Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge

Müller-Warten auf der Gegenschräge

Sie haben den Wind gesät er ist der Sturm
Die Gewalt hat die Richtung geändert
Unter der Sonne der Folter
Erschafft der Mensch sich neu
Die Gewalt hat die Richtung geändert
Sie haben den Wind gesät er ist der Sturm
Afrika schwankender Riesenrücken
eines schlecht schlafenden Sterns
Sie haben den Wind gesät er ist der Sturm.
Die Gewalt hat die Richtung geändert
Vietnam Blut gegen Napalm.
USA heart of the beast Chile
Die abgehauenen Wälder wachsen
Unter der Erde fort
[B]eginnt [d]ie Geschichte des Menschen
Unter der Sonne der Folter
Sie haben den Wind gesät wir sind der Sturm
Seht um den flammenden Baum
Wimmeln Pygmäen mit Äxten
Aber das Haupt das wächst
Schreibt in den kenternden Himmel den frühen Schaum
Einer Morgenröte
Die Gewalt hat die Richtung geändert
Die Geschichte des Menschen beginnt

 

 

 

Im Nachgang

Müller schreibt sein Leben lang Gedichte. Gedichte als Ich-Genre, das mit einem Selbst leichtfüßig umgeht, gibt es vor allem am Anfang und am Ende. Dazwischen wird Gedicht, was auch Kommentar oder Prolog sein könnte, Anlaß oder Vorspiel der dramatischen Arbeit. Darin stellt sich der Autor dem Dilemma, Objekt der Geschichte zu sein und doch Subjekt werden zu wollen. Expressionistische Töne und Brechtsche Attitüden stehen den frühen Texten zu Gesicht. Die späten verdanken sich der Einsicht: wenn es keine Dialoge mehr gibt, ist die Zeit der Monologe angebrochen, der Spiegel avanciert zum Adressaten. In der Zwischenzeit der 1960er–1980er Jahre zielt Müllers Schreiben nicht auf Lyrik, die Gedichte verdanken sich konkreten Anlässen und bevölkern Programmhefte, ohne den Ton anzugeben.
Doch auch den Stücken gehen in den 1980er Jahren die Gewißheiten aus:

Soll ich von mir reden Ich wer
Von wem ist die Rede wenn
Von mir die Rede geht Ich Wer ist das

So beginnt im Müller-Mythos der Rollentext der Argonauten nach ihrer glücklosen Landung. Den Mythos schickt Müller mit seinem Drama Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten in die Verlängerung:

Ich Auswurf eines Mannes Ich Auswurf
Einer Frau Gemeinplatz auf Gemeinplatz Ich Traumhölle
Die meinen Zufallsnamen trägt Ich Angst
Vor meinem Zufallsnamen
[…]
Wortschlamm aus meinem
Verlassenen Niemandsleib

Die Verse verlagern T.S. Eliots Waste Land an die Ufer des „Straußberger Sees“ und in die Gegenwart. Die Frage nach dem Sprecher beantworten sie kollektiv, bevor sie in Paraphrasen auslaufen und verebben. Lyrik als Umschrift in Vergeblichkeit – so endet das Stück. In den 1990er Jahren nimmt Müller jedoch Zuflucht im Gedicht:

In der Nacht im Hotel ist meine Bühne
Nicht mehr aufgeschlagen Ungereimt
Kommen die Texte die Sprache verweigert den Blankvers
Vor dem Spiegel zerbrechen die Masken Kein
Schauspieler nimmt mir den Text ab Ich bin das Drama
MÜLLER SIE SIND KEIN POETISCHER GEGENSTAND
SCHREIBEN SIE PROSA Meine Scham braucht mein Gedicht

In diesem programmatischen Rollentext – Müller im Hessischen Hof, einem Frankfurter Fünfsternehotel – zelebriert der Autor seinen Ekel angesichts der „schaurigen Welt“ der Reichen. Der Ekel gipfelt in der Spitzfindigkeit des Wissens, unweigerlich daran teilzuhaben. Das lyrische Ich betritt eine Bühne, die vom Autor vorab als Nebenschauplatz bespielt wurde, während die Theaterstücke – mit ihren Furchtzentren der (deutschen) Geschichte – die Hauptbühnen in Ost und West besetzt hielten. Die Bühne als Festung, auch wenn es sich in der Wirklichkeit der Erfahrung um einen „Kessel“ handelt – das von Müller bevorzugte metaphorische Modell des Scheiterns (einer Utopie) und damit Modell der Tragödie an sich. Wenn im Herbst 1989 Drama und Darsteller die Bühne verlassen und auf die Straße ziehen, bleibt der Autor im leeren Theater zurück. Das Schreiben ohne Gegenüber gerät bald darauf unter Verdacht der Entfremdung:

Tierlaute Wer wollte das aufschreiben
Mit Leidenschaft Haß lohnt nicht Verachtung läuft leer

Und so zieht sich Müller mit Lyrik aus dem Sumpf einer Zeit, die er nur als Wiederkehr einer trüben Vergangenheit erlebt. Nun lebt Müller nicht mehr im Material. Er reflektiert den Vorrang der knappen Form als Vorzug. Indem er sein lyrisches Subjekt auflädt und ermächtigt, hofft er auf den nächsten Anlauf zu dramatischen Arbeiten: „[I]ch muß Gedichte schreiben / damit ich wieder ein Stück schreiben kann und vielleicht Prosa“ (HMA 5283/33). Inhaltlich schließen die Genres einander nicht aus, sondern ergänzen und bedingen sich:

Unter dem Raum unter der Zeit
Unter dem Raum der Geschichte
Unter der Zeit des Menschen
Ist der Raum ist die Zeit des Gedichts

So muß, wer sich erinnern will, in die Tiefe graben. Diese Variation nach Benjamin bleibt gültig. Müller entsagt dem „Besitz der Wahrheit“: Am Scheideweg von Prophet und Geometer schlägt Müller sich auf die Seite der Vermesser.
Die 1990er Jahre zwingen den Autor in die öffentliche Rolle und zum Interview – mehr als ihm lieb ist binden ihn Akademiepräsidentschaft und BE-Intendanz. Das hält vom Schreiben ab. Für sich, auf dem Papier, findet Müller vielfach gespiegelt zu Versen der Reflexion:

Ich Dinosaurier nicht von Spielberg sitze
Nachdenkend über die Möglichkeit
Eine Tragödie zu schreiben Heilige Einfalt
Im Hotel in Berlin

Er flüchtet zu strengen Formen und verdichteter Sprache und verbaut sie zu Bastionen gegen Krankheit und Schmerzen:

Auf der Bühne stirbt
Ein Spieler nach den Regeln seiner Kunst
Den Dolch im Nacken. Ausgerast die Brunst
Ein letztes Solo, das um Beifall wirbt.

Er entdeckt die leisen Töne der Nähe – mit Blick auf Tochter und Frau:

Mit deinen Augen sieht mein Kind mich an
Wie lange bleibt es von der Welt verschont
Wenn ich die Frau bin und du bist kein Mann

Und er kommt zu sich in der Nähe des Todes – am Ende der Handschrift, wenn der Körper versagt und nur noch Prothesen der Entäußerung die Stellung des Subjekts unter Schreibzwang halten: Am Ende tritt das „Schweigen“, der einzige ‚Protagonist der Zukunft‘, zum ewigen Schlußmonolog an.
Der Leser erfährt von der „Schwierigkeit / Den Vers zu behaupten gegen das Stakkato / Der Werbung das die Voyeure zu Tisch lädt“. Er erfährt von Formulierungen im Zustand der Schreibblockade:

Wissend der ungeschriebne Text ist eine Wunde
Aus der das Blut geht das kein Nachruhm stillt

Die Blockade kann zwar rhetorisch, inhaltlich jedoch nicht überwunden werden. Müller konfrontiert den Leser mit Familienmodellen, die sich an mythischen Mustern abarbeiten, bis eine Tochter ihren Ahnen den Text abnimmt: „Geh, Ariel, bring den Sturm zum Schweigen + / Wirf die Betäubten an den Strand Ich brauch sie / Lebend, damit ich sie töten kann“, so Prospero, Mirandas Vater aus Shakespeares Sturm. Darauf hat die Tochter nur ein Wort: „Warum“. Es eröffnet die ganze Welt der Differenz: Ein Wort hebelt das Gewaltprinzip des Vaters aus, das bislang jeden (geopferten) Sohn zurück in den Kreislauf der Rache schickte. Die Tochter muß den Vers nicht mehr auffüllen zur Regelmäßigkeit – egal ob im Drama oder im Gedicht. Ein Ausweg, und auch wieder nicht. Der Autor ist nicht länger „aufgehoben […] im Blankvers“, der das „Schreibglück der fünfziger Jahre“ in der Retrospektive illuminiert. Den Leser bekümmert das nicht, er liest die „alten Texte“ ohne das „Gefühl des Scheiterns, das Bewußtsein der Niederlage“, das Müller für sich formuliert.

Kristin Schulz, Nachwort

 

Wenn die Zeit der Dialoge vorbei ist,

wird das Gedicht zur letzten Zuflucht:

Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker
Das letzte Abenteuer ist der Tod
Ich werde wiederkommen außer mir
Ein Tag im Oktober im Regensturz

Heiner Müller, berühmt für Theaterstücke und Gespräche (und Whisky und Zigarren), schrieb ein Leben lang Gedichte. Vom Aufbau- zum Kinderlied der fünfziger Jahre, vom Liebes- zum Widmungsgedicht, von Ballade und Sonett zum Lehr- und Prosagedicht, vom Autorkommentar bis zum Antikentext der 1990er Jahre – dieser Band versammelt erstmals Müllers sämtliche zu Lebzeiten und postum veröffentlichten Gedichte, dazu Texte aus dem Nachlass, in chronologischer Reihe.
Eröffnet wird der Band durch den einzigen zu Lebzeiten erschienenen Lyrikband. Daran schließen alle verstreut veröffentlichten Gedichte aus Anthologien und Zeitschriften an. Hinzu kommen zahlreiche unbekannte und bekannte Gedichte und Entwürfe aus dem Nachlass. Erweiternd und ausführlich kommentierend, ersetzt Warten auf der Gegenschräge den 1998 erschienenen Gedichtband der Werkausgabe. 

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2014

 

„Ich werde wiederkommen außer mir“

Am Schopf der Verse aus dem Sumpf: Zu Lebzeiten hat Heiner Müller einen einzigen Gedichtband veröffentlicht. Sein lyrischer Nachlass macht ihn zum Klassiker. –

Momentan ist es ein probates Mittel, unsere wenig transzendente Gegenwart mit einer Zwischen- und Unterwelt aus Vampiren, Zombies und anderen, etwas differenzierteren Wiedergängern aufzupeppen. Sie treten auf, um uns das Gruseln zu lehren, „eh sie sich ganz zurueckziehn / in ihr gewohntes dunkel das uns blendet“. So hat Heiner Müller, der große Totenbeschwörer, die auf ihren Einsatz wartenden „toten auf der gegenschraege“ in einem seiner letzten Gedichte, „DRAMA“, beschrieben, einen Monat vor seinem Tod im Dezember 1995. Sie haben den jetzt bei Suhrkamp erschienenen gesammelten Gedichten den Titel geliehen. Warten auf der Gegenschräge heißt der von Kristin Schulz edierte Band.
Was wäre, könnten wir fragen, wenn Heiner Müller der wäre, der da wartet und plötzlich aus den Spiegeln im Foyer des Berliner Ensembles träte, um einer Lesung seiner Gedichte zu folgen, gesprochen von seinen Lieblingsschauspielern Corinna Harfouch und Hermann Beyer? Neunzehn Jahre nachdem er hinter jenen Spiegeln verschwand? So wie in „Zwei Hände“:

Das letzte Abenteuer ist der Tod
Ich werde wiederkommen außer mir
Ein Tag im Oktober im Regensturz

Wahrscheinlich würde das passieren, was Schicksal aller Wiedergänger ist: Er stünde im Weg herum und wäre den Überlebenden keine Hilfe, auch wenn ich über keinen anderen seit 1989 verstorbenen Schriftsteller so oft den Satz höre:

Was wohl Heiner Müller zu dieser seit 2001 aus den Fugen geratenden Welt sagen würde?

Wie alle großen Dichterinnen und Dichter hat Heiner Müller vieles, was uns heute bedrängt, antizipiert, er muss also gar nicht wiederkommen, die Metapher ist groß genug. „… der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und / oder Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden“, heißt es in der „Wunde Woyzeck“, einem Prosastück von 1985, als die Welt eigentlich noch streng in Ost und West gescheitelt war. Oder nehmen wir eines seiner letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte, „Ajax zum Beispiel“:

Geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte…
Das zu Ende geht Das kommende
Wird den Advokaten gehören die Zeit
Steht als Immobilie zum Verkauf

Die Anrufung der Toten hat Müller wie kein anderer beherrscht. Und auch ihre Abwehr. „ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“, hieß es in „Bildbeschreibung“, jenem Zwitterwesen aus Prosa und Drama, dessen in Versalien verfasste Totenbeschwörung 1992 noch einmal auftaucht in einem Gedicht, das mit „DER TOD IST EIN IRRTUM“ endet.
Warten auf der Gegenschräge ersetzt den 1998 erschienenen ersten Band Die Gedichte der von Frank Hörnigk herausgegebenen Werkausgabe. Inzwischen ist das Heiner-Müller-Archiv erschlossen, sind neue, unveröffentlichte Texte aufgetaucht, Provenienzen gesichert und Querverweise möglich. Was bleibt, ist der Grundwiderspruch: Die Entscheidung, die Gesamtausgabe des Werks bei Suhrkamp in den engen Gattungsgrenzen zu ordnen, war eine für den Klassiker und gegen den Textproduzenten Müller, wie er in den Bänden der Rotbuchausgabe gewürdigt wird, die, zu Lebzeiten Müllers erschienen und von ihm mitverantwortet, das Werk in Clustern ordnete.
Heiner Müller habe, so beschrieb es Frank Hörnigk im Nachwort des ersten Bandes der Werkausgabe 1998, seine künftigen Herausgeber aufgefordert, bei der Veröffentlichung seiner Arbeiten als Editionsprinzip, auf die „brutale Chronologie“ seiner Texte zu achten. Das verbarg einen Textbegriff, der, so Hörnigk, „allen Verbindlichkeiten tradierter literarischer Gattungseinteilungen entgegensteht“. Aber auch die brutale Chronologie hätte ihre Tücken gehabt, denn Müller hatte die Angewohnheit, Texte zu recyclen, viele der im Spätwerk berühmt gewordenen Zeilen tauchen schon im Frühwerk auf. Kristin Schulz, schon früh in die Herausgeberschaft hineingewachsen, war sie doch an den meisten Bänden der Heiner-Müller-Gesamtausgabe als Mitarbeiterin beteiligt, ist eine Meisterin im Aufspüren solcher Zusammenhänge. Daher liest sich in der neuen Ausgabe der Anhang zu den Gedichten manchmal poetischer als der eigentliche Text, beschreibt er doch den abenteuerlichen Weg mancher Zeilen durch Zeiten und Genres. Zuletzt hat Kristin Schulz zusammen mit Martina Hanf den viel beachteten Band Die nennen das Schrei mit den gesammelten Gedichten Thomas Braschs herausgegeben, der ähnlich strukturiert ist.
Heiner Müller hat sein Leben lang Gedichte geschrieben, und nicht nur Blankverse. Aber viele Jahrzehnte wurden sie nicht als eigenständig in seinem Werk wahrgenommen, sondern galten eher als Selbstvergewisserungen im Zusammenhang mit seinen dramatischen Texten. 1980 schrieb die Heiner-Müller-Forscherin Genia Schulz:

Prosa und Lyrik begleiten Müllers dramatisches Werk, ohne dessen Selbstständigkeit zu haben.

Dabei hatte Müller schon in den Fünfzigerjahren eine starke lyrische Phase gehabt, die Gedichte waren an Brecht geschult und oft in Zwiesprache mit seiner damaligen Frau, der Dichterin Inge Müller, entstanden. In ihren jeweiligen Nachlässen finden sich Gedichte zum selben Thema, mit ähnlichen Zeilen, „MAJAKOWSKI“ zum Beispiel, mit dem „bleiernen Schlusspunkt“ darin. Inge Müller brachte sich 1966 um, Heiner Müller konzentrierte sich auf die Dramatik, deren Form nach und nach zerfiel. „Gedichte aus dieser Zeit“, so Kristin Schulz im Nachwort, „verdanken sich konkreten Anlässen“.
Das änderte sich erst in den Neunzigerjahren. Das Drama fand nicht mehr statt. „Und so zieht sich Müller mit Lyrik aus dem Sumpf seiner Zeit, die er nur als Wiederkehr einer trüben Vergangenheit erlebt“, schreibt Kristin Schulz im Nachwort. Seiner Schreibblockade trotzt Müller „Mommsens Block“ ab, dem Krebs seine besten Gedichte. 355 Gedichte und Gedichtentwürfe hat Kristin Schulz in die Sammlung aufgenommen, davon 220 Texte aus dem Nachlass, 88 davon sind Erstveröffentlichungen. Anders als in der Hörnigk-Ausgabe, die streng chronologisch vorging, hat Kristin Schulz den einzigen zu Lebzeiten erschienenen Gedichtband von 1992 an den Anfang des Bandes gestellt.
Gesammelte Werke fragen nicht nach der Qualität des einzelnen Textes, sondern nach der Vollständigkeit. Was der Autor nicht rechtzeitig vernichtet hat, wird in eine Gesamtausgabe aufgenommen. Einiges hat in den Vor- und Nachlässen seiner Freundinnen und Freunde überlebt, auch wenn die Liste der Gedichte, die Kristin Schulz in den Tiefen der Archive aufgespürt hat, sicher noch nicht vollständig ist. Aber liest man sie chronologisch von den späten Vierzigerjahren bis 1995, ist deutlich zu sehen, wie Ezra Pound sich in den Kopf des Autors stalinistischer und maoistischer Auftragsballaden setzt und da kleben bleibt bis zum Ende, während die -ismen zersplittern und Gewissheiten dem grundsätzlichen Zweifel über den Zustand der Welt Platz machen.
Denn schon am Anfang seiner Karriere gab es Gedichte, die jene Abgründe vorwegnahmen, die noch kommen sollten – kompaktes Material, mit dem Müllers Leser in den Krieg gegen die Dummheit ziehen konnten. Ich kann all jene auswendig, die ich mit etlichen Durchschlägen abgeschrieben habe. „Gestern an einem sonnigen Nachmittag“, „Selbstbildnis zwei Uhr nachts“ oder „Motiv bei A. S.“ Das Papier des letzteren, das Jahre über dem Schreibtisch hing, trägt die Spuren der verschimmelten Wand. („In der Zeit des Verrats sind die Landschaften schön.“) Das letzte Wort im Werk ist „Warum“. Diese Frage stellt Miranda ihrem Vater Prospero nach seinem Vers „Geh, Ariel, bring den Sturm zum Schweigen / Wirf die Betäubten an den Strand Ich brauch sie / Lebend, damit ich sie töten kann“. Dieses „Warum“ einer Frau beschreibt die Lücke, die ein Ausweg sein könnte im immerwährenden Drama. Oder, wie es Kristin Schulz im Nachwort schreibt:

Ein Wort hebelt das Gewaltprinzip des Vaters aus, das bislang jeden (geopferten) Sohn zurück in den Kreislauf der Rache schickte. Die Tochter muß den Vers nicht mehr auffüllen zur Regelmäßigkeit, egal, ob im Drama oder im Gedicht. Ein Ausweg, will es uns scheinen, und auch wieder nicht.

Eine Hoffnung? Vielleicht.

Annett Gröschner, Die Welt, 1.11.2014

Das Kind war ich

– Als Agent Provocateur des Theaters wurde Heiner Müller zur Legende. Warten auf der Gegenschräge zeigt ihn als kraftvollen Dichter. –

Wer auf Friedhöfen die Gräber prominenter Persönlichkeiten aufsucht, entdeckt öfter Merkwürdiges. Auf dem Grab Heiner Müllers (in unmittelbarer Nähe zu dem seines dramaturgischen und auch lyrischen Über-Vaters Bertolt Brecht) lag vor Jahren eine echte Zigarre, die sein Markenzeichen gewesen ist. So eindrucksvoll wie das Bild vom zigarrenrauchenden, schwarzbebrillten Heiner Müller sind nicht wenige der Gedichte, die nun knapp 20 Jahre nach seinem Tod 1995 im Band Warten auf der Gegenschräge vorliegen, die die Berliner Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz herausgegeben hat. Das Buch ersetzt den 1998 erschienenen Gedichtband der Heiner-Müller-Werkausgabe.
Man hat Heiner Müller, ähnlich wie Bert Brecht, lange kaum als Lyriker wahrgenommen. Dabei hat der 1929 Geborene sein Leben lang und schon in jungen Jahren mit dem Schreiben von Gedichten begonnen, zudem aber, und das ist hier entscheidend, in seinen lyrischen Texten einen Sprachgestus kultiviert, der sich oft nicht von dem seines dramatischen Sprachgestus unterscheidet. Gedichte wie „Philoktet 1950“ oder „Selbstbildnis zwei Uhr Nachts am 20. August 1959“ bewegen sich auf dem womöglich ohnehin nicht vorhandenen schmalen Grat zwischen Lyrik und Prosa. Im Aufsprengen der Gattungsgrenzen liegt eine der Qualitäten dieser Lyrik, die meist den hohen Ton meidet, andererseits nicht vor Hölderlin-Zitaten zurückschreckt.
Müllers die Gattungsgrenzen überschreitendes Sprechen stellt die Herausgeber gerade dadurch vor einige Schwierigkeiten bei der Auswahl des Materials. So ist es zu begrüßen, dass Warten auf der Gegenschräge die Auswahl und Gliederung detailliert erläutert und im Apparat zahlreiche editorische Entscheidungen transparent gemacht werden: Der Band präsentiert auf der Basis des Nachlasses, der sich in der Akademie der Künste Berlin befindet, sämtliche zu Lebzeiten und posthum veröffentlichten Gedichte in chronologischer Reihenfolge. Eröffnet wird er durch die einzige vor 1995 erschienene Lyriksammlung, die Müller 1992 im Berliner Alexander-Verlag veröffentlichte. Dort entfalten sich die Fragestellungen und Kontexte, in denen Müller sich bewegte: Die Frage nach der angemessenen Gesellschaftsform, die Frage nach der Geschichte, die immer eine des Siegens der einen und des Verlierens der anderen bedeutet.
Von Brecht hat Müller nicht nur den Tonfall des Mahners und das Fragen nach den menschenwürdigen Verhältnissen übernommen, sondern auch einige formale und stilistische Eigenarten: etwa den Hang zur Inversion („Zwar das Brot gehörte allen, aber sättigte keinen“ heißt es zum Beispiel in „Bericht vom Anfang“), eine Vorliebe für asiatische Dichter wie Po Chü I, mit dessen Gedichten sich auch Brecht auseinandersetzte, oder das Verfahren, das Brecht in seinen Studien von 1938 anwandte: mit dem Sonett als literarischer Form zu arbeiten. Zentral ist in Müllers einzigem zu Lebzeiten veröffentlichten Band auch die Bedeutung mythologischer Themen und Figuren wie Philoktet, Homer und immer wieder Horaz. Sie geht letztlich auch zurück auf die Idee, von der Müller getrieben war: dass man aus der Geschichte lernen kann. In seiner Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition, mit historischen Ereignissen, mit prominenten Vertretern der Politik, der Kultur und der Geistesgeschichte, aber auch mit seinen Alltagserfahrungen zeigt sich Müller – und hierin lässt sich ebenfalls eine Parallele zu Bertolt Brecht ziehen – als ein Autor, dessen Gedichte erst noch zu entdecken sind. Kraftvoll ist die Sprache, gelegentlich auch ein wenig kraftmeierisch:

MANCHMAL WENN ICH MEINE PRIVILEGIEN GENIESSE
Zum Beispiel im Flugzeug Whisky von Frankfurt nach (West)Berlin
überfällt mich was die Idioten vom SPIEGEL meine
Wütende Liebe zu meinem Land nennen
[…]

Und so kraftvoll ist Müllers lyrisches Sprechen noch in der Resignation und in den Fragmenten und Notizen, die der Autor kurz vor seinem Tod aufzeichnete:

Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker
Das letzte Abenteuer ist der Tod
Ich werde wiederkommen außer mir
Ein Tag im Oktober im Regensturz

heißt es in „Notiz 409“ aus dem Jahr 1995.

Müller wirkte durchaus auch als Lyriker auf die nachfolgende Generation. Er förderte Durs Grünbein, als dieser noch ein unbekannter Autor war. Der Lyriker Ron Winkler bewunderte den „ätzenden Haderton“ seiner Gedichte und traf damit den Sound recht genau. Man erfahre hier „die hart konturierte Desillusion eines an der Welt gestörten Intellekts“. Und Nico Bleutge, der in diesem Jahr nach Lutz Seiler mit dem Christian-Wagner-Preis ausgezeichnet wird, hat in seinem Gedichtband verdecktes gelände Müllers „Traumwald“ aufgenommen und umgeschrieben. Es ist eines jener Gedichte, deren bildhafte Vielschichtigkeit einen starken, unheimlichen Sog entwickelt. Seine Anfangsverse:

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen. Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen
die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun. Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
[…]

Die zugleich märchen- und albtraumhafte Szenerie dieses Gedichts – und hierin darf man den Theaterdichter, Intendanten und Regisseur Müller mitdenken – wird zur imaginären Bühne, auf der sich, wie in einem miniaturhaften Einpersonenstück, eine Spannung aufbaut, aus der heraus sich dann das innere Drama des Sprecher-Ichs in einer Art Trance entfaltet. Die Faszination der Verse überträgt sich, indem sich das Gedicht in eine beängstigende Konfrontation des Ichs mit einer Figuration seiner selbst steigert; sie ruft einen Schauder hervor, wie er in Momenten einer unerwarteten Selbsterkenntnis entsteht. Denn was das lyrische Ich hier sieht, ist

Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel, das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldner Strich
Hinter dem Traumwald, der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

Man geht bestimmt nicht völlig fehl, wenn man „Traumwald“ zu jenen Gedichten Heiner Müllers zählt, die seinen Rang als Dichter noch über den Moment hinaus festigen, in dem die letzte seiner Zigarren längst verglüht ist. Das archetypische Kind beschäftigte Müller, in dessen Werk der Tod stets starke Präsenz eingeräumt bekam, gegen Ende seines lyrisch geprägten Schreibens und gegen Ende seines Lebens offenkundig besonders: „Im ächten Manne / ist ein Kind versteckt / das will sterben“, heißt es, ein Zitat Nietzsches variierend, in einer vermutlich 1995 entstandenen lyrischen Notiz. Wo Friedrich Nietzsches Verse aus Also sprach Zarathustra mit „das will spielen“ geendigt hatten, changiert Heiner Müllers anrührender Dreizeiler hier zwischen Weltekel und Resignation, vielleicht Angst und dem Mut, den es letztlich zum Sterben auch braucht.

Beate Tröger, der Freitag, 15.10.2014

Warten auf der Gegenschräge

Das Buch
Heiner Müller muss man dem französischen Publikum nicht mehr vorstellen. Seine Stücke sind längst übersetzt und werden regelmäßig gespielt, und ganze zehn Werkausgaben (Theaterstücke, Gespräche, Prosa) erschienen bereits bei den Éditions de Minuit und L’Arche. Ein Schaffensbereich des Autors ist in Frankreich jedoch noch relativ unbekannt: seine Lyrik. Außer durch ein schmales Bändchen, das 1996 bei Christian Bourgois erschien – sehr genau an jenem orientiert, das zu Lebzeiten des Autors im Alexander Verlag Berlin veröffentlicht wurde –, erhält der französische Leser keinen Einblick in die Vielfalt und Bedeutung der Poesie in Müllers Werk. Daher ist die Veröffentlichung der umfassenden, von Kristin Schulz zusammengetragenen Gedichtsammlung Warten auf der Gegenschräge nicht nur ein großes Ereignis, sondern auch eine Einladung, Müller anders zu lesen.
Die Poesie spielt bei Müller eine merkwürdige Rolle. Hier und da lässt er etwas davon in seine verschiedenen Textsammlungen einfließen, doch erst gegen Ende seines Lebens veröffentlicht er schließlich eine reine Lyriksammlung. Seine ersten Gedichte verfasste er jedoch bereits Anfang der 1950er-Jahre, und die letzten Verse schrieb er nur wenige Tage vor seinem Tod im Dezember 1995. Bei der Lektüre von Warten auf der Gegenschräge wird man oft an die Kürze japanischer Haiku erinnert, man findet Brecht’sche Elegien und stößt auf klassische Vierzeiler. Entscheidend ist jedoch nicht die Form, sondern das Bild, das ein Gedicht vermittelt. Der Tod erscheint von Anfang an als der rote Faden, der sich durch das gesamte lyrische Werk zieht: der Selbstmord seiner zweiten Frau Inge Müller, aber auch der Tod des Autors selbst, dessen Tage durch sein Krebsleiden gezählt sind. Diese Präsenz des Todes, oft in Verbindung mit aktuellen Themen, führt dazu, dass Heiner Müller in seinen Gedichten am meisten von sich preisgibt, denn hier verzichtet er auf den schwarzen Humor oder die Ironie, die man aus seinen Gesprächen kennt.

Die Herausgeberin
Kristin Schulz (die im Heiner-Müller-Archiv der Humboldt-Universität Berlin arbeitet) ist die beeindruckende Edition aller Aufnahmen von Heiner Müller (Interviews, Konferenzen, Lesungen) zu verdanken: insgesamt 1 Tag, 11 Stunden und 29 Minuten an Tondokumenten. In ebenso akribischer Arbeit hat sie diesen kompletten Lyrikband zusammengestellt, der somit jenen von 1998 ersetzt. Mit knapp 700 Seiten, davon mehr als 200 Seiten textkritischer Apparat, bleibt die Herausgeberin ihrem Streben nach wissenschaftlicher Gründlichkeit treu, gibt zahlreiche Varianten an und zeigt, wie die Texte sich im Schreibprozess und in den verschiedenen Ausgaben verändert haben. (Einziger Kritikpunkt: Es wäre schön, wenn die Anmerkungen manchmal etwas mehr Hinweise zur Interpretation und dem historischen Kontext enthielten und die geheimnisvolle Bedeutung einiger Gedichte, die undurchsichtig bleiben, erhellen könnten). Doch Müllers gesamtes Werk ist voll von Zitaten, Andeutungen und Bearbeitungen: ein riesiges, rätselhaft verwobenes Spinnennetz – man muss akzeptieren, dass man sich darin verliert.
In dem Gedichtband, der vor dem Tod Müllers in Frankreich erschien, waren folgende Linien zu lesen:

3 SELBSTKRITIK
Meine Herausgeber wühlen in den alten Texten
Manchmal wenn ich sie lese überläuft es mich kalt Das
Habe ich geschrieben IM BESITZ DER WAHRHEIT
Sechzig Jahre von meinem mutmaßlichen Tod
Auf den Bildschirm sehe ich meine Landsleute
Mit Händen und Füßen abstimmen gegen die Wahrheit
Die vor vierzig Jahren mein Besitz war
Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend.

Müller wusste genau, dass mit ihm auch die DDR sterben würde. Und er wusste, dass Verleger in den folgenden Jahren auf der Suche nach bekritzelten Papierfetzen und durchgestrichenen Blättern seine Sachen durchwühlen würden (das Buch enthält auch einige Faksimiles, die die Komplexität seiner schriftstellerischen Arbeit verdeutlichen), um uns Texte von blasser Schönheit und schneidender Treffsicherheit vorzusetzen. Die Tatsache, dass dieses Buch fast auf den Tag genau 25 Jahre nach dem Mauerfall erschien, während der originalgetreue Nachbau des Berliner Stadtschlosses Stück für Stück Gestalt annimmt, ist vermutlich kein Zufall. Mit Sicherheit ist das Buch eine Gelegenheit, Heiner Müllers und eines ganzen Kapitels der deutschen Geschichte zu gedenken.

Thibaut de Ruyter, Goethe-Institut, 7.10.2014

Heiner Müller als Lyriker

– Warten in der Gegenschräge versammelt die Gedichte des Dramatikers in höchst übersichtlicher Form – eine Einladung zum Lesen. –

Als 1998, rund zwei Jahre nach dem Tod von Heiner Müller, die Werkausgabe seiner Schriften durch den Gedichte-Band eröffnet wurde, war das Erstaunen groß. In seinen letzten Lebensjahren hatte Müller vornehmlich durch Auftritte als orakelnder Pointenlieferant in Alexander Kluges Fernsehsendungen auf sich aufmerksam gemacht. Er gab ein Interview nach dem anderen, avancierte zum linksintellektuellen Popstar – der „Kommunist“ als Mediendarling. Dabei waren die neunziger Jahre alles andere als eine gute Zeit für Müller: Erst in eine veritable Schreibkrise geraten nach dem Verschwinden des Staates, an dem er sich mit seinen Dramen so literarisch produktiv gerieben hatte, folgte dann die unselige Krebsdiagnose.
Seine tödliche Krankheit hat Müller darauf zurückgeführt, dass er keine Dramen mehr schreiben konnte, weil der vorläufige Sieg des Kapitalismus kein Material für Bühnenverse lieferte. Oder wie er in einer Nachlassnotiz aus dem Jahr 1990 feststellte:

Gegen die Drohung der Pariser Commune KEINER ODER ALLE steht das Prinzip Hoffnung der Marktwirtschaft FÜR ALLE REICHT ES NICHT, das die Massen mobilisiert, damit die Eliten überleben können. Ich rede nicht von geistigen Eliten. Der SIEG DES KAPITALISMUS geht die Banken an, nicht die Literatur. Er ist kein Gegenstand. Wichtig ist die Erfahrung der Niederlage.

Dass Müller dennoch weiterschrieb in einer Zeit der politischen, künstlerischen und körperlichen Niederlage zeigte sich in seiner lyrischen Produktion vor der Jahrtausendwende. Kaum gestorben, konnte man Müller dank der von Frank Hörnigk betreuten Werkausgabe als bedeutenden Lyriker entdecken. Stolze 330 Seiten und 254 Gedichte enthielt der Band, darunter 84 Texte erstmals aus dem Nachlass veröffentlicht. Furore machten insbesondere die epischen Langgedichte wie „Ajax, zum Beispiel“, „Senecas Tod“ oder „Mommsens Block“, die den Germanisten ordentlich Stoff zur Exegese lieferten. Vertreter dieser Berufsgruppe äußerten jedoch auch eine ganze Reihe von Vorbehalten gegen den Gedichte-Band, die von Detailfragen hinsichtlich der Textfassungen bis zur Grundsätzlicherem wie den Auswahlkriterien reichten. Wenn nun jedenfalls nach anderthalb Jahrzehnten Müllers Gesammelte Gedichte erneut erscheinen, so ist das Buch vom Verlag ausdrücklich als Ersatz des vorherigen Lyrik-Bands annonciert.
Gegliedert ist Warten auf der Gegenschräge (ein Müller-Zitat) in vier jeweils chronologisch organsierte Abteilungen: Zuerst werden die Texte nachgedruckt, die Müller noch selbst für den 1992 erschienenen Band Gedichte 1949–89 ausgewählt hatte – gleichsam ein Best-Of und zugleich Querschnitt durch vierzig Jahre Lyrik. Dann folgen, zweitens, sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte und, drittens, jene aus dem Nachlass. Was letztere betrifft, wird der Korpus nun erheblich erweitert. Dies gilt zumal für die im wahrsten Sinne des Wortes am Sterbebett des Dichters verfassten Texte als krankheitsbedingt bereits die Handschrift versagt:

Nur die Schreibmaschine
Hält mich noch aus dem Abgrund dem Schweigen
Das der Protagonist meiner Zukunft ist.

Abschließend folgen noch knapp vierzig, zumeist knappe Entwürfe aus dem Nachlass sowie ein schmaler aber informativer Bildteil, der Faksimiles einzelner Blätter aus dem Archiv samt Transkription der Müller’schen Krakelschrift liefert.
Soweit, so erfreulich. Doch Quantität bedeutet nicht automatisch Qualität, und nur weil ein Müller-Poem bisher unbekannt war, ist es nicht automatisch gelungen. Zwar enthält der Band einige bemerkenswerte Fundstücke, doch zugleich sind viele der erstmals vorgestellten Texte nicht unbedingt aufregend. Wer also auf neuentdeckte Meisterwerke hofft, hat falsch spekuliert. Der Maler Martin Kippenberger erklärte einmal, dass er bei seinen Ausstellungen immer auch ein paar schlechte Bilder aufhänge, damit die guten Kunstwerke umso besser wirken. Und so ist auch dieser Band zu lesen: Gerade in der Differenz zu den weniger gelungenen Texten zeigt sich, zu welchen Höhen der Lyriker fähig war. Denn das unterstreicht die Neuausgabe höchst eindrucksvoll: Heiner Müller hat nicht nur das zweifellos bedeutsamste (post)dramatische Werk des späten 20. Jahrhunderts hinterlassen, das noch sehr lange uneinholbar bleiben wird, er muss ebenso zur Handvoll der wichtigsten Gegenwartslyriker unserer Sprache gezählt werden.
Langes und Kurzes, Bekanntes und Unbekanntes, Poetisches und Episches, Veröffentlichtes und Unveröffentlichtes, Humoristisches und Ernstes, Antikes und Modernes, Deutsches und Englisches, Ausgeführtes und Unfertiges, vor allem aber – wie angedeutet – viel Herausragendes aber auch Verzichtbares erwartet einen bei der Lektüre von Warten auf der Gegenschräge. Damit nicht genug: Die Herausgeberin Kristin Schulz gibt in ihrem hervorragenden Kommentarteil am Ende des Bandes, wo nötig, ausführlich, nie aber zu philologisch ermüdend Auskunft zu Varianten bzw. über Verbindungen mit anderen Texten. Ebenso skizziert sie fachkundig den biografischen wie historischen Entstehungskontext. Das vermeidet manches Missverständnis, wie etwa bei diesem Gedicht:

IM GLASHAUS
Sitzen die Schlächter.
Nicht mehr furchtbar, sondern
Sichtbar.

Wer hier einen Bezug zu den Glaskästen vermutet, in denen Naziverbrecher wie Eichmann vor dem Richter saßen, liegt falsch, denn der Text stammt aus den frühen fünfziger Jahren.
Diesen Band aus dem chaotischen Wust an tausenden von Notizzetteln mit oft nahezu unlesbarer Handschrift destilliert zu haben, ist eine immense Leistung von Kristin Schulz, die nicht hoch genug zu loben ist. Was die Spannbreite der darin dargebotenen Gedichtformen betrifft, wird einiges geboten: Balladen, Sonette, Lehrgedichte, Nachdichtungen, lyrische Sentenzen und manch andere Lyrikform mehr sind vertreten. Auch thematisch deckte Müller ein breites Feld ab: Von den vaterländischen Aufbaugedichten und den kulturpolitisch erzwungenen Hymnen auf Stalin, Lenin, Mao als auch den unbekannten Traktoristen reicht das Spektrum über intime Liebes- und einfühlsame Widmungsgedichte bis zu den großartigen Monumentalpoemen von Post-1989, in denen Müller seine Abscheu vor den neuen Machthabern, sich selbst befragend, in Verse brachte, denn:

Wer wollte das aufschreiben
Mit Leidenschaft Haß lohnt nicht
Verachtung läuft leer

Die im ersten Gedichtband absenten priapischen, will sagen: pornografischen Gedichte Müllers werden nun einer womöglich neugierigen Öffentlichkeit vorgestellt. Sie lassen an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig, wenngleich Müllers sexuelle Vorlieben durchaus im Rahmen blieben, soweit sich dies auf der schmalen Textbasis sagen lässt. Weitaus interessanter sind die berührenden Gedichte, die Müller in seinen letzten Lebensjahren für seine Frau Brigitte Mayer und seine Tochter Anna geschrieben hat, sowie die oft schonungslosen Bestandsaufnahmen in Anbetracht des Todes, mit denen Müller dem unaufhaltsamen Ende schreibend Paroli bot. Eines davon lautet:

die toten warten auf der gegenschraege
manchmal halten sie eine hand ins licht
als lebten sie eh sie sich ganz zurueckziehn
in ihr gewohntes dunkel das uns blendet

Uwe Schütte, der Freitag, 7.10.2014

Wenn das Geld müde wird

– Alle Gedichte von Heiner Müller – die Texte aus dem Nachlass nehmen den größten Raum ein. –

Die Dichtung ist ein Parasit. Sie sitzt dem Dichter im Nacken. Sie speist sich von seiner Flucht aus dem Material. Sie nährt sich von dem, was ihn auffrisst. Heiner Müller zum Beispiel. Er wird nach dem Untergang der DDR zum großen lyrischen Monologisten, denn er steht einsam im Gelände, das ihm ein Leben lang Stück-Werk war; verloren der dramatische Stoff, der ihn jagte; getrocknet der blutige Schaum, der sich dem Jahrhundert zynisch als Krone aufgesetzt hatte; zu Ende das Duell der Blöcke; zerscherbt das gläserne Bild der historischen Alternative; ausgegangen also das Feuer, das im Theaterschreiber brannte – nun schlägt die lange, fast quälende Stunde der Gedichte.
Die Poesie lebt von der Leere, die einschlug. Es ist die Stunde kurz vor dem Schweigen, das „der Protagonist meiner Zukunft ist“. Zwar hatte er immer Verse geschrieben, und Verdichtung ist seit jeher seine Sprachform gewesen – nun aber wird er, der um des Lebens willen Schreibender bleiben muss, zum Autor ohne Anlass, zum Subjekt ohne Sinn, zur Existenz mit Endgefühlen. „Meine Scham braucht mein Gedicht.“ Jetzt also die Scham. Früher die Lust am Widerspruch, das Begehren nach dem Paradox, die Freude an frivoler Verweigerung, der Ehrgeiz, so wild und frei zu schreiben, wie man träumt. Die Texte aus dem Nachlass nehmen den größten Raum in diesem Buch mit sämtlichen lyrischen Veröffentlichungen Müller ein. Warten auf der Gegenschräge, herausgegeben mit einem Nachwort versehen und bestechend tiefgründig kommentiert von Kristin Schulz.
Wer auf der Gegenschräge wartet, das sind die Toten. Die immer das letzte Wort haben. Die mehr Trost versprechen als Gott, weil ihre Ewigkeit nicht nur ein Gerücht ist. Heiner Müllers Gespräch mit den Toten ist auch das fortdauernde Gespräch mit der Idee, die Tote produziert, indem sie verwirklicht werden soll.
Müller sah sich eingespannt „zwischen Eiszeit und Kommunismus“; am Eis der Zeit erhitzte er seine kalte Poesie. Kommunismus als Traumspiel ohne Grenzen. Spiritueller Glanz überm Grau. Geistiger Wärmestrom gegen die praktische Raserei der konkurrierenden Zwecke. Kommunismus bleibt ihm untrennbar verbunden mit der Assoziation des radikalen gesellschaftlichen Bruchs, dem aber eine klare Glaubenstechnik zugrundeliegt. Missionsdynamik. Zieleinlauf. Bekehrungsdrang. Menschenbild statt Mensch.
Das Schlaraffenland einer überbordenden Produktivität, die für jeden genügend abwirft? Wie soll man im Endzustand einer Welt noch selbstreformatorische Kräfte entwickeln? Und Gelassenheit für die Trägheit des Menschen gegenüber der Gesellschaft? Wie geht das, ein geschichtlicher Abschluss, aber ohne Stillstand? Kants kategorischer Imperativ, am Ende doch nur wieder erfüllbar mit der antreibenden Pistole in der Hand? „Wie soll die Welt enden wenn das Geld müde wird“. Macht und Hoffnung, so spricht es aus diesen Gedichten, vertragen sich nur bedingt. Deshalb ist es immer gut, der Macht nicht jene Hoffnung zu lassen, sie dürfe ewig währen. Diesen Bremsvorgang nennt man Demokratie, aber dies ist auch nur:

ein Pyrrhussieg der Utopie.

Dies Werk kennt keine Kategorien wie Gut oder Böse, Falsch oder Richtig, Glück oder Unglück, Sieg oder Niederlage. Müller beschreibt, was jede Selbstwerdung unweigerlich mit sich bringt: Vereinsamung. Denn wer ganz zu sich kommen darf, wird nie mehr ganz bei den anderen sein. Das bleibt der ewige antikollektive Sprengstoff von Selbst-Verwirklichung. Das bleibt das Gespenstische an der Freiheit, die mit zwei entgegengesetzten Optionen das Bewusstsein bestürmt: frei sein von etwas – oder sich frei entscheiden für etwas. Hingehen oder weggehen. Alles lassen oder sich einlassen. Sich lösen, geht nur allein, Lösungen suchen, geht nur gemeinsam. Wieder sind wir beim Kommunismus? Vielleicht das Erstrebenswerte, aber doch nicht das wirklich Lebbare.
Dichter sind nicht zuständig fürs Lebbare, sondern fürs Unmögliche, das die Hirn- und Herzkammern sprengt. Müller lockt heraus ins Hölderlinsche Offene – wo die Wunden offen bleiben.

Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen!

Er hat heitere Aufbaugedichte verfasst, er hat sogar Parteitagsaufsätze Erich Honeckers oratorisch aufbereitet für Musik Paul Dessaus, er hat eine koreanische Kim-Ir-Sen-Hymne ins Deutsche übersetzt – Müller lobte Che Guevara, bastelte Aktivistenreime, verfasste unbekümmerte Liebeslieder und spröde Lehrgedichte; Kern seiner Lyrik aber ist der zerrende Konflikt zwischen Verwesung und Verwesentlichung, zwischen dem Nichtmehr einer untergegangenen Ordnung und dem Nochnicht einer aufgehenden Welt. Alles Schöne bleibt im Grunde die Kehrseite künftigen Verrats. Was Ausdruck in den Stücken fand, ist auch in der Lyrik früh und unabänderlich angelegt gewesen: das Drama zwischen Aufschwung und Misere.
Am Ende – er starb 1995 – die großartigen, antikisch befeuerten Langgedichte gegen die elende Welt des Kapitals, die Krankheit, der nahende Tod, die Liebe zum Kind, das dem Dichter anzeigt, wie heiter das Kostbarste daran geht, uns zu überleben. Der letzte Vers:

Unter dem Raum unter der Zeit
Unter dem Raum der Geschichte
Unter der Zeit des Menschen
ist der Raum ist die Zeit des Gedichts.

Weit weg von unserer nichtssagenden Art, die wie ein schneller Schritt klingt, der sich auf Wegen durch die Geschäftigkeiten vom Wesentlichen entfernt. Poesie hat unterm Lärm ihre Höhlen. Das Dunkel ein Gegenlicht.

Hans-Dieter Schütt, neues deutschland, 8–12.10.2014

O. T.

Brecht sitzt ihm lange im Nacken. Ihn wird er so schnell nicht los. Für einen Theatermann ist das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weiter erstaunlich, lieferte Brecht doch das theoretische und praktische Rüstzeug zum Herauslocken des Bürgers aus seiner Selbstverschanzung hinter Wohlanständigkeit und Geborgenheit. Auf dem Theater fand von der Nachkriegszeit bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine sukzessive Befreiung Heiner Müllers von den Vorgaben Brechts statt, in der Lyrik schlägt die Blaupause Brecht wesentlich dauerhafter durch. Es braucht Zeit, bis sich ein emanzipiertes Ich durchsetzt, lange zaghaft, sporadisch, später wuchtig und verzweifelt. Der Hoffnungsschimmer einer Morgenröte, bei Brecht zum guten Ton gehörend, ist einer Verdüsterung gewichen. Um sich auch als Lyriker von Brecht zu distanzieren, erwiesen sich vor allem große historische Umbrüche wie der Zusammenbruch des Kommunismus als hilfreich.
Für den Theaterneugestalter Heiner Müller bedeutete das Schreiben von Gedichten eine lebenslange Aufgabe. Dennoch blieb das lange Zeit weitgehend im Verborgenen. Seine Gedichte erschienen verstreut, das erste Mal gesammelt erschien eine größere Auswahl im Jahr 1992 unter dem Titel Gedichte. Damit war damals erstmals abzusehen, dass Müller mehr als ein Gelegenheitslyriker und Nebenbeidichter ist. An den Rang der Lyrik Brechts, für den Gedichte ebenso stilbildend für die folgenden Generationen waren wie seine Stücke, kommt Müller aber nie heran. Trotzdem musste man nach dem ersten Gedichtband, der gerade einmal hundert Seiten umfasste, erkennen, dass die Müllersche Lyrik – und das ist bei Brecht nicht anders – in engem Zusammenhang zur Theaterarbeit steht. Klassische Stoffe, die für die Bühne aufbereitet werden, nehmen einen lyrischen Probelauf, sind Denkstadien auf dem prozesshaften Werk zum Stück. Andere wieder stehen ganz für sich, greifen private Momente auf oder attackieren mit größter Gelassenheit die Verfasstheit des Menschen und seine wölfische Natur. Müller schreibt vom „siebenfarbigen Hügel“, ein Bild, das direkt unter Brecht-Eindruck entstanden ist, und was hat es mit dieser Erdformation des siebenfarbigen Hügels auf sich? Sie ist „gepflügt mit Kugeln mit Leichen bedeckt“. Das Gedicht, Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre entstanden, lässt alles andere als einen eigenständigen Geist vermuten. Müller steht unter Einfluss, sogar China, für Brecht ein Stichwortgeber seiner politischen Poesie, greift Müller unverdrossen auf. Es gibt sogar Gedichte, die Brecht auf unangenehm kumpelhafte Art huldigen. Er teilt dem Meister recht direkt mit, wie gut er ihn versteht, welch verlässlicher Partner der junge Heiner doch für Brecht ist. Die bevorzugte, seit Brecht bewährte Methode, die Müller gern aufgreift, ist die Einspeisung dialektischer Philosophie ins Gedicht. So entstehen Paradoxa und Widersprüche, die für sich nicht bestehen bleiben, sondern im dialektischen Sinn aufgehoben werden. Das schaut bei Müller so aus:

Wenn die Helle sagt, ich bin die Finsternis
Hat sie die Wahrheit gesagt.
Wenn die Finsternis sagt, ich bin
Die Helle, lügt sie nicht.

Das ist nicht die Verhöhnung von Logik, das Gedicht sperrt Satz und Gegensatz zusammen, auf dass eine neue Einheit daraus entsteht. Dialektik ist der Motor des Fortschritts, und Brecht wie Müller waren deren achtsame Hüter.
1998, drei Jahre nach Müllers Tod, eröffnete ein Gedichtband die umfangreiche Werkausgabe, die erstmals die Fülle des lyrischen Schaffens sichtbar werden ließ. Emsig wurden Texte aus Zeitschriften und Anthologie zusammengetragen, dazu kam reichlich Material aus dem Nachlass. Sechzehn Jahre später ist es schon wieder notwendig geworden, diesen Band um neue Funde zu erweitern und um ausführliche Kommentare zu ergänzen.
Wie lesen sich also jetzt, bald zwanzig Jahre nach dem Tod Heiner Müllers seine Gedichte? Seine Stücke, sich zunehmend hermetischer vor dem direkten Zugriff des Publikums abschottend, begannen sich ohnehin selbst mehr und mehr dem lyrischen Sprechen anzunähern. Die Dramen wurden immer finsterer, knapper, rätselhafter – und die Lyrik?
Vieles aus dem Frühwerk darf man ohne Verlust für Geist und Seele ignorieren. 1992 aber sehen wir einen seiner Ideale beraubten Dichter. „…die Dichter ich weiß es lügen zu viel“, schreibt er im Gedicht „Müller im Hessischen Hof“ und macht mit den früher so verehrten Größen wie Brecht und Gorki kurzen Prozess. Das argumentiert er so:

Brecht schickte Ruth Berlau nach Spanien und schrieb
In Dänemark DIE GEWEHRE DER FRAU CARRAR
Gorki während er zweispännig durch Moskau fuhr
Hasste die Armut WEIL SIE ERNIEDRIGT

Und am Schluss, als absehbar ist, dass die Krebskrankheit ihn besiegen wird, pfeift er auf den Geschichtspessimismus und resigniert trotzig im Wissen der Vergeblichkeit.

Ich drücke meine Hand auf das Glas
Durch das dein Gesicht scheint
Ich setze meinen Fuß auf das Gras
Das meinen Tod meint
M(ein) Tod wird kommen
M(it) deinem Gesicht

Das Gedicht wurde wahrscheinlich 1994/95 geschrieben, der Tod ließ sich allenfalls ein paar Monate aufschieben. So fügt sich einer, ohne sich dem Tremolo der Gefühle auszuliefern, so schreibt einer, der weiß, was ihm blüht und stoische Haltung annimmt. Selbst im Angesicht des Todes nimmt das lyrische Ich die Pose des Unberührbaren an. Die hat sich Müller sowieso lange angemaßt, denn wenn einer die Zeitverhältnisse lakonisch, polemisch und distanziert kommentierte, dann war er es. Und jetzt muss der Kommentar gelobt werden, der zu jedem Gedicht hilfreiche Informationen beisteuert. Diese späte Gedicht des Abschieds steht handschriftlich auf demselben Blatt wie das oben erwähnte aus den späten fünfziger Jahren vom siebenfarbigen Hügel, den wir uns „Gepflügt mit Kugeln mit Leichen bedeckt“ vorstellen. Was sollen wir davon halten? Tilgt das späte Gedicht das frühere? Treten die beiden zum großen Showdown an? Siegt das Private über das Heroische? Miteinander kommen die beiden Haltungen schwer aus. Heiner Müller, ein Autor auf einem langen Weg, ein Zerrissener. Das macht die Lektüre auch so aufregend.

Anton Thuswaldner, ORF Ö1, 9.11.2014

„Warum zerbricht ein Weltreich“: Heiner Müllers Gedichte

– Der am Abend vor Silvester 1995 gestorbene Dramatiker Heiner Müller war auch ein Poet. Seine Gedichte sind nur weniger bekannt als seine Bühnenerfolge wie Lohndrücker, Der Bau oder Hamletmaschine. –

Fast zwei Jahrzehnte später liegen jetzt mit dem Buchtitel Warten auf der Gegenschräge nach früheren vereinzelten Veröffentlichungen erstmals seine Gesammelten Gedichte vor (Suhrkamp Verlag).
Der von Kristin Schulz von der Berliner Humboldt-Universität herausgegebene umfangreiche Band mit zahlreichen erläuternden Anmerkungen stellt die 135 zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte ab den frühen 50er Jahren („da habe ich am Fließband Stalin-Hymnen nachgedichtet“) den 181 Gedichten und 39 Entwürfen aus dem Nachlass gegenüber. Dafür wurde der lyrische Nachlass im Heiner-Müller-Archiv der Berliner Akademie der Künste, deren ostdeutscher Präsident Müller in den turbulenten Wendejahren war, erstmals vollständig gesichtet und systematisch ausgewertet, wie es in den ausführlichen und hochinteressanten editorischen Notizen heißt.
Natürlich fehlt auch „Mommsens Block“ nicht, jenes auch auf die Bühne gebrachte Langgedicht von 1992 über die Frage, warum der preußische Historiker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen seine römische Geschichte nicht weitergeschrieben hat. Müller philosophiert über das Thema Schreibblockade, die auch ihn nach dem Fall der Mauer zumindest beim Dramenschreiben heimsuchte, vermutlich auch, weil ihm der Gegner abhanden gekommen schien („Zerstoben ist die Macht an der mein Vers / Sich brach wie Brandung regenbogenfarb… Statt Mauern stehen Spiegel um mich her“).
Das war ein Schicksal, das ja auch manch andere DDR-Autoren nach dem Ende der DDR ereilte. So „verstand ich zum ersten Mal Ihre Schreibhemmung Genosse Professor“, spricht Müller den Historiker an. Und an anderer Stelle schreibt der Dramatiker im Langgedicht:

Ich weiß jetzt
Leider was ich nicht weiß Zum Beispiel Warum
Zerbricht ein Weltreich.

Etwa zur gleichen Zeit notiert Müller „Ich hab zur Nacht gegessen mit Gespenstern“, womit er auf die Vorwürfe einer Zusammenarbeit oder Kontakten mit der Stasi reagiert. „Jetzt holt Journaille meinen Schatten heim.“ Damit greift auch der Dichter und Dramatiker auf die für Journalisten meist abwertend gemeinte Vokabel zurück, so wie es manchmal auch Politiker tun, wenn sie sich von journalistischer Recherche verfolgt sehen oder fühlen.
Und auch auf die aktuelle, nun Gesamtberliner Kulturpolitik warf Müller einen poetisch-kritischen Blick, der kaum etwas von seiner heutigen Aktualität verloren haben dürfte:

In den Etagen der Kulturverwaltung…
Brennt noch Licht rauchen die Köpfe im Sparzwang
Proben die Amputierten den aufrechten Gang
…Unter Aufsicht des Finanzsenators.

Ein Jahr vor seinem Tod nimmt Müller „Abschied von Berlin“ mit einem „fremden Blick auf eine fremde Stadt“. Und in „Leere Zeit“ ist schon „Staub auf den Büchern“, die Resignation tritt stärker hervor. Silvester 1994 ist es ein „Warten auf nichts“. Oder aber „man sollte Komödien schreiben“, wie er wenige Monate vor seinem Tod 1995 schreibt und hinzufügt:

Leben in diesem trüben Menschenbrei
Mit glücklichen Idioten vor dem Bildschirm.

Wilfried Mommert, Stimberg Zeitung, 23.12.2014

Blendendes Dunkel

– Die gesammelten Gedichte von Heiner Müller in einem wuchtigen Band. –

Anfang der Fünfziger erhielt der wie immer klamme Heiner Müller unerwartet die Möglichkeit, mit seinem Schreiben Geld zu verdienen. Beim Zentralrat des sozialistischen Jugendverbands FDJ, so hörte er, könne man Nachdichtungen anfertigen. Nicht etwa von Puschkin oder Majakowski. Vielmehr ging es um Volkslieder, die unter anderem ein Liederbuch schmücken sollten, das für die Weltfestspiele 1951 vorgesehen war. Doch Müller kam etwas zu spät:

Es waren nur noch polnische Volkslieder und Stalin-Hymnen übrig. Es gab Rohübersetzungen, das metrische Schema und die Melodie. Und 300 bis 350 Mark pro Hymne. Da habe ich am Fließband Stalin-Hymnen nachgedichtet. Es war relativ leicht, meistens stand das gleiche drin: „Rose des Morgens“, oder „Lilie des Mai“.

Ein großes Glück ist es, für Heiner Müller selbst, aber vor allem für uns, seine Leser, dass er nicht bei den Stalin-Hymnen blieb. Zeit seines Lebens schrieb Müller Gedichte. Als er im Theater erste Erfolge feierte, konnte er schon auf eine breite Sammlung von Versen zurückblicken. Das Gedicht, so scheint es, war der geheime Fluchtpunkt seines Schreibens. In welch unterschiedliche Richtungen seine lyrischen Versuche ausstrahlen und wie gut er es verstand, sich traditionelle Formen anzuverwandeln, kann man jetzt in einer Ausgabe seiner Gesammelten Gedichte nachlesen. Ein wuchtiges Buch mit weit über 400 Gedichten, das antritt, den erschienenen Sammelband der Werkausgabe zu ersetzen.
Gleich auf den ersten Seiten finden wir Gedicht, das auf versteckte Art und die beiden Glutlinien des Müllerschen Schreibens enthält.

Als Abend wurd wir stiegen auf den Baum
Von dem sie früh den Toten schnitten.

Wer über die Gegenwart schreibt, davon war Müller überzeugt, denkt und schreibt immer auch über den Tod und die Toten. Die Stimmen der Tradition, die Schichten der Vergangenheit, sie mögen im eigenen Kopf abgelagert sein oder in den Sedimenten der Landschaft – all diese Töne und Partikel klingen mit, sie gilt es abzutragen und mit der Sprache immer neu zu durchleuchten.
Die zweite Idee hat Müller noch raffinierter in die Wörter eingelagert: „ZWISCHEN AST UND ERD IST RAUM“, lesen wir da. Und wer die Buchstaben genau ansieht, entdeckt, dass in dem Vers nicht nur das Wort „Raum“, sondern auch der „Traum“ zu finden ist. In den Erlebnisweisen des Traums glaubte Müller, den Momenten des Unbewussten nachtasten zu können, der Traum war ihm zugleich eine Art der Wahrnehmung, in der noch nichts zur Form geronnen ist, in der sich vielmehr alles im Fluss befindet, stets beweglich und fern eines möglichen Endes. In Traumbildern konnte er den Verfestigungen der Sprache entgegenarbeiten, hier konnte er Widersprüche im Denken reflektieren und ideologische Muster aufbrechen.
Überhaupt scheint Bewegung so etwas wie der Grundimpuls von Müllers Schreiben gewesen zu sein – das zeigt dieser Band in zahllosen Anmerkungen deutlich auf. Dort kann man neben genauen Hinweisen zur Entstehung viele der Entwürfe und Varianten bestaunen, die Müller zu seinen Gedichten angefertigt hat. Jeder Text war ihm eine Möglichkeit, die wieder und wieder bearbeitet werden musste. Den Metamorphosen der Gedichte entsprechen die wechselnden Zusammenhänge, in die sie eingebettet sind: hier ein Programmheft, dort eine Anthologie, ein Theaterstück – oder eben ein ganzer Gedichtband.
Es ist eine gute Entscheidung der Herausgeberin Kristin Schulz, Müllers Idee einer „brutalen Chronologie“ zwar zu folgen, sie aber nicht stur einzuhalten. So stellt sie jenen Gedichtband von 1992 an den Anfang, dessen Auswahl Müller selbst getroffen hatte. Wie in einem Querschnitt scheinen dort seine lyrischen Verfahren auf, wird seine Lust deutlich, Figuren aus dem Mythos mit den Stoffen der Gegenwart zu verschränken und in eine freie, oft prosanahe Diktion zu überführen – oder umgekehrt antike Versmaße wie den Hexameter an zeitgemäßen Materialien zu brechen. Mit seiner Technik der Montage gelang es Müller auch mühelos, Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ mit Büchners Woyzeck zu verschmelzen:

DER GLÜCKLOSE ENGEL. Hinter ihm schwemmt Vergangenheit an, schüttet Geröll auf Flügel und Schultern, mit Lärm wie von begrabnen Trommeln, während vor ihm sich die Zukunft staut.

Allerdings leuchten nicht alle diese „zerbrochnen Gesänge“ gleichermaßen. Nicht wenige Gedichte gefallen sich im bloßen Arrangieren von Meinungen, zu revolutionären Ideen etwa oder zur sozialistischen Doktrin, wie sie Müller in der DDR begegnete. Und auch wenn diese Texte versuchen, in Gleichnissen und Bildern die Widersprüche zwischen Idee und gelebtem Alltag zu durchdringen, bleiben sie oft nur das, was der Titel eines Dreizeilers ausspricht: „LEKTION“. Intensiver sind jene Gedichte, in denen Müller sich an lyrischen Miniaturen reibt. Aus den 324 Archivkästen mit Notizen und Entwürfen aus dem Nachlass, die im Heiner-Müller-Archiv der Berliner Akademie der Künste lagern, hat Kristin Schulz ein paar schöne ans Licht geholt. Kleine Denkbilder oder Augenblicksskizzen wie diese:

AUF DEM BAHNSTEIG
Drei Vögel.
Klein, unbeirrt
Vom Zuglärm.

Der Zuglärm der Gegenwart indes beschäftigte Heiner Müller genauso wie der Mythos oder die Geschichte. Neben manch eher harmlosen Notaten zu politischen Ereignissen finden wir Gedichte, die sich auf den Körper und seine Erinnerungswelten einlassen. In den Monaten vor seinem Tod im Dezember 1995 nahm Müller Motive aus früheren Dramen oder Prosatexten wieder auf und spielte sie in Gedichten neu durch. So verwandelt sich eine halbmythische Waldszenerie, wie sie das Prosastück „HERAKLES 2 ODER DIE HYDRA“ skizziert, in den „TRAUMWALD“ eines Sonetts („Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum“) – und kehrt verzerrt wieder als halbes Zitat in dem Gedicht „NOTIZ 409“:

Heute nacht im Traum war ich Aktäon

Fast scheint es, als habe Müller in seinen letzten Gedichten noch einmal alle seine Möglichkeiten zusammengezogen. Es ist anrührend und faszinierend zugleich, wie er den Luftgeist Ariel beschwört, er möge den Sturm zum Schweigen bringen. Oder wie er „unter der Zeit des Menschen“ den Raum und die Zeit des Gedichts entdeckt. Bis am Ende noch einmal die Toten ihren Auftritt haben:

die toten warten auf der gegenschraege
manchmal halten sie eine hand ins licht
als lebten sie eh sie sich ganz zurueckziehn
in ihr gewohntes dunkel das uns blendet

Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung, 12.1.2015

Heiner Müller: Krummer Hund mit spitzer Feder

– Von der Neuausgabe seiner Gesammelten Gedichte sollten Impulse für eine Neubefassung mit dem Werk des ostdeutschen Dichters Heiner Müller (1929–1995) ausgehen. Sichtbar werden die Konturen des einzigen „legitimen“ Bertolt-Brecht-Erben. –

Zwanzig Jahre nach seinem Krebstod ist der Dramatiker Heiner Müller (1929–1995) ein Fall für Spezialisten, für Freunde von Spitzfindigkeiten. Von den Spielplänen sind seine Stücke weitgehend verschwunden. Sein Werk wurde vor 17 Jahren in einer rabenschwarzen Suhrkamp-Ausgabe endgelagert. Mit seinem Vorbild Brecht teilt Müller das Schicksal eines linken Klassikers. Klassiker, so wusste der Vorgänger zu berichten, zeichnet „durchschlagende Wirkungslosigkeit“ aus.
Der unverwechselbare Müller-Sound ist sorgfältig abgespeichert. Nun müsste von ihm nur noch Gebrauch gemacht werden. Beinahe aus dem Nichts ist eine Neuausgabe der gesammelten Gedichte auf den Markt gekommen. Warten auf der Gegenschräge soll den ersten Band der alten Werkausgabe ersetzen helfen. Herausgeberin Kristin Schulz hat die hinlänglich bekannte Lyrik mit Funden aus dem Heiner-Müller-Archiv (Akademie der Künste, Berlin) großzügig ergänzt. Müllers Witwe, die Fotografin Brigitte Maria Mayer, steuerte ihrerseits Material bei.
Der Eindruck ist überwältigend. Schulz hält sich einigermaßen an die Chronologie der Entstehung. Umgekehrt hat Müller seine Gedichte mit nicht erlahmendem Fleiß immer wieder neu überarbeitet. Bis in einzelne Wendungen hinein wird ein konstanter Lebensvorrat an Bildern und Themen sichtbar. Müller ist der Orpheus des deutschen Sozialismus. Zum DDR-System hält er aus Hygienegründen Abstand. Aus dem Brecht-Epigonen der 1950er-Jahre wird der Rätselredner, eine Sphinx, deren Verse wie in Granit gemeißelt dastehen.
Aber auch Vorurteile lassen sich nunmehr getrost hinterfragen. Müllers poetisches Werk bildet einen nicht abreißenden Dialog mit den Toten. „Bei der Vorbeifahrt am Schlosspark Charlottenburg plötzlich die Trauer / GRÜN IST DIE FARBE DES UNHEILS Die Bäume gehören den Toten“ lautet ein auf 1985 datiertes Gedicht.
Doch bereits der erste Text des Bandes ist aus dem nämlichen Holz geschnitzt:

Als Abend wurd wir stiegen auf den Baum
Von dem sie früh den Toten schnitten.

Leer stand nun der Baum – so weiß es auch das Gedicht. Die Konklusion in versalen Lettern (Großbuchstaben) definiert den Erlebnisspielraum: „ZWISCHEN AST UND ERD IST RAUM.“ Hier nun, in der Aneinanderfügung von „IST“ und „RAUM“, schwingt auch der „Traum“ mit. (Diese Lesart schlug unlängst der Lyriker Nico Bleutge in einer Süddeutsche-Rezension vor.)
Als Traumredner wird man Müller deshalb nicht ansehen müssen. Sein Dichten entzündete sich zuverlässig am schrittweisen Zerfall linker Utopien. Antike Stoffe bilden das Medium. Anhand von Herakles und Philoktet wird das Dilemma von Helden beschrieben, die sich mit ihrer Arbeit überflüssig machen. Es wimmelt von Tätern und Opfern. Nicht immer sind die einen von den anderen klar zu unterscheiden.
„Aber ich muss mein Stück schreiben“, sinniert Orpheus in dem Schauspieler-Gedicht SCHALL CORIOLAN. (Der Sänger lebt in der deutschen demokratischen Unterwelt.) Müller müsse seine Schulden bezahlen.
Er habe daher keine Zeit, ein langes Gedicht zu schreiben „über den größten Schauspieler den ich gesehen habe“.

(…) und ich muss
Meine Schulden bezahlen damit ich mein Stück schreiben kann
Ein krummer Hund der sich in den Schwanz beißt

Das Preisgedicht auf den Brecht-Schwiegersohn Ekkehard Schall, den Star des alten Berliner Ensembles, hat er dann doch geschrieben. Ein Gedicht zu schreiben über die Not, kein Gedicht schreiben zu können, gehört zu den Fleißaufgaben des Dialektikers. Müller löst sie, wie so viele andere, mit Bravour.
In den Jahren des durchschlagenden Erfolges wird Müllers Lyrik zärtlicher und knapper. Das späte Familienglück löst bürgerliche Empfindungen aus. Den Siegeszug des Kapitalismus verfolgt er mit erkennbarem Ekel.
Müller proklamiert das „ENDE DER HANDSCHRIFT“. Nach Ausbruch seiner 1995 zum Tod führenden Krankheit setzt er die Maske des Stoikers auf. Nach außen bleibt er ungerührt, gibt hunderte Interviews, liest Deutschland fröhlich die Leviten. In einem seiner allerletzten Gedichtentwürfe denkt er sich in die Rolle Prosperos aus Shakespeares Sturm hinein:

Geh, Ariel, bring den Sturm zum Schweigen +
Wirf die Betäubten an den Strand Ich brauch sie
Lebend, damit ich sie töten kann

Doch Miranda, Prosperos Tochter, tritt aus dem Kreislauf der Gewalt entschlossen heraus. Ihre Frage:

Vater
Warum

Ronald Pohl, Der Standart, 3.2.2015

Genosse Zukunft

Die von Kristin Schulz vorzüglich edierte Sammlung sämtlicher derzeit auffindbarer Gedichte Heiner Müllers lässt zweierlei fasslicher als bis dato werden: übergreifende Gemeinsamkeiten des lyrischen Werks mit dem gesamten Müller-Kosmos sowie markante Ungleichzeitigkeiten.
Aufs Ganze gesehen durchläuft der Lyriker dieselbe Entwicklung wie der Dramatiker, der Prosaautor, der Publizist. „Das Schreibglück der fünfziger Jahre / Als man aufgehoben war im Blankvers“, von dem ein spätes Gedicht, „Ajax zum Beispiel“, berichtet, schlug sich anfänglich in schmucken Lobgesängen auf den Kommunismus und seine Überväter nieder. Dem neuen Deutschland in der DDR galt Müllers ganze Libido; den anderen deutschen Staat, den Westen, sah er als „Hure der Konzerne“, von „Gefangenen des Kapitals“ bevölkert, die ihre „kalkigen Gesichter durch den rostigen Stahl der Weltstädte“ („Der 7. November“) bugsierten. Der einzige Lyrikband, den Müller selbst zusammenstellte, spart solche Jugendsünden aus, setzt eine „SELBSTKRITIK“ an deren Stelle:

Meine Herausgeber wühlen in alten Texten
Manchmal wenn ich sie lese überläuft es mich kalt Das
Habe ich geschrieben IM BESITZ DER WAHRHEIT.
(„FERNSEHEN“)

Aufgenommen in GEDICHTE (1992) hat Müller jene frühen Stücke, die erste Zweifel am Gelingen des Unternehmens Sozialismus formulierten. Würden die Arbeiter das Volkseigentum je als ihr Eigentum begreifen und sich demgemäß verhalten? Hörten die Funktionäre überhaupt noch, was das Volk bewegte? Oder lebten sie längst in anderen Regionen, über den Wolken, den Blicken gewöhnlicher Menschen entzogen? „Schickt wenigstens den Lift wieder herunter, wenn ihr ihn nicht mehr braucht, ihr Hohen.“ („AN DIE BERGSTEIGER“) Benjamins „Engel der Geschichte“, der wiederholt durch Müllers Lyrik schwebt – schon 1958 flügellahm, erstarrt, vorerst:

Bis das erneute Rauschen mächtiger Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen Flug anzeigt.
(„DER GLÜCKLOSE ENGEL“)

Da war die Hoffnung noch nicht aufgebraucht.
Die Hoffnung schwindet mit den Jahren, und die Zweifel wachsen. „Wo ist der Morgen den wir gestern sahn“ („PROJEKTION 1975“); „Abschied von morgen / STATUS QUO“ („ALLEIN MIT DIESEN LEIBERN“) – Zeilen aus der Mitte der 1970er Jahre, im stets länger noch und dunkler werdenden Schatten der Zäsur von 1968: Panzer auf dem Wenzelsplatz, Fin de partie eines humanen Sozialismus; Tabula rasa, Abschied von den Illusionen. Nur das Gedicht bewahrte Splitter der geplatzten Träume auf. Nur in diesem Metier sprach Müller, wie ehedem, „die Zukunft mit Genosse an“ („Dt 64“) und überstimmte ausnahmsweise den Dramatiker. Der riss derweil Widersprüche auf, alte, neue Wunden, wusste für seine Geschöpfe so wenig Rat, Trost wie für das Publikum, fand darin, in einem ausgestellten Nihilismus, sein neues Schreibglück und überließ den „Brei des Herzens“, Trauerarbeit, utopisches Geraune, seinem Alter Ego, dem Poeten.
Die nächste historische Zäsur von 1989/90 trieb auch dem die Flausen aus. Seine letzte Rolle: Anwalt der Ängste, der Verzweiflung eines Autors, der als Dramatiker verstummte, noch ehe ihn der Krebs besiegte, und nach Gründen, Worten dafür suchte. „Im Kopf ein Drama für kein Publikum“ („FREMDER BLICK ABSCHIED VON BERLIN“); „Zerstoben ist die Macht an der mein Vers / Sich brach wie Brandung regenbogenfarb.“ („VAMPIR“)
Der Lyriker erfüllte seinen Auftrag mit Bravour. In zeitraffenden Sprüngen, Verknüpfungen, Assoziationen, wie allein sein Genre das ermöglicht, rief er ein halbes Jahrtausend Weltgeschichte auf den Plan: die Bauernkriege, den Sturm auf die Bastille, Paris im Jahre der Commune, die „sozialistische Frühgeburt“ von 1917. „Kann eine Revolution ein Unglück sein?“ („Ajax zum Beispiel“) Was bleibt im Angesicht des Scheiterns? Keine Antwort, nur Triumphgeschrei vom anderen Ufer. Der Tod des Totengräbers lässt das totgesagte Kapital frohlocken. „Daß die Leiche so bunt ist!“ („NACHTZUG BERLINFRIEDRICHSTRASSE FRANKFURTMAIN“) Und: „Wie soll die Welt enden wenn das Geld müde wird?“ („NOTIZ 409“) Müller-Kommentar aus dem Rückraum der Geschichte: Eine Parthenonskulptur aus Perikles’ Zeiten zeigt den Kampf eines Kentauren mit einem Lapiden, dem Angehörigen eines sagenhaften Griechenstammes. Der Kentaur, halb Mensch, halb Tier, bäumt sich gewaltig über seinem Gegner auf; gleich wird er ihm den Todesstoß versetzen. Die Athener verstanden diesen Vorgang als Allegorie ihres heldenhaften Widerstands gegen ihren Erzfeind, die Perser, die Barbaren. In ihrer Wahrnehmung verwandelte die Meisterschaft, mit der der Künstler, einer von ihnen, diese Szene gestaltet hatte, die Niederlage des Griechen auf dem Relief in einen Sieg des Griechentums. Der wahre Sieg war künstlerischer, intellektueller Art. Hätte Müller dieser Dialektik zugestimmt?

Wolfgang Engler, Theater der Zeit, Heft 5, Mai 2015

Weitere Beiträge zum Buch:

Mario Osterland: Der schwarze Faden
fixpoetry.com, 22.10.2014

 

Robert Mießner: DEN MACHERN oder wann war Heiner Müller Romantiker?

 

LETZTES SONETT LEICHENMATERIAL SCHREI AUS DEM NICHTS
Nach Heiner Müller

Wenn sich im letzten Licht die Geier sammeln
Zu ihrer letzten Arbeit, die mein Fleisch
In Kot verwandelt, vorher ist es Aas
In dem, im toten Fleisch, die Würmer wohnen
So daß es lebt über den Tod hinaus
Die Zunge auch, schwarz und verfault, sie lebt
Und spricht es aus, bewegt von ihren Würmern
Bevor die Geier mir die Zunge kürzen
DER TOD DER MÜTTER IST DER TOD DER
WELT
DER TOD DER WELT IST MEIN TOD IST DAS
SCHWEIGEN
DER SCHAMLIPPEN. Ich in der letzten Spur
Von Loch zu Loch aufs letzte Loch zu lustlos
Nichts sagend, blaß, aus Kot und Blut ein Brei.
Mein letztes Stück fraglos der letzte Schrei.

Kurt Bartsch

 

DER ABSCHIED
in memoriam Heiner Müller

Dauernder Krieg ohne Schlacht
Der Nordwind fegt Schnee übers Feld
Türme von Eis auf dem Wasser gefrorene Wolken am Himmel
Das ist das Wetter im Feindesland
Der Fuchspelz hält nicht warm zu dünn ist die seidene Decke
Der General vor Kälte erstarrt kann den Bogen nicht spannen
Die Grenzwache trägt immer die frostige Rüstung

Am Abend wirbelt der Schnee dicht auf das Lager
Das froststarre Banner steht im Wind unbeweglich
Beim Dröhnen der Trommeln
Beim Schrillen der Pfeifen
Trinken die Offiziere dem scheidenden Gast
Zum Abschied zu

Der geht
Über den mit Schnee bedeckten Berg
Ich sehe ihn um den Felsen verschwinden
Ich sehe seine Spur
Verschwinden im fallenden Schnee

Die Spur seiner schreibenden Hand
Vor meinem Auge
Schwarz auf weiß Krieg ohne Schlacht
Dauernd

9.1.1996

B.K. Tragelehn

 

DER LETZTE VERSUCH
in memoriam Heiner Müller 

Undenkbar ist es.
Es hat Germania
Begraben einer der entkam. Die Haut
Und Fluss und Stadt und Berg darauf
Zwei mal mit Staub bestreut
Und wie sichs ziemt gefeiert.
Es ist kein Grabmal
Nur zarter Staub. 

30.12.2000

B.K. Tragelehn

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin

 

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler Heiner Müller

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Christine Richard: 75 Jahre Heiner Müller: Dichtung & Drugs
Basler Zeitung, 8.1.2004

Gunnar Decker: Das Messer im Herz der vertrauten Lüge
Neues Deutschland, 9.1.2004

Ulrich Seidler: Im Besitz der Dichtung
Berliner Zeitung, 9.1.2004

Rüdiger Schaper: Die Explosion der Bilder
Der Tagesspiegel, Berlin, 9.1.2004

Michael Bienert: Manschetten sind keine Sprengsätze
Stuttgarter Zeitung, 12.1.2004

B.K. Tragelehn: Heiner Müller 75
neue deutsche literatur, Heft 553, Januar/Februar 2004

Zum 10. Todestag des Autors:

Jörg Sundermeier: Stumme Worte
die tageszeitung, 30.12.2005

Arno Widmann: Ein Freigänger beider Systeme
Berliner Zeitung, 31.12.2005/1.1.2006

Frauke Meyer-Gosau: Das Denkmal weiß nichts von Geschichte
Literaturen, Heft 1/2, 2006

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: Auf der Gegenschräge die Toten
Neues Deutschland, 8.1.2009

Jens Bisky: Deine Braut heißt Rom.
Süddeutsche Zeitung, 9.1.2009

Matthias Heine: Nicht so tot, wie viele glauben
Die Welt, 9.1.2009

Peter Laudenbach: Das Orakel spricht
Der Tagesspiegel, Berlin, 9.1.2009

Ronald Pohl: Bonmots und Schamottöfen
Der Standard, Wien, 9.1.2009

Stephan Schlak: Neue Gespenster am toten Mann
die tageszeitung, 9.1.2009

Zum 20. Todestag des Autor:

Peter von Becker: Das Licht der Finsternis
Der Tagesspiegel, 29.12.2015

Alexander Kluge: Was hätte er in dieser Zeit geschrieben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2015

Peter Jungblut: Heiner Müller zum 20. Todestag
Bayerischer Rundfunk, 30.12.2015

Heiner Müller – Weltautor mit DDR-Prägung
MDR, 30.12.2015

Wolfgang Müller: Wie aus Reimund Heiner wurde
Deutschlandradio Kultur, 30.12.2015

Tom Schulz: Dramatiker des Aufstands
Neue Zürcher Zeitung, 1.1.2016

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Thomas Hartmann: Heiner Müller – ein Getriebener des „Erfahrungsdrucks“
mdr.de, 9.1.2019

Hans-Dieter Schütt: Dunkel, das uns blendet
neues deutschland, 8.1.2019

Mathias Broeckers: Heiner Müller, die Zigarren und die taz
blog.taz.de, 8.1.2019

Ulf Heise: Stern im Sinkflug
Freie Presse, 8.1.2019

Ronald Pohl: Warum der Dramatiker Heiner Müller in der Epoche der Likes und Emojis fehlt
Der Standart, 9.1.2019

Günther Heeg, Kristin Schulz, Thomas Irmer, Stefan Kanis: „Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.“
mdr, 8.1.2019

Thomas Irmer: Wer war Heiner Müller und was bedeutet er heute?
mdr, 9.1.2019

Peter von Becker: Protagonist der Zukunft
Der Tagesspiegel, 21.2.2019

Alexander Kluge: Heiner Müller zum 90. Geburtstag
Volltext, Heft 4, 2018

Zum 25. Todestag des Autors:

Steffen Georgi: „Der Tod ist das einfache…“
mdr KULTUR, 30.12.2020

Carl Hegemann: Er hatte wohl leider recht, der Prophet Heiner Müller
Berliner Zeitung, 30.12.2020

Matthias Reichert: Heiner Müllers Eltern im Reutlinger Exil
Schwäbisches Tagblatt, 30.12.2020

Cornelia Ueding: Arbeiter im Steinbruch der Literatur
Deutschlandfunk, 30.12.2020

Ronald Pohl: Der rote Landschaftsplaner: Heiner Müllers ökologischer Auftrag
Der Standart, 30.12.2020

Joachim Göres: Andenken zum 25. Todestag von Heiner Müller ist umstritten
MOZ, 23.12.2020

Peter Mohr: Zwischen Rebellion und Tradition
titel-kulturmagazin.net, 30.12.2020

Achim Engelberg: Gestern & Heute: Der planetarische Klassiker Heiner Müller
piqd.de, 30.12.2020

 

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Trauerrede von Alexander Kluge am 16.1.1996 im Berliner Ensemble.

Jürgen Kuttners Müller-Sprechfunksendung vom 16.1.1996 in der richtigen Reihenfolge und eher ohne Lücken…

Thomas Assheuer: Der böse Engel
Frankfurter Rundschau, 2.1.1996

Lothar Schmidt-Mühlisch: Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Vom Irrglauben der Revolution zur sprachgewaltigen Weltverachtung: Zum Tode des Dramatikers und Theaterregisseurs Heiner Müller
Die Welt, 2.1.1996

Gerhard Stadelmeier: Orpheus an verkommenen Ufern. Unter deutschen Irrtrümmern. Zum Tode des Dramatikers Heiner Müller
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.1.1996

C. Bernd Sucher: Zur Weltliteratur gezwungen.
Süddeutsche Zeitung, 2.1.1996

Jürgen Busche: Mit ihm war kein Staat zu machen. Zum Tod von Heiner Müller
Wochenpost, 4.1.1996

Fritz-Jochen Kopka: Ein Kern, der unberührt blieb
Wochenpost, 4.1.1996

Hansgünther Heyme: Reflexe aus westlicher Ferne Eine Hommage an Heiner Müller
Süddeutsche Zeitung, 9.1.1996

Birgit Lahann: Nun weiß ich, wo mein Tod wohnt
Stern, 11.1.1996

Gisela Sonnenburg: Oberlehrer und Visionär. Heiner Müller verstarb
DLZ 11.1.1996

Martin Wuttke: In zerstörter Landschaft. Meine Erinnerungen an Heiner Müller
Süddeutsche Zeitung, 16.1.1996

Stephan Hermlin: Zum Abschied von Heiner Müller. Rede zur Totenfeier für Heiner Müller im Berliner Ensemble am 16. Januar 1996
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.1.1996

Friedrich Dieckmann: Trauersache Geheimes Deutschland. Wanderer über viele Bühnen im zerrissenen Zentrum: Totenfeier für Heiner Müller in Berlin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.1.1996

Hans Mayer: Der Hund, der mir ein Stück Brot hinwarf
SoirÈe, 
S2 Kultur, 27.4.1996

Uwe Wittstock: „Ich bin ein Neger“
Neue Rundschau, Heft 2, 1996

Frank Hörnigk u.a. (Hg.): Ich wer ist das/Im Regen aus Vogelkot Im/KALKFELL/für HEINER MÜLLER. Arbeitsbuch
Theater der Zeit, 1996

Michael Kluth:Apokalypse mit Zigarre. Der Dramatiker Heiner Müller
SFB/NDR/ORB/DW, 1996

Jürgen Flimm: Zwischen den Welten
Theater heute, Heft 2, 1996

Thomas Langhoff: Der rote Riese.
Theater heute, Heft 2, 1996

Günther Rühle: Am Abgrund des Jahrhunderts. Über Heiner Müller – sein Leben und Werk
Theater heute, Heft 2, 1996

 

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Heinermüller“.

 

Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Müller, das“.

 

Heiner Müller liest Texte und spricht über Inge Müller.

 

Heiner MüllerGesichter hinter Masken – Gespräch & Werkzitate.

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