Gottfried Benn: Poesiealbum 300

Benn/Beckmann-Poesiealbum 300

WENN DIR AM ENDE

Wenn dir am Ende der Reise
Erde und Wolke verrinnt,
sie nur noch Laute, leise,
vom Himmel gefallene sind,

und nur noch Farben, getönte
aus einem wechselnden Reich,
nicht bittere, nicht versöhnte,
Austausch alles und gleich,

wenn dir die Blicke nach oben
und dir die Blicke zu Tal
schweigend das Nämliche loben,
schweigend die nämliche Qual,

schließen sich die Gesichte
über der lastenden Flut:
ach, die vielen Gewichte,
doch die Waage, sie ruht.

 

 

 

Stimmen zum Autor

Beim Anhören von Versen / Des todessüchtigen Benn / Habe ich auf Arbeiter-Gesichtern einen Ausdruck gesehen / Der nicht dem Versbau galt und kostbarer war / Als das Lächeln der Mona Lisa.
Bertolt Brecht

Hitlers Machtergreifung mit der Naivität des begeisterten Sportzuschauers begrüßt zu haben, wird seinen Ruf für immer ramponieren… Ein kleines Wunder geschah: der verstockte Solitär traf auf eine Leserschaft, viele von ihnen Mitläufer von gestern, die sich nun an den Reimereien des Unpolitischen wie an Schlagermelodien berauschte.
Durs Grünbein

Die Bennschen Gedichte sind trance- und traumgefleckt… Völlig neuartig zum Zeitpunkt ihres Entstehens und einzigartig noch immer, reichen sie mit ihren Wurzeln hinab zu den bukolischen Herden, den Göttern, Hetären, Huren und Hohepriestern.
Gerhard Falkner

Sein Werk, seine Verse, die parlandohaften, die schnoddrigen, die betäubenden, die sechs großen Gedichte und die mehreren am Kitsch entlanggeschriebenen, die statischen, die rauschhaft fließenden … es ist keineswegs zerstäubt ins ,Allgemeine Nitschewo‘.
Richard Exner

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2012

Poesiealbum 300

Wohl kein deutscher Dichter des 20. Jahrhunderts wurde bewundert und verachtet wie dieser Pfarrerssohn aus der Prignitz. 1912 durch seine expressionistischen Morgue-Gedichte schockartig berühmt, geriet er 1933 zu einem aktiven Fürsprecher des NS-Staates, der ihn aber bald ausgrenzte und mit Schreibverbot belegte. Nachdem er zwei Weltkriege als Militärarzt überstanden hatte, wurde er mit den magischen Versen des Spätwerks zu Manna und Droge für seine kriegsgeschundene, sinnsuchende Leserschaft.

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2012

Gottfried Benn

Wohl kein deutscher Dichter des 20. Jahrhunderts wurde bewundert und verachtet wie dieser Sohn eines protestantischen Pfarrers aus der Prignitz. 1912 schockartig berühmt durch seine expressionistischen Morgue-Gedichte, überstand er den Ersten Weltkrieg als Militärarzt. Mit nun eigener Berliner Praxis diente er sich nach seiner Aufnahme in die Akademie der Künste dem NS-Staat an, der ihn aber fallen ließ, mit Berufsverbot belegte und in seinen Blättern so anfeindete, daß der Bedrohte Zuflucht in der Reichswehr suchte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fand er sich bald begnadigt und durch die Verleihung des Büchnerpreises 1951 endgültig in die Ruhmeshalle aufgenommen, in der er mit seinem Gegenspieler Brecht zu einer der Stilikonen des gespaltenen Lands reifte.

Aus Tadeusz Różewicz: Poesiealbum 299, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2012

 

Das verlorne Ich und der Sommer

– Das 300. Poesiealbum: Gottfried Benn. –

Dem Dichter Gottfried Benn ist das 300. Poesiealbum gewidmet – Jubiläum also der einmaligen deutschen, inzwischen 45 Jahre alten Reihe, die Editions- und damit Literaturgeschichte schreibt; einst begründet im FDJ-Verlag Neues Leben (erster Herausgeber: der Dichter Bernd Jentzsch), seit einiger Zeit liebevoll weitergeführt vom Märkischen Verlag Wilhelmshorst, herausgegeben dort vom Dichter Richard Pietraß.
Benn (1886 bis 1956) ist ein Vielbeschriebener, ein en masse Erkundeter. So ein Poesiealbum ist also kein sekundär-literarisches Erweiterungsblatt, es ist ein Angebot zur Spurensuche in jenem Millimeterbereich seelischer Eruptionen. Benns Biograph Gunnar Decker schreibt von den Gedichten:

Sie beschwören Gott allein in der Gewissheit seiner Nichtexistenz. Sie ankern im Bodenlosen, behaupten das Sein mitten im Nichts.

Das ist bei Benn der Triumph jeder Existenz: Sie weiß, sie hätte Hilfe von Höherem dringend nötig – da es aber dieses Höhere nicht gibt, demnach auch keine Rettung, erwächst Sinn aus Kräften, die eines tun: alles trotzig aushalten. Nicht das Ich siegt, aber der Ich-Begriff, also: die Selbststeigerung durch Fantasie, Poesie. Letztlich erzählen die Gedichte just davon: Hinter den Stirnen der Menschen beginnen die ganz anders möglichen Universen.
Lyrik lesen ist Sammeln von Empfindungspartikeln, bis sich eine Stimmung bildet, so, wie sich ein Gemälde malt. Titelbild und Innengrafik des Heftes stammen von Max Beckmann: „Selbstbildnis mit Horn“ und „Das Leichenhaus“. Der Hornbläser im quer gestreiften Morgenmantel, wie Häftlingskleidung, „das verlorne Ich“.
Benn schreibt von einem Glück des Lebens, das ein „blutloses“, also friedliches Sterben einschließt.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

Benn hat Glück gehabt, er starb im August.

Wir aber leben und lesen. Benns Lyrik kommt jenen Jahren entgegen, die man die wolkenverhangenen nennen darf. Da man ein Gefühl entwickeln sollte für den wahren Stand der Dinge. Diese Gedichte nehmen wahr, wie die Dämmerung an Umrissen herummodelliert, um sie aufzulösen wie eine letzte Wohnung.
Das ist so etwa das Stimmungsgemälde, das diese Lyrik malt. Benns Gedichte fördern das Einvernehmen mit der Verwitterung – das aber eine Geste des erhobenen Kopfes ist. Das Album erhält auch eines der schönsten Gedichte Benns: „Menschen getroffen“. Eine ehrfürchtige Elegie auf den unbekannten Menschen des mühvollen, ruhmlosen, im edelsten Sinne: einfachen Daseins. Ergreifend, wie Benn, der Kalte, der Sezierende, der am Vergängnis Berauschte, wie er sich im Vers in Anteilnahme am geheimnisvollsten hineinschwingt. Aufwühlend schlicht.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

Hat man das gelesen, ist man bereit, jeden Obdachlosen am Straßenrand für einen Götterboten zu nehmen, der auf weiten Wegen ins Lohnende nur mal verschnauft.

Hans-Dieter Schütt, neues deutschland, 28.7.2012

 

Gottfried Benn gegenüber: Wechselnde Gewißheit

I
Mein Verhältnis zu Gottfried Benn verändert sich immer wieder. Es verändert sich in den Krisen meines Lebens. Ich sehe daran, wie er mich betrifft.
Benn – das sind für mich die Gedichte. Ich habe sie früh im Leben kennengelernt. Die erzählende Prosa, die Essays, das Autobiographische kam später; das blieb distant; ich habe mich vor allem wissenschaftlich damit befaßt. (Nur die Oelze-Briefe bringen mich in die Nähe der Gedichte.) Welche Verse mir einfallen, wie ich sie höre, in welchem Tonfall und Tempo – daran erkenne ich, worin mein Verhältnis zu Benn gerade besteht. Ich kann keine Entwicklung nachzeichnen; aber die Pole sind bestimmbar, zwischen denen das Verhältnis sich entfaltet.
Das erste Gedicht, das ich auswendig lernte – ich sollte es in der Schule vortragen –, war „Astern“. Dazu gehören (in der Erinnerung heute): „Tag, der den Sommer endet“, „Schleierkraut“, „Viele Herbste“ und Teile von „Epilog“ („Die trunkenen Fluten fallen“, „Ein Grab am Fjord, ein Kreuz am Goldenen Tore“, „Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe“). Was kommt, wenn diese Verse kommen? Es ist ein plötzliches, fast ruckartig einsetzendes Gefühl von Nähe: Nähe der Dinge, Nähe zu mir. Zugleich das Gefühl der Intensität des Ausatmens, eine plötzliche Farbigkeit der Umwelt, ein Gefühl der Vereinheitlichung, Verdichtung, die innen und außen zugleich sich herstellt. Das Melancholische im Tonfall dieser Gedichte, das Herbstliche, das „Verblassende“ als Motiv, läuft dieser Intensivierung des Ich- und des Ding-Gefühls nicht zuwider. Das umfassende Jetzt (es ist Modus und Thema), dem das Alles-Vergeblich und Alles-Vergänglich auf dem Fuße folgt, hat den Glanz in sich, der die Dinge um mich – und durch mich – aufleuchten läßt. Triumph des Fahrenlassens, Genuß der leeren Hände. Das wird erlebbar, wenn die Erfahrung sich zurückzieht in die letzte Übersichtlichkeit: Bewegung, die nicht aufhört, zum Stillstand zu kommen, Bewußtsein, das unaufhörlich ausmündet in Gefühl. Unmittelbarkeit des Gegenübers Natur: die Blume, das Wasser. Zulassung des Todes – Präsenz des Lebens. Es ist, scheint mir, die evidente Lücke zwischen den Dingen, gleichsam das Loch in ihrer Mitte, das sie so leuchtend macht. Und ich empfinde die Gewißheit: Dahinter nichts!, als ermutigend, als Bestätigung, ja als eine Art Anfeuerung. Es ist das Erlebnis der Anschaulichkeit meiner Existenz: endlich, unwahrscheinlich und dadurch konkret. Diese Rand-Station, diese Kipplage ist mir vielleicht deswegen vertraut, weil ich, selbst Pfarrerssohn, die nur handschmale und gar nicht zu haltende Grenze zwischen Ganz-Verloren und Ganz-Erlöst in mir aufspüren kann.
Aber in Umformung christlicher Gefühlsräume von „Furcht“ und „Gnadenhoffnung“ lösen Benns Gedichte ein Autonomie-Erlebnis aus, eine Wollust der Einsamkeit. Das Formprinzip, das ihnen zugrunde liegt, ist das Entweder-Oder, wobei das Entweder plötzlich verblaßt und das Oder überwältigend wird. Die Gedichte fixieren gleichsam den Augenblick, ehe das Oder endgültig eintritt. Dieser Augenblick ist das ganze Leben wert, er ist das Leben. Das ist etwas Stoisches und zugleich etwas Mystisch-Ekstatisches. Leben total – denn der Glanz kommt von seinem Rand her. „Schleierkraut, Schleierkraut, walle…“ Und: … Die Panther springen lautlos durch die Bäume …“ Und: „Dann wird der Tod doch sein der Schatten blau, darin die Glücke stehn.“
Regression, sagen meine Kinder. Sie sind längst bei Grün, aktiv und in der Friedensbewegung. Auch ich bewege mich langsam dorthin. Trotzdem halte ich an den Benn-GefühIen fest, an der Benn-Erfahrung. Ich leiste mir Benn – die Möglichkeit des Rückzugs auf die reine Innerlichkeit. Ich sehe mehr Komplexität als meine Kinder. Meine Art der Auseinandersetzung mit politischer Entscheidung ist, da ich schon länger gelebt, mehr in mich aufgenommen habe, anstrengender als ihre. Und die Blickschneisen, die noch Zukunft sehen lassen, verengen sich rapid: Naturvernichtung, Energiekrise, die Absurdität des Wettrüstens, die Rattenhaftigkeit des wirtschaftlichen Wachstumsrennens und Gottfried Benn? Ich atme aus, um wieder einatmen zu können. Ich beharre darauf, daß die Dimension von Erfahrung, die ich mit Benn verknüpfe, aus Anlaß seiner Gedichte erlebe, „dazugehört“. Es ist nicht alles an möglich Erfahrung, aber es ist die Erfahrung „des Ganzen“. Wo im Engagement, im Konflikt, in der versuchten „Vermittlung“ die Spannung herrscht zwischen mir und…, versetz mich Benn in den innersten aller konzentrischen Kreise. In jene Sphäre, „… in der du stirbst und sterbend auferstehst“.
Das ist der eine Pol meiner Erfahrung mit Benn.
Aber er hat sich auch und immer wieder zum Menschen als geschichtlichem Wesen geäußert; er hat Diagnosen zum „Geist der Zeit“ gegeben und die Grenzen politischen Handelns prognostiziert. Das taucht auch in den Gedichten auf. Die Negativität seines Geschichtsbilds, seine Resignation entwickelter Mitmenschlichkeit gegenüber, hat sein Menschenbild insgesamt immer wieder in einen Strudel gezogen. Die Gedichte enthalten dies als Motiv, als Anlaß für jenes andere Benn-Gefühl; aber manchmal wird das auch Thema. „Stadtarzt“, „Zwischenreich“, „Verlorenes Ich“ fallen mir ein. „Nachtcafé“, „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“, „Der Arzt“ sind solche gegen „die Menschheit“ geschleuderte Flüche. (Ganz anders der Rückzug in „Gesänge“: „O daß wir unsere Urahnen wären“ – diese Rückzugsbedürfnisse gehören zu mir wie die Ahnung vom Tod, die nicht sublimierbar, wie jede Krankheit, die nicht delegierbar ist – und heilbar nur von mir.)
All die Begründungen, Ableitungen, Analysen, warum es mit der Menschheit so gekommen ist und wo es mit ihr enden wird, glaube ich nicht, übernehme ich nicht. „Alaska“ – damit begann die Ableitung der Misere Europas durch das Vergleichen mit einem Irgendwo. Hier liegen die ersten Spuren von Ideologisierung. Erfahrung und Anspruch mischen sich. Begrifflichkeit dient nicht nur der Spezifizierung, sondern auch der Verengung, der Bildung des Stereotyps… Von der Vermischung der Begriffe und der Bilder lebt Benns Dichtung allemal, sie bezieht daraus ihre Dynamik. Das Medium des Bewußtseins einzubringen in den Gesamtbereich poetischer Erfahrung – darin liegt für mich ein großer Reiz der Kunst Benns. Aber wo sein Bewußtsein programmbildend wird, oder auch nur konzeptbildend, kommt Zweifel in mir auf, Mißtrauen, Abwehr. An solchen Stellen wird die Mischung von Bild und Begriff heikel, wird zur Frage nicht nur poetischer, sondern auch intellektueller Redlichkeit. „Mit Bildern kann man alles machen“, heißt es; mit der Mengung von Bild und Begriff erst recht. Intellektuell brillanten Dichtern muß man auf die Fingerspitzen sehen.
Worauf richten sich meine Zweifel?

2
Vor kurzem hatte ich wieder als Wissenschaftler mit Gottfried Benn zu tun. (Mein Arbeitsgebiet ist die Literatur als interkulturelle Institution: Literatur als Vermittler, die Vermittlung der Literatur.)
Mir war aufgefallen, daß in den Gedichten der zwanziger Jahre, in der furchtbaren Zeit nach der „Rönne-Krise“, die Motive der außereuropäischen Fremde eine besondere Rolle spielen. Benns Ausweichen in die Vergangenheit, in die Vorgeschichte, zur Kontrastierung des Hier und Jetzt ist genug erörtert worden. Aber was hat es mit der „Südsee“, den „Osterinseln“, mit „Ostafrika“ auf sich, daß sie, in Europa beschworen, zu „hyperämischen Reichen“ werden können, zu dominierenden Motivkomplexen? Herrscht ein ethnologisches Interesse vor? Werden hier tiefenpsychologische Einsichten eines Arztes verschlüsselt?… Und dann war mir noch aufgefallen, daß das an der Fremde/Ferne Gepriesene sich ziemlich genau deckte mit dem, was Benn für einige Monate des Jahres 1933 am Nationalsozialismus preisenswert gewesen war.
Diese Beobachtungen brachten mich – wieder einmal – auf einen Weg durch das Werk Benns. Ich skizziere ihn kurz.
Das Begriffsregister der Werkausgabe von Dieter Wellershoff zeigt eine eigenartige Struktur der Geschichtswelt Benns auf: Begriffe dominieren ihrer Häufigkeit nach, die alle eine negative Charakterisierung des „Abendlandes“ („Europas“) bedeuten, mindestens auf eine Kritik an der Vereinseitigung europäischer Welterfahrung und Selbsterfahrung abzielen: „Geist“, „Bewußtsein“, „Ich“, „Gehirn“, „Denken“ usf. Obgleich diese Begriffe gegensatzfähig sind, kommen die Gegenbegriffe kaum vor: „das Du“, das „Irrationale“ werden kaum verwendet. Vielmehr ist die Gegenwelt zu „Europa“, so zeigt sich, in Bildern gestaltet. Das Wortregister zur Lyrik gibt dazu einige überraschende Hinweise: Häufigster geographischer Nominalbegriff ist – „Palau“! („Asien“, „Berlin“, „Nil“ und „Olympia“ folgen in der Häufigkeitskala.) In dem Gedicht, das den Titel „Palau“ trägt, komme zehn der 30 häufigsten Nomina der Lyrik Benns überhaup vor. (Weitere Gedichte, die den Motivbereich „Außereuropa“ entfalten, sind: „Osterinseln“, „Meer- und Wandersagen“, „Ostafrika“.) Thematisiert werden mit Hilfe dieses Motivmaterials folgende Gegen-Akzente zum zeitgenössischen europäischen Menschenbild: Entindividualisierung, Gattungshaftigkeit (das Zusammengehören von Geburt, Zeugung, Tod), Ritualisierung, Kollektivität, Schöpfungsnähe, Schöpfungskraft. Bekanntlich spielen eben diese Begriffe eine entscheidende Rolle in den fatalen Rundfunkreden Benns im Frühjahr 1933, in denen er den Nationalsozialismus begrüßte.
Sicherlich ging es Benn, als er den Motivbereich der „Südsee“ um diese Themata zentrierte, nicht um das reale Palau, jene Insel in der Gruppe der Karolinen. „Palau“ bei Benn ist ein Gefühlssyndrom, ein anthropologisches Konstrukt von hoher Ungeschichtlichkeit. Andererseits, so möchte ich schlußfolgern, ist Benn auch nicht von irgendwelchen Elementen des politischen Programms der Nazis „verführt“ worden. Künstler von solchen Graden der Eigenständigkeit und besessenen Eigenwilligkeit (Ezra Pound wäre ein anderes Beispiel) sind nicht verführbar – es sei denn durch sich selbst! Das soll heißen: durch Konsequenzen, die in ihrem eigenen Konzept liegen, und sei es unter der Grenze des eigenen Bewußtseins. Benn hat sich dem Nazismus gegenüber selbst verführt. Man kann sagen: Die nur beiläufig, als bloße Metapher aufgegriffene und mißbrauchte konkrete (geographisch-kulturelle) Fremde hat sich gerächt: Der Autor von „Palau“ hielt seine eigene Fiktion außereuropäischer zeitgenössischer Wirklichkeit für real, ja, er hielt es für möglich, daß Bestandteile dieser fernen „Fremde“ auch in Europa „menschenmöglich“ würden. Aber „Palau“ war weder in der Südsee real da, noch ließ sich etwas davon in Deutschland realisieren. Weder kam nach 1933 ein „mythisches Kollektiv“ zustande, noch war die Nazi-Bande nahe beim „Schöpfungsschoß“; da wollte kein Volk „mutieren“, kein neuer Mensch wollte „sich züchten“.

Benn selbst merkte das nur allzu schnell. Sein Gespür für Barbarei vertrieb ihn aus seinem Traum.
Die Verführung einzuräumen, sich der Tatsache der eigenen Verführung bewußt (und explizit) zu konfrontieren, dazu war Benn nicht fähig. Ich habe die kürzlich erschienene Gesamtausgabe der Oelze-Briefe daraufhin gespannt durchgelesen. Benn, so scheint mir jetzt, konnte hier nicht anders – er konnte nicht gegen sich selbst. Die Verführung erhellend, die ihn den Nazis nahe gebracht hatte, hätte er nicht nur Inhalte, sondern auch Formungsbedingungen seiner Kunst als „verführerisch“ erhellen müssen.
Mir selbst ist bei dieser neuen Auseinandersetzung mit Benn deutlicher geworden, woher meine Vorbehalte, meine Zweifel ihm gegenüber stammen, das Bedürfnis, sich von ihm abzugrenzen: Es ist die Statik, das Un-Dialektische seines Verhältnisses zu seinen Mitmenschen als Mit-Welt. Mich wirbelt gerade das Zu-mir-Kommen, die glückende Annahme des Nichts, ja selbst die zugelassene Erfahrung der Regression, zurück in die Welt. Ich exponiere mich, soweit ich kann, in die Verstrickungen der Gedichte, wo sie Gegenwart und Alltag wird. Und sei es, um mich zu irren. Das Gefühl meiner – geschichtlichen – Veränderbarkeit, Formbarkeit, mein Nicht-hinaus-Wissen, das Anerkennen des Prozeß- und Zwanghaften in meinem Leben, das unvermeidlich positionelle darin – das ist es, was mich von Benn in Gewißheit trennt.

Dietrich Krusche, 1982, aus: Bruno Hildebrand: Über Gottfried Benn. Kritische Stimmen 1956–1986. S. Fischer Verlag, 1987

Ein Kulturtraum: von Benn gepennt

Ich stand nachts im Waldfriedhof in Berlin-Dahlem am Grabe Gottfried Benns, einer unübersichtlichen Marmorarchitektur, die an Jugendstil-Büffets erinnerte: enorm viele Pflanzenstengel und Schilfkolben, auch Kranzgewinde. Durch meine Kleidung mehr amüsiert als irritiert (antikisch drapiertes Bettuch über langen weißen – mh – Baumwollhosen), trat ich näher. Ich hielt eine Fackel in der Hand und war auf feierliche Begehung gestimmt – wo blieben all die andern? war aber allein. War doch nicht allein, hinter mir knirschte der Kies: da stand mein alter Freund O. S. und grinste stumm – keiner hatte den anderen hier erwartet, wir hatten uns lange nicht mehr gesehen. Er verbeugte sich bis in die Hüfte, wie Japaner das tun, und wiegte sich hin und her, offenbar Lachen unterdrückend, vielleicht aber war es auch eine Art Ehrenbezeigung am Grabe des großen Dichters. Auch ich konnte mein Lachen nun nicht mehr an mich halten, gleichzeitig plätscherte uns aus dem Gesicht das Vergnügen, wir brüllten gemeinsam los, klatschten uns auf die Schenkel, tobten Heiterkeit aus. In ganz hohen Tönen kreischten wir, schon fast stimmlos, strampelten auf Vergißmeinnicht, schnappten nach Luft und schneuzten die Tränen mit den Fingern weg. So was an Hysterie!
Da trat hinter Gräbern Gottfried Benn hervor, schwarz gekleidet, mit Melone und Aktentasche: der Tschibo-Experte. Seine Züge glitten tatsächlich in einer Art unmerklicher Oszillation mehrmals in die der bekannten Figur der Kaffee-Werbung aus den sechziger Jahren. Benn stellte sich vor und öffnete die Aktentasche, der er eine elegante kleine Pistole entnahm (Walther 7,65), die ich an den roten Griffschalen wiedererkannte: ich hatte sie als Kind in einem Steinbruch versteckt gefunden, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Ich ließ sie mir aushändigen, fand das kleine Hakenkreuz, das in die Griffschalen eingraviert worden war, zu einem neutral und technisch wirkenden Quadrat mit Innenunterteilung erweitert, stellte aber beim Aufschnappen des Magazins fest, daß es keine Patronen, sondern Büroklammern enthielt. Ich machte hierüber eine Bemerkung, die Benn zu der etwas hochmütigen Antwort veranlaßte, er sei schließlich „niedergelassener Facharzt“. Dann fingerte er aus seiner Manteltasche eine kleine Schachtel Treupel-Zäpfchen gegen Fieber und Schmerzen. Da wir nun wieder zu lachen anfingen, doch rhythmisch skandiert, als hätten wir’s vorher geprobt, wendete sich Benn indigniert ab, schritt am Grab vorbei, hob kurz die Melone an, während er en passant mit dem Fuß – und ich sah die Gamaschen! – eine welke Blume zur Seite kickte. Dann ging er weiter, und als er schon etwas entfernt war, erkannte ich mit dem Gefühl großen Schmerzes in der Rückenansicht des Gehenden: Adorno. Er verschwand, die Aktentasche abwehrend schwenkend, hinter einer Reihe von Zypressen. Ich war verwirrt und erbittert. Mir war das Lachen vergangen.
Ein leises Klingeln zog unseren Blick wieder auf das Grab. In der Mitte des Marmors war zu unserer Überraschung ein Spielautomat eingelassen, in dem gerade eine Reihe von Kugeln nach unten fiel. Ein kleines Fenster zeigte schnell anwachsende Gewinnsummen.

Wolf-Dieter Bach, die horen, Heft 106, 2. Quartal 1977

 

gottfried benn

aber wo das so sei
habe er sich
darauf geeinigt
es sei besser
zu resignieren:

honoris causa

Hermann Wallmann

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt

 

Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis

Lesung: Holger Hof
Moderation: Jörg Magenau
Im Literarischen Colloquium Berlin am 13.12.2011

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Tondokument: Peter Rühmkorf und Adolf Muschg über Benn und Brecht am 16.9.2006 in der literaturwerkstatt berlin.

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Zum 60. Geburtstag des Autors:

Carl Werckshagen: Gottfried Benn 60 Jahre
Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, 27.4.1946

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Max Rychner: Gottfried Benn
Die Tat, Nr. 120, 3.5.1956

Zum 20. Todestag des Autors:

Gert Westphal: Gottfried Benn – nach zwanzig Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 23.7.1976

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Albrecht Schöne: Gottfried Benn?
Die Zeit, 2.5.1986

Peter Rühmkorf: Gottfried Benn oder „teils-teils das Ganze“
Deutsches Sonntagsblatt, 6.7.1986

Zum 50. Todestag des Autors:

Wolfram Malte Fues: Nur zwei Dinge
manuskripte, Heft 174, 2006

Fakten und Vermutungen zum Autor + Nachlaß + Sammlung 1 + 2
Georg-Büchner-Preis
Autorenäußerungen zu Person und Werk von Gottfried Benn
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Gottfried Benn: Deutsche Rundschau ✝ Merkur

 

Gottfried Benn – das letzte und einzige Fernseh-Interview mit Gottfried Benn am 3. Mai 1956 zum 70. Geburtstag.

 

Richard Pietraß zum 70. Geburtstag:

Jan Wagner: Lob des Spreewals
Der Tagesspiegel, 11.6.2016

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
shi 詩 yan 言 kou 口

 


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