Heinz Czechowski: Zu Wulf Kirstens Gedicht „Die Ackerwalze“

Im Kern

Im Kern

– Zu Wulf Kirstens Gedicht „Die Ackerwalze“ aus Wulf Kirsten: Stimmenschotter. –

 

 

 

 

WULF KIRSTEN

Die Ackerwalze
meiner eltern gedenkend

mein vater, perfekter steinmetz
und nebenher landmann, mit sinn
fürs praktische, sah in einer gestürzten grabsäule,
aus dem block gehauen
und poliert für die ewigkeit,
eine ackerwalze über das feld rollen,
erdklumpen zerdrücken, das saatbett bereiten.
wenn sich zwei vorspannen,
in die kopfseile stemmen,
ersetzt der sparsame starrsinn
das zugvieh im joch.
jahre um jahre zogen die walze
steinzeitlich
am eisengestänge über eignen grund
und reformierten boden
bergunter, bergauf,
vater und mutter, ohne zu murren und aufzustecken,
immer mit letzter kraft in den sielen.
längs der starren deichsel
zum gespann treulich vereint,
walzten sie mit jeder umdrehung
des rollierenden grabsteins
in altmodischer schnörkelschrift,
zur spirale gedreht, in den lehm:
geliebt, beweint und unvergessen.

 

Gedächtnisprotokoll

Welche Maßstäbe soll man an ein Gedicht legen? Der über den Autor Informierte erschließt sich seinen Zugang über dessen Biografie. Wulf Kirstens Gedicht ist ebenso leicht zu lesen, wie sein historischer Hintergrund nicht ohne weiteres offenliegt. Kirsten, 1934 in Klipphausen bei Meißen geboren, entstammt einer „Hauslerdynastie“, die im Schatten einer Reußschen Gutsherrschaft an der Peripherie des Dorfes dahinlebte. Erst die 1947 in der damaligen Ostzone vollzogene Bodenreform unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ brachte auch Kirstens Vater in den Besitz eigenen Landes.
Klipphausen, am Eingang zum Saubachtal gelegen, ist ein auf den ersten Blick romantisches Dorf. Die Nähe bedeutender geschichtsträchtiger Orte wie Meißen oder Batzdorf – unweit dieses Ortes befindet sich das „Totenhäuschen“, das Novalis bewohnte und in dem er am Ofterdingen schrieb – muß Wulf Kirsten schon als Kind beeindruckt haben. Hinzu kam später Kirstens Interesse an der „meißnischen Sprache“, einem Dialekt, der an der Wiege der deutschen Hochsprache stand (Meißnisch oder Missingsch war die Sprache, die uns von Luther zu Lessing führte). Kirstens Wortsuchertum ließ ihn mit der Epigonalität früher Gedichte brechen, die noch an Volker Braun und Johannes Bobrowski erinnerten. So kam er zu einer Lyrik, die sich freilich nicht immer der Überlast vergessener oder entlegener Wörter entziehen konnte. Nicht so in dem Gedicht „die ackerwalze“, das auf einem Schwerpunkt ruht, der mit dem Stichwort des „reformierten boden(s)“ im Gedicht selbst bezeichnet wird.
Der Text offenbart die Zwiegestalt gesellschaftlicher Entwicklung, in der es trotz aller Verheißungen auch weiterhin ein „Oben“ und „Unten“ gegeben hat. Aber dieses Gedicht macht nicht nur aufmerksam auf eine historische Zäsur, sondern auch auf die Überlebensfähigkeit von bedeutender Lyrik über alle historischen Veränderungen hinweg. Was sich nämlich heute auf den Leser überträgt und das Gedicht „verständlich“ macht, ist mehr als seine historische Beziehung auf ein Schlüssel- und Grundwort schlechthin.
Kirsten hat die historischen Erinnerungen nicht aus seinem Bewußtsein gestrichen. Im Gedicht „die ackerwalze“ besinnt er sich auf Erfahrungen, deren Einmaligkeit nach einer Gestaltung verlangt, die nur abseits der plakativen und damit von einer neuen Sprache unberührten „Abrechnungsliteratur“ zu finden sein wird. Kirsten „überführt“ – und das macht auch die Qualität seiner Lyrik aus – die konkreten historischen Ereignisse in eine existentielle Dimension, die sich nicht lösen muß von der Konkretheit seiner Schreibweise. Der Chance der DDR-Lyrik, die Gebote der Kulturpolitik zu umgehen und das Affirmative zu meiden, wird Kirsten auch noch in diesem Gedicht gerecht (es entstand 1988), indem er es auf dessen eigentliche Domäne beschränkt. Es beschreibt nichts, das über den „eigentlichen Gegenstand“ hinausweist, und beschränkt sich ganz auf eine den Menschen und Dingen verpflichtete Sachlichkeit, die nur andeutungsweise einen metaphysischen Aspekt enthält.
Auch dieses Gedicht ist, wie die meisten bedeutenden, ein Text vom Leben und Sterben einfacher Menschen. Plage und Mühsal sind hier ganz im alttestamentarischen Sinn die Komponenten eines Lebens, das auch durch die Bodenreform keine Erlösung finden konnte.
Die Ackerwalze selbst, einst Bestandteil eines Grabmales, versinnbildlicht nicht nur die Verwendung eines anscheinend für alle Zeiten gemachten Gegenstandes für die profane Landarbeit, sondern auch eine im Angesicht der Ewigkeit „steinzeitliche“ Tätigkeit: die Bestellung des Ackers. Der Abdruck der der Säule und dann der Ackerwalze eigenen Aufschrift „geliebt, beweint und unvergessen“ im Boden des durch Kirstens Eltern bearbeiteten Ackers, auf dem sie sich wie „zugvieh im joch“ bewegen, markiert einen stummen Fortschritt, der zwar ein geringes Eigentum schuf, jedoch damit noch nicht die angemessenen Produktionsmittel zur Verfügung stellte. Die Erfindungskraft von Kirstens Vater allein hat es möglich gemacht, die zugeteilte Ackerfläche zu bearbeiten.
Im Unterschied zu vielen anderen von Kirstens Gedichten, die durch äußerste Sprachanstrengung ihre Existenz sichern, ist es ihm hier anscheinend mühelos gelungen, ein Gedicht ganz auf dessen Sinnfälligkeit hin zu schreiben. Die in den Boden von „vater und mutter, ohne zu murren und aufzustecken“ hineingewalzte Inschrift ist mehr als eine Metapher. „mit letzter kraft in den sielen“ plagten sich Kirstens Eltern, „zum gespann getreulich vereint“, um eine Zukunft, die letztlich nur noch aus diesem Gedicht besteht.

Heinz Czechowski, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Achtzehnter Band, Insel Verlag, 1995

1 Antwort : Heinz Czechowski: Zu Wulf Kirstens Gedicht „Die Ackerwalze“”

  1. Günther Bach sagt:

    das ist so gut, dass jeder Kommentar eine Anmaßung wäre…

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