LiteraPur – Heft 3

Mashup von Juliane Duda zu der Zeitschrift LiteraPur – Heft 3

LiteraPur – Heft 3

MIT BEIDEN HÄNDEN

I

Jene, die man ihres Rechts auf
Leben beraubt hat, haben zumin-
dest das Recht auf einen Gedan-
ken.

… einen Gedanken, der ihr Recht
wäre.

Der ganze Morgen findet Platz in zwei Händen.
… Händen, welche lodern mit dem Tag.

Die Nacht, vielleicht, ist die Auszehrung unsrer Hände.
Gleichwohl darf man Asche und Schatten nicht verwech-
seln; – doch wer weiss?
Ist die Nacht nicht, zugleich, Vorspiel und Endziel der
Feuersbrunst?

Du hast keine Hände mehr. Du schläfst.

Man stirbt eigenhändig.

(Man stirbt ohne Hände.)

Edmond Jabès
Übersetzt von Felix Philipp Ingold

 

Partitur einer anderen Sprache

– Die dritte Ausgabe der literaPur ist jetzt erschienen. –

Die in Hamburg erscheinende Zeitschrift literaPur ist mit 190 Seiten Literatur pur wohl die konsequenteste Sammlung experimenteller Dichtung. Die vornehmlich jungen Autoren, die zum Teil auch schon in den vorherigen Ausgaben Texte präsentierten, sind mit ihrem Material in ein anspruchsvolles Gesamtbild der Literaturzeitschrift eingebunden. Herausgeber Jürgen Abel und der für die typographische Gestaltung verantwortliche Andreas Schwarz setzen ein Konzept um, das der Literatur einen beinah hörbaren, musikalischen Charakter verleiht: Jeder Text erhält einen spezifischen Schriftsatz, oftmals an der Grenze der Lesbarkeit, stets aber über typographische Konventionen hinaus.
Theorie gibt es in die dieser Zeitschrift nicht, lediglich ein Forum zeigt, wie Literatur selbst zum Medium der theoretischen Kritik werden könnte: Joachim Helfer diskutiert Biermanns Polemik gegen die vermeintliche Spitzellyrik der Prenzlberg-Szene. Eine eigene Polemik bietet Raoul Schrott mit einer Reflexion über Wittgensteins „Die Welt ist alles was der Fall ist“. Der Bezug zum ersten Satz des 1921 publizierten Tractatus Ludwig Wittgensteins kommt nicht von ungefähr: das erste Viertel dieses Jahrhunderts umreißt auch die Zeit, auf welche die in „literaPur“ vertretenen Texte verweisen. Anknüpfend an die frühe Moderne ist es der Anspruch dieser Zeitschrift, Literatur zu inszenieren. Wie eine Komposition ist sie gegliedert, die einzelnen Rubriken fügen das Ganze zu einer Partitur zusammen, die in jeder Hinsicht ihre Höhen und Tiefen hat. Sogenannte „Vitrinen“ bieten vor jedem Text Referenzquellen der jeweiligen Autoren.
Ein Schwerpunkt dieser Ausgabe bildet der Abschnitt „Visuelle Poesie“, mit dem versucht wird, Sprache von Schrift in autographische Bilder zu übersetzen. Ob aber eine handschriftliche Dichtung, überlagert mit zeichnerischem Allerlei, schon Avantgarde ist, ob hier nicht schon beim Versuchsaufbau des sprachlichen Experiments grobe Kompositionsfehler begangen wurden, muß der Leser selbst entscheiden: um zu verstehen muß er unweigerlich nachkomponieren.

Roger Behrens

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