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Mehr als Winter
Der Winter ging schlafen
Die Winters nisten
im Alphabet
Wa und Wb
Der Form nach: wie W (inter)
Hinreichend weiss
wenn die Engel
tropfen
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Crash barrier
– Eine Anekdote aus Ilmas Leben. –
Einmal, als wir noch jung waren und die Welt eine Zukunft hatte; als Ausländer noch Fremde waren, die man herzlich begrüßte und gespannt darauf war, was sie zu erzählen hatten; als man, wenn man ganz still war, hörte, wie die große Sowjetunion in ihren Fugen ächzte, was als Gedicht der Befreiung verstanden wurde; als es noch vier Jahreszeiten gab und die drei großen K’.s noch lebten (Kiš, Konrád, Kundera); als Ilma noch keinen der vielen Preise erhalten hatte, die man ihr hernach vor die Tür legte; als fast alle unsere Freunde noch am Leben waren – damals also fuhren wir in einem Auto durch die englische Provinz, um einen der vielen runden Geburtstage eines uns sehr verbundenen Klavierspielers zu feiern, der nach unserer Auffassung nicht nur einer der besten Schubert-Spieler war, sondern auch sonst ein Mensch, dessen Charakter dazu angetan war, sich nicht nur auf weitere runde Geburtstage mit ihm zu freuen. Am Steuer sass ein Amerikaner, von dem es hiess, er verstünde etwas vom Gold; Ilma sass, wie im Vereinigten Königreich üblich, links von ihm auf dem sogenannten Beifahrersitz, den Todessitz zu nennen bei der Fahrweise des mit Gold vertrauten Amerikaners nicht ganz aus der Luft gegriffen wäre, ich sass oder besser: lag hinten quer, um den zu erwartenden Aufprall auf ein Hindernis nicht mitansehen zu müssen. Ilma versuchte, angeregt durch die Nähe zum Fahrer, in englischer Sprache ein Gespräch mit mir über die Vorzüge der amerikanischen Poesie zu führen, das ihrerseits durch eine einzige rhetorische Figur gekennzeichnet war: statt Sylvia Plath oder W.H. Auden sagte bzw. rief Ilma immer: Sylvia Achtung Leitplanke Plath oder W.H. Achtung Leitplanke Auden, was bei längeren Namen in meinen verängstigten Ohren wie die Urform eines dadaistischen Gedichts klang: Edna Achtung Leitplanke St. Vincent Achtung Leitplanke Millay, eine Ausdrucksweise, die den goldbesessenen amerikanischen Fahrer zu einer noch waghalsigeren Fahrweise anspornte, so dass wir, Gott sei es gedankt, ohne blutende Wunden, dafür seelisch schwer traumatisiert, doch noch zur rechten Zeit den Festplatz zu Ehren des dem Klavierspiel verfallenen Freundes erreichten, wo zeitgleich mit uns, ich sage es mit der Verwunderung und dem Stolz des Überlebenden, der englisch-russische Philosoph Sir Isaiah Berlin eintraf, der 45 Jahre zuvor in Moskau ein kurzes aber folgenreiches Liebesverhältnis mit der russischen Dichterin Anna Achmatowa eingegangen war, das bis heute sichtbare Spuren in der russischsprachigen Lyrik hinterlassen hat. Wer mehr darüber wissen will, muß Ilma um Aufklärung bitten.
Ich erzähle diese an sich völlig belanglose, für die meisten Leser auch durch und durch uninteressante Anekdote nur deshalb, weil es das erste und einzige Mal war, daß Ilma in meiner Gegenwart ein Wort nicht zur Verfügung stand. Während der Amerikaner sich wahrscheinlich darüber wunderte, warum alle amerikanischen Dichter mit zweitem Vornamen Achtung Leitplanke heißen, wollte Ilma das verfluchte crash barrier nicht in den Sinn kommen – und um der Wahrheit die Ehre zu geben: mir auch nicht.
Viel später, als auch ich einmal einen der schönen Preise an Ilma verleihen durfte, habe ich mich in meiner Laudatio öffentlich gefragt, in welcher ihrer vielen Sprachen Ilma wohl träumt. Nach unserer Fahrt durch die englische Provinz sollte darüber kein Zweifel mehr bestehen.
Michael Krüger, aus Für Ilma. Ein Buch zum 80. Geburtstag von Ilma Rakusa, Literaturverlag
DIE DINGE LÄGEN ANDERS, RUSSISCHER –
Gebäudeborscht mit Knochen, hier ein Draht
Und dort ein Birkenschimmer, kein Soldat.
Der Liebestaumel ist ein muskelfrischer
Gedichtverlauf mit Äpfeln an den Rändern.
Die Säure stößt sich an den Vorderzähnen.
Gebietsverlassenheit zum Gegenlehnen.
Die Dinge lägen anders, kaum verändern
Gestalten, weiter weg, das Kriegsgeschehen,
Verschieben sich die Linien mit den Schiffen.
Geschäfte, Draht und saure Lagerzonen.
Wir könnten slawisch immer weitergehen.
Geduld ist im Gesang mit inbegrifffen.
Die Wiederholbarkeit ist zu bewohnen.
(für Ilma Rakusa)
Thomas Kunst
Silke Behl spricht mit Ilma Rakusa über ihre Literatur und existentielle Schönheit.
Silke Behl spricht mit Ilma Rakusa über ihr Werk und die europäische Geschichte und Gegenwart.
Literarische Selbstgespräche … keine Fragen stellte Astrid Nischkauer – Von und mit Ilma Rakusa
Katja Scholz fragt und Ilma Rakusa antwortet: „Ich kann von Glück reden, wenn mir ein Gedicht an einem Tag gelingt.“
Ilma Rakusa zu Besuch bei Radio Neumarkt und im Gespräch mit Gabi Mezei
Zum 70. Geburtstag der Autorin:
Terézia Mora: Das Geschenk
Neue Zürcher Zeitung, 2.1.2016
Volker Breidecker: Die Fahrende
Süddeutsche Zeitung, 29.12.2015
Zum 80. Geburtstag der Autorin:
Björn Hayer: Die Zaunspringerin
Frankfurter Rundschau, 1.1.2026
Tina Uhlmann: Schweizer Autorin Ilma Rakusa feiert 80. Geburtstag
Salzburger Nachrichten, 2.1.2026
Menschenbilder. Ilma Rakusa zum 80. Geburtstag
oe1.orf.at, 4.1.2026
Marie Luise Knott: Ein Ohrenmensch
perlentaucher.de, 27.1.2026
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + KLG + DAS&D + Archiv + IZA
Laudatio: 1, 2 & 3 + Interview + Lesung
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Brigitte Friedrich Autorenfotos + Dirk Skibas Autorenporträts + IMAGO + Keystone-SDA
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Ilma Rakusa – Verleihung des Schweizer Buchpreises 2009.









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