Jens Dittmar (Hrsg.): Lyrik aus Lichtenstein

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Jens Dittmar (Hrsg.): Lyrik aus Lichtenstein

Dittmar (Hrsg.)-Lyrik aus Lichtenstein

kein Wort zurückbehalten
beidseits des Grats
in die Nebel geredet

mit leerer Kehle
an den Zinnen entlang gegriffen
wo hätte das Wort nicht
schon alles außer Frage gestellt

was solls
stumm ist der Begleiter geworden
für ihn stehen Fels
wilde Vögel und
tausend verhedderte Sonnen

wer hier die Glasfenster zerschlug
setzt sie auch wieder zusammen

unverloren bleibt
das eisgemondete Schneefeld
reift ein zeitloses Korn
über dem kaum sichtbaren See

Evi Kliemand

 

 

 

Mit dem Willen zur Tradition

– Eine kleine Literaturgeschichte anhand der Lyrik aus Liechtenstein. –

Am Anfang war die Sammelleidenschaft, und diese Leidenschaft kannte keine Grenzen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die Lyrik aus Liechtenstein seit ihren Anfängen zu sichten, zu ordnen und dem Leser verfügbar zu machen. Zu diesem Zweck habe ich Druckerzeugnisse aller Art durchforstet und Gereimtes und Ungereimtes zutage gefördert. So entstand eine stattliche Liste von über 150 Liechtensteiner Autorinnen und Autoren, die sich gelegentlich oder regelmäßig der Lyrik widmeten. Ergänzt wurde diese Liste durch eine Reihe von Poeten, die sich inhaltlich zwar auf Liechtenstein beziehen, aber weder aufgrund ihres Wohnsitzes noch ihrer Nationalität mit dem Land verbunden sind. Angesichts der Fülle von Texten recht unterschiedlicher Qualität schien eine lückenlose Dokumentation in Buchform weder sinnvoll noch ästhetisch vertretbar zu sein. Geblieben vom Anspruch auf Vollständigkeit ist das Gliederungsprinzip nach Autoren. Anstatt für eine chronologische oder thematische Ordnung habe ich mich für das Autorenalphabet entschieden. Dieses schien mir am besten geeignet zu sein, ästhetische Merkmale zu betonen. Auch wenn Ästhetik nicht das einzige Auswahlkriterium war: Volkskundliche und sprachwissenschaftliche Aspekte kamen besonders bei Mundartgedichten ebenfalls zum Tragen.

An der Schwelle zur Neuzeit
Wer an Lyrik aus Liechtenstein denkt, dem fällt als Erstes Ulrich von Lichtenstein (1200–1276) ein.1 Dieser Einfall führt jeoch in die Irre, weil die Fürsten von Liechtenstein der nach ihrer Stammburg benannten Nikolsburger Linie angehören, während Ulrich von Lichtenstein ein Vertreter der Murauer Linie war.2
Heinrich von Frauenberg (13./14. Jh.), der meist mit Balzers und Burg Gutenberg in Verbindung gebracht wird, kommt dem Thema bereits näher, auch wenn nicht eindeutig entschieden werden kann, ob der Minnesänger „Liechtensteiner“ war. Man muss nämlich von zwei Personen gleichen Namens ausgehen, wobei die jüngere jener Heinrich von Frauenberg zu sein scheint, dessen Lieder in der Manessischen oder Großen Heidelberger Liederhandschrift enthalten sind.

Heinrich von Frauenberg

ERSTES LIED3

Gegen dem morgen
suozze ein wahter lûte sank,
dô er sach den oriôn.
Dâ verborgen
wîbes bilde zuo zim drank,
durh minnen lôn:
„Frouwe hêre,
ja sult ir wachen:
ich sihe des nahtes krefte balde swachen,
in singe niht mêre.“
„Wahter, schouwe“,
sprach daz minnekliche wîb,
„ob der leide tag ûf gê!“
Er sprach: „frouwe,
swer wol soldet mir den lîp,
swenne ez taget, ich singe iu mê.
Ist der ritter
hie inne, frouwe,
vermîde ich danne mîner ougen schouwe,
so wirt iuwer frœde bitter.“

„Hohem solde
warte mir, geselle mîn“,
sprach diu frouwe wolgetân,
„Daz mîn holde
lange bî mir muge sîn,
den ich umbevangen hân.
Wahter liebe,
hilf mir in fristen
mit dînen kluogen, wol verholnen listen.
wirt sant mir zeinem diebe!“

Karl Bartsch und jüngst auch Markus Burgmeier zufolge4 lebte Heinrich von Frauenberg der Jüngere von der Mitte des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts. Am 26. Januar 1305 wird „Henricus de frauwenberch“ im Zusammenhang mit Patronatsrechten auf die Kirche Felsberg und die Kapelle von Balzers erwähnt. Der nächste Beleg aus dem Jahr 1314 besagt, dass er verstorben sei. War Heinrich von Frauenberg also ein Balzner Minnesänger? Wir neigen gerne dazu, die Frage zu bejahen, auch wenn keine inhaltlichen Bezüge zur Region nachzuweisen sind.
Ganz anders bei Simon Lemnius (um 1511–1550): Der aus dem Unterengadin stammende Humanist wählte für sein Heldengedicht Raeteis5 einen vertrauten Stoff, hatte doch sein Vater selbst noch am Schwabenkrieg teilgenommen. Dieser Schwabenkrieg, auch Schweizerkrieg genannt, fand 1499 zwischen den Bündnern6 und der Eidgenossenschaft einerseits und dem Schwäbischen Bund und dem Hause Habsburg andererseits statt. Nach Scharmützeln zwischen Bündnern und Tirolern um das Kloster St. Johann in Müstair im Münstertal waren die ersten Kriegsschauplätze Maienfeld, Balzers, Mäls, Triesen und Vaduz.
400 bis 500 Soldaten des Schwäbischen Bundes mussten mit dem Leben bezahlen, dass sie die Eidgenossen von Burg Gutenberg herab mit „Muh-muh, Mäh-mäh“ verspottet hatten.7

Simon Lemnius

DIE SCHLACHT BEI TRIESEN8

Ergo hinc Helvetii mox transgrediuntur arenas
Alcimonis, flammasque ferunt in culmina tecti,

Exuruntque domos quasdam, hinc incendia clarent
Palazolis agris, serpitque furentibus ignis
Militibus, Trisumque nemus Magalia spectat
Incendi. Hic pedites hastis equitesque frementes
Repperiunt, nitidum splendebat cuspide ferrum
Sole repercusso, tollit se hinnitus equorum,
Utque acies commissa virum tum tympana celsis
Montibus audita, et lituus clangorque tubarum.
Irruit Helvetius saltu super arma volutus,
Prosternitque viros, geminantur funera campis,
Commixtusque ruit pedes, et certamen equestre
Increbuit, pedes hic armis eques esse putatur,
Atque eques hic pedes est, funduntur in agmine turmae,

Delabuntur equis prostrati corpore magno,
Quadrupedum sonuit clamorque furorque per arva,
Hic cruor humanus refluente cruore caballis
Miscetur, longaeque haerent per colla recurva
Hastae defixae, promanat gutture sanguis,
terra tremit sonitu armorum, pulsuque cadentum,
Cruraque cornipedum summas jactantur in auras.
Hic cadit ante aciem fossus, gemit ille sub altis
Pressus equis, nihil est saevae nisi mortis imago.
Helvetii caedunt peditesque equitesque feroces,
Ingentesque minas spirantque ruuntque per enses,
Avehiturque equitum sparso tunc ordine turma,
Et pedes hic una raptim discrimine leti
Caeditur, et passim fugitat formidine saeva
Turbatus, cursumque ferens trans ardua montis
Trisi hostis, rursusque cadit sine nomine vulgus,
Jamque fugae immodicus tendit certamine gressum
Preaeipitem, Helvetiusque instans funditque fugatque,
Ingentique hostes pugna cecidere trecenti,
Deinde fide agricolas facta sub jura recepit.

Erst der Schweizer Sieg in der Schlacht von Dornach führte schließlich zur Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft vom deutschen Reich. Dieser Stoff war wie geschaffen für Simon Lemnius, der einigen Ruhm mit lateinischen Übersetzungen der Odyssee sowie mit Hirtengedichten und Elegien im Stil von Ovid, Horaz und Catull erlangt hatte.
An Heinrich von Frauenberg und Simon Lemnius lassen sich die wichtigsten Auswahlkriterien für die vorliegende Anthologie trefflich darstellen: Im ersten Fall lebte der Autor auf Burg Gutenberg oder zumindest in nächster Umgebung des Gebietes, das seit 1719 als Fürstentum Liechtenstein bekannt ist. Inhaltlich bezieht sich seine Lyrik allerdings nicht auf das besagte Gebiet. Im zweiten Fall haben wir es mit einem Dichter aus Graubünden zu tun, dessen Texte explizit von Balzers, Triesen und Vaduz handeln. Damit sind zwei Bedingungen genannt, von denen mindestens eine erfüllt sein sollte: Wohnsitz bzw. Staatszugehörigkeit oder inhaltlicher Bezug zu Liechtenstein. Unter dem zweiten Aspekt sind Autoren wie Johannes Emmer (1849–1928), Ludwig August Frankl (1810–1894) und Johann Langer (1793–1858) zu sehen, deren Lyrik sich auf die Fürstenfamilie in Wien und nicht auf das Fürstentum am Alpenrhein bezieht.9
So beschäftigt sich Ludwig August Frankl, seines Zeichens Direktor des Wiener Musikvereins, Professor für Ästhetik, Redakteur und Autor von Gedichten, Schauspielen und Reiseberichten, in „Der Kaiser und der Ritter“ mit der Verleihung des goldenen Vlieses an Alois Gonzaga, Prinz von Liechtenstein (1780–1833), durch Kaiser Franz I. im Jahre 1830 in Wien.

Ludwig August Frankl

DER KAISER UND DER RITTER10

Im Thronsaal saß der Kaiser in heller Ordenstracht,
wie um den Mond die Sterne viel Herrn in lichter Pracht.
Des goldnen Vlieses Ritter in Purpursamte ganz,
und rings von Edelsteinen ein Regenbogenglanz.

Zwei edle Namen rufet der Wappenmeister aus,
zwei Fürstensöhne treten gleich aus dem Chor heraus;
Die neigen sich in Ehrfurcht dem kaiserlichen Ohm,
der thront so ernst und würdig, ein Heiligenbild im Dom.

Er winkt, die Prinzen beugen am Throne gleich ihr Knie,
drei Mal mit blankem Schwerte berührt er beide sie.
Und als des Vlieses Ritter stehn beide wieder auf,
hängt ihnen um die Kette und küsst sie herzlich drauf.

Da nähern sich dem Throne noch viele andre Herrn,
an Habsburgs Himmel jeder ein strahlenreicher Stern.
Nicht einer, dessen Ahnherr nicht einst bewährt im Rat,
nicht einer, der nicht selber bewährt durch kühne Tat.

Und fast der Letzte nahet ein hoher, kühner Held,
der hielte wohl im Sinken mit seinem Schwert die Welt;
er schreitet langsam vorwärts, verneigt das Angesicht –
die Knie will er beugen und beugt die Knie nicht.

„Verzeiht, mein Herr und Kaiser!, wenn sich das Knie nicht beugt,
wie demutvoll im Innern mein Sinn sich Eurem neigt;
es galt einmal recht tüchtig in einer heißen Schlacht,
galt Euer Heil, Herr Kaiser!, hab nicht an mich gedacht.“

Es ist der greise Habsburg in tiefster Brust bewegt,
wie der so frei und edel es ausspricht, wie er’s hegt!
„Wer so wie Ihr im Kampfe dem Tod ins Aug gesehn,
der kann vor seinem Kaiser und Herrn auch aufrecht stehn.“

Und hängt mit diesen Worten die goldne Kett’ ihm um,
und tief gerührt sind alle im weiten Kreis herum.
Drauf küsst er ihn recht innig, den lieben, tapfern Herrn –
und alle, die es sahen, sahn es von Herzen gern.

Von dem ich dies berichte, das ist der Liechtenstein,
und die ihrs hört und leset, schließts in die Brust nicht ein.
Erzählt es, dass der Nachwelt, der fernen, kundig sei,
wie mild die Herrscher waren, die Feldherrn stark und treu.

Die Geburt des Nationalbewusstseins
Während die Grafen von Sulz (1510–1613) und die von Hohenems (1613–1699/1712) Schellenberg und Vaduz ihr Eigen nannten, scheint es keine Schriftsteller gegeben zu haben, welche die genannten Bedingungen erfüllen. Als Fürst Johann Adam I. 1699 die Herrschaft Schellenberg und 1712 die Grafschaft Vaduz von den Grafen von Hohenems erwarb, hatte das ganze Gebiet etwas 6.000 Einwohner. 100 Jahre später wurde die Schulpflicht eingeführt, die der größte Teil der Bevölkerung ablehnte.11 Landvogt Josef Schuppler (1776–1833) schrieb noch 1815:

Die intellektuelle und körperliche Bildung der Landeseinwohner hat keineswegs die dem Zeitgeiste angemessene Höhe erreicht, denn sie stehen in dieser Hinsicht weit unter ihren Nachbarn. Der Grund hievon liegt in dem ganz vernachlässigt gewesenen Unterrichte der Jugend, die so zu sagen sich selbst überlassen aufwuchs und nebst dem nothwendigsten Lesen, und fehlerhaften Schreiben nichts anderes erlernte. Es konnte auch wohl nicht anders seyn, weil es durchaus an fähigen Lehrern fehlte.12

Damals tagte in Wien ein Kongress, auf dem Monarchen und Staatsmänner um eine Neuordnung Europas rangen und den Deutschen Bund ins Leben riefen. Liechtenstein wurde in der Bundesakte vom 8. Juni 1815 als souveräner Staat anerkannt.13
Zur selben Zeit studierte Peter Kaiser (1793–1864) in der Stadt.
Er war angetreten, seinen Beitrag zur Bildung der Liechtensteiner zu leisten. Die politischen Verhältnisse an der Donau entsprachen jedoch nicht seinem Geschmack, so dass er im Herbst 1817 an die Dreisam wechselte. In Freiburg im Breisgau schloss er sich der Burschenschaft an und stellte seine dichterische Begabung in den Dienst der deutschen Nation. Sein „Lied am Feuer“ ist heute noch als Hymne der Burschenschaften bekannt.

Peter Kaiser

LIED AM FEUER14

Vaterland höre! Wir rufens hinaus in die Welt,
von Jubel der Freiheit geschwellt:
Vaterland, Vaterland, du sollst nimmer wanken!
Als deine Söhne stehen wir,
als deine Söhne feiern wir,
bei den Flammen der Nacht
die Siege der Leipziger Schlacht.

Vaterland höre! Uns schwellen die Herzen vor Lust,
und Ahnungen füllen die Brust:
Vaterland, Vaterland, du sollst auf uns bauen.
Für deine Freiheit leben wir,
für deine Freiheit sterben wir.
Bei den Flammen der Nacht
sei der heilige Schwur dir gebracht.

Vaterland höre! Sei Hast oder Tod unser Los,
wir fühlen uns tapfer und groß.
Vaterland, Vaterland, du sollst nimmer trauern,
denn treu vereint stehen wir
für deine Freiheit für und für;
drum, ihr Flammen der Nacht:
Zeigts der Welt in der leuchtenden Pracht
.15

Die nationalen Töne mögen befremden, doch sind sie kein Ausdruck von Deutschtümelei oder gar Teutomanie. Vielmehr bestand der deutschsprachige Raum damals „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ (Hoffmann von Fallersleben) aus unzähligen Kleinstaaten, die zu vereinen das erklärte Ziel aller progressiven Kräfte war.
Nach der Ermordung Kotzebues am 23.3.1819 und den daraus resultierenden Karlsbader Beschlüssen16 suchte Peter Kaiser Zuflucht in der Schweiz. Sein Ruf als Revolutionär eilte ihm voraus und behinderte zunächst seine berufliche Karriere, bevor aus dem rebellischen Dichter der Historiker und Pädagoge wurde, den wir heute kennen. Als Abgesandter in der Frankfurter Nationalversammlung und Autor einer Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein (1847) steht sein Name inzwischen für die nationale Identität des Landes.17
1848 teilte Peter Kaiser seinem Landsmann Dr. Karl Schädler (1804–1872) mit:

Dem Schulwesen muss große Sorgfalt zugewendet werden, damit wir brauchbare Leute erhalten.18

In diesem Punkt waren sich die Freunde einig, gehörten sie doch beide zu der gebildeten bürgerlichen Schicht aus Ärzten, Lehrern, Geistlichen und Juristen, die in Liechtenstein während des 19. Jahrhunderts – später als andernorts – entstand. Karl Schädler hatte wie sein Vater Gebhard (1776–1842) Medizin studiert und war Peter Kaisers designierter Nachfolger im Frankfurter Paulskirchen-Parlament, ein Amt, das er aber erst 1849 nach der Geburt seines zweiten Sohnes Albert antrat.19
Seine Söhne Rudolf (1835–1930) und Albert (1848–1922) studierten ebenfalls Medizin und dienten dem Land, indem sie sich politisch, sozial und kulturell engagierten. Die Familie Schädler gehörte noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den angesehensten und einflussreichsten Familien des Fürstentums.20

Liechtensteiner Lobgesänge
Albert Schädler (der später die Schreibweise „Schaedler“ vorzog) schrieb am 20. Juli 1879 eine „Vaterlandshymne“ für das 1. Liechtensteinische Landes-Sängerfest in Vaduz und hielt eine „Toastrede“, in welcher er „die glücklichen Verhältnisse des kleinen Staates – Fürstenthum Liechtenstein mit jenen der großen Staaten in humoristischer Weise verglich…“21

Albert Schaedler

VATERLANDSHYMNE22

Auf, Brüder allzumal,
lasst über Berg und Tal
schallen das Lied.
Für unser Heimatland,
wo unsre Wiege stand,
für unser Vaterland
das Herz erglüht.

Dir Landesvater treu,
stets unsre Losung sei,
Heil dir, o Fürst!
23
Gott, deine Vaterhand
erhalte Fürst und Land
und schling der Liebe Band
um Volk und Fürst.

Du lieblich Liechtenstein,
es strahlt dein Bild im Rhein
firnen umkränzt.
Der Berge Waldespracht,
von Felsen überdacht,
des Landes schönste Wacht,
das Tal begrenzt.

Die hehre Alpenwelt
zum hohen Sternenzelt
sich kühn erhebt,
der Quell vom Felsen springt,
der Aar sich aufwärts schwingt,
der Älpler lustig singt,

freudedurchbebt.

Ein friedlich stilles Land,
du liebes Heimatland,
bleib immerdar,
solang der Rhein uns fließt
und Gott uns Schützer ist;
sei herzlich du gegrüßt,
innig und wahr.

Lieb und Treu schwören wir
mit Herz und Hand stets dir,
o Heimatland.
Dir schalle froh Gesang
beim hellen Becherklang,
den Berg, das Tal entlang,
o Vaterland.

Lange vor Albert Schaedlers „Vaterlandshymne“ hatte sich Jakob Josef Jauchs (1802–1859) „Oben am deutschen Rhein“ schon zur inoffiziellen Volkshymne entwickelt.24 Über ein Jahrhundert nach Einführung der englischen Nationalhymne (1745) und Jahrzehnte nach der Marseillaise (1792) konzentrierten sich die Bemühungen um eine liechtensteinische Hymne ganz auf das in Balzers entstandene Gedicht. Texte von Albert Schaedler oder Josef Gassner (1858–1927)25 wurden nicht in Erwägung gezogen, obwohl sie durchaus tauglich gewesen wären. Die Nationalhymne nach der Melodie von „God Save the Queen“ entstand „ohne Obrigkeit“, wie Franz Büchel betonte. „Das Lied wurde mit großer Begeisterung aufgenommen – war es doch das erste und einzige, in dem der Liechtensteiner seine patriotischen Gefühle ausdrücken konnte – und fand so im ganzen Land Verbreitung.“26
Jakob Josef Jauch war von 1852 bis 1856 Frühmesser (Kaplan) in Balzers und zugleich Gründer der Knabenerziehungsanstalt bei Schloss Gutenberg, des heutigen Hauses Gutenberg, dessen Leitung er übernehmen sollte. Auf Befehl des Bischofs wurde er seines Amtes enthoben und musste Balzers im August 1856 verlassen, „noch bevor das Gebäude seinem Zwecke zugeführt werden konnte“.27 Am 11. Februar 1858 schrieb er aus Palermo:

Als ich bei Ankunft des letzten Briefes von Balzers „Oberst am Deutschen Rhein“ zu singen anfing, versagte mir die Stimme unter Thränen der Wehmut über das arme Völkchen von Liechtenstein und musste ich mehrmal[s] frisch ansetzen.28

Jakob Josef Jauch

Liechtensteinische Volkshymne29

Oben am deutschen Rhein
lehnet sich Liechtenstein
an Alpenhöhn.
Dies liebe Heimatland
im deutschen Vaterland
hat Gottes weise Hand
für uns ersehn.

Wo einst St. Luzien
Frieden nach Rhätien
hineingebracht,
dort an dem Grenzenstein
und längs dem jungen Rhein
steht furchtlos Liechtenstein
auf Deutschlands Wacht.

Lieblich zur Sommerszeit
auf hoher Alpen Weid
schwebt Himmelsruh,
wo frei die Gämse springt,
kühn sich der Adler schwingt,
der Senn das Ave singt
der Heimat zu.

Von grünen Felsenhöhn
freundlich ist es zu sehn
mit einem Blick:
Wie des Rheins Silberband
säumet das schöne Land,
ein kleines Vaterland,
voll stillem Glück.

Hoch lebe Liechtenstein,
blühend am deutschen Rhein,
glücklich und treu.
hoch leb der Fürst vom Land,
hoch unser Vaterland,
durch Bruderliebe Band
vereint und frei.

Seit der Jahrhundertwende gab es mehrere Versuche, den Text hymnentauglich umzuformulieren. Dabei war immer wieder der „deutsche“ Rhein im Weg. Ohne Jakob Josef Jauch zu erwähnen, publizierte Gustav A. Matt 1919 einen „bereinigten Text“ der „Liechtenstein’schen Volkshymne“.30 Erst 1963 hat der Landtag den Wortlaut der Nationalhymne nach Jauch beschlossen:

Oben am jungen Rhein
lehnet sich Liechtenstein
an Alpenhöhn.
Dies liebe Heimatland,
das teure Vaterland,
hat Gottes weise Hand
für uns ersehn.

Hoch lebe Liechtenstein,
blühend am jungen Rhein,
glücklich und treu.
Hoch leb der Fürst vom Land,
hoch unser Vaterland,
durch Bruderliebe Band
vereint und frei.

In einem Brief an die „Hochwohllöbliche Hofkanzlei“ in Wien vom 14. Mai 1889 über eine „bei offiziellen Ceremonien vorgetragene Hymne von Liechtenstein“ erwähnt der Landesverweser Karl von In der Maur (1852–1913) auch zwei Gedichte eines gewissen „Simoni oder Simani“ und vermutet, dass sie nur „gedichtet und componiert“ worden seien, „um von seiner Durchlaucht ein Geschenk zu erhalten“.31 Eines der beiden Gedichte, nämlich „Glück auf, mein Liechtenstein“, erschien mit G[eorg] Simoni gezeichnet in der Sammlung Liechtenstein im Liede (1908), in der auch Albert Schaedlers „Vaterlandshymne“ und Jakob Josef Jauchs „Liechtensteinische Volkshymne“ nachzulesen sind.32

Georg Simoni

GLÜCK AUF, MEIN LICHTENSTEIN33

Sei mir gegrüßt, mein Vaterland,
mein teures Liechtenstein!
Mit deiner stolzen Alpenwand
vom Firnensee zum Rhein.

Ich habe manches Prachtgefild
beschaut auf meiner Bahn,
doch lachte mich kein Landschaftsbild
so traut wie deines an.

Denn ist die Welt auch reich an Zier,
an Städten, groß und klein,
der Schönheit ewiges Panier
entrollst nur du allein.

Ob manche schöne Eigenschaft
auch andre Völker schmückt,
mit Biedersinn und Männerkraft
ist keins wie du beglückt.

Drum sei, mein teures Vaterland,
gegrüßt mit Herz und Mund,
du bist der schönste Diamant
im großen Staatenbund.

Glück auf und hoch mein Vaterland!
Vom Firnensee zum Rhein,
mit deiner stolzen Alpenwand,
Glück auf, mein Liechtenstein!

In derselben Anthologie, der ersten und bisher umfassendsten Sammlung liechtensteinischer Lyrik,34 erschienen darüber hinaus Gedichte von Johannes Emmer (1849–1928), Ludwig August Frankl (1810–1894), Josef Gassner (1858–1927), Fanny von Hoffnaaß (1832–1892), Hermine Jucker (1885–1969), Johann Langer (1793–1858), Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901), Rudolf Schädler sen. (1845–1930), Elias Wille (1880–1972) und Joseph Christian Freiherr von Zedlitz (1790–1862).
Und natürlich von Johann Baptist Büchel (1853–1927)35 Dessen „Hymne“ entstand 1912 zur 200-Jahrfeier des Kaufs der Grafschaft Vaduz durch Fürst Johann Adam. Aus demselben Anlass verfasste der Kanonikus, Prälat, Fürstliche Rat, Politiker und Mitbegründer des Historischen Vereins (1901) auch ein Festspiel, das am Sonntag, dem 14. Juli 1912, auf der Schlosswiese in Vaduz aufgeführt wurde.36

Johann Baptist Büchel

HYMNE37

O Liechtenstein, du schönes Land,
du Land voll Lust und Frieden!
Dich hat des Ewgen Vaterhand
zur Heimat uns beschieden.
So weit dein Name nur erschallt,
dein Lob von allen Lippen hallt,
du Land voll Lust und Frieden!

Vom Rheine und dem Alpengäu
ertönen unsere Sänge,
zum Preise dir, du Friedensau,
im Strom der Völkermenge.
Lass andern Völkern Streit und Harm,
dir scheint des Glückes Sonne warm,
du Land voll Lust und Frieden.

Für deine Wohlfahrt standen ein
in manchen bösen Tagen,
die Väter einstens im Verein
mit Mut und ohne Zagen.
Du warst es wert, o Heimat du,
dir rufen wir begeistert zu:
O Land voll Lust und Frieden.

Dich schütze wohl zweihundert Jahr
in Sturm und Ungewittern
der Fürstenadler immerdar,
du brauchtest nicht zu zittern
Dich schirmet fürder auch mit Macht
die Fürstenhand, die Hohes schafft,
du Land voll Lust und Frieden.

Drum auf, empor zum Schwur die Hand!
Auf! Alle, die da wohnen
am Falknis und am Rheinesstrand
und die in fremden Zonen!
Ruft: „Treue bis zum Grabesrand
dem Fürsten und dem Heimatland,
die Gott im Himmel segne!“

Kaum ein Autor, der sich nicht an einer Nationalhymne versucht hätte! Noch 1956 schlug Egon Kranz (1914–1976) im Lesebuch für das dritte Schuljahr der Liechtensteinischen Volksschulen hymnische Töne an.38 Ja sogar Gegenwartsautoren üben sich hin und wieder in dieser Gattung, auch wenn das Resultat leicht zur Anti-Hymne gerät wie bei Mathias Ospelt (*1963): Sein Gedicht „dora bom tiri bom bom garta“ trägt launig die Gattungsbezeichnung Nationalhymne.39

Die Frage nach der Herkunft
Der Liechtensteiner erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Sprachkrise, keinem Schriftsteller zerfielen die Worte „im Munde wie modrige Pilze“ (Hofmannsthal), keiner gebärdete sich dadaistisch, und auch der Expressionismus ging spurlos an ihm vorüber obwohl der Weltkrieg ihn durchaus berührte. An der Schwelle zur Moderne war sein literarisches Interesse romantisch rückwärtsgewandt: Der Wiener Biedermeier mit seinen balladesk-heroischen Tönen hatte es dem Bildungsbürger angetan. Mit dem Willen zur Tradition richtete er seine Aufmerksamkeit auf historische Stoffe, Mythen, Legenden und Heldensagen. Trunken von der Romantik der Geschichte nährte er eine vaterländische Gesinnung, die andernorts bizarre Blüten trieb, während sie hierzulande (zumindest literarisch) vergleichsweise harmlos blieb.40

Rudolf Schädler

SONNENSEGEN

Sonne! Gottgeweihtes Feuer.
Sprühest deine heil’gen Fluten
über alle Menschenerde.

Blumen heben tauerfüllte
Blütenkelche dir entgegen,
Vöglein selig jubilierend
preisen deinen Strahlensegen.

Bienlein über goldne Heide
tragen deine Zauberkräfte,
Falter auf der Blumenweide
nippen deine Nektarsäfte

Und im dunklen Elfenhaine
blinken die verträumten Augen
frommen Waldtiers hell im Scheine
deiner goldnen Feuerfunken.

Heilig, gottgesandtes Feuer!
In die Hülle deines Lichtes
kleidest herrlich unsre Glieder.
Jubelnd spiegeln sonnenfrohe
Körper deine Reinheit wider.

Menschenbrüder, Menschenschwestern!
Freuderfüllten Mutes lasst uns
danken Ihm, dem grenzenlosen,
guten Vater, der uns jenes
Licht erschuf…

Wollen gerne alles tragen,
da wir ja die Sonne haben.

In dieser Phase der Orientierung und Selbstbestimmung um die Jahrhundertwende waren es wieder Albert Schaedler und Johann Baptist Büchel, die 1901 die Ziele des historischen Vereins formulierten und ausdrücklich dessen patriotische Bedeutung unterstrichen.41 1912 wiesen sie ergänzend auf die Rolle des Brauchtums hin. Das Jahrbuch des Vereins sollte neben Berichten über archäologische Funde sowie Bau- und Naturdenkmäler vor allem auch „Darstellungen über alte Sitten und Gebräuche, Sagen, Sprichwörter und Volkstrachten“ enthalten.42
Die eigene Herkunft stand also an oberster Stelle im Fragenkatalog des gebildeten Liechtensteiners, was sich auch in der Lyrik niederschlug. Ganz zentral war dabei die Frage nach der Herkunft und Bedeutung des Namens „Liechtenstein“. Johann Langer (1793–1858), ein typischer Vertreter des Wiener Biedermeiers, widmete sich der „Sage vom lichten Steine“ und schuf damit das Vorbild, dem manch ein Jüngerer nacheifern sollte:

[…] „So wie es sonnig leuchtet,
strahlt dir des Glückes Schein;
ein Haus wirst du begründen
auf diesem lichten Stein!

Ein Haus, das Stürmen trotzet,
das nimmermehr vergeht,
so lang ein Stern des Ruhmes
auf deutschem Himmel steht!“
So sprach der wackre Krämer,
und was er sprach, traf ein.
Das ist – wie ich vernommen –
die Mär vom lichten Stein
.43

Auf Johann Langer folgte Franziska von Hoffnaaß-Rheinberger (1832–1892), deren Gedicht ebenfalls von einem „lichten Stein“ handelt, dem Liechtenstein seinen Namen verdankt.44 Die Autorin schlägt die Brücke zur Musik, hat doch Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901) zahlreiche Texte von ihr vertont, darunter die „Montfort-Ballade“ (1886).45 Mit dem Komponisten weilte sie oft auf Schloss Vaduz und besuchte das so genannte Wildschloss, dessen Ruine vorzüglich ins Bild der Romantik passte.
Johann Baptist Büchel aus Balzers verdichtete die Sagen von den „Drei Schwestern“, dem „Teufelsloch“ und dem „Hort auf Gutenberg“,46 während Hermine Jucker den „Tobelhockern“ (1908) ein Denkmal schuf.47 Die Liste lässt sich bis in die Gegenwart fortführen: von Martin Rischs „Teufelstein“ (1945) über Hans Friedrich Walsers „Sage derer von Liechtenstein“ (1945) bis zu Walter Oehrys Schalun-Chronik (2000). Dazu passen die Romane Gutenberg-Schalun (1897) von Hermine Rheinberger, Die Hexe vom Triesnerberg (1908) von Marianne Maidorf und die Mörderburg (1969) von Josef Johler.48 Nicht zu vergessen die Festspiele von Johann Baptist Büchel (1912), Karl Josef Minst (1925), Josef Beck (1949), Oskar Eberle, Edwin Nutt und Otto Seger (alle 1956)49 Es handelt sich durchwegs um romantische Historiengemälde, Heldendichtung voller Pathos und hart an der Grenze zum Kitsch.50 Das hört sich bei Oskar Eberle (1902–1956), einem erfolgreichen Schweizer Theaterwissenschaftler, Dramatiker und Festspielregisseur seiner Zeit, dann so an:

Oskar Eberle

WIR PREISEN DICH51

Wir tanzen fröhlich Ringelreihn,
wie Silberwellen auf dem Rhein.
Wir tanzen auf der grünen Au,
um dich, geheimnisvolle Frau.

Du bist die Mutter, die uns nährt,
uns werken und uns singen lehrt.
Wir tanzen fröhlich Ringelreihn
und preisen dich, Land Liechtenstein.

Die Moderne fand in Liechtenstein nicht statt, außer man rechnete den in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei Johann Baptist Büchel, Hermine Jucker, Karl Josef Minst, Hans Friedrich Walser und anderen vorherrschenden Klassizismus dazu, der jedoch insofern rückwärts gewandt war, als er vertraute metrische Formen aufgriff, vorzugsweise das Sonett. Allenfalls könnte man Leopold Andrian (1875–1951) als modern im Sinne der Literaturgeschichte bezeichnen, da er an Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Stefan George anknüpft, dabei aber impressionistisch bleibt; oder Ferdinand Gantner (1892–1986), dessen kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Sonette zumindest entstehungsgeschichtlich der Moderne zuzuordnen sind, formal jedoch dem klassischen Vorbild treu bleiben; oder Henry Goverts (1892–1988), dessen frühe, expressionistisch gefärbte Gedichte (die hier nicht berücksichtigt werden) in die Weimarer Republik verweisen. Keiner der Genannten hatte Einfluss auf die Lyrik aus Liechtenstein: Leopold von Andrian, der 1938 in die Schweiz emigrierte, lebte nie in Liechtenstein; Ferdinand von Gantner war Zeit seines Berufslebens Lehrer in Feldkirch und seine Sonette erschienen erst 1978 im Druck; und Henry Goverts war längst als Verleger tätig, als er 1945 nach Vaduz kam.52

Mundart als „splendid isolation“
Der Wille zur Tradition mündete in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts folgerichtig in eine konservative Heimat- und Mundartdichtung, die auch heute noch ihre Anhänger findet.53 Ida Ospelt-Amann (1899–1996), Edwin Nutt (1922–1991) und Siegfried Feger (1901–1989) heißen die Säulenheiligen der Restauration, die unangefochten am Anfang der liechtensteinischen Nachkriegsliteratur stehen. Aber auch Hans Gassner (1898–1973), Maria Grabher-Meyer (1898–969), Joha Beck (1913–1997), Rosa Negele (*1918) und Anni Hilbe (*1922) gehören dazu. Sie sind Repräsentanten einer „splendid isolation“, die meist in der Mundart zum Ausdruck kommt, wobei der restringierte Code des Dialekts Geborgenheit verspricht, die beim Kahlschlag in der Stunde Null verloren gegangen ist.
Mundart lautet die Antwort auf eine aus den Fugen geratene Welt, die jedoch nie beim Namen genannt wird.54 Noch triumphiert der uneingeschränkte Glaube an die Abbildfunktion der Sprache. Die Liechtensteiner der restaurativen Phase engagieren sich ganz im Sinne des Historischen Vereins für Brauchtum und Sprachpflege und bringen mit der Mundart ihre innige Heimatverbundenheit zum Ausdruck.
Die Melancholie über den Verlust der guten alten Zeit hat auch eine politisch-soziale Komponente und tritt im grünen Gewand des Umweltschutzes auf: Die Bergwelt und alles, „was du ererbt von deinen Vätern“ (Goethe), gilt es zu erhalten. Die Autorinnen und Autoren verstehen sich als Mahner in stürmischer Zeit. Ihre Dichtung ist Gebrauchslyrik. Das Forum der Gebrauchslyrik ist die Feier, ihr Höhepunkt das Festspiel mit Gesang. Funktionalistische Dichtung sucht die Öffentlichkeit auf Neujahrsempfängen, bei den Pfadfindern oder Brückenweihen.
Bei dem Gedicht des Lehrers Josef Kind (1908–1995), das anlässlich der Brückenweihe in Balzers am 23.11.1968 entstand, wird nach wenigen Zeilen klar, was Schillers Glocke geschlagen hat:

Josef Kind

ZUR BRÜCKENWEIHE55

Die neue Brücke ist geschaffen,
ein Wunderwerk aus Stahl und Stein.
Wohlgeformt und festgegossen
überspannt sie hoch den Rhein.

Der Menschen Geist hat sie geplant,
der Menschen Hände sie gebaut;
mit ernsten Worten, frommen Wünschen
ward sie der Zukunft anvertraut.

Und heute ist dies Werk vollendet,
zu dienen uns ist es bereit;
verbindet Land und Menschen – beide –
wir hoffen lange, lange Zeit!

Den Rhein, den haben wir bezwungen,
vor hundert Jahr des Tales Feind.
Was ihn besiegte, waren Kräfte,
die sich zum Widerstand vereint.

Wo ist sein Rauschen, wo sein Toben,
das unsre Ahnen so erschreckt?
Wie ruhig hält er sich im Bette,
wird kaum noch einmal bös erregt!

Wo einst die wilden Wasser wühlten,
da steht des Pfeilers Riesenkraft,
trägt Lasten heut und in der Zukunft,
wie Menschen sei ihm zugedacht.

Doch sprecht, ist uns nicht diese Brücke
ein Fingerzeig für neue Zeit?
Denn Brücken fehlen allerorten;
drum Brückenbauer, steht bereit!

Baut Brücken zwischen Land und Volk,
reißt Stahl- und Betonmauern ein!
Baut Brücken auch vom Mensch zum Menschen,
vernichtet Hass und falschen Schein!

Dann wird das Leben lebenswerter,
verstummen wird das Kriegsgeheul.
Doch dieser Kampf wird hart und härter,
denn hoch das Ziel, der Weg so steil.

Zu solcher Tat mög uns entflammen
die neue Brücke hier am Rhein!
Die Menschen führe sie zusammen,
wie heut die Schweiz und Liechtenstein.

Gebrauchslyrik ist aber auch beim Frauenverein, beim Winzerfest und an bunten Abenden willkommen, was nach wie vor beliebte Anlässe sind, heimischen Poeten das Wort zu erteilen.
Elisabeth Amann (1881–1961), genannt „d Gitzi Bäsi“, war Gelegenheitsautorin und mag als Beispiel dienen. Ihr Gedicht zum Fest des heiligen Jakobs, des Schutzpatrons der Bauern und Hirten, bezieht sich auf den ersten Sonntag nach dem 25. Juli:

Elisabeth Amann

JAKOBISUNNTIG UFM SCHLOSS56

Höt ischt grad glich, was es o koscht,
der Ma goht met em Wiibli ufs Schloss,
s Wiibli let s schönscht Röckli a,
s Männli stoot net hinta dra,
es zücht sis Hochziggwändli a
und stellt dr Ma.

Er füllt dr Sack met Geld –
und jetz würd bschtellt.
Also Vadozerwii bis gnua,
und am Wiibli an süassa Moscht drzua,
Jakobimeka
57 klii und gross,
ja, dia sind famos!

Und uf Peters Bürli58
hensi si scho gfreut im Stieg ufm Mürli.
Sie bliiban hocka drum,
bis es stiiradunkel ischt – warum?
Der beschte Wii, das ischt der Bocker,
59
der macht die brävschta Lüt zu Hocker.

Es schlacht zwölfi, äs und no meh.
Zmol kunnt am Wiibli s Hämweh.
S Wiibli het hoch und s Männli het gnua,
sie stolperen vergnüagt am Dörfli zua,
und s Wiibli mänt: „Gell, liaba Ma,
höt hemmers weder loschtig gha!“

Diese Gedichte haben oft satirischen oder kabarettistischen Charakter und erinnern an Schnitzelbänke.60 Trotzdem ist das nicht der Ursprung des 1964 gegründeten Kabaretts Kaktus, mit dem der Geist der Studentenbewegung über den Rhein nach Liechtenstein kam und die heile Welt der Schrebergärtner bedrohte, die sich freilich nach Kräften wehrten.

Wir sind die Schrebergärtner,
eins, zwei, drei – hopp-hopp!
Wir halten unser Gärtlein sauber,
fein – tipp-topp!
Wir pickeln und wir sandeln,
und niemand darf verschandeln,
das Gärtlein klein, doch fein –
es darf kein Unkraut rein!
61

Die Studentenbewegung wurde im Jahr 1971 mit einer legendären Demonstration für das Frauenstimmrecht willkommen geheißen, wobei die Randale nicht etwa von den Demonstranten, sondern von den Gegnern des Frauenstimmrechts ausging.62 Die rechtliche Gleichstellung der Frauen ließ noch dreizehn Jahre auf sich warten: Das Frauenstimmrecht in Liechtenstein wurde erst 1984 eingeführt.
Aus dieser spätpatriarchalischen Zeit stammt die anonyme Sponti-Poesie aus dem Umkreis der liechtensteinischen Frauenbewegung „Dornröschen“:

Ich stimme
Du stimmst
Er stimmt
Sie stimmt nicht
Es stimmt etwas nicht
.63

Der Anschluss an die Gegenwart
Als die Heimatdichterin Ida Ospelt-Amann auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs bei Frühschoppenkonzerten und Volksmusik64 ein Loblied aufs „Benkli voräm Huus“ als Sinnbild des häuslichen Friedens sang,65 hatte eine Hand voll Studenten der Kriegsjahrgänge den Glauben an den Reim längst verloren. Schon 1964 hatte Rainer Nägele (*1943) geschrieben:

[…] Mir ist das Klingen
von Baum
auf Traum
nicht mehr verständlich.
Wer schuf die Beziehung,
die diesem Bogen von Klang
entsprach?
[…]66

Sein Freund Norbert Haas (*1942) charakterisierte die Produktionsbedingungen von Rainer Nägeles lyrischen Versuchen so:

Der oberflächliche Gleichklang aber, der banale Reim, ist verdächtig. Er bedeutet Verarmung und Gefahr. Wem sich Liebe allzu schnell auf Triebe reimt […], läuft Gefahr, in die Beziehungslosigkeit des Tiers zu sinken.67

Rainer Nagele brachte seine Hoffnung zum Ausdruck,

[…] dass einmal ein Wort
wahrhaft entspricht
in Gleichklang und Rhythmus
und endlich auch noch
im Dasein
[…]68

In den sechziger Jahren bewegte sich Roberto Altmann (*1942)69 in Paris im Kreis der Lettristen, deren Wortführer Isidore Isou (*1928) war. Der Lettrismus knüpfte an Dadaismus und Surrealismus an und versuchte, die willkürliche Beziehung zwischen dem Zeichen und seiner Bedeutung aufzuheben. Oder anders gesagt: Die Worte sollten selbst die Dinge sein, anstatt auf sie zu verweisen.
Die Kluft zwischen signe (Zeichen) und signifié (Bezeichnetem)70 überwand der Onomatopoet mit Lautgedichten. Dazu passt es, dass von Roberto Altmann herausgegebene Zeitschriften Ur und Apeiros hießen.71 Sein „idyllisches Geplauder“ von 1968 wurde öffentlich vorgetragen und kaum dokumentiert, so dass nur wenige bibliophile Editionen existieren.72
Da trat Eva Kliemand auf Zehenspitzen vor ein junges Publikum, welches von Paul Celans in der Deutschstunde gehörter „Todesfuge“ noch ganz benommen war.73

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
[…] Mit leiser Stimme rief sie den Expressionismus wach, um ihn alsbald ad acta zu legen. Als eine der Wenigen im Land schien sie zu wissen, was Auschwitz für die Dichtung bedeutete. Auch wenn pragmatisch veranlagte Zeitgenossen irritiert waren, dass ein unbestimmtes Es der Autorin die Feder führte – fest steht: Evi Kliemand hat den Anschluss an die Gegenwart vollzogen, während sich die Generation vor ihr noch auf dem „Benkli voräm Huus“ räkelte. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1974.

die Schlachtopfer74
überall

die Brücken
tief gespannt
unter dem Gebrüll

von Kehle
zu Kehle
geworfen
das Schreien
der Tiere

und gleichmütig
formt sich ein
Himmel
über sie hin

Charakteristisch für die Nachkriegsgeneration ist der poeta doctus, der Intellektuelle, der nicht nur Lyriker, sondern auch Theoretiker und Wissenschaftler ist. So hat Evi Kliemand, die wie viele ihrer jüngeren Kolleginnen und Kollegen vielseitig begabt und als Autorin und Malerin erfolgreich ist (wovon zahlreiche Preise und Auszeichnungen zeugen), eine Reihe von Künstlermonografien veröffentlicht.75

Patchwork der Postmoderne
Evi Kliemand steht mit ihren frühen Gedichten am Vorabendeines neuen Zeitalters, das später Postmoderne genannt wird: Die Ideale der Moderne sind demontiert (oder dekonstruiert, wie es im Diskurs des Strukturalismus heißt) und die Autorität der Väter ist gebrochen. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass alles, was gedacht wird, nach-gedacht, und alles, was gesagt wird, nach-gesagt ist. „Im Grunde ist alles, was gesagt wird, zitiert“ (Thomas Bernhard).
In dieser Situation wird der Künstler zum Sammler von Erfahrungen und Spurensicherer, wie Anne Marie Jehle (1937–2000), die sich zynisch, hämisch und rebellisch zwischen Fluxus, Arte povera und Concept-Art bewegt.

Anne Marie Jehle

HORUCK DAS KINDLEIN RAUS76

horuck das kindlein raus
horuck das kindlein rein
mariechen und der josef
die finden das fein
die krippe die krippe
steht alle jahre wieder
o tannenbaum o tannenbaum
wie grün ist dein gefieder

Auf die Demontage folgt das Zitat. Es verweist auf das Medienzeitalter – das Internet ist zum Greifen nah. In den achtziger Jahren schreibt Rita Fehr (*1963) ein Gedicht aus Schlag- und Sprichwörtern, mit dem sie den Verlust des Authentischen beklagt.

[…] Lass die Puppen tanzen
Hinaus ins Grüne
Und ab geht die Post
Zurück zur Natur
Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung
Wanderspaß für Jung und Alt
Gebt Acht auf unsere Kinder
Junge, komm bald wieder
Pack die Badehose ein
Trimm dich schön!
Männer mögen Muskeln
Krabbeln macht Spaß!
[…]77

„Nieder mit den Zitaten!“, möchte man ausrufen, wenn das nicht auch schon wieder ein Zitat wäre, diesmal von Oswald Wiener.78 Rita Fehr war für das Patchwork der Postmoderne schlecht gewappnet und verstummte. Sie legte den Schreibstift zusammen mit dem Zeichenstift beiseite und weigerte sich, ihn noch einmal zur Hand zu nehmen. „Anything goes“, Paul Feyerabends anarchistische Erkenntnistheorie, war für sie leider keine befriedigende Lösung.
Die meisten Autorinnen und Autoren der Jahrgänge nach 1950 verdanken ihre Bibliophilie und Logosophie der humanistischen Bildung am Liechtensteinischen Gymnasium in Vaduz (früher Collegium Marianum) und dem weit reichenden Einfluss ihres Lehrers Manfred Schlapp (*1943). Kaum jemand, der sich von seiner Begeisterung für das Edle, Schöne, Gute nicht hätte mitreißen lassen, kaum jemand, der seine Bücher nicht gelesen und seine Dokumentarfilme nicht gesehen hätte.79 Seine Eleven waren leidlich auf die digitalisierte Welt vorbereitet, und die Informationsflut führte ihnen täglich ihre eigenen Grenzen vor Augen. Nicht Resignation, sondern dionysisches Gelächter war die Antwort, die jedoch manchmal recht kleinlaut ausfiel.
Manfred Schlapp gründete den PEN-Club Liechtenstein (1978)80 und rief den Liechtenstein-Preis zur Förderung junger Talente ins Leben (1980)81 Sein Zifferblatt und der Liechtensteiner Almanach 198782 waren Orte der Begegnung zwischen älteren Autorinnen und Autoren und der jüngeren Generation.
Mit dem Werkjahr der Regierung, das Robert Allgäuer, damals Präsident des Kulturbeirats, 1985 einführte, erhielt die Literatur weitere Impulse. Robert Allgäuer war es auch, der mit einer Postkarten-Edition eine Bestandsaufnahme der Lyrik aus Liechtenstein am Ende des 20. Jahrhunderts vornahm. Gerhard Beck, Gustav Kaufmann, Claudine Kranz, Iren Nigg, Arno Oehri, Mathias Ospelt, Hansjörg Quaderer, Hans Jörg Rheinberger, Jürgen Schremser und Stefan Sprenger leisteten ihren Beitrag zur „Poesie zum Tage“ und über den Tag hinaus.83
Und natürlich Michael Donhauser (*1956). Edgar, seine „erste größere Erzählung, eine Art Abschied“ (Donhauser), erschien 1987 in Salzburg. Damit kehrte er seiner Heimat vorübergehend den Rücken und schrieb „Gedichte wie Lieder: von einem, der verlässt, was er liebt, und ihm doch entgegengeht“.84.
Poesie kann laut Michael Donhauser nur regional sein, weil sie „ihre Kraft aus dem Terroir, der Erde, Lage und ihrer Beschaffenheit, den geologischen und energetischen Vorgaben“ beziehe.85 Als Belege für solchen Regionalismus in der Poesie können Titel wie Sarganserland und Vom Schnee gelten.86
Der Dichter findet seine Heimat in der Unio mystica mit der Natur wobei die geografische Nähe zu den Stätten seiner Herkunft im Rheintal für die Wahrnehmungsberichte zwar hilfreich, aber nicht notwendig ist, wovon das nachfolgende Gedicht „Auf dem Weg von Maienfeld“ zeugt:

Michael Donhauser

AUF DEM WEG VON MAIENFELD87

Und über die Felder in die Sprache
Ins Licht über den Bergen, den weiten
Und herab ins Tal, wo es wie scheint
So von den Wiesen grüner, den Weiden
So kupfern an den Stämmen, den Flechten
Gesteinigt an den Steinen, den Mauern
An den Hecken vergittert, geschnitten
Und weisgesagt in einem Plastikband

Die Autorinnen und Autoren der Gegenwart haben nichts mit Heimatliteratur zu tun, auch wenn sie Mundart schreiben und sich mit regionalen Themen beschäftigen. Die Mundart ist für sie Material für Sprachspiele in der Jandl-Nachfolge, und sie benutzen die Formenvielfalt als Steinbruch wie Roswitha Schädler (*1939).

Wenn der
Niki Nigg
bim Kniggsa
iknickt,
denn gits am
Niki Nigg
jedesmol
än Kick
is Knick
.88

Zunächst ist gesprochene Sprache nichts weiter als ein Instrument, mit dem man Wellen schlägt – Klangwellen, deren Bedeutung erst allmählich entsteht. Dann können sich auch schon mal existenzialistische Töne darunter mischen – wie bei Gustav Kaufmann.

Gustav Kaufmann

WIDR A JOHR89

Am Gartazu gstanda
uf a Omnibus gwartet
und Zitig gleasa
uf a Omnibus gwartet
in Urlaub gfahra
uf a Omnibus gwartet
en Farbfernseh koft
uf a Omnibus gwartet
der Vater berdigt
uf a Omnibus gwartet
wieder a Johr
a Johr witer gstorba
und immer zfrieda usgschaut
[…]

Hängt es mit dem Oszillieren zwischen Liechtensteiner und Tiroler Mundart zusammen, dass Gustav Kaufmann so restriktiv mit der Vergabe von Abdruckgenehmigungen ist? – Dabei ist diese Unschärfe inzwischen kein Makel mehr, zeugt doch das österreichisch gefärbte Juristen- und Treuhänderdeutsch von Weltläufigkeit, während der „fremde Fötzel“ in den sechziger Jahren noch sprachlich dingfest gemacht werden konnte.

Synchronie statt Diachronie
Wollte man nach diesem Längsschnitt einer Literaturgeschichte als Ideologiegeschichte einen Querschnitt durch die Lyrik aus Liechtenstein machen und ein Jahrbuch der Lyrik veröffentlichen, dann könnten die Kapitel „Unordnung und frühes Leid“, „Liebe und Hass“ oder „Von den letzten Dingen“ heißen. Oder es böte sich eine Zweiteilung in Mundart und Schriftdeutsch90 an, wobei einzelne Autorinnen und Autoren in beiden Sparten anzutreffen wären. Michael Donhauser, Evi Kliemand, Claudine Kranz, Mathias Ospelt, Hansjörg Quaderer und Stefan Sprenger müssten in jedem Fall vertreten sein.
Hypergraphie, also neurologisch bedingter Schreibzwang aufgrund gesteigerter Schläfenlappenaktivität, wird bei Liechtensteiner Autorinnen und Autoren kaum zu diagnostizieren sein. Vielmehr muss man wohl ab und zu von „Schreibblockaden“ oder „Schreibhemmungen“ sprechen. Während Evi Kliemand im Rhythmus der Natur um eine Sprache ringt, „die mit der Wahrnehmung einhergeht“91 und ihre abstrakt-realen Verse auf eine Welt jenseits der Metaphern verweisen, „die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind“,92 macht Hansjörg Quaderer mit dem „Kiesel im Mund“ das Schweigen hörbar und bestätigt Manfred Schneiders These, dass „die Stockung ein Symptom der Wahrheit“ und ein „Zeichen der Unfähigkeit zur Lüge“ ist.93 Hansjörg Quaderers Forderung nach „Atemfreiheit“94 weckt Erinnerungen an Paul Celan, dessen Atemrhythmus mehr als eine Dichtergeneration beeinflusst hat.
Die Psychologie begreift Sprachhemmungen (unter denen übrigens vorwiegend Männer leiden) inzwischen als übermäßigen Kontrollmechanismus und verweist auf den athenischen Politiker und Redner Demosthenes, der seinen Sprachfehler mit einer Reihe von Übungen zu bekämpfen suchte; so soll er beim Sprechen Kiesel in den Mund genommen haben. Michael Donhauser misstraut seiner Wahrnehmung und hält stotternd inne: Da die Natur nicht mehr intakt ist, kann auch die Grammatik nicht funktionieren. So gibt es Naturlyrik nur noch in Fragmenten.
Ganz anders Mathias Ospelt und Stefan Sprenger. Sie sind Krieger, und Krieger vertrauen darauf dass ihre Worte ins Schwarze treffen. Mathias Ospelt zeichnet ein Psychogramm des Liechtensteiners und greift schon mal zu Slam-Poetry und kabarettistischen Mitteln.95 Da liegt die Instrumentierung nahe. Auch Stefan Sprenger lässt seine Gedichte bisweilen musikalisch beschleunigen, um Pausen zu vertreiben und seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen.96 Ganz im Geist von „Zuri brännt“ gestattet er sich die Revolte und ist damit ein legitimer Spross der Studentenbewegung. Beide Autoren arbeiten – jeder auf seine Weise – an der „besten aller möglichen Welten“ (Voltaire). Schade nur, dass sie damit aufhören und ebenfalls verstummen müssten, wenn sie je ihr Ziel erreichten.

Jens Dittmer, Vorwort

Editorische Notiz

Die Anthologie enthält Texte ganz unterschiedlicher Herkunft und aus mehreren Jahrhunderten. So musste Heinrich von Frauenberg aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt werden; Peter Kaisers Lyrik stammt aus dem 19. Jahrhundert, als es noch keine Rechtschreibnorm gab; und viele Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendeten ganz selbstverständlich das aus der Schweizer Rechtschreibung ganz verbannte „scharfe S“ oder „Sz“.
Nach sorgfältiger Prüfung der Quellen habe ich beschlossen, alle Texte in neuer deutscher Rechtschreibung wiederzugeben. Sie kommt älteren Quellen am nächsten und wiegt dabei die Nachteile der alten schweizerisch-liechtensteinischen Norm auf (vgl. Busse vs. Buße).
Ein besonderes Problem bildet die Transkription von Mundarttexten. Sie ist eine Gratwanderung zwischen der Forderung nach Lautnähe, guter Lesbarkeit und Nähe zum geläufigen Schriftbild der Standardsprache. Die hier vorherrschende Schreibweise beruht auf den Regeln und Empfehlungen von Eugen Dieth.97 Ergänzt werden sie durch die „Weisungen für die Erhebung und Schreibweise der Lokalnamen im Fürstentum Liechtenstein“. Ein paar Eigenarten verdienen besondere Erwähnung: Die bestimmten Artikel „der“, „die“, „das“ heißen in Liechtensteiner Mundart „dr“, „d“ und „s“ und sind eigenständige Formen; sie stehen daher ohne Apostroph vor dem Substantiv, also „dr Pfoö“, „d Mamma“ und „s Wasser“. Anders das vorangestellte Personalpronomen „es“: Das ausgelassene „E“ wird mit Apostroph gekennzeichnet: z. B. „’s schneit“.
Trotz der Forderung nach Lautnähe werden „st“ und „sp“ im Anlaut nicht „scht“ und „schp“ geschrieben. Diese Inkonsequenz soll der Lesbarkeit dienen. Dagegen schreiben wir im Inlaut „Kaschta“ und „Kaschper“.
Ausnahmen von den Regeln und Empfehlungen können sich ergeben, wenn Autorinnen und Autoren oder Rechteinhaber auf einer anderen Schreibweise beharren.

Jens Dittmar

 

 

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