Konstantin Ames: sTiL.e (ins) Art und Weltwaisen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Konstantin Ames: sTiL.e (ins) Art und Weltwaisen

Ames-sTiL.e (ins) Art und Weltwaisen

NATURLYRIKER SOLLTEN SICH
IM TRUBEL INTERVIEWEN LASSEN

Halt den Mund fest
nicht ’s Maul
als ob morgen schon Klee
von oben tropft. Idylleidee

der Nachmittag wippt Abend
Fassaden sind verwuchert.
Alles wirkt sehr kleingeschrieben und mehrere
grüne Daumen ragen in die Luft.

Und was beneide ich; Kamine.

Drum (Drums!) sei vor der Glut
Oje, aber auch o yeah, ja, auf der Hut.

Ich weiß nicht, welcher Vogel singt; es es mir auch egal, er sinkt.

Ich wollte, das alles wäre aufgehoben.
Was glotzt’ mich, grüne Masse, an, ich kann
nicht bei dir sein

 

 

 

Ames zweiter Gedichtband

Stilblüten. Stilblut für Tittentinte. Tittentinte als Pornographieallegorie. ,Totale Tinte‘ als Titel für eine Polemik. „Ames“ für einen Künstlernamen halten. Ames heißen und deswegen nach Ames/Iowa reisen. Auf Stilblüten warten, während alles unter dem Titel „Stilblüten“ steht. Es wovon wimmeln lassen, weil es stabt. Es gibt zu wenige zu wendige Kinder in diesem Land. Es gibt zu viele, die Selbstbewusstsein auf ihren Nachwuchs baun. Es gibt zu viele, die Gedichte schreiben. Es gibt zu viele, die auf ihren einen Stil ihr Selbstbewusstsein baun. Armselig die, die nur eines Stiles sind! Es muss möglich sein, projektiv zu dichten, ohne ein poeta vates sein zu müssen. Stil könnte eine Eierschale sein. Und dann wäre es erlaubt anzuklopfen.

roughbook, Ankündigung

 

sTiL. und Spiel

Es ist immer ein schö­ner Tag, wenn die Post so einen unschein­ba­ren grauen Umschlag aus Solo­thurn bringt. Denn darin ver­steckt sich immer ein gro­ßes Lese­er­leb­nis (wirk­lich, bis jetzt war das immer so!). Und die­ses Mal ist beim neuen Lyrik­band sTiL.e(ins) Art und Welt­wai­sen von Kon­stan­tin Ames sogar noch eine CD dabei — das ist also ein mul­ti­me­dia­les Erlebnis…
Die Vor­freude ist also gleich mehr­fach hoch: Die rough­books sind eigent­lich (fast) immer eine span­nende Lek­türe. Und gele­sene Lyrik ist eben­falls ein Fas­zi­no­sum. Und schließ­lich ist Kon­stan­tin Ames ein Dich­ter, der viel verheißt.
Als Leser bleibt er aber spröde, finde ich: Mir sind seine Texte näher, wenn ich sie vor mir sehe — vor allem, weil ich dann halt mein Tempo selbst bestim­men kann. Und das ist oft wesent­lich lang­sa­mer als die Lese­ge­schwin­dig­keit von Ames.
Denn seine Gedichte brauen Zeit. Ames ist ein Sprach­jon­gleur, der seine Art des Sprach­spiels, manch­mal auch der Spie­le­reien immer mehr per­fek­tio­niert. Vor­aus­set­zung ist zunächst ein­mal ein bewuss­tes Mei­den der Nor­ma­li­tät. Oder zumin­dest unter­nimmt er keine Anstren­gung, in kon­ven­tio­nelle Ras­ter ein­zu­pas­sen — höchs­tens eben im Spiel, etwa mit den manch­mal auf­tau­chendne Bin­nen– oder End-Reimen.
Ames also als Sprach­spie­ler vor dem Her­ren: Er klopft die Spra­che ab, bohrt und quetscht, sucht die Dop­pel­deu­tig­kei­ten (und ist sich auch für Kalauer nicht zu schade), häm­mert an die ver­steck­ten Türen, kriecht in die Fal­ten, taucht in die Tun­nel… Und immer geht es darum: Was steckt eigent­lich in der — unse­rer — Spra­che? Und was dahin­ter? Viel­leicht ist das wirk­lich dekon­stru­ie­rende Dich­tung (gibt es so etwas eigent­lich über­haupt?): Ames nimmt aus­ein­an­der, trennt und ana­ly­siert, split­tet und reißt an den Wor­ten, den Fügun­gen, den Sät­zen. Nicht immer kommt dann dabei „etwas“ her­aus, nicht immer ensteht dabei etwas Neues. Das muss es aber ja auch gar nicht: Es geht ja zunächst ein­mal darum, Bewusst­sein zu schaf­fen, Auf­merk­sam­keit auf das Ver­bor­gene zu lenken.
Dazu gehört vor allem, die Viel­schich­tig­keit der Spra­che zu offen­ba­ren. Viel­leicht des­halb sind diese Gedichte immer in Bewe­gung, ken­nen keine Ein­kehr oder Kon­tem­pla­tion, son­dern nur ein „fort“, ein „vor­wärts“ und ein „zurück“ — die Rich­tung scheint bei­nahe egal, so lange die Bewe­gung nicht ins Sto­cken gerät. Und das ver­langt auch, nicht nur mit Asso­zia­tio­nen und Destruk­tion sowie Dekon­struk­tion von Wör­tern und Sät­zen zu spie­len, son­dern auch abzu­tau­chen in die Sozio­lekte und Dia­lekte von heute und von frü­her — genauso grö­ßen­wahn­sinng wie sich das hier als Pro­gramm liest ist es auch manch­mal. Aber ohne Grö­ßen­wahn­sinn ja auch keine große Kunst… Die Kunst zumin­dest man­cher die­ser Gedicht, könnte man viel­leicht auch sagen, besteht dann aber darin, die­ses auf­de­ckende (oder zer­stö­rende) Spiel in Sze­nen, Abläu­fen, Erzäh­lun­gen, Geschich­ten zu ermög­li­chen. Oder ermög­li­chen erst diese Ver­läufe das Spiel? Ich weiß nicht mehr, wo vorn oder hin­ten ist, was Anfang oder was Ende, was Grund und was Folge… — herrlich!

Matthias Mader, matthias-mader.de, 8.6.2013

 

literaturlabor in der Lettrétage: Zuß und Ames suchen Streit

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Fakten und Vermutungen zum Autor

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