Giorgos Seferis: Poesiealbum 245

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Giorgos Seferis: Poesiealbum 245

Seferis/Zaprasis-Poesiealbum 245

Die größte Sonne auf dieser Seite
und auf der andern der Neumond
dem Gedächtnis entrückt wie jene Brüste.
Dazwischen Abgrund der Sternennacht
Sintflut des Lebens.
Die Pferde auf der Tenne
schwitzen und galoppieren
über verstreute Körper.
Dorthin geht alles
auch diese Frau
die schöne, die du sahst, einen Augenblick
sie beugt sich, hält sich nicht, kniet schon.
Alles mahlen die Mühlsteine
heraus kommen Sterne.
Der Vorabend des längsten Tages.

 

 

Seferis ist kein einfacher Dichter,

und die ihm zuteil gewordene Anerkennung setzte sich nur sehr langsam durch. Doch er ist nicht dunkel. Seine Sprache ist schwierig, aber in dieser Sprache ist seine Stimme klar und eindeutig; man hat das Gefühl, er trifft genau den Ausdruck für etwas, das anders nicht gesagt werden kann. Das ist vielleicht das Liebenswerteste an seiner Dichtung, die Schlichtheit, die die Initimität des Bekenntnisses erreicht, und die Stabilität …, die uns erlaubt, ihn einen „Klassiker“ zu nennen.

Linos Politis, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1988

In diesen Versen

ist eindringlich der Zustand der Welt wahrgenommen. Doch teilt er sich nicht im einmalig beobachteten Ereignis mit, sondern in einem ständigen Erschauen. Das Werk des griechischen Lyrikers und Nobelpreisträgers Giorgos Seferis ist eine jener markanten Erscheinungen der modernen Dichtung, da zur poetischen Selbstbehauptung der geschichtliche Grund tritt. In einem Kosmos aus assoziierten Mythen und geistigen Bezügen, aus erinnerter Geschichte und erlebten Landschaften erscheint der Dichter als ruhender Pol, an dem Welten vorbeidriften – in die er, in die der Mensch, zugleich unabrufbar einbezogen ist.

Verlag Neues Leben, Ankündigung

Alles, was er betrachtete, war griechisch

in einer Art und Weise, die ihm nicht vertraut gewesen war, als er sein Land noch nicht verlasen hatte. Er konnte einen Landstrich betrachten und die Geschichte der Meder, der Perser, der Dorer, der Kreter, der Antlantiden herauslesen. Er konnte aus einem Landstrich auch Fragmente eines Gedichts lesen, das er im Geiste auf dem Heimweg schrieb, während er mich mit Fragen über die Neue Welt plagte.

Henry Miller, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1988

 

Leben und Werk von Giorgos Seferis

Man kann nicht teilen, was untrennbar ist: Leben und Werk des Dichters. Auch vor einem kurzen Überblick über das Leben der Poesie, das für sich selbst spricht, erscheint es notwendig, jedes Mißverständnis, das zwischen dem Leser und dem Autor dieses Beitrages entstehen könnte, im Keime zu ersticken. Wenn wir von Lyrik sprechen, sind Werk und Leben des Dichters nur zwei verschiedene, aber gleich gewichtige Aspekte derselben Wirklichkeit. Nur praktische, didaktische Gründe fordern diese Unterscheidung, die, je weiter sie in die Einzelheit vordringt, schließlich die Einheit des künstlerischen Schaffens durch eine Atomisierung ersetzt, die in keiner Sprache der Welt mehr erfaßt werden kann.
Übrigens ist das Werk des Dichters, mit dem wir uns hier befassen, nicht sehr umfangreich. Seferis war ein peinlich genauer Arbeiter am Vers und am Wort; auf der Suche nach einer Vollkommenheit, welche die Erfindungen des Ausdrucks mit den Entdeckungen eines tief innerlichen Lebens vereinigen kann, schreibt er nur wenig. Das vorliegende Buch umfaßt den größten Teil seines bis heute erschienenen poetischen Werkes; in der Originalsprache ist das alles in einer Sammlung von ungefähr zweihundert Seiten enthalten. Er veröffentlichte nur ein paar Aufsätze von höchstem Rang und hoher geistiger Kultur, sowie einige Übersetzungen, auf die wir später noch zurückkommen werden. Trotz der großen Bedeutung seines Prosawerkes, vor allem im Hinblick auf die neuhellenistische Kultur und deren wieder erwachtes Gewissen, spüren wir in allem, was er unternimmt, die wahrhaft beflügelte Begeisterung des Dichters und sehen ein, daß wir ihn nur hier kennenlernen können. Schließlich schien es mir vernünftig, am Anfang eines lyrischen Werkes vor allem von der Poesie zu sprechen. Es wird sich also im folgenden hauptsächlich um Dichtung handeln.
Die Gedichte von Seferis verkörpern sein Leben, so wie er es gelebt hat. Um auf die Formulierung von Renan zurückzugreifen: man kann fast sagen, daß Lyrik immer Geschichte bedeutet. Es gibt keine andere Quelle für die Poesie als das Leben des Dichters. Was auch die Experten sagen mögen, die allzu viel Zeit mit dem Aufspüren der unterschiedlichen Einflüsse vergeuden – Lyrik entsteht erst in dem Augenblick, in dem die Welt der Äußerlichkeiten vom Dichter selbst assimiliert worden ist, wenn er sie nun in Poesie verwandelt. Diese Welt besteht aus Erfahrungen und Eindrücken, aus Empfindungen und Erinnerungen und aus Gelesenem; manchmal dehnt sich das Bewußtsein des Dichters weit genug, um sich die Elemente, weit über das Persönliche hinaus, zu eigen zu machen. Wer die Poesie zu schätzen weiß, tut gut daran, ihre Verwandlungsprozesse so nah wie möglich zu verfolgen.
Giorgos Seferis ist im Frühjahr 1900 in Smyrna geboren. Nur wenige Leser im Westen sind heute fähig, sich vorzustellen, was es für einen jungen Griechen bedeutete, zu Anfang dieses Jahrhunderts in der Hauptstadt von Ionien zu leben. Schritt für Schritt, im Geiste eines immer anpassungsfähiger werdenden Realismus, befand sich Griechenland nach einiger romantischer Unschlüssigkeit und etlichen wohl genützten harten Lehren in voller Entwicklung. Die griechische, in der ausländischen Diaspora lebende Bevölkerung, wie sie sich vor allem in den großen Städten der Türkei zusammengeballt hatte, bildete dort einen ihrer lebendigsten und aktivsten Bestandteile. Diese Städter fühlten sich dort zu Hause, es ging ihnen gut und sie hofften auf baldige Vereinigung mit dem Mutterland. 1912 ließ ein siegreicher Krieg, den die kleinen Balkanstaaten Griechenland, Serbien und Bulgarien gegen die Türkei führten, bei den glühenden Optimisten – und wer war in diesen Tagen der bürgerlichen Euphorien nicht optimistisch? die Hoffnung aufkommen, die nationalen Forderungen der Griechen seien nun der Erfüllung nahe.
In dieser fieberhaften Stimmung, erfüllt von Erinnerung, Glaube, Hoffnung und Ungeduld, unter dem Eindruck einer Luftspiegelung des fernen Heimatlandes, das durch die Liebe noch verklärt wurde, muß man sich den künftigen Dichter vorstellen, um sich ein Bild seiner ersten Weltschau zu machen. Als ältester Sohn einer wohlhabenden Familie – sein Vater, Stelios Seferiades, war ein Jurist von internationalem Ansehen – wuchs er wie alle griechischen Kinder seiner Generation in der leidenschaftlichen Verherrlichung eines freien Griechenland auf, Symbol und Versprechen des kommenden Hellenismus.
Das Jahr 1914 brachte das Ende dieser uns mit Recht idyllisch vorkommenden Epoche. Die Verhältnisse ändern sich. Die Griechen von Smyrna verlieren das Vertrauen in die Zukunft. Zahlreiche hellenische Familien verlassen den türkischen Boden und kehren nach Griechenland zurück. Die Familie Seferiades befindet sich unter ihnen; sie läßt sich in Athen nieder, wo der älteste der Knaben die höhere Schule beendet. Noch vor Ende des Ersten Weltkrieges zieht man weiter nach Paris, wo Seferis die Rechte studiert. Bis 1924 bleibt er dort.
Die Jahre zwischen 1914 und 1924 sind ohne jeden Zweifel entscheidend für die Entwicklung des späteren Dichters. Dabei darf nicht übersehen werden, daß sich sein Vater zwar als Amateur, aber anhaltend mit Literatur befaßte. Alle griechischen Familien ließen – wenn es irgend möglich war – ihre Kinder Französisch lernen. Das Ende des Ersten Weltkrieges zieht in Frankreich eine geradezu hektische Entwicklung der Literatur im allgemeinen und der Poesie im besonderen nach sich. Seferis lebt in dieser Bewegung und all dem Aufruhr, den sie verursacht; diese Voraussetzungen scheinen seine Berufung wesentlich gefordert zu haben. Wir wissen, daß er damals Jules Laforgue entdeckte, und es bestehen keine Zweifel, daß er damals auf die Spur Apollinaires und seiner Schule geriet. Etwas später kam er mit der neuen englischen Dichtung in Berührung, und sie hinterließ einen tiefen Eindruck auf ihn.
Während dieser Jahre prägten sich die neuen kriegerischen Ereignisse auf dem Balkan tief ins Bewußtsein der jungen hellenistischen Generation: der Versuch der Griechen, den Sieg der Alliierten für sich durch die Besetzung eines Teils der beanspruchten Gebiete zu krönen. Er endete 1922 mit einer Katastrophe. Die blühenden Städte Ioniens, der Kranz der griechischen Dörfer an der Küste Anatoliens – mit ihnen ging eine alte griechische Tradition von einem Tag zum anderen dahin. Bald darauf wurde auf Grund eines zwischen Griechenland und der Türkei geschlossenen Abkommens die übriggebliebene griechische Bevölkerung aus Kleinasien nach Griechenland übersiedelt. 1 ½ Millionen Flüchtlinge ergossen sich über Griechenland. Ihre Ansiedlung auf der ohnehin kargen Erde von Hellas warf Probleme auf, von denen einige bis heute noch nicht gelöst sind. Es ist nicht schwer, die Gefühle des jungen, nunmehr entwurzelten Griechen nachzuempfinden, der plötzlich von weitem zusehen mußte, wie sein Geburtsland, seine Geburtsstadt, die Landschaft, in der er seine Kindheit verbrachte, durch eine in ihrer Schwere nie vorausgesehene Katastrophe ausgelöscht wurden. Auch die äußeren Zeichen einer alten Tradition waren damit zerstört. So brach die Geschichte in das Leben von Seferis ein. Erlebte Geschichte, während das historische Bewußtsein im Substrat des neuhellenistischen Denkens immer gegenwärtig war und blieb.
Seit dieser Zeit durchdringen sich die erschauten Bilder bei Seferis in einem für die lyrische Inspiration kennzeichnenden Prozeß. Griechenland als Symbol einer auf immer verlorenen Heimat ist für den Dichter gleichzeitig die Verkörperung des Heimwehs nach einer unerreichbaren Welt; die Elemente der Lyrik werden durch die eigene, zutiefst schmerzliche Erfahrung des Dichters gesteigert. Die Enttäuschung und ihre psychologischen Folgen scheinen auf die dichterische Entwicklung von Seferis ausgestrahlt zu haben. Darum nähert er sich später der historischen Poesie von T.S. Eliot oder Cavafy; kein Zweifel, diese Dichter haben in ihm bereits hörbar gewordene Töne erst recht zum Klingen gebracht. Wieder einmal muß das, was man die methodische Regel der verschiedenen Ursachen nennen könnte, berücksichtigt werden, wenn man die literarischen Neigungen des jungen Dichters genau und wirkungsvoll erklären wollte. Mehrere Ursachen, unabhängig voneinander, führen alle auf verschiedenen Wegen zu den gleichen Ergebnissen. Die Unkenntnis dieser absoluten Regel setzt den Kritiker schwerwiegenden Irrtümern aus, vor allem jenem, die hintergründigsten Ursachen der Handlungen des Dichters als Wirkungen anzunehmen.
Seferis ließ sich für seine literarische Entwicklung viel Zeit. Nirgends ein Anzeichen, daß er in der Jugend Gedichte verfaßt hätte, die der reife Dichter unveröffentlicht ließ. Sein erster Gedichtband erschien 1931. Ein Gedicht dieser Sammlung wird, nur typographisch etwas anders angeordnet, in den späteren Ausgaben mit 1924 datiert; eine Sammlung von 1940 enthält ein Gedicht, das 1928 geschrieben worden ist. Das ist der einzige Fall, in dem von einer früheren Zeit als der der Veröffentlichung dieser Verse die Rede ist; und diese Einschränkung enthält in sich selbst etwas von dem Maß, das dem langsamen Reifen des Dichters entspricht. Dazu wäre noch zu erwähnen, daß sein Name zum ersten Mal in einer literarischen Zeitschrift unter der Übersetzung eines Prosatextes von Valéry steht. Übrigens hat Seferis der Übersetzung immer großes Interesse entgegengebracht, als Mittel, um Sprache und Stil zu vervollkommnen. Insgesamt ergibt das alles andere als das Bild eines frühreifen, eines romantischen Lyrikers, bei dem die Inspiration vor allem durch seine Jugend bedingt ist.
Im Hinblick auf die Vervollkommnung von Sprache und Stil sind die Titel seiner Gedichtsammlungen wie Studienhefte oder Logbuch (I, II und III) für die Wichtigkeit, die Seferis der Form in der Poesie beimißt, aufschlußreich. Wenn ich von klassischem Maß sprach, so bedeutet das nicht, daß der Leser bei einem raschen Blick auf den Gedichtband, den er in der Hand hält, nicht feststellen könnte, daß der Dichter die freie Form liebt. Und das darf nicht nur der Übersetzung zugeschrieben werden. Es wird jedoch darauf einzugehen sein, daß die Kunst und der Geist von Seferis durch ihre Reinheit, ihre Nüchternheit und ihr Maß klassisch sind; trotzdem sind sie so weit als möglich vom Klassizistischen entfernt. Sein gesamtes Werk ruft im Gegenteil eine tiefgreifende Erneuerung der dichterischen Technik herauf.
Darum haben seine und die ihr nachfolgende Generation die besondere Eigenart seiner Dichtkunst wohl verstanden. Seferis trat genau in dem Augenblick auf, in dem die Inspiration unter dem Stachel eines nur aus schlechten Gewohnheiten bestehenden Traditionalismus in die schlimmsten Exzesse von Geist und Form geriet. Seferis hat seine Zeit nicht verleugnet und sich auch nicht rückwärts bewegt. Er entnahm der surrealistischen Bewegung alles, was lebendig war, und hat in Griechenland Schule gemacht durch eine geistige Haltung, in der sich der Sinn für Symbole ungehindert entwickeln konnte, durch seine Sprache, die den Reichtum eines jahrhundertealten Wortschatzes aufweist, und durch sein vom Hellenismus, das heißt von der Geschichte tief durchdrungenes Denken.
Im übrigen bedrängt die Geschichte das Leben des Dichters, seine Generation und sein Land bald wieder mit erneuter Gewalt. 1940 fallen die Schatten des Zweiten Weltkrieges über GriechenIand, der Überfall durch Italien und einige Monate später durch Deutschland, unter dem der militärische Widerstand des Landes zusammenbricht. Seferis, der seit 1926 in diplomatischen Diensten steht, ist zu Beginn der Feindseligkeiten in leitender Stellung im Nachrichtendienst der Regierung tätig; er weicht mit ihr zunächst nach Kreta aus und folgt ihr später ins Exil. Trotz dieser mit seiner beruflichen Laufbahn verbundenen, von den Ereignissen erzwungenen Ortsveränderungen bleibt ihm Griechenland in seiner ganzen diplomatischen Tätigkeit eine überhöhte Wirklichkeit: Symbol der Ferne eines geliebten Wesens, das er nicht erreichen kann. Eine ganz lebenswirkliche Liebe bindet ihn an diese Erde; wir spüren in seinen Gedichten die immer fast körperliche Gegenwart Griechenlands. Die Steine, der Sand und das Wasser wecken gleichzeitig durch das Heimweh und die Unerreichbarkeit geläuterte Sinnlichkeit, die Sehnsucht, sich mit der Muttererde wieder zu vereinen. Alles ist rein in dieser Atmosphäre, nicht durch die in ihrem Wesen antilyrische Abstraktion, sondern durch die Geistigkeit, des Verlangens und durch die Werte des Elements, von dem es ausgeht.
Immerhin bleibt die eigentliche Ursache dieses Heimwehs noch zu ergründen. Es war vorher oft von reiner Poesie die Rede. Reine Poesie, von allem befreit, was nicht ihr eigen ist, was in der Natur des Instruments Prosa liegt, Wort, das dem höchsten lyrischen Elan, aber auch dem einfachsten Ausdruck menschlichen Alltagswesens zugehört. Eine Lyrik, die nicht den Regeln der Logik unterliegt, bedeutungsvolles Zeichen eines nur der Phantasie von Gedankenverbindungen unterworfenen Willens. Eine Poesie voll Musik und innerer Melodie, deren Worte sich nach den Gesetzen des Wohlklanges ordnen und zusammenfügen, eine letzte oberste Stufe des Symbolismus. Und endlich eine Poesie voll Unempfindsamkeit, von jedem emotionalen Element befreit, allein der Idee einer vollendeten Form geweiht. Nicht zu vergessen ein hymnisches Element, in dem sich eine natürliche Annäherung zwischen den eng verwandten Ausdrucksformen einer Seele vollzieht. Aber es gibt noch eine andere Manifestation dichterischer Reinheit: sie bezeugt sich im Ernst und durch die Kargheit des Themas. Eine profane Dichtung, die Sinn für das Irdische hat, aber in sich selbst unirdisch ist.
Die reine Poesie von Seferis. Darin besteht – wenn ich nicht irre – das Besondere, das Seferis zur griechischen Poesie im allgemeinen beigetragen hat. Denn der große Lyrismus – wenn er die der menschlichen Vernunft gezogenen Grenzen durchbricht – liegt nicht außerhalb, sondern abseits aller dieser Grenzen. Dank den ihm eigenen mystischen Zügen ist er wie ein neuer Abschnitt im Bemühen des Menschen, die Wirklichkeit näher zu erfassen. Mit der logischen Analyse nicht messbar, läßt er sich auch der Wissenschaft oder der Philosophie nicht vergleichen, doch weit davon entfernt, ihnen entgegenzustehen, ruft er die gleiche Ungewißheit herauf, die auch in der wissenschaftlichen und philosophischen Forschung hervortritt. Durch seinen Verzicht hat der Dichter sich der uralten Angst der Menschheit erschließen können.
Die Sprache von Seferis, diese gerade durch ihre Natur begrenzte Substanz, läßt sich in der Form der Übersetzung schwer beurteilen. Immerhin erscheint es notwendig, sie im Hinblick auf die poetische Sprache seines Volkes näher zu kennzeichnen. Gerade wegen der besonderen Gesetze des Griechischen könnte das aufschlußreich sein, und zum anderen geht der Weg zur Erkenntnis des Beitrags, den ein Dichter zur Entwicklung der Sprache leistet, nur über eine möglichst unmittelbare Erfahrung. Es ist eine Tatsache, daß das griechische Volk, auf dem eine uralte ununterbrochene kulturelle Tradition lastet, sogar heute noch zwischen verschiedenen Stadien der Entwicklung seiner Sprache schwankt und bis jetzt hat keine Wahl treffen können. Es gab sogar eine Zeit, in der die Kritiker glaubten, der Dichter sei dank seiner mehr oder weniger göttlichen Gaben, seines Talents für die Sprache zu deren Bereicherung und Weiterentwicklung ausersehen.
Diese letztere Behauptung erscheint mir zweifelhaft: anstatt die Sprache der Lyrik als ein Endergebnis, ein Ziel an sich, zu betrachten, bin ich eher geneigt zu glauben, daß sie sich am Anfang der durch das gesprochene Wort gebotenen Möglichkeiten befindet, daß sie – wie man früher annahm – eine frühe Form des Worts darstellt. Das Ziel läge also in Richtung der Prosa, in der Dichtung dieses absolut präzisen Instruments, einer Gleichung ähnlich und durch Geschmeidigkeit und Biegsamkeit geeignet, die empfindlichsten Nuancen des Gedankens auszudrücken. Besonders für das moderne Griechenland, das sein inneres Leben vor allem in der Lyrik nach außen kehrt, macht sich die Notwendigkeit eines genauen, schmiegsamen und widerstandsfähigen Instruments gebieterisch geltend.
Durch seinen Beitrag auf diesem Gebiet hat Seferis dem Geist und den Schriftstellern seines Landes wirksam geholfen, die griechische Sprache zu vervollkommnen, ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu bereichern. Die Lyrik, in ihrem Wesen freier, in ihrer Bewegung weniger durch den Zwang der Regeln gehemmt als die Prosa, eignet sich besser für das Experiment, die Erfindung und Erneuerung. Sie kann besser für die Fortentwicklung der Sprache wirken als die Prosa, indem sie ihr gleichzeitig Frische und Kraft bewahrt, wenn sie von einem klaren Geist gehandhabt wird und von einem im Einklang der Symbole schwingenden Bewußtsein in den Dienst eines willensstarken Suchens nach Reichtum, Vielfalt und Klarheit gestellt wird.
Allein sein Wirken in diesem Bereich hätte schon genügt, um Seferis in der neohellenistischen Literatur einen großen Namen zu schaffen. Aber das ist nur einer der Aspekte seiner Kunst. Vielleicht muß man mit Mallarmé daran denken, daß Verse aus Worten bestehen und daß diese Worte Botschaften vermitteln, wesentliche Botschaften auch in der Poesie. Wenn sich nun auch bei Seferis das volltönende Wort unmittelbar durch seine Dichte, seinen Widerhall, seinen symbolischen Wert, seine Kraft, durch den Glanz seines Wesens frei von jeder Verfälschung durchsetzt, wenn der Satzbau des Dichters durch seine Ausgewogenheit, sein Gewicht, seine tiefe Musikalität wirkt, so steht doch fest, daß die dichterische Eingebung, das, was von einem Dichter bleibt, auch wenn seine Poesie des Zaubers der ursprünglichen Sprache beraubt ist, von unvergleichlicher Bedeutung ist. Wir sehen das vor allem in den Sammlungen und Übersetzungen seiner Gedichte; während alles, was eng mit der Sprache verbunden ist, durch eine Übertragung in andere Worte und eine andere sprachliche Form verlorengeht, fühlt der Leser dieses neuen Textes doch den heftigen und gebieterischen Strom der poetischen Eingebung.
Betrachtet man Schlichtheit als Hauptmerkmal des klassischen Werkes, so gibt es also einen Grund mehr, auf dem klassischen Niveau unseres Dichters zu bestehen. Durch den Reichtum seines dichterischen Temperaments hindurch schimmern einfache, aber gleichzeitig doch grundsätzliche, konstante Elemente für die Erklärung seiner inneren Welt; sie können letzten Endes auf ein einziges reduziert werden, das Grundelement seines Lebens und seines Werkes überhaupt. Seferis ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Dichter von zyklischer Inspiration, ein personifizierter Wille der Vervollkommnung, der Vollkommenheit, ständig bemüht, sein Instrument, ein im Grunde sich gleichbleibendes Instrument, zu verfeinern. Auch wenn er in die Tiefe des Gewissens hinuntersteigt und zu den höchsten und subtilsten Gedanken sich erhebt, läuft sein wechselndes Planen immer entlang derselben Achse ab. Kann man diesen unveränderlichen Kern mit den vielfältigen Aspekten erfassen? Es scheint, daß der Schlüssel zum gesamten Werk und somit auch zum Leben von Seferis in seinem Heimweh-Erlebnis liegt.
Das Verlangen nach Rückkehr. Darin glaubte ich von eh und je den eigentlichen und überzeugenden Sinn der Lyrik sehen zu sollen, in der platonischen Wiederkehr, der Rückkehr zu Gott, zum verlorenen Paradies, dem Rückruf des mütterlichen Schoßes, dem Verlangen, ein für immer verlorenes Glück wiederzufinden. Aber bei Seferis hat dieser Vorgang zu einer absolut greifbaren Form geführt, und dazu befähigt ihn mehr als jede andere Eigenschaft sein dichterisches Talent. Dieser höhere Egoismus, der sowohl den Dichter als auch den Gläubigen auszeichnet, diese Sehnsucht nach Erlösung, welche die Verbindung zwischen Gebet und Poesie herstellt, genügt nicht, einen Dichter zu schaffen oder die Qualität des dichterischen Werkes zu gewährleisten. Auch unser eigener kritischer Zyklus scheint sich in sich selbst zu schließen und zu runden; wenn das Wort allein nicht genügt, um Verse entstehen zu lassen, so genügt auch die Inspiration allein nicht; diese Inspiration muß vielmehr schon an eine gewisse Form gebunden sein. Doch wer Form sagt, meint Stoff. Dieser Stoff, von dem Seferis’ Schaffen durchdrungen ist, verleiht dem Dichter und seinem Werk den souveränen Klang. Die Erde, die Steine, von denen Rimbaud spricht, wenn er sagt:

Si j’ai du goût, ce n’est guères
Que pour la terre et les pierres.

Sie machen die Substanz des dichterischen Werkes von Seferis aus. In ihnen materialisiert sich die Poesie, kehrt das Heimweh des Dichters nach seiner eigenen Heimat, der griechischen Erde, die er für immer verloren hat, auf den Boden zurück.
Aber es geht nicht um die Materie im allgemeinen, ihre Abstraktion, es geht nicht um die Erde, es geht nicht um die Steine, irgendeine Erde, um Steine überhaupt, es geht um Griechenland. In seiner Art fügt Seferis nicht nur die Geschichte, die er erlebt, und jene, die er ererbt hat, wieder zusammen, er schließt sich damit auch der großen lyrischen Tradition seines Heimatlandes an. Die Lyrik sei, sagte ich, der organischste Ausdruck des modernen griechischen Geistes. Es ist immerhin schon lange her, mehr als ein Jahrhundert, daß die Kritik – im vorliegenden Fall die französische – das Wesen solcher Dichtung genau umreißen konnte: sie sei von der Liebe zur griechischen Heimat getragen. Nichts könnte enger mit der Geschichte des griechischen Volkes verbunden sein als diese Quelle der Inspiration. Die moderne Lyrik, von der hier die Rede ist, trat in der griechischen Welt gleichzeitig mit der in Westeuropa auf. Man kann einige frühere Ausnahmen im Anbruch des 19. Jahrhunderts erwähnen; das Volkslied, das sich schlecht in diese Zeit fügt und einige individuelle Bekundungen ohne Weiterungen, ohne Zukunft, Versuche, dem soliden Stamm der volkstümlichen Poesie einige aus der Welt der Gelehrsamkeit stammende Pfropfreiser aufzuokulieren. Aber der lyrische Schwung, der lyrische Flug, diese großartige Befreiung des dichterischen Lebensgefühls – die Bestätigung ersten Auftretens des Bürgertums in der Welt der Kultur – die mächtige romantische Bewegung offenbart sich in Griechenland erst im zweiten Viertel des Jahrhunderts; genaugenommen die leichte Modulation, die der noch wandelbare Charakter der neuhellenistischen Zivilisation benötigte, um vom östlichen Bereich in den westlichen überzugehen. „Tumb“ war es vielleicht und doch lag ein Sinn fürs Erhabene in diesem Zeitalter, das die romantische Poesie und Musik in der ganzen Welt verbreitete.
Griechenland, das in diesem Augenblick den Zutritt zur europäischen Literatur erlangte, gewann genau zur gleichen Zeit, durch einen langen und harten Krieg, nach einigen Jahrhunderten der Knechtschaft seine Freiheit wieder zurück. Das ganze Volk ersehnte die Unabhängigkeit und war auch bereit, dafür zu kämpfen. Keine Anstrengung war zuviel, alle Geister trachteten nach der Schaffung eines freien Hellas. Die Inspiration der Dichter konnte gar keinen anderen Weg verfolgen, sie war im wesentlichen, ja sogar ausschließlich patriotisch. Zwei der größten Namen der neugriechischen Literatur, Andreas Calvos (1792-1869) und Dionysios Solomos (1798-1857) gehorchten dem Ruf. Nach ihnen könnte man den sprühenden Aristoteles Valaoritis (1824-1879) erwähnen, der heute weniger geschätzt wird, aber für seine Zeit ganz bezeichnend war. Der Schwung ist gegeben, das der romantischen Überschwenglichkeit ganz angepaßte patriotische Gefühl wird die griechische Poesie bis heute beherrschen; der Irredentismus führt dazu, daß sie ständig eine gewisse Aktualität bewahrt und mit der nationalen Empfindung harmoniert. Ich muß noch Kostis Palamas (1859-1943), Konstantinos Kavafis (1863-1933) und schließlich Angelos Sikelianos (1884-1951) erwähnen, dessen großartige oratorische Kunst sich in der griechischen Untergrundbewegung vernehmen ließ, während ihm die Nostalgie von Seferis, der aus der Emigration an der Befreiung teilnahm, nüchtern und nicht weniger mannhaft gegenüberstand.
Es ist dieses musikalische Motiv, diese konstante Größe in der neuhellenistischen Poesie, auf die unser Dichter immer wieder zurückkommt. In allen seinen Sammlungen, die immer klarer, bestimmter, reicher, mannigfaltiger und zugleich sich immer ähnlicher werden, wiederholt sich eine einzige Bewegung ins Endlose. Seferis sucht sich, steigt in die Tiefen seines Bewußtseins hinab und bringt nachher dieses hellenistische Ich, das nichts anderes als die individualisierte Liebe zur Heimat ist, an die Oberfläche. Von seinen ersten poetischen Versuchen, in denen die Gefühle den Gesetzen der Zeit folgend unter bewegtem Lächeln versteckt waren, bis zu den großen Erfolgen seiner ersten großen Form, die sich dem klassischen nähert und auf die er nie mehr zurückgekommen ist, ohne sie deshalb zu verleugnen, und von da bis zur vollen, dichten, strengen gen Reife feilt und verbessert er eine leidenschaftlich verfolgte Idee, die immer neu ist, weil er sie immer neu erlebt. Er vertieft sich in einen tausendgesichtigen Traum des neu erwachten griechischen Geistes und dies in der großen, vorgezeichneten Linie seiner berühmten Vorgänger.
Denn der Dichter ist nie groß durch das, was ihn vom Gesamten unterscheidet und trennt, in diesem Fall kann er beeindrucken, Entrüstung, einen Skandal oder eine vorübergehende Mode hervorrufen, aber nicht mehr. Er wird im Gegenteil erst berühmt und zum Mittelpunkt des Geisteslebens – auf den beiden Ebenen, der des Raumes und der Zeit – durch ganz gegenteilige Mittel. Im Raum sagt er besser, auf eine schärfer blickende, genauere und ausdrucksvollere Art als seine Zeitgenossen, was seine Epoche empfunden hat. In der Zeit nimmt er die Themen seiner Abstammung wieder auf, bereichert sie durch sein Genie, seine eigene Erfahrung, durch die neuen Mittel, die seine Zeit in den Dienst des Wortes stellt. Er bereichert die Tradition, indem er ihr sein persönliches, sich in der Abstammung erkennendes Werk hinzufügt.
Seferis ist ein schönes Beispiel dieser Regel ohne Ausnahme für jeden, der sich eingehend mit Geschichte befaßt. Als unnachsichtiger, schwer zugänglicher und kompromißloser Dichter hat er sich den Seinen zu erkennen gegeben. Erst durch ihn lernten sie ihre unbestimmten Wünsche und ihre oft unbewußten Leidenschaften kennen. Sie stellten ihn verdientermaßen auf den entscheidenden Platz in der griechischen Dichtung. Deshalb hat die kulturelle Welt Griechenlands den ihm zuerkannten Nobelpreis als verdiente und rechtzeitig reif gewordene Frucht betrachtet, voll Genugtuung, aber ohne Erstaunen; durch eine Gnade höheren Grades wurde Griechenland ein Wortführer geschenkt, und so verbreitet sich eine jahrtausendealte Stimme in alle Ferne, ernst, melodisch und meisterhaft.

C.Th. Dimaras, aus: Giorgos Seferis: Gedichte, Coron-Verlag

 

Asteris Kutulas über Seferis

Kuno Raeber: Giorgos Seferis in Athen
DU, Heft 3, März 1964

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Die schwierige Suche nach Griechenland
Neue Zürcher Zeitung, 19.2.2000

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDb
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer und Herausgeber

 

Giorgos Seferis liest To Fos.

 

Giorgos Seferis – Kurzer griechischer Dokumentarfilm.

 

Vorschau auf den griechischen Dokumentarfilm Log books: George Seferis.

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