Karl Mickel: Odysseus in Ithaka

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Karl Mickel: Odysseus in Ithaka

Mickel-Odysseus in Ithaka

MOTTEK SAGT

9
Erfinde nicht das Fahrrad noch einmal:
Lautet das Sprichwort. Wie oft schlugen Blitze
In dürre Bäume, eh ein Steinzeit-Jüngling
Aus kleiner Ferne Feuers Wärme schmeckte?
Und seine Leber, wegen Übertretung
Gefressen wurde, roh. Wie lange hockten
Die Horden um die glühenden Stämme zufällig
In allen Ecken aller Kontinente
Eh hie und da Prometheus Eingeweide
Geröstet wurden? Schon des Kupferschmelzens
Ausbreitung ist verfolgbar auf der Karte:
Aber Papier, und Pulver. Die Atombombe.
Neun Zehntel aller Wissenschaftler leben
Heute! Wo wächst Wald? in Büchereien:
So eine Masse Bände zeugt Geheimhaltung
Drakonischer denn China. Mottek folgert
Daß Selberdenken schneller ist als Nachlesen.

 

 

 

Karl Mickel (geb. 1935),

in Berlin lebender Dresdner, schreibt Gedichte, die sich durch „scharfes, am Marxismus geschultes Reflektieren der Epoche und das bewußte Weiterarbeiten klassischer poetischer Techniken“ auszeichnen, „deren Hauptkategorien Strenge und Einfachheit sind“ (Rainer Kirsch).
Die von Mickel ins Gedicht geholten Dinge, Ereignisse und Träume liefern Informationen, in denen nicht nur von ihnen die Rede ist, sondern von uns und der Welt.
Der Leser kann anhand der in diese Sammlung aufgenommenen Gedichte studieren, wie poetische Techniken entstehen und im Dienste des Realismus fallengelassen und wieder aufgenommen werden.
Odysseus in Ithaka enthält, chronologisch geordnet, alle Gedichte, die Mickel bis 1974 geschrieben hat und nun gelten läßt. Die Gedichte, deren wenigste lyrisch sind, korrespondieren mit den jeweils verfaßten Bühnenstücken, Essays und Prosa-Arbeiten; das Ganze ist der Versuch, die Bewegung unserer Gesellschaft aus einem Sinne, auf den Kern beschränkt, näher und näher historisch zu verstehen.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1976

 

Wegweisung in die Wirklichkeit

– Gedichte von Karl Mickel als Taschenbuch. –

Wer Lyrik nur zu hohen Feiertagen liest, der kennt den Dichter Karl Mickel, der unlängst mit dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR geehrt wurde, schon lange. Wer ihn nicht kennt, sich dennoch nicht davon abhalten läßt, in das Gedichtbändchen Odysseus in Ithaka zu schauen, das der Leipziger Reclam-Verlag als Nummer 664 seiner Universal-Bibliothek publizierte, der wird einem Lyriker begegnen, der bereits 1957 Gedichte schrieb, die er noch heute gelten läßt.
Karl Mickel strengt seine Leser an, um ihnen das Welt-Verstehen-Können zu erleichtern. Mickel macht es seinen Lesern leicht und bringt sie so dazu, sich anzustrengen, die Welt an sich, die Welt in sich zu verstehen. Mit Witz, der lapidar, mit Weisheit, die Logik ist, öffnet er Wege in die Wirklichkeit, Mickel ist jede Gestalt, jedes Geschehen, jeder Gegenstand willkommen, der ihm hilft, seine Weltverständnisse zu nuancieren und landläufig zu vertiefen. Ihm sind Zeitungsnotizen willkommen, die ihn zum Beispiel für die Niederschrift seines „Requiem für Patrice Lumumba“ nützlich waren. Ihm sind Begegnungen mit Kollegen-Freunden willkommen (Endler, Leising, Tragelehn, Kirsten, H. Müller, Maurer — Odysseus in Ithaka), die ihn zu Ansprachen an die Welt, Zusprachen, Mitsprachen veranlassen. Nicht minder willkommen sind ihm Lokalbesichtigungen („Dresdner Häuser“, „Pillnitz“, „Lindenforum“). Mickel spricht vom Standort eines Philosophen, eines Dichters, eines philosophierenden Dichters, der nicht nur seine rethorische Begabung, seine sezierende Rationalität unter Beweis stellen will. Er spricht als ein Mensch, dessen Gefühle dem Verstand standhalten. Im Wechselgespräch mit der Welt, die Mickel zu sich sprechen läßt, wie er zu ihr spricht, wehrt er erfolgreich Nichtigkeiten ab, um sich nicht in ihnen zu verlieren. Karl Mickel ist ein Dichter, der weiß, daß ein Dichter viel wissen muß, daß er viel vergessen muß, um die Dinge auf das Wesentliche zu bringen.
Zur Arbeitsmethode des Autors gehört deshalb auch, daß er sich in die Kulissen blicken läßt. Denn, wenn er in einem Anhang seiner Verssammlung darauf hinweist. welche Anläße Anregungen für einzelne Gedichte gaben. So wird Mickels kontrollierte, festgelegte Weltbesonnenheit und Weltbezüglichkeit auf eine zweite, „ungeformte“ Art noch einmal deutlicher. Die Beobachtung machen zu können, welchen Ausgangsort der Autor wählt, welche Zielmarkierung er durchläuft, ohne seine Leser verloren an der Strecke zurückzulassen, ist einer der Gewinne, die das Lesen der Mickel-Gedichte so sinnvoll machen.

Bernd Heimberger, Neue Zeit, 10.4.1978

Karl Mickel: Odysseus in Ithaka

In der Belletristik-Serie des Reclam-Verlages erscheinen in unregelmäßigen Abständen Sammlungen jüngerer Lyriker aus der DDR (in ihr war auch die einzige Gedichtveröffentlichung von Reiner Kunze in der DDR, Brief mit blauem Siegel, herausgekommen), die meistens von den Autoren selbst zusammengestellt werden. Die bisher letzte ist ein Band Gedichte von Karl Mickel. Dieser, 1935 in Dresden geboren, gehörte in den sechziger Jahren zu den am lautstärksten und vehementesten angegriffenen Autoren, die künstlerischer Einzelgängerei beschuldigt wurden, was immer auch zugleich als ideologische Abweichung verdächtig war. Mickel hatte in der Gedichtsammlung Vita nova mea die Ästhetik und die stubenreine Moral des sozialistischen Realismus in den Wind geschlagen durch eine saftige erotische Vitalität in den Themen seiner Gedichte und eine kompakte, geballte, oftmals überzogene Sprache. Seine Gedichte ließen weitgehend eine gesellschaftliche Funktion vermissen, sie waren Ausdruck eines kraftvoll gespannten Lebensgefühls und eines Ich-Individualismus, der eine Lebenserneuerung aus dem Geiste der Sinnlichkeit propagierte, die in bewußt zitiertem Gegensatz zur spiritualistischen Liebesauffassung von Dantes Vita nuova konzipiert wurde. Trotz der formalen und thematischen Respektlosigkeit gegenüber allen offiziellen Erwartungen von einer gesellschaftsbezogenen Lyrik fehlt Mickel die Leichtigkeit und unverkrampfte Sorglosigkeit eines Villon und der in seinem Gefolge aufgetretenen modernen „Vaganten“. Und ihm fehlt eine weitere Tugend sozialistischer Literatur: Einfachheit und Volkstümlichkeit. Eher an klassischen Formen und Mustern orientiert, spricht sich in den Gedichten ein eigenwilliges, kompliziertes und trotz aller ausgestellten Impulsivität doch auch grüblerisches Ich aus, das sich häufig noch die Maske einer mythologischen Figur aufsetzt. Sein Witz, seine Satire sind ohne den pointierten Schliff und die wendige Agilität, die ihre Wirkung erst treffsicher machen. Der Band enthält, von Mickel ausgewählt, alle Gedichte aus den Jahren 1957–1974, die der Autor heute noch gelten läßt. Tendenzdichtung findet man darunter kaum, wenngleich eines der wenigen gegen die Bundesrepublik gerichteten, gesellschaftskritischen Gedichte, in denen er sich über die „Fördrer der Künste“ vom 18. Jahrhundert bis zu F.J. Strauss ausläßt, die dafür sorgten, daß „eine deutsche Nationalliteratur… nur / Gedeihen kann durch Auslandsaufenthalte“ (erzwungene Emigration der Dichter), in der augenblicklichen Situation zu einem Bumerang wird. Mickel ist ein spröder Lyriker, aber eine interessante, nicht zu missende Stimme im Kanon einer in den sechziger Jahren auftretenden individualistischen Lyrikergeneration in der DDR.
Verzichten könnte man eher auf seine Aufsätze und Studien, die ihren von Klopstock entlehnten Titel insofern überbieten, als hier eine eher monarchisch-absolutistisch schaltende und denkende Intelligenz in der Sterilität einer ozonarmen Gelehrtenwelt über gar nicht abseitige Themen (Über die Hymne, Ewald von Kleist, Schillers Bürgschaft, Entsagung bei Goethe, den Freischütz, Marx, Brecht und Georg Maurer) Abseitiges ausbrütet, das alle Spuren jener eigenwilligen, nur sich selbst vertrauenden Individualität zeigt und ausgezirkelte, verschrobene, labyrinthisch anmutende Wege einschlägt, im Apodiktischen seiner Aussagen die dialogische Offenheit vermissen läßt, die zu einer wirklichen „Gelehrtenrepublik“ gehört. Der Autor nennt diese Studien selbst „Resultate eines Selbstverständigungsprozesses“, und insofern sind sie aufschlußreich eher für Mickels Arbeitsweise als wegen ihrer Resultate, mit denen ein außenstehender, laienhafter Leser wenig anfangen und auch kaum für die behandelten Autoren und ihre Werke interessiert werden kann.

Gerhard Kluge, Deutsche Bücher, Heft 4, 1977

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Peter Maiwald: Lob der Inkonsequenz
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. 1. 1984

Rainer Kirsch: Zwiefache Höllenerfahrung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. 12. 1988

 

Der hochgelehrte Kauz

– Begegnungen mit Karl Mickel. –

… Wäre ich der Kaiser, ließe ich
Lachend dem Pöbel die Köpfe kürzen.

(aus: „Nach Cecco Angolieri“)

Ich begegnete Karl Mickel zum ersten Mal 1986. Da war ich Mitte zwanzig und versuchte gerade meine Liebe zum Theater in Form absurder Dramen zum Ausdruck zu bringen. Solch ein Drama war – auf welchem Weg auch immer – beim berühmt-berüchtigten Dichter gelandet. Als ich es erfuhr, forderte ich das Stück umgehend zurück. Mickel schrieb:

Ihr Stück erhalten Sie zurück, sobald ich DIN-A4-Umschläge auftreiben kann. Es gibt nämlich z.Zt. keine.

Ich schickte ihm einen Packen Umschläge aus meinem Vorrat. Statt des Manuskripts erreichte mich der Vorschlag:

Über das Stück zu sprechen, wäre nicht sinnlos.

Blicke du durch!

Ich wohnte damals in Leipzig und besuchte den aus Dresden stammenden Dichter in seiner Arbeitswohnung in Berlin, in einem Hochhaus am Alexanderplatz. Aufgrund der Lektüre seiner Gedichtbände (und des ihm vorauseilenden achtung!gebietenden Rufes) hatte ich ihn mir zeus- oder titanenartig vorgestellt – im Hausflur kam mir ein eher kleiner, sehr magerer Mensch entgegen. Sein Haar war kurzgeschoren, im schmalen, knochigen Gesicht: der herzförmige Mund mit femininer Unterlippe, das vordrängende Kinn, die skeptisch-wachen Augen, die längsgefurchte Stirn. Die Bewegungen des Mannes: bedächtig, kontrolliert, ohne Geschmeidigkeit. Er trug Holzschuhe und ging mit knallenden Schritten voran in die Wohnung. Diese bestand aus einem Zimmer, in welchem die Trinität von Büchern, Schreibtisch und Bett jede Vermutung, der Bewohner könnte noch anderen Dingen im Leben Bedeutung beimessen, widerlegte.
Ein verzweifelter Entschluß hatte mich auf die Idee gebracht, Mickel einen Blumenstrauß zu überreichen. Er sagte:

Legen Sie das Gemüse in die Küche, und ich verrate Ihnen, worum es in Goethes „Heidenröslein“ wirklich geht.

In den folgenden Stunden erfuhr ich eine Menge über das Heidenröslein, Kant, Voltaire, Marx, Brecht, über das Wirtschaftssystem des 17. Jahrhunderts, über Boxen, die Fehler in Klopstocks Hexametern, die Aufschlagtechnik beim Tennis sowie die Schauspielschule in Schöneweide, an der Mickel als Poetikdozent beschäftigt war. Nach den Lektionen, die mich unmißverständlich aufs höchste Denk-Niveau verwiesen, nahm er vom Schreibtisch ein mit grüner Tinte in feiner Unleserlichkeit beschriebenes Blatt Papier – ein Kapitel aus dem Roman Lachmunds Freunde, an dem er, wie er mir verriet, seit fast zwanzig Jahren schrieb. Er las mir eine außerordentlich frivole Stelle vor und erkundigte sich nach meiner Meinung. Ich saß mit roten Ohren da und beteuerte, beeindruckt zu sein. Endlich packte Mickel mein Drama auf den Tisch. Er lobte die Denkansätze und beschloß:

Bei mir lernen Sie, was Verse sind.

Das Ziel: Den kleinen Kreis der Kenner
zum großen Kreis der Kenner zu erweitern.

Meine Lernfahrten zu Karl Mickel beförderten mich in eine Welt, in der hochartifiziell gedacht wurde, die ihre Abgründe offen zeigte und mich zu Erkundungen lockte. Durch meine Leipziger Zeit, vor allem durch den Umgang mit Künstlern, war ich ästhetisch und politisch in Aufmüpfigkeit geschult. 1988, in der Sterbephase der DDR, zog ich nach Ostberlin. Mickel gehörte zu jenen, die eine bessere Gesellschaft im Sozialismus für möglich gehalten hatten. Dennoch war er wie alle, die sehen und denken konnten, von der politischen Realität desillusioniert. Ich sollte bald erfahren, daß Mickel sich an der Peripherie einiger kulturpolitischer Vertreter der Staatsmacht bewegte. Ich verstand nicht, warum er sich mit diesen Leuten, die sich intellektuell unter seinem Niveau befanden, abgab. Ich vermute, er hatte den Plan einer – den Altvätern der Aufklärung entlehnten – „Fürstenerziehung“ nie aufgegeben und hoffte zeitlebens auf Veränderung der „Mächtigen“ durch Bildung. Seine Vorstellung war, er könne „die Geschichte bewegen“.
Als Mickels Assistentin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch fraß ich förmlich, was der Meister an Wissen vermittelte. Er stieß für mich Fenster auf, die mir bis dahin verschlossen geblieben waren, vor allem die zur Literatur der Antike und der Klassik. Ich lernte (und lehrte bald) den Umgang mit Verspoesie: Technik, Analyse, die Lust am Erkennen des Besonderen, „mit den Augen der Großen sehen, sich in ihre Denk- und Formenwelten hineinversetzen“. Die Energie meiner Neugier zielte genau darauf, und ich folgte Mickels Motto:

Spaß muß es machen, sonst macht’s keinen Spaß.

Karl Mickel, ein Unikum, ein hochgelehrter Kauz, war als Lehrer streng, scharfsinnig, apodiktisch. Seine Vorlesungen über deutsche Versgeschichte waren legendär. Als gelernter Wirtschaftshistoriker besaß er den Blick auf die materiellen Gegebenheiten der Gesellschaften, als Poet wußte er um Gesetze und Geheimnisse der Dichtkunst. Sanfte Pädagogik war ihm ein Greuel. Von Studenten forderte er ungeteilte Aufmerksamkeit:

Ich mache Angebote. Wer sie nicht will, soll gehen.

Wer die Angebote annahm, lernte fürs Leben. Wer nicht, dem polterte Mickel hinterher:

Dann sterben Sie eben dumm!

Er konnte Studenten aus dem Unterricht werfen oder durch Prüfungen fallen lassen. Für solche Aktionen inszenierte er einen Theaterdonner, so daß die Delinquenten schreckerfüllt die Flucht ergriffen. War der Donner verklungen, steckte sich Mickel eine Zigarre an und sagte ruhig grinsend:

So, das hätten wir.

Beliebt war der Poeta doctus bei wenigen, von den meisten wurde er aber respektiert. Für einen Mann, der, wie er sagte, „nicht auf die Bühne gehört“, wirkte sein Auftreten elitär. Hielt der Lehrer Studenten für begabt oder anderweitig interessant, lobte er sie nicht, sondern lud sie nach Friedrichshagen in seine Wohnung an den Müggelsee .

… Nun will ich nicht allein sein. Und ich geh /
Mit wenig Freunden auf der öden See…

Im Müggelsee-Refugium trafen sich Maler, Komponisten, Theaterleute sowie ausgewählte Schriftstellerkollegen. Frauen gehörten meines Wissens nicht dazu. Warum ich ab dem dritten Jahr unserer Bekanntschaft in diesem Männerzirkel verkehren durfte, kann ich nur vermuten: Einige von Mickels Vertrauten standen auch mir nahe. Außerdem pflegten wir mittlerweile ein symbiotisches Arbeitsverhältnis: Ich nahm ihm Lehrverpflichtungen ab (was meinem Lebensunterhalt diente), Mickel ließ sich wiederum gern aus meinem Lebensfundus abstruse Geschichten erzählen und diskutierte mit mir über biologische, botanische oder medizinische Fragen. Mitunter überließ er mir eine Entdeckung, zum Beispiel die österreichische Autorin Christine Lavant, von der ein Dutzend Gedichte sein Interesse gefunden hatten. Sich näher mit einer schreibenden Frau zu beschäftigen, war jedoch unter seiner Würde, und gönnerhaft meinte er:

Lavant schenke ich dir.

Entdeckte hingegen ich etwas Literarisches, das Mickel nicht kannte, lehnte er es von vornherein ab. Auch war er eifersüchtig, wenn ich mit jemandem zusammenarbeitete, der „ihm gehörte“. So weigerte er sich, die Radiooper alias mandelstam seines Komponistenfreundes Friedrich Schenker auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Der einzige Grund: Ich hatte das Libretto geschrieben. Ohne bei Schenkers Stammlibrettisten Erlaubnis einzuholen!
Der arbeitende Freundeskreis war Mickel wichtig. Schon Anfang der sechziger Jahre trafen sich Schriftsteller wie B.K. Tragelehn, Heinz Czechowski, Volker Braun, Rainer Kirsch, Richard Leising sowie die Nicht-Sachsen Adolf Endler und Elke Erb, um über Welt & Arbeit zu debattieren. Dieser Kreis ging unter dem von Endler ironisch kreierten Begriff „Sächsische Dichterschule“ in die Literaturgeschichte ein. Mickels Definition von Freundschaft war speziell. Als Freunde kamen ausschließlich Bewunderer und Vertraute seiner Arbeit in Frage, von denen er intellektuell und künstlerisch profitieren konnte. Empathie oder Warmherzigkeit waren seine Sache nicht. Galt es jedoch, einem in Geldnot geratenen Menschen (den er schätzte) zu helfen, unterstützte er diesen großzügig.
In Friedrichshagen saß man in schweren englischen Ledersesseln, rauchte, trank mit dem Maestro Rotwein, hörte klassische sowie neue Musik. Außer dem Dichter Georg Maurer war der Komponist Paul Dessau einer von Mickels Lehrern, über die, wie er sagte, „Tradition auf ihn gekommen ist“, über die er die Kunstdinge verstanden hat. Mickel:

Wer Ohren hat, vergißt das Jahrhundert und lebt in mehreren.

Einmal hörten wir Heinrich Schütz’ „Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz“. Der Atheist Mickel saß gespannt, mit angehaltenem Atem. Am Ende der Musik flüsterte er mir ergriffen zu:

Wir dürfen keinem verraten, daß es so etwas Schönes gibt.

Von allen Künsten liebte Mickel den Film am wenigsten. Ins Kino ging er nie. Trotz dieser Abneigung hat er das Szenarium Volks Entscheid geschrieben. 1989 sollte der Film unter der Regie von Siegfried Kühn gedreht werden. Ich war für die Rolle der Fiedlerin (eine sächselnde weise Frau) vorgesehen, hatte das Vorsprechen im DEFA-Studio mit Bravour hinter mich gebracht, da fiel die Mauer, und Volks Entscheid fiel samt meiner gerade begonnenen Filmkarriere den Wendewirren zum Opfer. Das Fernsehen diente Mickel ausschließlich zum Fußballgucken.

ORPHEUS. Einst stieg einer hinab. Er sang: Dort nennet sich Christa
Jede; erlösen die Welt will sie, und zwar mit dem Kreuz.

Der Ironiker Mickel wollte die Welt nicht erlösen. Er wollte sie erkennen, genießen, gestalten. Sein Hauptinteresse galt der Frage, wie die Welt funktioniert – oder eben nicht. Seine Neugier war gleichermaßen wissenschaftlich wie poetisch, und er stillte sie mit der Lektüre von Fachbüchern und in Expertengesprächen. Er sezierte, analysierte, fixierte. Karl Mickel war ein Mann der Struktur, der den Kopf über dem Herzen trug. Besprach er die Weltlage, brach er dabei öfter in krachendes Lachen aus. Als scharf denkender sozialistischer Materialist verachtete er Unpräzises, Schlampiges, Dummes, Banales, Kitschiges, Gefühliges, Psychologisches, Verlogenes, Sublimes, „Weibisches“ und „Seelenkram“.
Karl Mickel lebte zurückgezogen, materiell bescheiden, geistig auf olympischer Höhe. Sein Schreibtisch war von pedantischer Ordnung, alles andere vernachlässigte er. Er war ein Gegner alles Verschwenderischen, Weitschweifigen, Überflüssigen – in seinen Werken wie im Leben.

I am Mickel the knife. (Kurt Bartsch)

Nicht das Harmonische interessierte ihn, sondern Risse. Die Risse in der Gesellschaft und in den Beziehungen der Geschlechter. Zwei Haltungen machte sich Mickel zum Motto: Brechts „Der Liebe pflegte ich achtlos“ und Oscar Wildes „Each man kills the thing he loves“. Adolf Endlers „Düstere Legende vom Karl Mickel“ charakterisiert den Freund im Tone Villons:

Losgekettet habe ich mich oft mit Bissen
Dickes Blut floß mit dem Speichel aus der Zunge
Von den andern schnitt ich sanfter mich mit Küssen…

Den puren Sexus leben und darüber schreiben bedeutete für Mickel noch Mitte, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts Subversion, eine Chance, dem ideologisierten, „im Eichmaß der Regungen“ gefangenen Menschen ungezügelte Natur entgegenzusetzen. Allerdings war sein Frauenbild von Machismo wie von erschütternder Unkenntnis geprägt. Er bezeichnete Frauen entweder als Weib, Dame oder Fräulein, nicht selten als Schlampe. Sich über Mickels Trennungsfuror zu äußern bedeutet nicht, ein Privatissimum preiszugeben, er war eine Voraussetzung für sein Schreiben und ein Motiv, das sich durch viele seiner Werke zieht. Mickel begehrte nicht das Miteinander, sondern den Kampf mit dem anderen Geschlecht. Ergab sich nur ein Moment der Nähe, ging er auf Distanz. Lust empfand er an der Scheidung von Leidenschaft und Harmonie, weil er letztere nicht aushielt. Trennungen (auch: Entsagungen) verschafften dem Dichter die nötigen Freiräume im Leben und in der Arbeit. Da sah er sich in Gemeinschaft mit Dante, Villon, Goethe und Brecht, und nicht von ungefähr adoptierte er literarische Gestalten wie Don Juan oder Baal.
Generell ließ Mickel nicht zu, daß ihm jemand oder etwas zu nahe kam. Ich vermute, daß er zwar das Leben genießen wollte, aber zum Genuß nur eine eingeschränkte Fähigkeit besaß. Was ihm schmeckte, waren guter Rotwein und Zigarren. Speisen genoß er nicht, sondern verschlang sie, so wie er davon schrieb, die „Welt zu vernaschen“ oder, wie in seinem berühmten Gedicht „Der See“, auszusaufen. Mickels Maxime lautete: satt werden und unersättlich bleiben. Volker Braun, den Freund durchschauend, würdigte ihn:

Du auch hast deine Art bei Sinnen zu bleiben
Ohne wie sonstwer daß du alles fliehst.
Den Riß der Welt zwischen den Beinen siehst
Kopiert du annehmbar sich dran zu reiben.

Unsereiner ein Mal
Muß sich brechen den Hals.

Der gelehrte Poet Mickel war ein Welt-denkender Mensch, verreiste aber höchst ungern. An einem Schriftstellerausflug 1988 nach Dornburg nahm er nur teil, weil Goethe dort geweilt hatte. Als sich Mickel im Schloß eine Zigarre ansteckte, wurde er von der Museumsleiterin auf das Rauchverbot hingewiesen und aufgefordert, die Zigarre auszumachen. Mickel tat nichts dergleichen. Die Leiterin versuchte es mit einem stärkeren Argument: „Schon zu Goethes Zeiten durfte man hier nicht rauchen“, worauf Mickel klarstellte:

Heute bin ich Goethe!

Was den ungewöhnlichen Poeten und kühnen Gelehrten jenseits der Kunst zu überwältigen drohte, dem zollte er Respekt. Er war, wie jeder Hochempfindliche, mehr von Angst als von Mut getrieben. Mickel fürchtete Druckfehler, Armut, Repression, menschliche Nähe, Öffentlichkeit, Krankheiten und körperliche Schwäche. Letzterer versuchte er vorzubeugen, indem er mit dem Rennrad um den Müggelsee fuhr und Tennis spielte. Angst hatte er auch vor Kritik. Sowohl vor der, die seine Person, als auch vor der, die seine Texte betraf. Lachmunds Freunde gab Mickel erst 1990 zur Veröffentlichung frei, bis zuletzt von panischer Furcht befallen, die Lektüre würde die Staatssicherheit veranlassen, ihn kaltzustellen. Daß der skurril-kauzige Roman bei Presse und Leserschaft schließlich nur wenig Resonanz fand, lag hauptsächlich am Walten des Zeitgeists: Diesen interessierte der gerade zu Bruch gegangene Sozialismus nicht mehr, schon gar nicht eine groteske Prosacollage á la Lachmund.
Auf Textkritik reagierte Mickel (jedenfalls in meiner Gegenwart) beinahe unsouverän. Einmal wollte er zu einem gerade verfaßten Gedicht meine Meinung wissen. Als sich bei mir eine winzige Frage auftat, wurde er wütend, zerriß das Blatt und schaute es nie wieder an.
Der Dichter der „Sächsischen Dichterschule“ galt als ein maßstabsetzender der DDR-Literatur; selbst wenn er keine Jünger besaß wie etwa Volker Braun, Heiner Müller oder Peter Hacks. Wie alle ernstzunehmenden Schriftsteller der Generation der um 1935 Geborenen war Karl Mickel in den sechziger bis achtziger Jahren heftigen Angriffen der DDR-Kulturpolitik ausgesetzt. Man warf ihm Mangel an Volksverbundenheit, Subjektivität, Formalismus, Kosmopolitismus, Abstraktheit, Pornographie und anderes „den Sozialismus Hemmendes“ vor. „Drei Doktoren gründlich tilgten Mickels Zeilen, / Bis es keine auf der ganzen Welt mehr gibt.“ (Adolf Endler) Mickel, der sich ungern politischen Kämpfen auslieferte, verteidigte dennoch, was ihm als Höchstes galt: die Kunst:

Kunst ist Kunst und nicht das Leben. Ohne Kunst sähen wir nur 1/10 der unmittelbaren Wirklichkeit.

Als streitbarer Autor war er damals bekannt, an den Menschen Karl Mickel kam so gut wie niemand heran. Er verhielt sich diskret, sowohl was das Reden über andere als auch das über sich selbst anbelangte. Von seiner Dresdner Kindheit und Jugend erzählte er wenig, und wenn, dann mit kühler, beinahe verachtender Distanz. Äußerte sich Mickel öffentlich, ging es ihm stets um das „Große und ganze“, das Jahrhundert, nie um Privates. Solche Verse sind selten:

… wäre ich Tod, besuchte ich den Vater
Wäre ich Leben, ging ich von ihm
Mit meiner Mutter täte ich desgleichen.

Krieg, Nachkrieg, die Angst vor Bloßstellung und Angriffen jeder Art saßen Mickel ein Leben lang in den Knochen.

Die Welt ein Schiff! voraus ein Meer des Lichts
Uns hebt der Bug, so blicken wir ins Nichts.

Er war Mitglied der SED. Das Parteiabzeichen trug er nie. Als Mann, der die Öffentlichkeit scheute, sah er sich weder als Einmischer noch als Volkstribun, auch machte er nicht aktiv Politik. Mickel durchschaute sowohl die real- als auch die postsozialistische Gesellschaft besser, als ihm selber lieb war. Das Ende der DDR hatte er kommen sehen, wollte es aber nicht wahrhaben. In Mickels Augen war das „Volk“ korrupt, die „Mächtigen“ hatten aufgrund ihrer Unbildung, Unbelehrbarkeit und Verlogenheit versagt. Im Herbst 1989 fanden die Demonstrationen, die zum Fall der Mauer führten, direkt vor dem Fenster seiner Arbeitswohnung am Alexanderplatz statt. Ich erinnere mich, daß Mickel, als die Wir-sind-das-Volk-Rufe der Demonstrierenden von der Straße zum achten Stock hinauf drangen, Schuberts „Winterreise“ auflegte, die Musik lautdrehte und wetterte:

Gegen den Pöbel hilft nur Kunst.

Das Stinktier ist aber unsterblich, weil es
Um zu stinken, nicht sterben muß.

Die Zeit nach 1989 brachte dem Dichter den Titel Professor sowie zwei Literaturpreise ein. 1990 erschienen seine gesammelten Schriften, Teil 1–6, im Mitteldeutschen Verlag Halle an der Saale. 1999 wurde die Goldberg-Passion mit Musik von Friedrich Schenker uraufgeführt. Da zählte Mickel schon zu den großen Unbekannten. Zwei Jahre vor seiner Pensionierung ließ er sich von der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger einen lebensgroßen Porträtkopf in Bronze herstellen. Dieser stand fortan im Arbeitsraum des Dichters, versprach Bleibendes und gemahnte an den unausweichlich bevorstehenden Umzug auf den Dorotheenstädtischen Friedhof.
Der Arbeit an der Schauspielschule war Mickel überdrüssig geworden und hatte sie mir fast vollständig übergeben. Er wollte nur noch schreiben. 1998 wurde das Müggelsee-Refugium renoviert, was ihn erzürnte. Gegen jeden Rat, eine Ausweichwohnung zu beziehen, blieb er zwischen abgeschlagenem Putz und Baudreck am penibel geordneten Schreibtisch sitzen. Ein Röntgenbild zeigte Schatten auf der Lunge. Aber die Havanna schmeckte. Ab und zu lockte ich meinen alten Lehrer von der Baustelle weg in ein Lokal. Einmal fragte ich, warum er vom Steak nur die Hälfte aß. „Damit ich in den Sarg passe“, antwortete der Dichter mit dem überaus mageren Leib. An einem Tag im April 2000 klingelte mein Telefon. Erst hörte ich nur Husten, dann krächzte es am anderen Ende der Leitung:

Hier ist Karl. Ich will dir nur sagen: es ist zu Ende.

Kerstin Hensel, Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 2015

Stara Sagora

– In memoriam Karl Mickel. –

Die Toten unter uns geben uns Rätsel auf. Wer war eigentlich der oder jener, mit dem uns Freundschaft verband oder auch nur Zorn oder beides?
Als die DDR noch im Zenith ihrer bescheidenen wirtschaftlichen Erfolge stand, also spätestens Mitte der sechziger Jahre, bin ich zum ersten Mal nach Bulgarien geflogen. Ziel und Zweck dieses Unternehmens waren die „Festtage der Poesie“, zu denen mich der Schriftstellerverband der DDR entsandte. Zum ersten Mal saß ich im Flugzeug, einer TU der Interflug; zum ersten Mal sah ich alpine Gebirge – die Karpathen, den Balkan: Stara Planina. Die gehobene Stimmung wurde durch reichliche Alkoholzufuhr genährt, denn ich reiste mit einer Militärdelegation der Volksarmee, die dem Wilthener Kognak, den die Stewardessen unermüdlich ausschenkten, reichlich zusprach.
Das Licht, das mich bei der Landung in Sofia empfing, war unvergleichlich: mediterranes Leuchten, wie ich es nur aus den Gedichten des Weltenbummlers Erich Arendt kannte. Außerdem – es waren die „fetten Jahre“ Bulgariens. Vor dem Flughafen warteten Mercedes-Taxen, ja, es gab Dinge zu kaufen, die es in der DDR nicht gab. So beispielsweise Montblanc-Füller, die, wie sich freilich herausstellte, Fälschungen waren und ihren Dienst bald aufgaben. In den Badeorten an der Schwarzmeerküste hörte man alle möglichen europäischen Sprachen. Spielkasinos und Prostitution hatten bereits Konjunktur. Das alles war in der braven DDR unbekannt, und so erschien mir Bulgarien als ein Bruderland, das einen anderen Weg zum Sozialismus eingeschlagen hatte als den, der mir bisher bekannt war.
Auch mein Betreuer, ein junger Schriftsteller, der mich auf der Reise kreuz und quer durchs Land begleitete, war, was Bulgariens Zukunft anging, Optimist. Seiner Meinung nach brauchte Bulgarien nur einige hundert LKW, um ganz Europa mit Obst, Wein und Gemüse versorgen zu können. Mein Einwand, daß doch Frankreich, Italien und Spanien schon an ihrer Überproduktion litten, beeindruckte ihn wenig. Außerdem gebe es ja noch die sozialistischen Staaten.
Außer den üblichen, mit kyrillischen Buchstaben bedeckten Transparenten gab es wenig, das auf ein sozialistisches Regime verwies. Vor dem Dimitroff-Mausoleum standen Heiduken in Uniformen, die es schon zu Zeiten des Zaren Alexander gegeben hatte. Amerikanische Touristinnen machten Bemerkungen über die sich unter den weißen Hosen abzeichnende stramme Männlichkeit der Soldaten. Was in Bulgarien besonders auffiel, war der Rhythmus einer anderen, bei uns schon vergangenen Zeit. Die Bulgaren schienen geprägt von einer orientalischen Gelassenheit, obwohl sie bei jeder Gelegenheit auf das türkische Joch hinwiesen, von dem sie sich in Waffenbrüderschaft mit den Russen 1887/88 in der Schlacht am Schipka-Paß befreit hatten.
Vom Hotelfenster aus konnte ich sehen, wie die Sofioter gegen neun die Busse und Bahnen bestiegen, die sie zur Arbeit brachten. Gut gekleidete junge Frauen und Mädchen beherrschten die Szene; selten sah ich Zigeuner oder Soldaten und Offiziere. Die bulgarische Hauptstadt mit dem Boulevard Russki und der Newski-Kathedrale war eine Herausforderung an den DDR-Bürger, der, ob in Leipzig, Dresden oder Berlin, noch immer mit den Trümmern des Zweiten Weltkrieges lebte.
Unberührt von den Zeitläuften überragte das Witoscha-Gebirge die Stadt; ein sogleich absolvierter Ausflug zum Steinernen Meer komplettierte die Idylle. Ich hätte ausrufen können „Auch ich in Arkadien!“ Das wäre nicht einmal eine Täuschung gewesen, was die mir bisher unbekannte Landschaft und eine Bevölkerung anging, die auf dem Lande, wie ich alsbald bemerkte, noch im Zustand der kleinen Warenproduktion verharrte, obwohl die Statistik Bulgariens einen volkseigenen und genossenschaftlichen Sektor von 99% auswies. Uns gefiel es, gleichsam am Straßenrand einkaufen zu können. Die wahren politischen Verhältnisse des Balkanlandes interessierten mich, offen gesagt, wenig.
Dank Tagegeldern des Bulgarischen Schriftstellerverbandes und einiger Honorare bin ich finanziell nicht schlecht versorgt und werde, weil ich den Wert der Lewa und des Stotinki nicht kenne, exzellent beschissen. Das merke ich allerdings erst, als ich für ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee umgerechnet etwa 50 DDR-Mark begleichen soll. Mein Protest ist allerdings mangels Sprachkenntnis wirkungslos. Außerdem sind bereits jene Zeiten angebrochen, wo niemand mehr auf Landeswährung oder gar DDR-Mark Wert legt; inoffiziell gelten nur D-Mark oder andere Devisen als Zahlungsmittel. Nun gut – wir, die wir im Troß der Dichter durch das Land reisen, sind davon kaum betroffen, da wir im Rahmen der „Festtage der Poesie“ verpflegt werden. Ich wundere mich, wie mein rumänischer Nachbar und auch die bulgarischen Kollegen dem Essen zusprechen. Dabei erfahre ich, daß die übervollen Tafeln der offiziellen Empfänge in den Bezirksstädten auch für die Freunde aus den Bruderländern außergewöhnlich sind. Um zu repräsentieren, haben die Bulgaren weder Kosten noch Schwierigkeiten gescheut. Erst bei privaten Abstechern in Läden und auf Märkte der Provinz erkenne ich, wie ärmlich und mangelhaft das Warenangebot ist. Innereien, von Fliegen umschwärmt, warten auf den Normalverbraucher. Den Weinbauern ist es nicht mehr gestattet, selbst für den Hausgebrauch zu keltern; sie müssen den Wein zu keineswegs niedrigen Preisen von der Genossenschaft kaufen. Ebenso sieht es bei den Fischern in Sozopol, dem antiken Apollonia, am Schwarzen Meer aus… Sofia entpuppt sich immer mehr als ein Aushängeschild für den Westen; im Inneren der Stadt setzen sich Korruption und Schieberei durch. Man erzählt mir von Teppichsammlungen des Shiwkow-Clans, wo jeder Quadratmeter mehr kostet als ein „Wartburg“.
Der Sozialismus Bulgariens ist mehr als doppelbödig. Man zeigt mir in der Oper eine Tänzerin, illegitime Tochter des letzten Zaren; eine alte Dichterin, die Poetessa der Bulgaren, hat Hymnen auf den Zaren, auf Hitler, auf Dimitroff und Stalin verfaßt. Zur Zeit arbeitet sie, wie man sagt, an einem Lobgesang auf Todor Shiwkow. La Mar, Nestor der Dichtergilde, empfängt in einer Suite des Hotels nach Art eines Großmoguls. Nachdem er, benebelt vom Raki, eingeschlafen ist, entfernt man sich unauffällig.
Ganz anders ein Besuch bei dem großen Dichter Dimiter Daltschew, dem der Ruf vorausgeht, der Peter Huchel Bulgariens zu sein, und der selbstverständlich nicht an den Festtagen teilnimmt. Er hat, wie man hört, in beiden Regimen Jahre in Lagern verbracht. Wir gehen an Bücherregalen entlang, deuten auf Titel, trinken Kaffee und verstehen uns, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Auch Blaga Dimitrova, früher einmal die Geliebte Hermlins, gehört zu jenen, mit denen man nicht über Grundsätzliches diskutieren muß.
Völlig unvorbereitet wird mir nahegelegt, als Delegierter der DDR eine Rede in der Oper zum Abschluß der Festtage zu halten. Ich ziehe mich, so gut ich kann, aus der Affaire, indem ich im Hotel über Nacht einen Text entwerfe, der die üblichen Bekenntnisse vermeidet. Ich beziehe mich auf Hölderlin, auf Huchel und Arendt, deren Namen hier allerdings nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Ich darf beim anschließenden Empfang Todor Shiwkow die Hand geben und lerne eine junge Frau kennen, Donka Barbowa, die auf mich keinen geringen Eindruck macht. Sie ist Absolventin des deutschen Lyzeums und studiert Germanistik. Uns bleibt nicht viel Zeit, denn mein Besuch in Bulgarien ist am nächsten Tag beendet.
Als ich zwei Jahre danach wieder nach Bulgarien fliege, diesmal mit dem Dresdner Lyriker Streubel, sehe ich ein anderes Land. Plötzlich vertrage ich das bulgarische Essen, das mir beim ersten Besuch zu schaffen machte, vor allem weil man hier fast alles mit Öl zubereitet. Gerade dieses Öl, von dem niemand weiß, ob es aus Oliven, Sonnenblumen oder etwas anderem gepreßt wird, verlangt von uns Butteressern eine Umstellung. Ich habe mich nun offenbar auch daran gewöhnt, und wir reisen wieder durch das Land. Von Donka in Sofia keine Spur. Neu ist mir der Streit zwischen jugoslawischen und bulgarischen Mazedoniern, der während der Festtage der Poesie offen ausgetragen wird. Die Heimat Orpheus’ wird von beiden beansprucht.
Obwohl das türkische Joch noch immer eine große Rolle spielt, hört man von den Jugoslawen die hämische Bemerkung, ohne die Türken hätten die Bulgaren noch heute kein warmes Essen. Irgendwie scheinen die Völker des Balkans in Unruhe zu geraten, was uns Zentraleuropäern zunächst dunkel bleibt. Mein rumänischer Nachbar von damals, der wieder dabei ist, schweigt vornehmlich und widmet sich den Mahlzeiten noch intensiver. Das Ehepaar Dublew klärt uns vorsichtig darüber auf, wie beschissen die Lage inzwischen geworden ist. Uns Ausländern, exclusiv versorgt wie in sozialistischen Ländern üblich, soll das weitgehend verborgen bleiben. Im Russischen Club tafelt Erich Arendt mit seiner Freundin. Mit Fliege und Blume im Knopfloch wirkt Erich ausgesprochen westlich-exotisch. Er wird, dank seines kolumbianischen Passes, nach Griechenland weiterreisen.
An einem heißen Tag am Schwarzen Meer komme ich mit Polen ins Gespräch. Sie halten mich offenbar für einen Westdeutschen, laden mich zum Wodkatrinken ein und klauen mir meinen Paß. Ich muß zurück nach Sofia, um mir in der DDR-Botschaft einen Behelfspaß ausstellen zu lassen, was mir ungnädig gewährt wird. Monate später darf ich mir meinen regulären Paß im Volkspolizeikreisamt in Halle wieder abholen – er ist am Strand gefunden worden. Am Flughafen begegne ich dem Dresdner Maler Kretzschmar und seiner Frau, der gebürtigen Bulgarin Stiljanow. Wir kennen uns nicht, aber mit dem immer zu Scherzen aufgelegten K. finden wir heraus, daß sich in meinem Gepäck schwarze Nattern befinden, die ich in Baltschik gefangen habe… Im Flugzeug folgt eine laute, ausgedehnte Diskussion über die Lebensart und Gefährlichkeit dieser Tiere. Die Mitreisenden werden unruhig. K. setzt noch eins drauf, als er erzählt, letztens seien ihm die Tiere entwischt, und er habe sie im Flugzeug wieder einfangen müssen…
Als ich zum dritten Mal nach Bulgarien reiste – offenbar war diese „Reisetätigkeit“ inzwischen in meinen Kaderplan eingeflossen –, begleitete mich Karl Mickel. Mickel galt unter den Lyrikern meiner Generation als Geheimtip. Er erinnerte mich an Majakowski, sein Benehmen war ausgesprochen elitär. Mickel, der sich als freier Schriftsteller durchschlug, wußte um seine Bedeutung. Seine Skandale und Liebesaffären waren sprichwörtlich, er ließ sich von niemandem an die Karre fahren. Er war Dresdner. Sein Vater, Werkmeister im Sachsenwerk, gehörte quasi zur „Arbeiteraristokratie“, was Mickel eines Tages in einem Film nicht daran hinderte zu erzählen, er sei in Dresden-Kemmnitz mit Ratten aufgewachsen. In Bulgarien erklärte er einer Dichterin, um deren Gunst er warb, ich sei Analphabet. Wer Mickel kannte, nahm ihm so etwas nicht übel. Eine Reise mit Mickel mochte anstrengend sein, aber sie war nicht langweilig. Das bewahrheitete sich auch am Schwarzen Meer. Unser Reisebegleiter hatte uns nahegelegt, nicht schwimmen zu gehen, da zur Zeit „tote See“ herrsche und der Sog den Schwimmer weit ins Meer ziehen könne. Für mich war diese Warnung gegenstandslos, denn ich bin Nichtschwimmer. Doch Mickel kündigte an, er werde trotzdem schwimmen gehen. Auch er war Nichtschwimmer, was aber außer mir niemand wußte. Mickel verschwand hinter einem Felsen und kam nach geraumer Zeit sichtlich erfrischt wieder. Sehr zur Mißbillung des Reiseleiters, der beunruhigt den Kopf schüttelte. Natürlich war Mickel nicht schwimmen gegangen, sondern hatte sein Bad nur vorgetäuscht.
Mickel, starker Zigarrenraucher, starb 2000 an Lungenkrebs. Während meiner Jahre als Lektor bei Reclam Leipzig betreute ich seine Gedichtauswahl Odysseus in Ithaka. Mickel hielt, nebenbei gesagt, verabredete Termine grundsätzlich nicht ein. Meistens waren es irgendwelche Krankheiten, die sein Kommen verhinderten, an die aber niemand so recht glaubte. (Krumbholz, ein Zeitgenosse jener Jahre, verleibte einige von Mickels Sonderbarkeiten seinen Anekdotensammlungen ein.) Bernd Jentzsch erzählte mir, daß er einmal von M. beauftragt worden sei, dessen damaliger Geliebten Sarah K. auszurichten, er könne heute nicht kommen, da seine Mutter gerade im Sterben liege…
Auch ich hatte mit Karl meine Sorgen. Es war mir als Lektor gelungen, bei Reclam eine Auswahl seiner Gedichte durchzusetzen, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch Jürgen Teller. Wie im Verlagswesen der DDR üblich, drängte plötzlich ein Termin, obwohl bis zum Erscheinen des Taschenbuches vielleicht noch zwei Jahre vergehen würden. Zu nachtschlafender Zeit reiste ich von Leipzig nach Berlin, nicht zuletzt mit der Absicht, mit Hilfe Mickels ein Nachwort Rainer Kirschs, das auf Ablehnung stieß, durchzubringen. Mickel hatte eine kleine Wohnung in der Liebknechtstraße, wo er sich mit wechselnden Liebhaberinnen abgeben konnte, verbrachte jedoch auch viel Zeit bei seiner Familie in Friedrichshagen. Als ich gegen neun bei ihm eintraf, fand ich an der Tür einen Zettel befestigt:

Lieber Czecho, liege schwer krank mit Lungenentzündung in Friedrichshagen. Komm raus!

Ich beeilte mich, auf schnellstem Weg dorthin zu gelangen. Dort fand ich Mickel lachend im Bett sitzen, an einer dicken Zigarre ziehend.
In Sofia gab es, als wir dort weilten, gerade Whisky der Marke White Label für Lewa (so wie es einmal in Riga Cognac Armagnac für Rubel gab), sündhaft teuer, für uns aber erschwinglich. Ich kaufte eine Flasche und stellte sie auf den Nachttisch. Als ich spät in der Nacht ins Hotel zurückkehrte, verließ gerade ein Arzt unser Zimmer. Mickel lag blaß im Bett und klagte über eine Nierenkolik. Zufällig schaute ich nach der Flasche: Sie war leer…
Solche Vorfälle trübten unsere Beziehungen nicht. Nun ist Mickel tot, gestorben im Koma an Lungenkrebs. Er hat es geschafft, ein Ehrengrab auf dem Berliner Hugenottenfriedhof zu erlangen, gleich neben Johannes R. Becher, Brecht und Erich Arendt. Dem Begräbnis vorangegangen war eine Lesung zu Ehren Mickels. Dort sah ich sie alle wieder, die in DDR-Zeiten Rang und Namen hatten. Den Buchminister Höpcke ebenso wie Christa Wolf, die mir die Hand verweigerte, oder die Witwe Stephan Hermlins… Mickels letzte Freundin war nicht erschienen. Auch Sarah Kirsch und Moritz, Mickels Sohn, waren abwesend.
Das Verhalten Christa Wolfs schockierte mich. Hatte ich die berühmte Autorin gekränkt? Ich dachte nach, aber mir fiel nichts dergleichen ein. Erst viel später wurde mir klar, woran es vermutlich lag, daß mir die sonst freundliche Christa Wolf den Handschlag verweigert hatte: In Jürgen Serkes Buch Zu Hause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR (1998) gibt es in dem Beitrag über mich ein Foto aus meinem Archiv, das mich auf einem Jubiläum des Reclam Verlages im Kreise einiger Autoren, unter ihnen auch C. W. zeigt. Die Bildunterschrift, an der ich keinen Anteil habe, lautet:

Begebenheiten zu DDR-Zeiten: Czechowski mit dem Bulgakow-Forscher Ralph Schröder und Christa Wolf, der einstigen Geheimen Informantin Margarete. [Hervorhebung H. C.]

Die Toten unter uns geben uns Rätsel auf… Aber die Lebenden auch. So hörte ich, ein Kollege habe nun nach Mickels Beisetzung beim Magistrat von Berlin ebenfalls ein Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beantragt… Noch ein letztes Mal hatte ich Karl anläßlich einer Lesung der Sächsischen Dichterschule in der Westberliner Akademie der Künste im Hanseatenviertel gesehen. Ich erzählte ihm vom Freitod meines Bruders, was er merkwürdig ablehnend zur Kenntnis nahm. Dann erinnerten wir uns an einen unvergeßlichen Ausflug von der südbulgarischen Stadt Stara Sagora aus in die „Wildnis“ des Balkans.
Wir durchstreiften die Macchia, immer gewärtig der schwarzen Nattern, die es hier geben sollte und vor denen wir gewarnt worden waren. Wir sahen kein einziges Exemplar (erst Jahre später entdeckte ich in Paestum eine sich an einem Bäumchen emporringelnde Viper dieser Art). Dann bemerkten wir am Fuß eines Abhangs ein kleines Gehöft, das unsere Neugier erregte. Es wurde von einem Bauernehepaar mit Kind bewohnt, das uns mit Handzeichen und Worten, die wir nicht verstanden, in seinen Garten einlud. Obwohl niemand des anderen Sprache verstand, erinnere ich mich an ein langes Gespräch, das vorwiegend aus Gesten bestand. Dabei wurde aufgetischt, was Garten und Haus hervorgebracht hatten: Tomaten, Schafskäse, gerösteter und eingelegter Paprika, Nüsse, dazu Rotwein… Wir erfuhren großherzige Gastfreundschaft, wie sie bei uns derart spontan nicht denkbar ist. Es wurde ein langer Nachmittag, wobei uns bewußt war, daß eine solche Bewirtung im armen Bulgarien alles andere als selbstverständlich war.
Das war ein letzter Austausch von Erinnerungen. Als wir uns dann noch einmal wiedersahen, nämlich während einer Lyrikveranstaltung im Berliner Literaturhaus in Pankow, wo ich übrigens auch meinem Freund Christian Borchert noch einmal begegnete, der kurz darauf beim Baden in einem Baggersee ertrank, machte Mickel keineswegs den Eindruck eines schon vom Tod gezeichneten Menschen. Der Komponist Schenker, der bald darauf am Grab Mickels zum Abschied Posaune blasen sollte, war dabei, und wir sprachen über Bachs Pfingstkantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“…

DIE NACHWELT
Mickels gedenkend

Ich bin von Hamburg gekommen,
Der Stadt, die ich nicht kenne,
Um im schwarz verhangenen Saal
Der Kneipe Zum blutigen Hund
Im Stadtteil Prenzlauer Berg
Zwei Gedichte des toten
Karl Mickel zu lesen. Neben mir
Saßen, lemurengleich, die,
Die einst seine Freunde gewesen. Sie
Stellten die Nachwelt dar
In ihren zerschlissenen Jeans.
Es gab da auch Frauen,
Die zu dem Dichter
In irgendeiner Beziehung gestanden,
Kinder,
Die keine Kinder mehr waren. Wir,
Die wir nicht gesät und geerntet,
Gewendet, und unsre Vergangenheit
Wie eine Scham mit unseren Händen bedeckend,
Gingen schweigend im Zug
Über den Friedhof der Prominenten,
Der nur noch für einen von uns oder zwei
Platz haben wird. Vielleicht stimmt’s:
Das Bleibende wird von den Dichtern gestiftet?
Bestenfalls unsre Neurosen
Werden Aufsehn erregen,
Wenn sich die Nachwelt über uns hermacht:
Braun, Elke Erb, Endler –
Wie gingen sie über die Erde,
Die sie bedecken wird?
Wer nichts mehr zu lachen hat,
Lacht über sich selbst.
Und der, dem das Lachen verging,
Ruhet, ein Häufchen Asche, dort,
Wo Geheimräte und Nationalpreisträger
Die Muster stifteten, an die wir
Einmal glaubten. Ich
Fuhr zurück in die Stadt,
Die ich mir nicht erwählte,
Und dachte daran, auf meinem Konto,
Wenn möglich, die Kosten für mein Begräbnis
Aufrecht bis zum Letzten zu halten.

Heinz Czechowski, aus Heinz Czechowski: Die Pole der Erinnerung. Autobiographie, Grupello Verlag, 2006

 

IKTERUS1
Nach Karl Mickel

Das mache ich nicht mit, was einer mitmacht,
Der nur den Mond anguckt, nie, was ich mach:
Gedichte (mitm Messer2) ritz ich die
n Bauzaun), Holz: das hack ich zu Betten
Und leg mich aufm Bauch lang, nicht zu kurz,
Um dich, nicht IHN ansehn zu müssen.
It is not mein Mond,
but it is dein Bauch,
Drauf will ich 1. mich
und 2. IHN vergessen;
Sonst kriege ich bloß Gelbsucht3
und du auch.

Kurt Bartsch

 

BEGEGNUNG MIT MICKEL

Wir saßen am Abend vorm Horizont,
Der sich färbte und unsre Hirne,
Münder brannten von Bildern, Worten. Ich barmte:
Hilf mir! SONST SCHEIDE ICH AB! Da krachte
Ein Apfel in zwei Hälften, die du hieltest.
Deine Worte: Atmen ist nur eine Möglichkeit.
Ich biß in meinen Teil, kaute und schwieg.

Noch lag Dämmerung auf dem rot-
Weinfleckigen Tischtuch, als erneut
Der Horizont Farbe bekannte.
Kein Bau sperrte den Blick.
Du sprachst: Die lausigste Kneipe ist gut
Für uns Dichter – ’ner schönen Kellnerin
Was dichten, DAS IST
DES VOLKES WAHRER HIMMEL –
Lachtest, schlugst mir auf die Schulter.

Gegen Mittag stach die Sonn’
Unsre Schädel. Du sagtest:
Mit Hellem ists wie mit Dunklem:
Die Grenzen verwischen. Man sieht nichts.
Dann fragtest du noch: Welche meiner Zeilen
Bleiben, was meinste? Kannste noch
Rotwein vertragen?
Ich grinste. (Gar nicht verwundert.)

Uwe Lummitsch

 

 

In der Reihe Die Jahrzehnte. Das deutsche Gedicht in der 2. Hälfte des XX. Jahrhunderts fand 1992 in der literaturwerkstatt berlin ein poetologisches Gespräch zwischen Stephan Hermlin, Adolf Endler und Karl Mickel statt.

In der Reihe Die Jahrzehnte. Das deutsche Gedicht in der 2. Hälfte des XX. Jahrhunderts präsentierten Autoren ein frei gewähltes „fremdes“ und ein eigenes Gedicht aus einem Jahrzehnt. So entstanden Zeitbilder und eine poetologische Materialsammlung zur Dichtung eines Jahrhunderts. Das Gespräch zwischen Bernd Jentzsch, Wulf Kirsten und Karl Mickel fand 1993 in der Literaturwerkstatt Berlin statt und ist hier online zu hören.

Welche Poeme haben das Leben und Schreiben von Karl Mickel und Volker Braun in der DDR und Michael Krüger in der BRD geprägt? Darüber diskutierten die drei Lyriker und Essayisten 1993.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Einzeldarstellung +
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Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne SchleyerGalerie Foto Gezett +
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Nachrufe auf Karl Mickel: Berliner Zeitung ✝ FR ✝  der Freitag ✝
Der Tagesspiegel ✝ Die Zeit ✝ FAZ ✝ ndl ✝ NZZ ✝ Ostragehege ✝︎

Konrad Franke: Der souveräne Weltanschauer
Süddeutsche Zeitung, 23.6.2000

Ijoma Mangold: Forderung nach Leichtigkeit und Höhe
Badische Zeitung, 24.6.2000

Zum 10. Todestag von Karl Mickel:

Thomas J. Richter & Heike Friauf: Eine Frage – Zum 10. Todestag des großen deutschen Dichters Karl Mickel
Die Linke, Juni 2010

Zum 80. Geburtstag von Karl Mickel:

Stefan Amzoll: Was ist das, ein Mensch?
neues deutschland, 12.8.2015

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Mickel“.

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