Gio Batta Bucciol & Georg Dörr (Hrsg.): Italienische Lyrik nach 1945

Bucciol & Dörr-Italienische Lyrik nach 1945

ALLES STAUB

Langsam gibt das Blatt nach
in seinem roten Ermatten

Fast erloschen ist das Fleisch
denn kein Blut drängt mehr zu ihm

Die Wand bricht müde zusammen
mit säkularem Sturz

Die Freude zersplittert
in Goldklumpen von Tränen

Der Ruhm gegen den Wind
verglüht in einem Augenblick

Alter Rost
durchläuft nagend
die Wege,
nur die Waffen
geölt
blank und einsatzbereit
bleiben verschont:
er steigt langsam wie eine Schildkröte empor
und breitet sich aus −
ein Schweißtuch aus Erdöl in Freigewässern.

Giftig ist der Himmel seit geraumer Zeit
die Vögel haben die Flügel abgelegt

Das Meer dörrt sein Plankton aus
und ist leer, ohne Fische.

Der Schoß ist kraftlos
und Mutterkorn befällt die Roggenfelder

Jemand befreit Energie:
die Erde wird radioaktiv

dank dem Trägheitsgesetzt.

Dunkel ist der Ilisos
in seinem neuen Grab aus Beton
wie der Styx,
die Dichter beweinen ihn
in den Bars: „Es war einmal“
sagen sie zwischen einem Anisett und dem anderren
sie sagen: „Weißt du?
im Jahre…“ und schütteln
Rauch und Staub von sich ab.
Sie werden nie genesen.

Wir, Nachgeborene,
wir haben weder Blumen noch Bäume zu feiern
die den Stein besänftigen
mit allen Poren,
wir haben weder Fische noch Flüge,
die die dritte Dimension beleben − −
das Bild hält sich
dank einer Mischung aus Kobalt und Geräuschen:
Wirkung der Bombe
oder des Auges, das die Natur verändert.

Es gibt mehr als eine Wahrheit.

Nelo Risi


Vorwort

Die vorliegende Auswahl italienischer Nachkriegslyrik gliedert sich in drei Teile: Klassiker der Moderne, Industrielandschaft und Frauenlyrik.
Aus dem Bereich der gesicherten Moderne will sie vor allem (aber nicht ausschließlich) unübersetzte Gedichte vorstellen. Ein gewisser Akzent liegt in diesem ersten Teil auf Gedichten, die Krieg und „Resistenza“ zum Gegenstand haben (Quasimodo, Pavese). Deshalb wurden auch einige Gedichte aufgenommen, die kurz vor dem Jahr 1945 entstanden sind.
Krieg und Tod, Zerstörung des menschlichen Lebens und der Städte sind die Themen der hier übersetzten Gedichte von Quasimodo, die zwischen 1943 und 1945 verfaßt und dann 1947 in dem Bändchen Giorno dopo giorno veröffentlicht wurden. Auch Pavese knüpft an die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges an. So entstehen die Klage über das Opfer der Gefallenen und die Gewissensqual, am Widerstand nicht teilgenommen zu haben („Und nun zu uns Feiglingen…“). Als zweites Thema wurden aus Paveses Werk Gedichte ausgewählt, die die mythisch-zeitlose Wirklichkeit der Erde, und damit zugleich der Frau, in archaischen Bildern evozieren. Saba hingegen projiziert seine Lebenserfahrungen in die Welt der klassischen Antike (Odysseus, Trunkene Lieder). Die Gedichte Ungarettis kreisen um ein Thema: Den Tod seines kleinen Sohnes. Auch das Gedicht von Montale „Proda di Versilia“ geht von einem Dialog mit den Toten aus, um dann zur Erkenntnis der herben Strenge des Daseins zu gelangen.
Die beiden anderen Teile der Anthologie konzentrieren sich auf zwei in der heutigen italienischen Gesellschaft lebhaft diskutierte Themen: die Zerstörung der Umwelt durch die Industrialisierung und die sich verändernde Rolle der Frau.
Die Themen Autobiographismus, Umweltzerstörung und Einsamkeit charakterisieren die im zweiten Abschnitt ausgewählten Gedichte Capronis und Rabonis, während Fortini seinen ruhig getragenen Versen eine hohe ethisch-politische Spannung verleiht. Für Risi ist das Epigrammatische das geeignete Mittel zur Bezeichnung der modernen Öde. Aus Roberto Roversis als inneren Monolog verfaßten Roman Registrazione di eventi wurde eine jener in sich geschlossenen Passagen herausgenommen, die in Lyrik übergehen. Roversi entdeckt die städtische Landschaft des neokapitalistischen Italien. Seine Lyrik entspringt der Enttäuschung darüber, daß man die erhoffte perfekte Stadt der Zukunft nicht errichten kann. Die klassisch-lyrische Idylle wird zum entstellten Arkadien in der dichterischen Produktion Zanzottos: Wie die Technologie in die Natur eindringt, so dringen immer mehr auch Partikel unpoetischer Sprache in seine Lyrik. Mit subtilem Humor und feinsinniger Skepsis durchleuchtet und relativiert Montale das sinnlos betriebsame Handeln des Menschen. Erba seinerseits verlegt die Realisierung seines Selbst aus der Gegenwart in eine zukünftige, unbestimmte Epoche, und für die Schilderung der negativen (oder banalen) Aspekte unserer Zeit benützt er, außer beißender Ironie, gelegentlich auch danteske Höllenstimmung. Mit der Wirkung der derzeitigen Verwandlung der Lebenswelt auf das Innere des Menschen beschäftigt sich Mario Luzi eindringlich. Bei ihm verlieren die Antworten an Endgültigkeit, ja sie bringen immer wieder neue, offene Fragen hervor. Die Brüche, die Unstimmigkeiten vor allem im sozialen Bereich kennzeichnen die engagierten Gedichte Majorinos.
Erstaunlich ist, wie früh die sich aus dem überhitzten Wirtschaftswachstum der späten fünfziger und der sechziger Jahre entstehenden Probleme gesehen wurden. Das den Teilindustrielandschaft abschließende Gedicht „Die Glyzinie“ (1960) von Pasolini formuliert in prophetisch gesteigerter Sprache einen schroffen Gegensatz von moderner Industriekultur und ursprünglicher Natur. Mit seiner Kritik am oberflächlichen Optimismus und Konsumismus der wirtschaftlichen Aufbauphase schließt sich Pasolini allerdings an eine schon bei Leopardi vorhandene Skepsis (vgl. dessen „La ginestra“ und „Palinodia al marchese Gino Capponi“) gegenüber einer bloß instrumentellen Vernunft an.
In Italien ist das sich verändernde Verhältnis zwischen den Geschlechtern eines der großen Themen der intellektuellen und politischen Diskussion. Im Teil „Frauenlyrik“ wird versucht, aus dem weiten Panorama dieser bis jetzt in Übersetzungen italienischer Lyrik nicht als eigenen Gegenstand behandelten Thematik einige Beispiele vorzustellen. Dabei konnte es nicht darum gehen, die aktuelle feministische Diskussion in Italien wiederzugeben. „Frauenlyrik“ soll in erster Linie verstanden werden als: Gedichte von Frauen. Die Lyrik von Margherita Guidacci erschien uns besonders aussagekräftig. Deshalb wollten wir einen etwas größeren Einblick in ihr Werk vermitteln. Im übrigen wurden vor allem Gedichte von Autorinnen übersetzt, die in der zeitgenössischen italienischen Literatur bereits ihren festen Platz gefunden haben: Guidacci, Menicanti, Spaziani, Romano, Rosselli, Guiducci, Frabotta, Maraini.
Absicht dieser Auswahl ist zu zeigen, wie einschneidende historische und gesellschaftliche Wandlungen, die das heutige Lebensgefühl in Italien bestimmen, sich in der Lyrik widerspiegeln können.

„Uomo del mio tempo“.

„Mensch meiner Zeit“. – Diese Titelzeile eines Gedichts von Salvatore Quasimodo ist in nuce das Thema dieser zweisprachigen Anthologie italienischer Nachkriegslyrik.
Der Band vereinigt dichterische Reflexionen der italienischen Klassiker der Moderne über die Zerrissenheit des „modernen“ Menschen, bringt eine dezidierte Kritik an der modernen Industriekultur mit ihrer rein instrumentellen Vernunft und kontrastiv dazu die Gedichte von Frauen, die – jenseits eines ideologisierten Feminismus – engagiert und couragiert ihren Standpunkt beziehen.
Diese Auswahl mit Gedichten von Salvatore Qusimodo, Cesare Pavese, Umberto Saba, Giuseppe Ungaretti, Eugenio Montale, Pier Paolo Pasolini, Margherita Guidacci, Dacia Maraini und anderer, bei uns (noch) nicht so bekannter Schriftsteller und Schriftstellerinnen −, diese Auswahl vermittelt ein gutes Bild einiger zentraler Themen italienischer Gegenwartslyrik. Und sie spiegelt auch die einschneidenden historischen und gesellschaftlichen Wandlungen, die das heutige Lebensgefühl in Italien bestimmen.

Gunter Narr Verlag, Klappentext, 1986

Italienische Lyrik nach 1945

Man kann über die Entscheidungen der schwedischen Akademie in Stockholm, die alljährlich den Nobelpreis für Literatur verleiht, oft geteilter Meinung sein. Über eines aber läßt sich nicht streiten: Die beiden italienischen Lyriker, die 1959 und 1974 den Nobelpreis erhielten, waren Dichter, deren Werk bleiben wird – nicht nur im Bewußtsein ihrer italienischen Landsleute. Salvatore Quasimodo und Eugenio Montale haben Gedichte geschrieben, die der italienischen Literatur nach den faschistischen Heldentenor-Pathos eines Gabriel D’Annunzio wieder Glaubwürdigkeit und Weltgeltung verschafften. Zu gleicher Zeit wie Quasimodo und Montale schrieben auch Cesare Pavese, Giuseppe Ungaretti und Umberto Saba Verse, deren melodisch spröde Prägnanz sich wohltuend abhob von der Emotionsbesessenheit vieler ihrer Zeitgenossen, die wortreich noch immer eine antikische Größe beschworen, welche Italien wirklich nur noch auf geduldigem Papier besaß.
Zu recht werden Quasimodo Pavese, Saba, Ungaretti und Montale als „Klassiker der Moderne“ vorgestellt im ersten Teil eines äußerst verdienstvollen Buches, das unter dem Titel Italienische Lyrik nach 1945 im Verlag Gunter Narr in Tübingen herausgekommen ist. Georg Dörr und Gio Batta Bucciol, den beiden Herausgebern und Übersetzern ist es gelungen, auf nur 177 Seiten ein überzeugendes Kompendium der italienischen Dichtung der letzten vierzig Jahre vorzulegen, wobei es sich zumeist um bislang noch unübersetzte Texte handelt. Erschien Salvatore Quasimodo in deutschen Anthologien bislang nur als ein verhalten nostalgischer Bukoliker, der in lichtdurchfluteten Versen sehnsüchtig das Heimweh nach seiner sizilianischen Insel-Heimat kultivierte, so zeigt ihn der vorliegende Band als einen, der mit offenen Augen der nationalen Katastrophe entgegengesehen hat, in die der Hitler verbundene Duce Benito Mussolini sein Land stürzte:

Grabt keine Brunnen in den Höfen:
die Lebenden haben keinen Durst mehr.
Berührt die Toten nicht, so rot und aufgedunsen:
laßt sie in der Erde ihrer Häuser:
die Stadt ist tot, ist tot.

So heißt es in dem Gedicht „Mailand, August 1943“ geschrieben nach dem großen Bombenangriff auf die lombardische Hauptstadt, der den Zusammenbruch Italiens ahnen ließ. Was Quasimodo, Jahrgang 1901, ebenso bedrückte wie den 1908 geborenen Cesare Pavese, der sich 1950 in einem Turiner Hotel das Leben nahm, war die Scham, nicht aktiv an der „Resistenza“, am italienischen antifaschistischen Widerstand teilgenommen zu haben. Doch die Töne der Reue, die beide über Versäumtes finden, sind überzeugender als die vielen verlogenen Kämpferbekenntnisse nach 1945, die selbstkritische Italiener mit dem noch heute viel zitierten Satz belächeln: „Nur einmal in unserer Geschichte waren wir ein großes Volk. 1945 nämlich. Ein Volk von 48 Millionen Faschisten und 48 Millionen Antifaschisten“. Der manisch verquälte Cesare Pavese verkehrte in Turin als Verlagslektor und Übersetzer zwar in Widerstandskreisen, aber der Mann, dessen ganzes Leben einem bösen Wort Alberto Moravias zufolge nur ein „Ritual der Verweigerung“ war, hat sich keiner der Partisaneneinheiten in den piemontesischen Bergen angeschlossen:

Und nun zu uns Feiglingen
die wir den flüsternden
Abend liebten, die Häuser,
die Pfade am Fluß,
die roten und schmutzigen Lichter
jener Orte, den besänftigten
und verschwiegenen Schmerz −
wir rissen die Hände
aus der lebenden Kette
und wir schwiegen…

Einer, der unter Mussolini als Schriftsteller völlig zu schweigen hatte, weil er Jude war, war der 1883 in Triest geborene Umberto Saba, der als Buchantiquar sein von Depressionen und Selbstmordgedanken zerfressenes Leben fristete und nur in seinen Träumen von einer unberührten Kindheit zur Ruhe fand:

Unten an rauhen Adriatischen Meer
öffnete sich deiner Kindheit ein Hafen. Schiffe
fuhren in die Ferne. Weiß über den grün emporragenden Hügel,
aus dem Wall einer alten Festung
stieg Rauch auf, nach Feuerstrahl und Donner. Der grenzenlose
Himmel empfing und zerstreute ihn
im blauen Gewölbe. Den Salut
antwortete das Kriegsschiff,
vor Anker unweit deines Hauses, das
am Ende der Mole, eine Rose hatte,
die Windrose.

Es war ein kleiner Hafen, es war eine Tür
den Träumen geöffnet

Auf der Suche noch dem, was er ein „paese innocente“, ein „unschuldiges Land“ nannte, war immer auch Giuseppe Ungaretti gewesen, ein Dichter, der das Fragmentarische liebte, die Konzentration auf einige wenige Worte in kurzen Gedichten, die von Leiden und Heimatlosigkeit auf dieser Erde sprechen. Sein längstes Gedicht hat er, der schmerzvoll Überlebende, auf den Tod seines kleinen Sohnes geschrieben:

Dich überlebend, büße ich den Schrecken
der Jahre, die ich dir raube,
die ich deinen Jahren hinzufüge,
wahnsinnig vor Reue,
als würdest du
noch wachsen

sterblich unter uns,
aber es wächst nur die Leere
meines verhaßten Alters…

Auch Eugenio Montale, als Journalist des Mailänder Corriere della sera ebenso bekannt wie als Lyriker, der sich selbst als Dichter der „herben elementaren Worte“ bezeichnete, hat immer wieder Zwiesprache mit seinen Toten gehalten:

Meine Toten, die ich bitte für mich,
für meine Lebenden zu beten, so wie ich für sie
nicht Auferstehung erflehe, sondern
die Erfüllung jenes Lebens, das sie
unerklärt und unerklärlich lebten, sie steigen heute
seltener aus den weiten Horizonten hernieder,
wenn ein Getümmel aus Wasser und Himmel
den Abendstrahlen Fenster aufreißt, – …

Wie die fünf soeben zitierten Dichter, so lebt auch der Regisseur, Pamphletist, Erzähler und Lyriker Pier Paolo Pasolini nicht mehr, dessen langes prophetisches Gedicht „Die Glyzinie“ im zweiten Teil dieser Lyrikanthologie steht, dem die Herausgeber den Sammeltitel „Industrielandschaft“ vorausgeschickt haben. Pasolini beklagt in „Die Glyzinie“:

Andere Moden, andere Götzen,
die Masse, nicht das Volk
tritt vor die Welt,
eine Masse, die fest entschlossen ist,
sich verderben zu lassen,
verwandelt die Erde…
Der Sinn der Worte ist verändert:
wer bislang von Hoffnung sprach, bleibt zurück, veraltet.

Von Hoffnung ist in der Tat nicht mehr die Rede in den Gedichten Giorgio Capronis, Nelo Risis oder Giancarlo Majorinos, der von einer „Welt mit solchen Rissen unter den Fußsohlen“ schreibt und damit vom drohenden Untergang, den Franco Fortini — einer der engagiertesten Lyriker der älteren Generation – in seinen Versen über „Die Bäume“ von seinem Mailänder Schreibtisch aus verfolgt:

Die Bäume, die ich vom Fenster sehe,
scheinen sich gleich zu bleiben.
Aber es ist nicht wahr. Einer, riesig,
zerbrach und jetzt erinnern wir uns nicht mehr,
welche große, grüne Wand er war.
Andere haben eine Krankheit.
Die Erde atmet nicht genug. Die Hecken bekommen
gerade noch rechtzeitig neue Blätter,
daß der August sie mit Staub
und der Oktober mit Rauch ersticken kann…

Die Gedichte von Frauen, die der dritte Teil dieses Lyrikbandes als „Frauenlyrik“ vorstellt klingen bei aller Bitterkeit der beschworenen Erfahrungen nicht in Resignation aus. Gerade in dem Land, wo heute selbst kommunistische Funktionäre in all ihrer Scheinaufgeklärtheit sich noch immer nicht schlüssig sind, ob die Frau nach altkirchlichem Muster Heilige oder Hure zu sein hat, überrascht die selbstverständliche Bestimmtheit mit der sich Margherita Guidacci, Doris Menicanti oder Armanda Guidiacci unter vielen anderen ihrer Situation stellen. Nicht mit klagenden Liedern oder feministischen Marschgetrommel, sondern mit Wortgesten, noch immer einen Du zugeneigt, am schönsten vielleicht in den Gedicht der Margherita Guidacci, das überschrieben ist: „Beim Lesen der Gedichte von Else Lasker-Schüler“

Ich nähme deine blauen Edelsteine.
ich nähme ein wenig von deinem Gold.
Auch die Steine – wenn schließlich
der Traum selbst zu Stein wird.
Auch das verzweifelte Flüstern.
Und deine Nacht.

Und ich nähme den Stern
auf deine Wange gedrückt
wie der Stempel auf einen Brief
der seinen Bestimmungsort
nicht verfehlen darf.
Viele Traurigkeiten hast du gekannt, viele Lasten
bedrückten dich. Aber wie fliegt alles
dank jenem Zeichen!

Ute Stempel, Hessischer Rundfunk, 11.7.1986

Italienische Lyrik der Gegenwart

In jüngster Zeit ist in Deutschland ein zunehmendes Interesse an italienischer Kultur festzustellen, das sich in zahlreichen Veröffentlichungen und Veranstaltungen niederschlägt. Ein Grund dafür ist sicher der Wunsch eines breiteren deutschen Publikums, seine bereits vorhandene, zum Teil aber zu oberflächliche Kenntnis der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Nachbarlandes zu vertiefen. Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Tendenz bedeutet die Veröffentlichung einer neuen Lyrikanthologie zunächst, daß dem nicht fachlich gebildeten Publikum Gelegenheit geboten wird, sich einer schwierigen, gerade auch sprachlich nicht leicht zugänglichen Gattung zu nähern.
Als Mittel zur Verbreitung von Literatur bieten Anthologien zweifellos zahlreiche Vorteile. Wenn sie gut gemacht sind, versorgen sie den Leser mit einer Fülle von Material, liefern unerläßliche Informationen, vermitteln erste Kontakte mit einem unbekannten Gegenstand und bieten die Möglichkeit, sich in einem ersten Zugang in der literarischen Produktion einer ganzen Epoche zu orientieren. Günstigstenfalls werden solche Anthologien auch zu Bezugspunkten der literarischen Entwicklung selbst, wie das im Bereich der Poesie gerade im Italien der Nachkriegszeit des öfteren der Fall war. In der Zeit nach 1945 erschienen eine Anzahl fundamentaler Gedichtanthologien, die zu Marksteinen in der Entwicklung der Nachkriegslyrik wurden: Lirici del Novovecento (1952) und Linea lombarda (1953), beide herausgegeben von Luciano Anceschi, I novissimi, poesie degli anni sessanta (1961), ein repräsentativer Lyrikband der Avantgarde, ediert von Alfredo Giuliani, Poesia italiana del Novecento, in zwei Bänden herausgegeben von Edoardo Sanguineti, La parola innamorata (1979), herausgegeben von Maggio und Pontiggia und La poesia degli anni 70 (1979), herausgegeben von Antonio Porta. In Deutschland blieb allerdings die Kenntnis dieser Sammelbände auf ein Publikum von Spezialisten beschränkt. Wer sich als Nichtfachmann mit der italienischen Lyrik der Gegenwart vertraut machen will, hat nicht sehr zahlreiche Orientierungsmittel zur Hand. Verfügbar sind eigentlich nur zwei neuere Sammlungen, die Italienische Lyrik der Gegenwart (herausgegeben und übersetzt von Franco Faveri und Regine Wagenknecht, Beck-Verlag, München 1980) und eine weitere Anthologie beim Propyläen-Verlag (Poesie der Welt. Italien, herausgegeben von H. Köhler, 1983). Gio Batta Bucciol und Georg Dörr verfolgen mit ihrer jüngst publizierten Anthologie nicht die Absicht, einen repräsentativen Überblick über die italienische Poesie seit 1945 zu geben. Was sie dem Leser bieten möchten, ist eher ein erster verlockender Zugang zum italienischen Gedicht der Nachkriegszeit. Das läßt sich bereits an der besonderen Anlage des Bandes, an der thematischen Gliederung und an der Textauswahl erkennen.
Die Sammlung ist in drei Abschnitte unterteilt: „Klassiker der Moderne“, „Industrielandschaft“ und „Frauenlyrik“. Die Herausgeber verfolgen damit erklärtermaßen die Absicht, „zu zeigen, wie einschneidende historische und gesellschaftliche Wandlungen, die das heutige Lebensgefühl in Italien bestimmen, sich in der Lyrik widerspiegeln können“. Die Titel der drei Sektionen weisen den deutschen Leser auf gesellschaftliche Veränderungen und auf Probleme hin, mit denen sich beide Länder auseinandergesetzt haben und noch auseinandersetzen, wie Krieg, Umweltverschmutzung, Frauenbewegung usw. Die Aktualität der Thematik und die Vertrautheit des Lesers mit ihr sind zweifellos gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Rezeption dieses Bandes.
Im ersten Abschnitt, „Klassiker der Moderne“, werden weltbekannte Autoren wie Montale, Ungaretti, Quasimodo, Saba und Pavese vorgestellt. Ein Teil dieses Kapitels ist dem Kriegserlebnis gewidmet, wo sich Quasimodo und Pavese mit der Grausamkeit der Geschichte, mit Tod und Leben auseinandersetzen. Viele andere Gedichte dieses Teils haben autobiographischen Charakter und verweisen eher auf intimistische und selbstreflexive Inspirationsquellen der Dichter. Das zweite Kapitel, „lndustrielandschaft“, enthält Gedichte von einer Reihe dem deutschen Publikum weniger bekannten Autoren wie Caproni, Erba, Risi, Roversi und Raboni. Den Hintergrund ihrer Gedichte bilden die ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der fünfziger und sechziger Jahre. Das lyrische Ich wird hier zum Beobachter der Verwandlung der Landschaft und der Städte, es registriert die Zerstörung der Umwelt und reflektiert über die Konsequenzen, die daraus für den Menschen entstehen. Fast alle Autoren beschäftigen sich mit den existentiellen Folgen der Probleme, die die heutige Gesellschaft belasten. Den krönenden Abschluß dieses Teils bildet ein Gedicht Pasolinis, „Die Glyzinie“, in dem der Lyriker Kritik an der Engstirnigkeit der Konsumgesellschaft mit der Darstellung seines persönlichen Dramas als Mensch und Intellektueller verbindet.
Der dritte Teil enthält ausschließlich von Frauen geschriebene Gedichte. Man könnte erwarten, daß gerade sie der sozio-kulturellen Wirklichkeit der Gesellschaft und der Erfahrung der Frauenbewegung besonders eng verbunden sein müßten. Doch erstaunlicherweise handelt es sich gerade hier oft um Gedichte, die aufgrund ihrer poetischen und ästhetischen Qualität in der Lage sind, sich von ihrem unmittelbar gegebenen alltagsbezogenen Anlaß zu lösen. Die Kenntnis der historischen Entwicklung der Frauenbewegung, die einige Autorinnen sicher mit Engagement verfolgt haben, ist zum Verständnis der Gedichte keineswegs unabdingbar.
Da der Band die Aufmerksamkeit des Lesers vor allem auf soziale und ökonomische Probleme und ihre Verarbeitung in der Lyrik lenkt, ist das Bild der italienischen Poesie, das er vermittelt, keineswegs repräsentativ (so fehlen die meisten hermetischen und experimentellen Richtungen fast ganz). Man gewinnt vielmehr den Eindruck, daß die Herausgeber die Probleme aufgegriffen haben (Frauenbewegung, Ökologie, Friedensbewegung), die im Augenblick vor allem in Deutschland auf der Tagesordnung stehen. Der Leser soll im Fremden Vertrautes wiedererkennen. Es wäre allerdings eine Illusion, zu glauben, Italien habe sich seit eh und je für Umweltfragen, Frauenbewegung und Vergleichbares lebhaft interessiert. Das trifft nur zum Teil wirklich zu. Darin liegen gewisse Grenzen der Anthologie von Dörr und Bucciol. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, daß sie als ein erster, interessanter Zugang zur italienischen Nachkriegslyrik für den Leser von großem Nutzen sein kann.

Maria Chiara Spotti, Zibaldone, Heft 3, 1987

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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