Lawrence Ferlinghetti: A Coney Island of the Mind A Far Rockaway of the Heart

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Lawrence Ferlinghetti: A Coney Island of the Mind A Far Rockaway of the Heart

Ferlinghetti-A Coney Island of the Mind A Far Rockaway of the Heart

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Er greift in den großen Abgrund
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader langen Nacht der Welt
Und vermutet daß am Anfang
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDunkelheit war
aaaaaaaaaaaaaaaaaund das Licht nur der Nachschein
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaeiner roten Verschiebung
Der Dichter
aaaaaaaaaader das Unbekannte auslotet
aaaaaaaaaaaaaaaaaaawie ein Tiefseetrawler
aaaafischt nach Urbildern
aaaaaaaaaamit Wortnetzen wie Schleppnetze um zu fangen
aaaaaaaaaaaaaaaaadie letzte wilde lingua franca
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaden blinden Fisch des Menschenschicksals

 

 

 

Auf Long Island bei New York

gibt es einen Rummelplatz, Coney Island. Ein paar Stationen weiter mit der U-Bahn liegt Far Rockaway. Die 29 Gedichte in A Coney Island of the Mind stellen laut Ferlinghetti einen Bewußtseinszustand dar – „als wären sie in ihrer Gesamtheit eine Art Coney Island im Hirn, eine Art Zirkus der Seele“. Sie sind eine grandiose Abrechnung mit dem Amerika nach Hiroshima und Nagasaki, mit der Konsumgesellschaft, der verlogenen Moral, der Verkehrung des amerikanischen Traums in sein Gegenteil. Furios verbindet Ferlinghetti Alltagssprache, Jazzrhythmen und die écriture automatique der Surrealisten, er provoziert, spielt, kalauert, klagt an, entwirft eine Gegenutopie, malt mit Worten. Dichtung und Malerei sind ebenso Thema seiner „weit offenen Poesie“ wie Müllmänner, Liebende und der Alltag in der Großstadt. Manchmal grüßt auch der Dadaismus.
A Far Rockaway of the Heart stellt mit seinen 101 Gedichten eine Fortsetzung zu Coney Island dar, entstanden während eines „Poesieanfalls“, gedacht als Weckruf an das moderne Amerika. Diese Leseausgabe enthält außerdem die für Jazzbegleitung geschriebenen „Oral Messages“ auf englisch sowie eine vom Autor selbst getroffene Auswahl aus seinem allerersten, mit neuen Gedichten ergänzten Band Pictures of the Gone World.

Sammlung Luchterhand, Klappentext, 2005

 

Leidende Menschheit

City Lights Bookstore, 261 Columbus Avenue, San Francisco. Erste Anlaufstelle für die Boheme in den 50er und 60er Jahren: Jack Kerouac und Allen Ginsberg waren hier ebenso anzutreffen wie später Bob Dylan oder Michael McClure. 1953 hatten Peter D. Martin und Lawrence Ferlinghetti diesen damals ersten reinen Taschenbuchladen gegründet.
Kurz darauf kam Ferlinghettis berühmter Verlag City Lights Books hinzu, der sich ein Stockwerk höher im selben Gebäude befand und sich der Publikation der literarischen Avantgarde verschrieben hatte. Im Keller lungerte die Szene auf Sesseln und Sofas herum, las, trank oder hörte Musik. Der promovierte Literaturwissenschaftler und verheiratete Lawrence Ferlinghetti war mittendrin, ohne sich wirklich als Teil der Beats zu fühlen.
Das erste Buch, das Ferlinghetti 1955 als Verleger veröffentlichte, war ein eigener Gedichtband: Pictures of the Gone WorldBilder der vergangenen Zeit. Der Künstler, wie ihn Ferlinghetti mit diesen frühen Texten entwirft, ist einer, der sich nicht nur in der Wirklichkeit umschaut, sie beschreibt, sondern auch verändern möchte: Der Dichter soll sich einmischen, laut sein, Stellung beziehen, das politische Unbehagen, das er verspürt, für die Sprachlosen formulieren.
Welche Wirkung Dichtung haben kann, erfährt Ferlinghetti bald darauf allzu deutlich: Der vierte Titel von City Lights Books führt zu seiner Verhaftung. Allen Ginsbergs Howl, jenes sinnliche, aggressive, provozierende Langgedicht, ruft die Sittenwärter auf den Plan, und als Verleger muss sich Ferlinghetti für die ins Obszöne spielende Sprache der Ginsbergschen Lyrik verantworten.
„Geheul“ ist nicht nur ein gewaltiges Anschreien gegen die als Hölle empfundene amerikanische Gegenwart, sondern auch eine Art Manifest der Beat-Generation. Bei der mit Begeisterung aufgenommenen ersten Lesung von Howl in der Six Gallery im Jahr 1955 musste Ginsberg selber über das weinen, was er gerade vorgetragen hatte. Und Ferlinghetti sandte ihm noch am selben Abend ein Telegramm:

Ich begrüße Dich am Beginn einer großen Karriere. Wann bekomme ich das Manuskript?

Wenig später, im Jahr 1958, sollte Ferlinghetti selbst einen Gedichtzyklus veröffentlichen, der – mit bizarren Schreckens-Bildern gespickt – ebenso wie Howl zu einem Meilenstein der amerikanischen Gegenwartslyrik wurde:

In Goyas besten Bildern scheinen wir
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie Menschen dieser Welt
aaain jenem Augenblick zu sehen da
aaaaaasie den Titel
aaaaaaaaaaaaaaaa„leidende Menschheit“ erhielten
Sie winden sich übers Blatt
aaaaaaaaaaaaaain einer wahren Raserei
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaades Elends
aaaZuhauf
aaaaaajammernd mit Babys und Bajonetten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaunter Zementhimmeln
aaaain einer abstrakten Landschaft aus verdorrten Bäumen
aaaaaaakrummen Statuen Fledermausflügeln und Schnäbeln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaglitschigen Galgen
aaaaaaaLeichen und fleischfressenden Hähnen
aaaaund den brüllenden Endzeitmonstern
aaaaader
aaaaaaaa„Vision des Schreckens“
aaasie sind so verdammt real
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaals würden sie noch immer existieren

aaaUnd sie tun es

A Coney Island of the Mind liegt nun in einer neuen Übersetzung von Klaus Berr auf Deutsch vor. Der Band enthält neben diesen legendären Gedichten die auch in der ersten Ausgabe erschienenen „Oral Messages“, einige Texte aus Pictures of the Gone World sowie den 40 Jahre nach A Coney Island of the Mind entstandenen und an diesen thematisch und motivisch anknüpfenden Zyklus A Far Rockaway of the Heart.
Mit dem Bezug zu Goyas Bildern der „leidenden Menschheit“ setzt Ferlinghettis Coney Island des inneren Karussels nicht umsonst ein: Die apokalyptischen Visionen werden in die amerikanische Gegenwart der 50er Jahre übertragen und erscheinen in dieser noch bedrohlicher. Der Zweite Weltkrieg ist erst wenige Jahre vergangen; die Angst vor der drohenden Vernichtung durch Atomwaffen bestimmt den Alltag; die ideologischen Verhärtungen werden stärker; der amerikanische Traum scheint für die geschlagene Generation weiter entfernt als für jede frühere. Die Glücksversprechen, die heute locken, kommen aus einer anderen Welt:

Es sind dieselben Leute
aaaaaaaaaaaaaaaaaanur weiter weg von zu Hause
aaaauf Autobahnen mit fünfzig Spuren
aaaaaaaaaaaauf einem betonierten Kontinent
aaaaaaaaaaaaaazerhackt von rüden Reklametafeln
aaaaaaaaaIllustrationen idiotischer Illusionen des Glücks

Ferlinghettis expressiver, zwischen Alltagssprache und pathetischer Phrasenhaftigkeit changierender Stil hat Vorbilder sowohl in der amerikanischen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als auch im Surrealismus und Symbolismus. Er vermischt Traumsequenzen, wilde Assoziationen, Kalauer, Groteskes und Realitätsfragmente zu einer brodelnden Melange; die Einflüsse sind weit gefächert und reichen von André Breton bis zu William Carlos Williams. Ferlinghettis Lyrik ist selbstreflexiv, immer wieder thematisiert er Dichtung und referiert auf Lyriker und Maler. Der Titel A Coney Island of the Mind etwa stammt aus Henry Millers Into the Night Life. Poetisches und Obszönes schließen sich hier nicht aus, sondern ergeben ein eigentümliches Stillleben seiner Gegenwart.
Ferlinghetti inszeniert sich als Seher und Prophet, als Dichterschamane und Aufrüttler. Wie bei Ginsberg klingt auch bei Ferlinghetti das Whitmansche Erbe nach; der Zauber der Gegenständlichkeit und die Sehnsucht nach einem ursprünglichen, unverdorbenen Amerika grundieren die oftmals ins Theatralische und zugleich Banale tendierenden Texte. Das Unverdorbene soll sich direkt in der Unvermitteltheit der Gedichte, in ihrem Rhythmus, in ihrer Schnelligkeit und in ihrem unprätentiösen Gestus manifestieren.
„Des Dichters öbszön sehendes Auge“ – so beginnen diese Zeilen – kann die Obszönität der Welt nur um so besser beobachten, ihre Geheimnisse, verschütteten Schönheiten, die „Geisterstädte“ und „Kriegsdienst-Nichtverweigerer“, die „Las-Vegas-Jungfrauen“ und „kinogeilen Matronen“.
Die Affinität dieser Lyrik zur Musik, zum Jazz vor allem, ist offensichtlich. Ferlinghetti trat häufig mit Jazz-Musikern auf, und die eben gehörte Aufnahme ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Musiker Dana Colley, entstanden im Jahr 1999. Die Texte mit ihren Sprachspielen, Alliterationen, Assonanzen bilden selber Jazzstrukturen nach – und funktionieren von daher besser im englischen Original. Der rhythmische Sprechgesang, die staccatohaften Passagen sollten direkt auf den Zuhörer wirken: Nahezu alle Beat-Dichter hatten die romantische Vorstellung, dass sich der Atemrhythmus, der dem Gedicht zugrunde liegt, auf die Zuhörer übertragen würde. Das Schwärmen für Jazz- und später für Beat-Bands verwundert da nicht. Das spontane und doch transzendierte Konzept von der Sprache sollte sich im Fluss des Sounds erst entfalten. Die Sprache der Straße gehört da ganz wesentlich dazu:

Also
aaaaes war so dass
aaaaaaaaaaaawir da reinschneien
und zwei Katholiken-Schicksen
aaaaaaaaaaaaaaaaaalegen einen Azteken-Two-Step hin
Und ich sag
aaaaaaaaaAlter verschwinden wir
doch dann kommt diese Dame weißte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaavon hinten auf mich zu
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund sagt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDu und ich das wär schon was
Wow sage ich
aaaaaaaaaaaNur am nächsten Tag
aaaaaaaaaaaaaahat sie schlechte Zähne
aaaaaaaaaaaaaaaaaaund haßt nichts so sehr wie
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaGedichte

Die Übersetzung muss zwangsläufig hinter den musikalischen Ansprüchen der Gedichte zurückbleiben. Oftmals wirkt sie schwerfällig. Was an oberflächlichen und teilweise etwas trivialen Versen im Englischen durch Klang ausgeglichen werden kann, wirkt im Deutschen nicht selten raunend und aufgeladen. Hinzu kommen um Originalität bemühte Übertragungen: aus „supermarket suburbs“ etwa werden „Supermarkt-Schlafstädte“, aus „eager eagles“ werden „adlige Adler“, um die Alliteration zu bewahren. Eine bessere Lösung wäre es gewesen, die englischen Texte neben die Übersetzung zu stellen. Die Abteilung mit den „Oral Messages“ – Ferlinghetti hat sie speziell für Jazzbegleitung geschrieben – sind dagegen ausschließlich im Original abgedruckt. Die Argumentation des Übersetzers: dem Gedanken der Mündlichkeit, Spontaneität und Veränderbarkeit würde ansonsten widersprochen. Das aber gilt für die gesamte Lyrik Ferlinghettis

Alles ändert sich und nichts ändert sich
Jahrhunderte enden
aaaaaaaaaaaaaaaaund alles geht weiter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaals würde nie etwas enden

So beginnt A Far Rockaway Of The Heart, 40 Jahre nach A Coney Island Of The Mind entstanden – und dieses auch in den Schreckensvisionen fortsetzend. Es durchforstet persönliche, literarische und Weltgeschichte und verknüpft die verschiedenen Ebenen miteinander. Ferlinghettis Selbsteinschätzung, seine Lyrik habe sich nicht verändert, sondern nur vertieft, darf man bei der Lektüre dieses Spätwerks durchaus zustimmen. Mit der neuen Luchterhand-Ausgabe hat man die wichtigsten Werke des 1919 geborenen Autors in einem Band versammelt – mit einer zweisprachigen Ausgabe aber hätte man auch einen stimmigen Eindruck dieses Werks gewinnen können.

Ulrich Rüdenauer, Deutschlandfunk, 6.7.2005

Ekstasen, Urgeräusche

– Lawrence Ferlinghetti, einer der Väter der Beat Generation, in einer wunderschönen Gedichtausgabe. –

Das Zitat, mit dem der Luchterhand Literaturverlag für den Gedichtband von Lawrence Ferlinghetti wirbt, ist ebenso zutreffend wie irreführend: „Fuck Art, Let’s Dance!“ vermittelt einen guten Eindruck von der unbekümmerten, auch provokanten Frische dieser Verse, ihrem mitreißenden Rhythmus, suggeriert aber gleichzeitig eine Kunst-Ferne (wo nicht gar -Feindschaft), die nichts von der hohen ästhetischen Qualität dieser Wortkaskaden auch nur ahnen lässt. Ferlinghettis graziöse Gebilde sind durchtränkt von Kunstkenntnis und -bewusstsein, werden aber von dem in ihnen steckenden kulturellen Reichtum an keiner Stelle beschwert: Sie bleiben in jeder Wendung leicht und tänzerisch frei.
„Lass dieses Pferd nicht / diese Violine fressen / rief Chagalls Mutter / Aber er / malte einfach / immer weiter / und wurde berühmt“, heißt es in A Coney Island of the Mind, einer Folge von 29 Gedichten, die in den USA seit ihrem ersten Erscheinen mehr als eine halbe Million Käufer fand und ihrem Verfasser zu Weltruhm verhalf. Zum Glück schrieb auch Ferlinghetti immer weiter; fast vierzig Jahre nach seinem ersten großen Erfolg überraschte und beschenkte er seine Leser mit den Ergebnissen eines „Poesieanfalls“, den hundert Gedichten des Bandes A Far Rockaway of the Heart. Beide Sammlungen, ergänzt um andere Arbeiten des Autors, enthält diese Auswahl.
Der 1919 in Yonkers im Staate New York geborene Ferlinghetti gilt als einer der Väter der „Beat-Generation“, deren Bücher er in seiner 1951 gegründeten City Lights Press herausbrachte (die Veröffentlichung von Allen Ginsberg Howl trug ihm 1956 einen spektakulären Zensurprozess ein). Anders als die von ihm geförderten Jungen Wilden der US-Literatur hat der Nachkomme französischer, portugiesischer und italienischer Einwanderer, der Teile seiner Kindheit in Frankreich verbracht und später an der Sorbonne studiert hat, immer den Kontakt zur europäischen Kunst und Literatur gepflegt; promoviert hat er über Jacques Prévert, dessen Gedichte er auch übersetzt hat.
Anklänge an Préverts zu Teilen surreal gefärbten Chanson-Ton gibt es auch in Ferlinghettis eigenen Gedichten, die Musikalität des Amerikaners ist freilich deutlich vom Jazz geprägt. Eine Reihe von Texten hat er explizit für Lesungen mit Jazzbegleitung geschrieben und möchte sie als oral messages verstanden wissen, was den – vorzüglichen – Übersetzer Klaus Berr dazu veranlasst hat, diese Beispiele gesprochener Poesie nicht ins Deutsche zu übertragen. Die Begründung, die er dafür gibt, überzeugt nur zu Teilen: Klaus Reichert hat 1961 (für eine von Gregory Corso und Walter Höllerer herausgegebene Anthologie) eine durchaus adäquate deutsche Fassung des rhythmisch pulsierenden Gedichts über einen dahin trottenden Hund vorgelegt? Aber der des Englischen (halbwegs) kundige Leser findet hier immerhin sieben Originaltexte.
Auch ohne musikalische Begleitung entwickelt Ferlinghettis Lyrik den drive eines Jazzkonzerts, in dem vielstimmig Themen vorgestellt, variiert und wiederholt werden. Der Autor spielt die Sprache wie ein Musiker sein Instrument, und er spielt mit ihr wie ein Kind mit einem Ball oder einem Kreisel. Er führt seine Leser durch eine Welt voller zauberischer Entdeckungen und Einfälle, in der wir etwa im Golden Gate Park jener Frau mit einer Weintraube begegnen, deren Beeren sie einzeln „verteilte / an verschiedene Eichhörnchen / als wäre jede / ein kleiner Witz“, wohingegen andernorts „sechshundertdreiundvierzig Delegierte / einer Überbevölkerungskonferenz“ zu erkennen sind, „die dem Papst den Rücken kehren / der sich weigert ein Kondom zu tragen“ – Zeilen, denen der jüngste römische Frühling langwährende Aktualität verliehen hat. „Eine Grille irgendwo / zieht ihre Uhr auf“, und Narziss trägt noch immer „einen kleinen Handspiegel bei sich / nur für den Fall dass es kein Wasser gäbe“.
Ein wenig ähnelt der Verfasser Pablo Neruda, der ihm als „dieser chilenische Allesfresser der Poesie“ gilt, der in seinen Canto General „alles hineinpacken / und nichts herausnehmen wollte“. Einmal erteilt er sich selber den Ratschlag: „So miete ein Museum / und sieh dich selbst in Spiegeln – / In jedem Raum eine Ausstellung / einer anderen Phase deines Lebens / mit all deinen Gestalten und Gesichtern“ – so ungefähr ist A Far Rockaway of the Heart aufgebaut, als Welt- und Erinnerungsreise durch die eigenen Gedanken und Gefühle, manchmal sprunghaft, manchmal meditativ. Adam, weiß Ferlinghetti, war sprachlos, als er seinen ersten Sonnenaufgang erlebte, den er nur mit einem „Urgeräusch der Ekstase“ begrüßen konnte:

Und er hatte kein Wort dafür
aaaaaaaaaabis er viel später biß
aaaaaaaaaaaaaaain den großen Apfel der Erkenntnis
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaamit seinen wundersamen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaWörterkernen

Ferlinghetti hat sie gesammelt und schon vor Jahrzehnten ausgesät. Nun tragen sie Früchte.

Yaak Karsunke, Frankfurter Rundschau, 28.7.2005

… wunderbare Beatnikpoesie, schon fast vergessen!

… durch Zufall wieder entdeckt bei einem Freund – gelesen ohne Alkohol und trotzdem wortbetrunken im Seelenspiegel! Es wird weitergelsen, aber langsam bei Sonnenschein…

Hans-Joachim Kusenbach, amazon.de, 1.4.2016

 

Auf einmal kam der grosse Lawrence Ferlinghetti

die Treppe herunter

– In San Francisco hat der Tessiner Schriftsteller Fabio Andina den legendären Poeten der Beat Generation unverhofft getroffen. Die Begegnung hat sein Leben verändert. –

Es war der 1.Januar 1998. Am Tag zuvor hatte ich die Schlüssel meiner Wohnung zurückgegeben und die letzte Nacht in San Diego bei einem mexikanischen Freund verbracht. Ich lud mein Gepäck in einen gemieteten Buick und steuerte nun nordwärts. Vor mir lagen 800 Kilometer auf vollkommen geraden Strassen. An deren Ende wartete auf mich die San Francisco State University. Dort würde ich mein Filmstudium im Fach Drehbuch abschliessen.
Ich fuhr auf dem Freeway 5 bis Los Angeles und ab Santa Monica auf dem legendären Highway 1 dem Pazifischen Ozean entlang die Küste hinauf. Drei Jahre San Diego lagen hinter mir. 1995 war ich zu Jahresbeginn angekommen, um Englisch zu lernen. Doch statt nach vier Monaten am Ende des Sprachkurses ins Tessin zurückzukehren, schrieb ich mich am San Diego Mesa College ein.

Ein Zimmer in Chinatown
Zwischen Santa Barbara und San Luis Obispo unterbrach ich die Fahrt und nahm in einem gesichtslosen Motel für Truck-Fahrer ein Zimmer für 19 Dollar 90. Meine wenigen Habseligkeiten trug ich vom Buick ins Zimmer. Denn mir war klar, dass die Versicherung zwar den Vermieter entschädigt hätte, wenn der Wagen geklaut worden wäre. Aber niemand hätte mir das Geld für meine Bücher, meine CD, den Computer oder die paar Kleider zurückerstattet.
Als ich am nächsten Tag in San Francisco ankam, fuhr ich erst einmal kreuz und quer durch die Strassen der Stadt. Ich wollte sie unverzüglich und ganz umarmen. Mission District, Golden Gate Bridge, Fisherman’s Wharf, Castro. Am späten Nachmittag mietete ich in einer zwielichtigen Pension in Chinatown ein 4-Quadratmeter-Zimmer.
Durchs Fenster, das auf eine enge Strasse ging, und aus dem Korridor drangen Lärm und beunruhigendes Geschrei von sinistren Leuten zu mir herein. Ich tröstete mich mit dem Gedanken an Charles Bukowski und John Fante. Mein Zimmer auf dem Campus der Universität würde ich erst in drei Wochen beziehen können, umso mehr galt es, die Umstände aus dem Geist der Poesie zu erdulden.
Nachdem ich mein Gepäck in mein Zimmer und den Buick zum Autoverleiher gebracht hatte, lief ich, aufgeregt wie ein Kind am Weihnachtsmorgen, durch die Strassen in der Umgebung meiner Pension. Auf dem chinesischen Markt wimmelte es von Leuten. Ich hörte Geräusche, Klänge und Stimmen, die neu waren für meine Ohren. Ich nahm Gerüche, Düfte und Ausdünstungen wahr, die meiner Nase unvertraut waren. Ich sah lebende Frösche in Eimern, lebende Hühner, zusammengedrängt in kleinen rostigen Käfigen, und grosse Fische, die sich in schütteren Bottichen übereinanderwarfen.
Später betrat ich ein kleines, von einer Familie geführtes Restaurant. Zwei Kinder und eine alte Frau schnitten Gemüse in kleine Stücke neben einem fettigen Tisch, an den ich mich setzte. Ich sprach mit der Mutter der Kinder, die mir das Abendessen servierte, und mit ihrem Vater, der in der kleinen Nische kochte. Sei es, weil das Essen hervorragend schmeckte, sei es der familiären Atmosphäre wegen, jedenfalls ass ich in diesem Loch ohne Unterbruch während der ganzen drei Wochen. Das aber ist eine andere Geschichte. Hier will ich von meiner Begegnung mit Lawrence Ferlinghetti erzählen.

Im Haus der Poeten
Meine Pension hatte ich nicht zufällig gewählt. Sie lag am Nordrand der lärmigen Chinatown und an der Schwelle zu dem etwas zurückhaltenderen Little Italy. Nur wenige Schritte entfernt, an der Columbus Avenue, lag das pulsierende Herz der Beat Generation: das City Lights Booksellers & Publishers, 1953 von Lawrence Ferlinghetti gegründet und seither Treffpunkt der Künstler und Intellektuellen.
Ich trat über die Schwelle und ging hinein. Holzfussböden und knarrende Treppen, an den Wänden Plakate von früheren Veranstaltungen, Leseecken, Stühle und Tische und Regale, keines gleich wie das andere, Gerüche von Altem, Gelebtem. Ich nahm zufällig ein Buch heraus, setzte mich und begann zu lesen. Am College in San Diego hatte ich die Schriften zu studieren und zu lieben begonnen, die den so genialen wie verworrenen Köpfen entsprungen waren wie Jack Kerouac, William Burroughs, Neal Cassady, Gregory Corso, Diane di Prima, Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti. Und jetzt war ich da, bei ihnen zu Hause.
So vergingen meine ersten Tage in San Francisco. Ich wachte auf, flüchtete aus der grauenvollen Pension und fand im City Lights mein Refugium. Keine zehn Schritte weiter lag das Café Vesuvio, wo ich – stets mit einem Buch in der Hand – das Frühstück und das Mittagessen einnahm.
Es vergingen rund drei Wochen, und es kam der dritte Montag im Januar, der Martin-Luther-King-Jr.-Day. Ich besuchte die Lesung einer jungen Poetin im zweiten Stock des City Lights. Die junge Frau las stehend aus ihrem Buch vor einer Handvoll Literaturenthusiasten, die still auf ihren Holzstühlen sassen. Ich setzte mich auf einen gegen die Wand geschobenen Tisch, zwischen die leeren Schachteln von Computer-Bildschirmen.
Mitten in der Lesung knarrte die Treppe hinter mir, ich drehte mich um und sah Lawrence Ferlinghetti auf mich zukommen. Ganz unverhofft nahm die Beat Generation in Person neben mir Platz, und augenblicklich hatten die Verse der Poetin keine Bedeutung mehr für mich. Jetzt waren alle meine Sinne ganz bei diesem Mann, dem damals 79-Jährigen.

Wo der Beat schlägt
Er griff mit seiner Hand in die Jackentasche und zog einen an ihn adressierten Brief hervor, den er aber noch gar nicht geöffnet hatte. Aus einer anderen Tasche holte er einen Bleistift und begann irgendetwas auf die Rückseite des Briefumschlags zu notieren. Zwei oder drei Verse, ich erinnere mich, dass er etwas schrieb von einem Vogel, der hoch oben am hellen Himmel über dem stillen Meer flog.
Er versorgte den Umschlag und den Stift wieder in seiner Tasche, stand auf und ging die Treppe hinunter. Ich lief ihm hinterher. Lorenzo, rief ich, da wandte er sich um. Ich schloss zu ihm auf und stellte mich vor. Ich bin ein Student aus der Schweiz, ja, ich spreche italienisch, weil man im Tessin italienisch spricht, ausserdem bin ich wie du von italienischer Herkunft. Meine Mutter ist Italienerin. So lernte ich Lawrence Ferlinghetti kennen.
Am nächsten Tag trafen wir uns im Café Vesuvio. Ich habe keine Erinnerung daran, was wir tranken, vermutlich Kaffee. Im Vesuvio wie im City Lights atmete man den Geist des Beat, der Kunst, des Nonkonformismus. Seit den 1950er Jahren waren auf diesen Holzstühlen so viele Künstler und Intellektuelle gesessen, dass man mit ihnen ein Stadion hätte füllen können. Und nun also waren wir beide da: Ferlinghetti und ich.
Ich fragte ihn nach Jack Kerouac und dessen Methode der écriture automatique. Schon damals reizte mich dieses literarische Verfahren, ich versuchte mich in jenen Jahren selber darin. Es genüge, nach dem Diktat der inneren Stimme zu schreiben, ohne je innezuhalten, um das Geschriebene nachzulesen, erklärte er mir. Das setze ein mentales Training voraus, es sei nicht so leicht, die Schleusen der Einfälle zu öffnen und es den Fingern zu überlassen, den Fluss der Buchstaben ungehindert auf die Tasten der Schreibmaschine zu übertragen.
Es verlange ausserdem auch ein körperliches Training, denn das stundenlange Herumhämmern auf der Tastatur kann ermüden, man will eine Pause machen, die Schultern lockern und die Beine strecken, etwas trinken oder auf die Toilette gehen. Man muss jedoch sitzen bleiben und schreiben und nichts anderes. Kerouac habe übrigens für seine Schreibmaschine eine Papierrolle benutzt, das sei wahr und keine Legende, erzählte mir Ferlinghetti. Auf diese Weise war er erst am Ende der Rolle zu einem Unterbruch gezwungen und nicht nach jedem Blatt.

Ein Bündel Gedichte
Einmal fragte ich Ferlinghetti, ob er Interesse habe, meine Sachen zu lesen. Ich schrieb auf Italienisch, Gedichte, Erzählungen, ein paar Entwürfe für Romane. Er würde gerne meine Gedichte lesen, sagte er mir. Aber nicht die Erzählungen und Romane, die seien zu lang. Er sei ja Dichter, sagte er noch. Ich solle ihm die Manuskripte am nächsten Morgen in sein Büro bringen, fügte er hinzu.
Mit einer Floppy Disk in der Tasche suchte ich einen Shop in Chinatown auf. Man verkaufte hier nicht nur Ginseng oder getrocknete Haifischflossen, sie machten einem auch Fotokopien oder druckten Dokumente vom Computer. Ich stellte ein Bündel mit allen meinen Gedichten zusammen und brachte es ihm in sein Büro, das sich hinter einer kleinen Türe verbarg, gleich nebenan, wo die Dichterin gelesen hatte. Eine staubige Kammer mit einer schrecklichen Unordnung – gebrauchte Möbel, überall gestapelte Bücher, auf dem Boden, auf dem Schreibtisch, es blieb gerade noch genügend Platz für einen Holzstuhl, auf den er sich setzen konnte.
Er blätterte durch das Bündel, vielleicht hundert Seiten mit etwa dreihundert Gedichten. Er las hier und dort. Ich rührte mich nicht. Aber ich füllte meine Lungen mit der Luft, die auch er atmete. Vor mir sass ein heiliger Hüne der Weltliteratur. Und während er die Seiten umblätterte, begann sich alles um mich herum zu drehen.
Ich sah Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William Burroughs und alle anderen. Aber ich sah nicht nur die Dichter des Beat. Ich sah auch die Exponenten der anderen Kunstgattungen. Musiker wie Bob Dylan, Jim Morrison, John Lennon, Miles Davis, Dizzy Gillespie. Auch Maler wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Barnett Newman. Alles Künstler, die ich kannte und bewunderte.
Als Ferlinghetti sagte, er wolle das Bündel behalten, um die Gedichte in Ruhe lesen zu können, zuckte ich unter einem Schauder zusammen. Dieser Moment hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich stand, er sass, und das Manuskript, das ich bis heute aufbewahre, lag in seinen Händen. Später sind einige dieser Gedichte in der Sammlung Ballate dal buio erschienen (Edizioni Ulivo, 2005).

Die letzten Überlebenden
Bei einer anderen Gelegenheit besuchte ich gemeinsam mit Ferlinghetti eine Lesung von Diane di Prima in einer kleinen Buchhandlung im Stadtteil Haight-Ashbury. Hier hatte in den frühen 1960er Jahren die Hippie-Bewegung ihren Anfang genommen. Wir waren vielleicht zwanzig Leute. Die damals 64-jährige di Prima sass in einem löchrigen, mit Samt bezogenen Fauteuil und las Auszüge aus einer jüngeren Veröffentlichung.
Ich sehe sie noch heute mit ihren langen, graumelierten Haaren, einem ebenso langen geblümten Kleid und mit Schlarpen an den Füssen. Ferlinghetti stellte mich ihr vor, ich liess mir das Buch signieren, damit ich es einer Cousine schenken konnte, dann bestellten wir einen Drink. Ich, noch nicht dreissigjährig, Filmstudent, am gleichen Tisch mit Diane di Prima, die heute 86 Jahre alt ist, und Ferlinghetti, heute 101. Sie sind vielleicht die letzten Vertreter jener dichterischen Bewegung, mit der die amerikanische Literatur in der Welt gross wurde.
Eines Abends, bei Ladenschluss, nahm ich im City Lights von einem Drehständer eine Karte und bat um ein Autogramm. Ferlinghetti schaute sich die Fotografie an. Abgebildet waren Allen Ginsberg, Peter Orlovsky, Jack Kerouac und William Burroughs an einem Strand in Tanger im Jahr 1957. Er schaute sie mit melancholischen Augen an. Kerouac war 1969 gestorben. Ginsberg und Burroughs waren seit drei Jahren tot. Nur Peter Orlovsky lebte damals noch. Er holte aus seiner Hosentasche einen Stift hervor und schrieb eine Widmung. To Fabio Andina, Peace and Love, Lawrence Ferlinghetti.

Übersetzt aus dem Italienischen von rbl

Fabio Andina, Neue Zürcher Zeitung, 6.6.2020

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Franz Dobler: Großer Mann mit großer Story
jungewelt.de, 23.3.2019

Willi Winkler: Einer ist noch da
Süddeutsche Zeitung, 22.3.2019

Jean-Martin Büttner: Nicht einmal er glaubt mehr an die Revolution
bernerzeitung.ch, 22.3.2019

Stefan Buck: Der letzte Beatnik wird hundert Jahre alt
Die Welt, 24.3.2019

Tom Schulz: Mit 100 fängt das Leben doch erst richtig an
Neue Zürcher Zeitung, 24.3.2019

Bernhard Widder: Lawrence Ferlinghetti wird 100: Poesie der Empörung
Wiener Zeitung, 24.3.2019

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + IMDb + Pennsound
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Lawrence Ferlinghetti liest „Loud Prayer“ beim Abschiedskonzert von The Band am 25.11.1976 in San Francisco.

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