Lebensqualität“, lautete das Credo dieser Jahre. Regelmäßig setzte sie sich in den Zug, fuhr nach Leipzig, Dresden, Ostberlin.
In den Abrissvierteln jener Städte entstand Anfang der achtziger Jahre eine florierende alternative Kunstszene, die sich außerhalb der staatlichen Kunstlenkung behauptete. In selbst verlegten Zeitschriften und inoffiziellen Publikationen wurde es möglich, sich vom normierten, noch immer zensierten und weiterhin durchorganisierten Literaturbetrieb abzukoppeln. Dabei entstand gute Literatur und Kunst, aber für die gern erzählte Legende vom nun kommoden DDR-Sozialismus taugte die vielfach Stasi-unterwanderte Szene trotz Lebendigkeit nicht.
Denn neben ihr ging es auch in den achtziger Jahren nach wie vor zur Sache: 1981 wurde der Lyriker Uwe Keller für seine Texte zu sechs Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Der Dichter Andreas Reimann, vom Leipziger Literaturinstitut exmatrikuliert, musste für vier Jahre ins Gefängnis. Gerald Zschorsch wurde für das „Schreiben und Verbreiten von Gedichten“ zu fünf Jahren Haft verurteilt. Der Autor Siegmar Faust saß zweimal im Gefängnis, insgesamt 33 Monate. Alexander Richter erhielt mit der Begründung „staatsfeindliche Hetze“ 1982 sechs Jahre Zuchthaus. Ralph Arneke schickte seine Manuskripte in die Bundesrepublik und bekam 1984 „wegen ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ ein Jahr und zehn Monate Gefängnis. Rolf Becker, wegen eines einzigen Manuskripts verhaftet, erhielt fünf Jahre und sechs Monate Haft. Der Theatermann und Lyriker Ralf-Günter Krolkiewicz saß wegen „öffentlicher Herabwürdigung“ ab November 1984 ein Jahr und sechs Monate in Haft. Dem Geheimdienst ging es um frühzeitig zerstörte Kreativität, um Neutralisierung von kritischen Autoren und ihren Texten, um Dienstbarmachung und kulturellen Gehorsam. Und trotz anderslautender Bekundungen blieb es auch bis zum letzten Tag DDR bei rigidester Zensur, die jede illegale Veröffentlichung ohne Mühe verhindern konnte. Noch am 1. August 1989 kam es in Leipzig gegen Heidemarie Härtl zu einem Ordnungsstrafverfahren gegen ihren inoffiziellen bergen-verlag, das sich auf eine „Anordnung vom 20.7.1959 über das Genehmigungsverfahren für die Herstellung von Druck- und Vervielfältigungserzeugnissen“ bezog.

heimland ddr
heimchen ddr
heimsuchung ddr
heimlichland ddr
wir sitzen unter der decke und werden alt
wir sitzen noch in der schulbank und sterben leis
wir erzählen uns unsere abortschweinereien und werden nie erwachsen
unter der decke liegen die generationen und stöhnen ihr weltallerlei
als grützenpudding in den topf
wir rühren und rühren bis das einmaleins ein graumalgrau ist
die grauschicht wächst enorm
das grauen beinhaltet das der kinder denen die bände abgeschlagen sind
die haut ist belegt und beleckt der hund war nie angebunden
opa verlor früh seine kondition vom ständigen kriegmachen wackeln die knie
ein menschenleben hier unter der decke wir haben alles verborgen gehalten
wir wissen was wir sind und haben uns nie voneinander entfernt
erst knieten wir viele jahre unter der decke in anbetung des geistes
über der decke konnten wir uns schubsen
ab und zu kullerte einer den abhang hinunter
inzwischen haben wir uns aneinander gekettet damit uns keiner mehr verlustig wird

1979 besuchte Gabriele Stötzer Christa Wolf in Berlin, die soeben an ihrer Erzählung Was bleibt arbeitete. Für die Jüngere war die Renommierte ein Monument, das Buch Kein Ort. Nirgends eine Art Bibel. Bei Christa Wolf erhielt diese Begegnung in der erst Anfang der neunziger Jahre veröffentlichten Prosa eine literarische Übersetzung:

Wer schickt die? Da sah sie mich an, und ich begann, mich zu schämen.

Das von ihr so genannte Mädchen zog Blätter aus der Tasche und legte sie der Starautorin vor. Christa Wolf las und notierte:

Ich sagte, was sie da geschrieben habe, sei gut. Es stimme. Jeder Satz sei wahr. Sie solle es niemandem zeigen. Diese paar Seiten könnten sie wieder ins Gefängnis bringen. Das von ihr so genannte Mädchen wurde vor Freude weich, löste sich auf, begann zu reden. Ich dachte: Es ist soweit. Die Jungen schreiben es auf.

Immer wieder tauchte Gabriele Stötzer am Prenzlauer Berg auf, Chiffre für das wohl freieste Stück DDR, traf die Künstler Cornelia Schleime, Eberhard Göschel, Reinhard Zabka, die Lyrikerin Raja Lubinetzki und Sascha Anderson, den experimentellen Dichter, Punkmusiker und Szenemeister, der in Erfurt auch das Pseudonym der „Blonde Engel von Berlin“ erhielt. Er kam nun des öfteren nach Thüringen, besuchte die kritische Künstlerin in ihrer Galerie. Und plötzlich musste diese geschlossen werden, plötzlich gab es Auftrittsverbote, wurden Lesungen verhindert und Ausstellungen torpediert, erhielt Gabriele Stötzer Ordnungsstrafen. „Wo Sascha Anderson auftauchte“, sagte sie, „fielen die Galerien. Er zertrümmerte im Auftrag der Stasi. Er zertrümmerte auch Ehen. Und die Zertrümmerten waren danach frei. Die freien Männer scharrten sich um ihn, und die Frauen schliefen mit ihm. Sexualität war ein Machtmittel. Damit machte man kaputt.“
Tatsächlich hatte die Erfurter Staatssicherheit bereits Ende 1979 gegen Gabriele Stötzer einen zweiten Operativen Vorgang „Toxin“ eröffnet, erneut mit dem Ziel, „Beweise gemäß Paragraph 106 bzw. 220 des StGB“ gegen die Dichterin zu fabrizieren. Über zwanzig Spitzel waren permanent um sie herum im Einsatz, darunter auch IM „David Menzer“, im bürgerlichen Leben Sascha Anderson, der es sich nicht nehmen ließ, Gabriele Stötzer als „Faschistin“ zu denunzieren. Über ihre Texte hielt der Geheimdienst des Weiteren fest, „dass selbst literarisch geschulte und sich an westlichen Tendenzen orientierende Personen diese Produkte als teilweise psychopathisch bezeichnen“. Im Grunde das Übliche, eine politische Frau und Künstlerin, noch dazu mit einer genuin weiblichen Schreibposition, zu pathologisieren, erneut zu kriminalisieren und damit auf beliebige Art auszusortieren. Es sah aus wie ein perverses Mammutprogramm und war auch eines: die Sammelwut der Staatssicherheit für die toxische Akte, die verlogene Geschlechterpolitik des Staates, die männlichen Entwertungs- und Abwehrstrategien in der Kunst-Szene. Der Marginalisierungs-Tisch für einen solch ungeschützten Lebensentwurf war üppig gedeckt. Gabriele Stötzer aber hatte beschlossen, den „Tanz auf des Messers Schneide“ aufzunehmen, das hieß, tägliche Bedrohung und Schikane, aber auch die unsichere Existenz als Künstlerin und einer im offiziellen Literaturraum DDR nicht zugelassenen Autorin zu leben. Vielleicht das andere Ende des „abgerissenen Fadens“?
In jedem Fall setzte die Dichterin dem gezielten Vorhaben, sie zu „zersetzen“ und zu „liquidieren“, ihr kategorisches Gegenteil entgegen – etwas Ganzes, Organisches – die Idee eines Gesamtkunstwerkes. Da waren nicht nur ihre Texte, die nach und nach in illegalen Zeitschriften kursierten, sondern auch die Performances und Objektshows, die mit eigengefertigten „utopischen“ Textilien ein illegales Publikum fanden. Da waren ihre politischen Manifeste und Pamphlete, die Auftritte in Punkkellern als Gruppe EOG – „Erweiterter Orgasmus“, die den Begriff EOS – „Erweiterte Oberschule der DDR“ – provokant drehte. Da waren ihre Super-8-Filme und Fotoarbeiten, die ähnlich wie ihre Textgedichte mit Weiblichkeitsklischees spielten und diese attackierten. Da waren die Zeichnungen und Bilder, die bewusst das weiblich Zeichenhafte der Welt entwarfen. Und last but not least war es die Gründung der einzigen, künstlerisch arbeitenden Frauengruppe im Land. Es ging um ästhetische Selbstfindung, um Lust, Trieb und Spiel, um das Aufbrechen von Isolation, um Inszenierungen autonomer Weiblichkeit unter der Diktatur. Das war Kampfansage und Bühne zugleich.

Die Welt genügte einem nicht, aber man selbst genügte der Welt auch nicht. Weil man der Welt keine Forderungen stellen konnte. Und weil die Welt auch an uns keine Forderungen gestellt hat, außer zu arbeiten, zu funktionieren und zu versuchen, den Sozialismus zu überleben.

Doch mit diesem Minimalismus war es im Herbst 1989 vorbei. Gabriele Stötzer katapultierte es von „des Messers Schneide“ ins Epizentrum der Revolution. Aus vier verschiedenen Frauengruppen entstand in Erfurt die historisch einmalige Bürgerinneninitiative Frauen für Veränderung, und sie war eine der politischsten und unbedingtesten Akteurinnen. Als am 4. Dezember 1989 das Erfurter Stasi-Gebäude gestürmt wurde, in dessen hinterem Teil die Dichterin fünf Monate eingesessen hatte, gehörte sie zu den Frontfrauen. Ihr Bericht:

Eine von den Frauen klingelte bei mir und sagte: „Die verbrennen unsere Akten.“ Wir sind dann zu viert zum Rathaus gegangen, in die Bürgermeistervorstellung rein. Ich sprach mit einem aus der Abteilung Inneres, die anderen telefonierten mit den Großbetrieben in Erfurt und riefen Freunde an. Dann bin ich zum Oberstaatsanwalt gegangen. Der sollte die Räume versiegeln. Inzwischen streikten die Erfurter Arbeiter und hatten die Stasi umstellt, die Stadtreinigungsbetriebe blockierten mit ihren Wagen die Zufahrtwege. Die Türen gingen auf, und wir wurden eingelassen. Sie hatten aufgegeben.

Im Übrigen waren es immer Frauen, geistesgegenwärtig und mutig, die vor beinah jeder Stasi-Zentrale des Landes das Kommando zur Stürmung übernahmen.
„Ich will, dass alle, die aus dem Land gelaufen sind, wieder reinkommen“, rief Gabriele Stötzer im Herbst 1989 vor 130.000 jubelnden Erfurtern auf dem Domplatz.

Und ich will, dass Wolf Biermann hier singt. Gebt mir eure Kraft.

Erneuter Jubel. Sie fuhr nach Hamburg, bat ihn in ihre Stadt, und er kam. In der Aufbruchseuphorie nach 1989 kaufte sie zusammen mit zwölf Künstler-Freundinnen ein marodes Altbauhaus im Zentrum von Erfurt. Das Kunsthaus in der Michaelisstraße wurde zum Avantgarde-Treffpunkt und zur Legende.
Gabriele Stötzer, nun mit Schreibstipendien ausgestattet, reiste durch England, Spanien, Marokko, fuhr zu Kongressen in die USA und Amsterdam, las in Paris und Rotterdam, organisierte Tagungen, Konzerte, Ausstellungen, und endlich konnte sie auch ihre Texte veröffentlichen. Noch 1989 erschien der Band zügel los, 1992 grenzen los fremd gehen, 1995 erfurter roulette. 2002 folgte der Roman „Die bröckelnde Festung“, ein im klassischen Erzählstil verfasster Bericht über das Universum Hoheneck. 2005 erschien der Band Ich bin die Frau von gestern innerhalb der Reihe Die verschwiegene Bibliothek. Zuletzt veröffentlichte die Dichterin, die bei den einen die ostdeutsche Sarah Kane und bei den anderen das weibliche Pendant zu Rainald Goetz ist, das Buch Das Leben der Mützenlosen.

Als ich geboren wurde, war alles aufgebaut, war alles fertig, perfekt, ein schillerndes Förderband mit Richtung nach oben. Die Ideologie war sicher, der Weg war sicher, die Häuser, die Wohnungen, die Rente waren sicher. Ihr hattet die Welt gewandelt, ihre hattet euch gewandelt, die Natur aber nicht. Die Natur gab mir Augen, Ohre, Hände, Füße, Haut, doch ihr habt es nicht bemerkt. Ihr habt euren Anspruch in die Welt gestellt, eure Vernunft, eure Moral, eure Erkenntnisse. Ihr habt uns nichts übrig gelassen. So sind wir aufgewachsen im Nichts. Wir haben nichts, wir können nichts, wir wollen nichts, wir brauchen nichts. Wir halten uns nicht an eure Abmachungen, eure Gesetze besitzt ihr ohne uns, ihr habt uns nicht gefragt, ihr habt immer für uns mitgeredet. Ihr kennt uns nicht, ihr seht uns nicht. Wenn ihr über uns redet, redet ihr über uns hinweg. Wir horden uns in Gruppen und stehen an den Rändern eurer Welt. Aber übersehen könnt ihr uns nicht, überleben könnt ihr uns nicht, vernichten könnt ihr uns nicht, vergessen könnt ihr uns nicht.

Ines Geipel, aus Ines Geipel: Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945–1989, Artemis & Winkler, 2009

Stasi-Dada. Gabriele Stötzer las im Cabaret Voltaire aus ihren Akten.

 

Zum 60. Geburtstag der Autorin:

Sigurd Schwager: Eine unbequeme Frau im Sturm der Zeit: „Die erste freie Luft war scharf und kalt“
Thüringer Allgemeine, 13.4.2013

Fakten und Vermutungen zur Autorin + IMDb

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Kachold“.

 

Gabriele Stötzer spricht über feministischen Widerstand, Kunst und Literatur in der DDR und heute.

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