Izet Sarajlić: Sarajevo

Sarajlić-Sarajevo

LEHRMEISTER
Für Rasko Dimitrijević

Whitman lehrt uns, daß ein Grashalm nicht weniger ist als ein
aaaaaTag Arbeit des Universums.
Pasternak lehrt uns, daß es am Ende unmöglich ist, nicht wie
aaaaaeiner Ketzerei einer unerhörten Einfachheit zu verfallen.
Neruda lehrt uns, daß wir alles, was wir im Leben entdecken, in
aaaaauns selbst entdecken.
Brecht lehrt uns, daß von allen Dingen die am wertvollsten sind, die benutzt worden sind.
Galczynski lehrt uns, daß es immer die Mühe lohnt, den Menschen ein Licht zu sein und für die Engel Kaffee zu machen.
Sandburg lehrt uns, daß die Poesie die Synthese aus Hyazinthen ist und Biskuits.
Andrić lehrt uns, daß die Poesie ihre höchste Wirkung erreicht, wenn es dem Dichter gelingt, den Leser mit etwas Bekanntem zu überraschen.
Rilke lehrt uns, daß nirgendwo Welt ist außer in uns.
Lorca lehrt uns,daß die Poesie das Unmögliche ist, das möglich wird.
Majakowski lehrt uns, daß die furchtbarste Vernichtung diejenige des Herzens ist.
Yeats lehrt uns wie kein anderer, daß unser rotes Blut tatsächlich in der Lage ist, eine Rose zu erschaffen.
Blok lehrt uns, daß alleine wer liebt das Recht auf den Titel Mensch erwirbt.

Übersetzung Jochen Kelter

 

 

Die Sarajevo-Kriegsgedicht-Sammlung

Ihr habt euch alle, wie auch ich, am Vorkriegs-Sarajevo-Gedichtband von Abdulah Sidran gefreut. Sidran hat sich gut aus der Affäre gezogen! Ausgerechnet mir, der das ganze Leben lang gegen den Krieg geschrieben hat, hat er es „überlassen“, einen ,Sarajevo-Kriegsgedichtband‘ zu schreiben.
Lange vor dem Krieg, auf einer Lesereise durch die Herzegowina, sagte mir Sidran in Anspielung auf mein Gedicht „Sarajevo“, er würde an meiner Stelle und noch dazu bei diesem Nachnamen alles andere hinschmeißen und sich an das Schreiben einer ganzen Sammlung über Sarajevo machen. Eine ganze Sammlung – wiederholte er mehrmals. Von etwas Ähnlichem wollte mich ein wenig früher auch Slobodan Marković überzeugen.
Aber besetzt von meinem damaligen Internationalismus; von dem ich mich, hoffe ich, nie befreien werde, habe ich Sidran (jetzt erinnere ich mich, es war in Nevesinja, aber nicht dem heutigen Tschetnik-Nevesinja, sondern in jenem, in dem noch derer gedacht wurde, die ’23 geboren und ’42 erschossen wurden) mit einer Frage geantwortet: warum nicht er, der in Sarajevo geboren ist, diese Aufgabe übernimmt? Er hat nichts geantwortet, aber das erste Gedicht in seinem künftigen Gedichtband über Sarajevo, das erste vom Entstehungsdatum her, war gerade mir gewidmet.
Ich aber weiß eines: das hier ist meine einzige Gedichtsammlung, von der ich wünschte, daß ich sie nie hätte schreiben müssen.

Izet Sarajlić, Vorwort, 23.7.1992

Die Sarajevo-Kriegsgedicht-Sammlung

erschien im August 1992 in der Wochenzeitung Nedelja (Sonntag), Sarajevo, die von demselben Verlag herausgegeben wird, wie die in diesem Krieg berühmt gewordene Tageszeitung Oslobodjenje, die Enzensberger erwähnt. Die dreiundzwanzig Gedichte der Sammlung sind in den extremen ersten fünf Monaten des Kriegs entstanden, in der Zeit des ununterbrochenen Beschusses, des Kellerlebens, des Nicht-Glauben-Könnens.

Anmerkungen

Verse auf der Serviette

Sarajevo im Spätsommer, Anfang der siebziger Jahre eine Stadt wie aus dem Bilderbuch des alten Europa. Der unwissende Gast bewegt sich in einem bunten Gewimmel: Bruchbuden, Paläste, Bazare, orthodoxe Kirchen und Minarette; Spuren der k.u.k. Monarchie, Spuren von Byzanz, Spuren der Türken, aber auch Partisanendenkmäler, Hochhäuser, Bonzenvillen, Parteischulen; ein undurchdringliches Patchwork von Völkern, Kulturen, Religionen, Ideologien. Klein und bescheiden die Brücke, an der einst ein Thronfolger erschossen wurde, kaum sichtbar die Narben und Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs, der deutsch-italienischen Okkupation mit ihren dreißig konkurrierenden Agenturen der Repression und der Vernichtung.
Der Besucher hätte wenig davon bemerkt, wäre ziemlich ratlos durch die Gassen gewandert, ein blöder Tourist, hätte er nicht seinen Gastgeber zur Seite gehabt, einen großmütigen Begleiter, der jeden kannte, den jeder kannte, der ihn zu führen und zu bewirten wußte. Fisch vom Holzkohlengrill, Zitate aus sechs Sprachen, Verse, auf eine Serviette gekritzelt.
Mein Führer durch diese lokale, fragile Utopie hieß Izet Sarajlić. Heute weiß ich, daß er aus einer muslimischen Familie stammt. Wir haben gelernt, die bosnischen Namen zu entziffern, da sie nicht mehr bloß eine Herkunft bezeichnen, sondern einen lebensgefährlichen Unterschied. Damals wäre es keinem, der mit uns am Tisch saß, eingefallen, genealogische Forschungen anzustellen. Izet Sarajlić war ein jugoslawischer Dichter. Vielleicht ist er es heute noch, obwohl ein Land dieses Namens nicht mehr existiert. Ich kann ihn nicht fragen. Sein Telephon antwortet nicht. Briefe erreichen ihn nicht mehr. Auf vielen Umwegen habe ich gehört, daß er noch am Leben ist. Seine Heimat will er, dem Vernehmen nach, nicht verlassen, solange das Leben seiner Kinder und Enkel in Gefahr ist.
Ob ihm sein großes Lachen vergangen ist, seine leichtsinnige Schwermut, seine wehrhafte Ironie? Ob er immer noch Gedichte schreibt?
Unglaublicherweise erscheint in Sarajevo bis heute jeden Tag eine Zeitung. Geschrieben und redigiert, gesetzt und gedruckt wird sie in einem Bunker, unter kaum vorstellbaren Bedingungen. Die kleine Mannschaft der Oslobodjenje besteht aus Muslimen, Kroaten und Serben, die sich weigern, der Logik des Bürgerkriegs zu folgen und aufeinander zu schießen. Izet, so heißt es, soll für dieses Blatt monatelang eine Kolumne geschrieben haben. Die heiteren Tage von Sarajevo, aus denen seine nachdenklichen und sarkastischen Gedichte stammen, sind nur noch ein Gerücht, eine Sage, eine ferne Erinnerung. Vielleicht geben sie ihren Sinn erst aus der maßlosen Entfernung preis, die Autor und Leser von jener Zeit trennt, in der sie auf die Rückseite einer Speisekarte in einer bosnischen Taverne geschrieben worden sind.

Hans Magnus Enzensberger, November 1993

Sarajlićevo

Keine Hoffnung, daß ich den Artikel über Izet Sarajlić in besseren Zeiten schreiben werde. Die besseren Zeiten sind vergangen. Vorletztes Jahr, es war die letzte Nacht des Februar, ich hatte einen Artikel über Sarajlićs schmalen Gedichtband Nekrolog für die Nachtigall fast fertig getippt, trifft in tiefer Nacht im Dorf ein Militärkurier ein und weckt die Wehrpflichtigen, unter ihnen auch meinen Bruder. Sie sollen zum Kosovo. Ich höre das Weinen der Mütter und der geweckten Kinder und schäme mich für mein Schreiben und lasse alles liegen für bessere Zeiten. Aber bessere Zeiten kommen nicht, nur schlechtere.
Nun sind im letzten Jahr vor dem Krieg die ausgewählten Werke von Sarajlić in zwei Bänden erschienen. Die Dankbarkeit gegenüber den Herausgebern dafür darf uns nicht den Sinn trüben: trotzdem wird Sarajlić auch weiterhin oberflächlich und falsch gelesen werden. Er wird für die Leser noch lange „einfach“, „zärtlich“, „verständlich“ bleiben und für die Kritiker „populär“ und „kommunikativ“, „nicht-abstrakt“. Von ihm wird erst eine ferne Generation als großem Dichter sprechen.
In diesem Doppelband sind Gedichte und Schriften versammelt, die in vierzig Jahren entstanden sind. Vierzig Jahre, aber es scheint, daß alles an einem einzigen Tag aufgeschrieben wurde. In der Stadt Sarajlićevo. Schwer ist es, so kundig zu sein, um in diesen Gedichten, ohne sich zu irren, die Unmengen von Anspielungen an alte und neuere Literaturen zu erkennen, die gewollte und die intuitive Naivität, das bewußte Chaos und die absichtslose Organisiertheit.
Im Gedicht „Blues“, vor einundzwanzig Jahren geschrieben, wie im Gespräch mit Plato, Aristoteles, Lukrez, mit Blick auf die Bibel und den Koran und auf Dante, steht das:

Es wäre interessant zu wissen,
wohin gehen nach uns unsere Seelen.

So ist der ganze Izet Sarajlić. Kindlich, absichtlich einfältig, und dann macht er einfach, was er will. Er schreibt, als ob das vor ihm niemand sonst getan hätte und als ob sich nach ihm nie jemand damit abgeben würde. Alle die Puschkins, Tolstojs, die Kontinente und Erden, auf denen die Thomas Manns laufen, sind nur eine geniale Kulisse, hinter der das leben ist und der Geist. Und noch vieles zwischen Leben und Geist. Zaubertrickhaft und magisch. Dem Leser von Sarajlić kann es geschehen, daß er vom Effekt der ersten dichterischen Absicht befriedigt ist. Aber sie ist nicht das ganze Angebot. Die Kunststücke und Magie zeigen sich jenen, die sich an die Enträtselung der inneren Ordnung dieser Gedichte wagen.
Hier höre ich auf. Ich wollte mich Izet aus der Ferne melden, in dieser traurigen Zeit, in der die jugoslawische Idee zertreten wird. Von Chauvinisten, Ignoranten, Rachesüchtigen. Ich wollte einem empfindsamen vereinsamten Leser, der von dem Krieg entsetzt ist, diese zwei Bände zeigen, wo, in Gedichten, klare Empfehlungen stehen, was nicht hätte getan werden dürfen und was getan hätte werden müssen, damit es nicht zu unserem Krieg kommt. Lieber Izet, du hattest in allem recht: Mit einer Niederlage beenden wir das Jahrhundert…

Sinan Gudžević

’s Krieg

− Gedichte aus Sarajevo von Izet Sarajlić und Stevan Tontić. −

Zwei Lyriker, beide aus Bosnien. Doch es überwiegen die Unterschiede, die noch vor einigen Jahren kaum aufgefallen wären: Der Serbe Stevan Tontić hat Sarajevo verlassen und lebt seit 1993 in Deutschland, Izet Sarajlić ist Muslim und denkt nicht daran, woanders zu leben als in der Stadt, mit der er den Namen teilt.
Der 64jährige Izet Sarajlić und der 48jährige Stevan Tontić waren schon vor dem Krieg bekannt für ihre vordergründig einfachen, meist in freien Rhythmen geschriebenen Verse. Ihre Kriegsgedichte sind jetzt in Deutschland in bibliophilen Ausgaben erschienen: Izet Sarajlić’ Sammlung Sarajevo mit einem Einführungstext von Hans Magnus Enzensberger und Stevan Tontić’ Handschrift aus Sarajevo, herausgegeben von Lutz Rathenow, sensibel illustriert von Reinhard Kleist.
Sarajevo sollte man von hinten lesen, mit den Gedichten aus den fünfziger Jahren beginnen und sich bis in die Gegenwart voranlesen. Manche Gedichte wirken dann wie Tagebuchaufzeichnungen, wobei zwei Gedichte eine besondere Geschichte erzählen: Im ersten aus dem Jahr 1987 erfahren wir, daß der Dichter zwei Schwestern hat, im späteren, daß die beiden im Kriegsjahr 1993 kurz hintereinander starben.

Irgendwo muß ich
eine neue Schwester finden.
Ich kann einfach nicht
nicht Bruder sein.

Sarajlić scheut sich nicht, Vojislav Šešelj und Josip Broz, Milošević-Söldner und die Tschetniks in den Gedichten beim Namen zu nennen. Der Autor rechtfertigt diese für Lyrik ungewohnte Aktualität: Man müsse am Montag über den Montag schreiben, denn schon am Dienstag könne es zu spät sein, erklärt er im Gedicht „Die Theorie der Distanz“. Man kann darüber streiten. Aber wenn „seit tausend Tagen die Granaten die Grundmusik bilden“, wird radikale Direktheit Zwang.
(…)

 Mirjana Wittmann, die Zeit, 23.12.1994

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Izet Sarajlić liest das Gedicht Sarajevo.

2 Antworten : Izet Sarajlić: Sarajevo”

  1. „Leben, leben…!“
    – Begegnungen mit dem bosnischen Dichter Izet Sarajlić. –

    Wo wir uns zum ersten Mal begegnet sind, weiß ich nicht mehr; Du sicher auch nicht. – War es 1982 in Struga, beim Poesiefestival; oder war es 1984 in Sarajevo, bei den dani poezije, da ich das erste Mal daran teilnahm? Ein bleibender Eindruck, der nicht nur unvergessen blieb, sondern mitbestimmend war für meine weiteren Beziehungen dahinunter. Egal, das würdest auch Du sagen. Hauptsache: wir sind uns begegnet und haben einander kennengelernt; denn das war ganz gut so für uns beide.
    Wir haben einiges gemeinsam und das wissen wir. Auf jeden Fall auch gemeinsame Erinnerungen, auch an etwas, das wunderbar war und jetzt zerstört ist und das es nicht mehr gibt. Ich meine nicht nur Gebäude, „unser” Sarajevo, Bosnien-Herzegowina als das, was es einmal war; ich meine ganz einfach und vor allem den zerstörten Menschen, tausendfach, hunderttausendfach: die ihrer Heimat Beraubten, die um ihr Leben Betrogenen, die Gedemütigten, Erniedrigten, Gequälten, die Verstümmelten, die Ermordeten, die Toten. Reden wir nicht von Gerechtigkeit, von Sühne; das gibt es nicht. Es gibt nur den Wahnsinn dieses Krieges, diesen planmäßigen und ungehindert ausgeführten Genozid, diesen Terror, diese Vernichtung; dieses Mensch-gegen-Mensch, das wir nicht für möglich gehalten hätten, niemals. Kein weiteres Wort; mir steht das auch nicht zu. Ich gebe nur ein Zeichen, ein Zeichen des Gedenkens, das auch uns beide verbindet. Du verstehst das, ich weiß es. Zwischen uns brauchen wir nicht viele Worte, brauchten und wollten wir nie. Immer sprachen unsere Herzen; so würde man vielleicht poetisch in Bosnien sagen: Ausdruck der „slawischen Seele”. Wir wissen beide, daß das auch eine ist, die voll Haß und Mord sein kann. Immer ist das auf der anderen Seite der Liebe; oder mit ihr zugleich, sogar im selben Menschen.
    Also, wenn ich mich an Dich, an uns erinnere – und das tat ich sehr oft in der Zeit dieses Wahnsinnskrieges, als es keinerlei Kontaktmöglichkeit zwischen uns gab (ich hörte nur von Deiner Verwundung und daß eine Granate dem Nermin Tulic beide Beine abgerissen hat) – dann habe ich keine Erinnerungen an Worte oder in Worten, obwohl wir doch beide Dichter sind, und uns das Wort nahe – sagen wir vielleicht wieder: am Herzen – liegt; nein, immer sind es Bilder, Erinnerungsbilder, die auftauchen und damals auftauchten in mir. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, daß ich fotografiere und schon in Bildern „denke”, und diese Fotobilder so in mir speichere; was weiß ich, ist ja auch egal; es ist halt so. Du würdest jetzt jene Handbewegung machen, die ich von Dir kenne, und die bedeutet: Egal, lassen wir das!, unwichtig. Du hast einen Sinn für das Faktische, aber auch für das Hintergründige, das Wirkliche, so wie es ist, auch im Denken; unwichtige Zusammenhänge, Scheinkonstruktionen interessieren Dich nicht. Du bist ein Dichter, das vor allem, oder eigentlich nur das; und daraus erklärst Du alles und erklärt sich Dir alles. Über sogenannte „Intellektuelle” lächelst Du spöttisch – oder es folgt die eben beschriebene Handbewegung von Dir als Geste, als Zeichen, als Kennzeichnung – für sie und auch für Deine Beziehung zu dieser Art von Intelligenz und Geistigkeit. Ich glaube, von der sogenannten „Intelligenzija” hältst Du nicht viel, jetzt weniger denn je; was hat sie denn auch schon bewirkt: nichts!
    Wir haben aber auch nie über irgendwelche „Probleme“ gesprochen; wie hätten wir das auch können, ich mit meinen paar Brocken Serbokroatisch, Du mit Deinem Deutsch, das Du, glaub ich, in einem Arbeitslager in Nazideutschland gelernt hast (gesprochen hast Du darüber nie); aber verstanden haben wir uns trotzdem gut, vor allem wenn wir gemeinsam getrunken haben – wann haben wir das nicht?!, wir haben keine Gelegenheit dazu ausgelassen – und die letzten waren, die vom Tisch aufgestanden sind, manchmal schon im Morgengrauen. Erinnerst Du Dich noch an jene Nacht in der Baščaršija in Skopje? Ich wollte wenigstens um zwei Uhr gehen, aber Du hast geredet und gesungen und getrunken bis zum Morgengrauen; und wir – Emina und ich – blieben bei Dir; und dann sind wir heimgewankt, Dich in der Mitte, über die Brücke über den Vardar, bis zum Hotel. Die Sonne stand schon knapp unter dem Horizont. Und da ich nicht aufhörte zu räsonieren wegen der durchzechten Nacht – „So ein Wahnsinn, und das vor der Heimfahrt!“ – antwortetest Du wieder mit einer Deiner mir bekannten Gesten: „Egal, egal, Wiplinger! – Leben, leben!” Das war mehr als nur ein Ausspruch, das war ein Bekenntnis! Dionysisch, ja! So bist Du, und das gefällt mir. Und so etwas bleibt in Erinnerung: als Erlebnis, als Erkenntnis, auch der eines Menschen, einer Person. Und das verbindet, auch in Freundschaft. Du hast „ein großes Herz” – wie man das bei Euch nennt – im Leben und in der Poesie.
    Oft habe ich mich, da die schrecklichen Tage und Nächte, Wochen und Monate der Belagerung von Sarajevo waren, mit all den Massakern, gefragt, wie es Dir wohl geht, ob Du noch lebst, und wenn ja, wie. Erreichen konnte ich Dich nie, mit keinem Brief, keinem Telefonanruf. Da habe ich mich an Dich erinnert. Auch an unser Zusammensein – vor dieser Schreckenszeit. Dieser herrliche Abend, diese Nacht, die Abschiedsfeier in einem Restaurant hoch oben in den Bergen. Wir alle an den Sarajevski dani poezije teilnehmenden Dichter bekamen damals eine Art Teilnehmerdiplom, kunstvoll und schön gestaltet, kalligraphisch eingetragen der Name. Jeder wurde aufgerufen, Du sagtest zu jedem ein paar treffende, auch witzige Worte, sangst Passagen eines Liedes, etwas das zur Person des jeweiligen Autors paßte. Als die Reihe an mir war, um auch mich vorzustellen, sagtest Du: „Wiplinger, kennen wir, ist lange, von uns; aber ist schlecht, hat in so viele Zeit nie gut Serbokroatisch gelernt, Wiplinger, das dein Fehler, ja!“ Und dann lachtest Du, umarmtest mich. Und während ich wieder zu meinem Platz ging, sangst Du plötzlich und wie immer laut: „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier, adieu! adieu! Und vergiß mich nicht, und vergiß mich nicht!“ Ich war überrascht und gerührt zugleich. Oft habe ich später an diesen Augenblick und an Dich gedacht, als ich die schrecklichen Bilder der medialen Kriegsberichterstattung sah. Und in meine Empörung, in meine Wut, in meinen Zorn mischte sich auch die persönliche Trauer; und die Angst – um Dich und um Euch alle. Und die Hoffnung war nur sehr schwach.
    Dann hörte ich endlich, daß Du lebst; aber ich wußte nicht, wo und wie. Plötzlich standest Du mir in Bled in Slowenien im Mai 1997 gegenüber. Und ich wußte nicht, was ich sagen sollte; ich war verlegen. Aber da hörte ich schon Deine Stimme: „Wiplinger“, sagtest Du, „Wiplinger!“ Und dann umarmten wir uns. Und später in dieser Nacht tranken wir zusammen; ich sprach auch viel, sprach auch von meinem Mich-schuldig-Fühlen („Wir haben so wenig für Euch getan, viel zuwenig!“); es war wie ein Bekenntnis, und ich wollte so etwas wie eine Absolution von Dir und durch Dich. Du hast mich verstanden. „Wiplinger, trink!“ sagtest Du; und: „ruhig! ruhig!“ – Da waren wir wieder dort, in unserer Gemeinsamkeit: daß wir beide wissen, daß Worte nie alles erfassen und aussprechen können. Ein Blick, eine Berührung, eine Umarmung verbinden uns viel mehr als alle Worte zusammen, bergen uns und unsere Gefühle, eben unser eigenes Ich und unsere Erinnerung.

    ———————————————————————————————

    Sarajlić Izet, bosnischer Essayist, Dichter und Übersetzer. Von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Geboren 16. März 1930 in Doboj/Bosnien, gestorben am 2. Mai 2002 in Sarajevo.

    Er war ein überaus lebhafter Mensch voller Ironie, rezitierte seine Gedichte auswendig und sprach das Publikum an. Sarajlić und seine Gedichte waren sehr bekannt in Bosnien. Er war ein Jugoslawe durch und durch, sang gerne die Internationale, konnte sich fast alles erlauben. Izet Sarajlić war eine literarische und moralische Autorität; sein Begräbnis war wie ein Staatsbegräbnis, aufgebahrt war er im Nationalmuseum. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde er auf dem Freidhof der Atheisten in Sarajevo begraben. Er mochte überhaupt keine Religion und sah jede Religion nur als Bevormundung für den Menschen an. Er glaubte an die Möglichkeit der Verbesserung von Mensch und Welt auch ohne Gott. Gleichzeit aber sprach er oft vom Wahnsinn der Menschheit und der Welt. – Als ich bei einer PEN-Konferenz in Bled durch einen Anschlag seiner Parte an der Glastür des Konferenzraumes von seinem Tod erfuhr, dachte ich an folgende Begebenheit: Als mir in einem Restaurant in den Bergen um Sarajevo für meine oftmalige Teilnahme an den „Sarajevski dani poezije“ und für mein Engagement für die internationale Verständigung eine Urkunde vom Präsidenten der Vereinigung überreicht wurde, hielt auch Izet eine kurze Ansprache. Als erstes sagte er, vorwurfsvoll lachend: „Wir ehren einen Dichter und Freund, der schon so oft bei uns war und hoffentlich auch noch oft sein wird, der aber nie unsere Sprache wirklich gelernt hat!“ Und er schloß mit den Worten: „Wiplinger, lerne endlich Serbokroatisch!“ Dann umarmte er mich und sang mir zum Abschied zu meinem großen Erstaunen das bekannte Lied „Leb wohl, mein kleiner Gardeoffizier, leb wohl, leb wohl – und vergiß mich nicht!“ Dann tranken wir unsere Schnapsgläser leer und alle Anwesenden klatschten. Wir sind oft zusammengesessen, waren so etwas wie Kumpanen-Freunde. Er hat gerne gesungen und viel getrunken und dann ungebremst laut alle KollegInnen unterhalten. Das letzte Mal haben wir uns bei der ersten Tagung des Bosnischen PEN im Jahr 2000 in Sarajevo getroffen.

    Peter Paul Wiplinger: „Schriftstellerbegegnungen 1960-2010“, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010

  2. TODESNACHRICHT

    in einer ausstellung
    sehe ich dein bild

    ich erinnere mich
    an unsere gespräche

    sehe dich plötzlich
    wieder vor mir

    ein schwarzes band
    bringt mir die nachricht

    von deinem tod
    als wortloses zeichen

    eine blume hast du
    neben deinem namen

    selber gezeichnet
    als fröhlichen gruß

    ich nehme sie nun
    in gedanken

    und werfe sie
    nach dir ins grab

    Peter Paul Wiplinger
    Bled/Slowenien, 17.5.2002
    Korrektur/Layout: Wien, 21.5.2002
    Zum Tod des bosnischen Dichters Izet Sarajlić

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