Ludwig Harig: Zu Gottfried Benns Gedicht „Satzbau“

Im Kern

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Satzbau“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Sämtliche Gedichte. −

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Satzbau

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.

„Die wenigen, die was davon erkannt“ − (Goethe) −
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.

 

Phallus im Stammhirn

Priapos, griechischer Gott der Fruchtbarkeit, ein geiler, schamloser, mit übergroßem Glied dargestellter Heros der Zeugungskraft, ist Namensgeber einer Krankheit des Genitalzentrums, deren Bezeichnung an die entscheidende Stelle des Gedichts „Satzbau“ von Gottfried Benn gesetzt ist: Priapismus, eine anhaltende, schmerzhafte Erektion des Penis. „Formaler Priapismus“, sagt Gottfried Benn allerdings, benutzt den Begriff mit einem für sein medizinisches Verständnis ungewöhnlichen Eigenschaftswort und rückt ihn damit als poetisches Bild in die Kategorie der Kunst.
Worum geht es also? Unter zwanghaftem, ja pathologischem Impuls Anordnungen treffen, Gestalt geben, von einem „Phallus im Stammhirn“ gezeugt! Hier treffen wir auf ein Gedicht, das sich auf entschiedenste Weise gegen den Vorrang des Inhalts, des im Kunstwerk Ausgesagten und seiner Botschaft richtet. Schon in den Eingangsversen räumt der Dichter die ständig traktierten sogenannten großen Themen mit einer lässigen Geste beiseite. Anstelle des durchgekauten tritt das Appetitanregende; nicht Sinn und Gehalt gelten etwas, sondern die besondere Gestalt, durch die ein Gebilde als Kunstwerk erscheint. … aber heute ist der Satzbau / das Primäre, behauptet Gottfried Benn, ein provokativer, ein geradezu frivoler Standpunkt für jeden, der lesen und schreiben und scheinbar alles Notwendige von den geläufigen bis zu den raffiniertesten grammatischen und syntaktischen Sprachformen in der Schule gelernt, doch von ihrer suggestiven Wirkung im gefügten Satz nichts begriffen hat.
Die bis dahin unangefochten geltende, auf den Gehalt abzielende Deutungstradition setzt er mit einem lapidaren Beispiel außer Kurs:

Nie wird der Deutsche erfassen, niemand wird ihm gegenständlich machen können (und es ist ja auch gar nicht nötig, daß es geschieht), daß zum Beispiel die Verse Hölderlins substanzlos sind, nahezu ein Nichts, um ein Geheimnis geschmiedet, das nie ausgesprochen wird und das sich nie enthüllt.

Diesem Geheimnis der Form auf der Spur, fragt Gottfried Benn nicht nach dem Wie, er beschäftigt sich nicht mit Methoden, Techniken, ausgeklügelten Verfahrensweisen, setzt nicht Stil gegen erlernbare Machart: Er stellt die unerhörte Frage nach dem Warum. Woher kommt der Drang, sich auszudrücken, woher dieser schöpferische Formulierungswahn, der, zwar vorübergehend, im entscheidenden Augenblick kein Ausweichen duldet? Benns Vorstellung des Priapismus, des erigierten Phallus im Stammhirn, durchaus von seinem bürgerlichen Beruf als Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten hergeleitet, gipfelt jedoch darin, die Begabung für Form als Schicksal zu begreifen.
Diese Erektion im Gehirn gehört zur besonderen Wesensart künstlerischer Naturen. Sie drängt zum Erguß. Unerlöst wird sie zum Schmerz, ihn besiegend, gestaltet der Künstler. Das im Hirn Aufgestaute schwillt an, bildet Triebe aus, die in allerfeinsten Splittern explodieren. „Linien anlegen“, heißt es gegen Ende des Poems „Statische Gedichte“ noch ganz kühl experimentell, doch dann fährt Benn fort: „… sie weiterführen nach Rankengesetz – Ranken sprühen.“ Die nach Rankengesetz sprühenden Wörter, im Sprachgebrauch Benns faszinierend zum Gedicht organisiert, sind die Ergießungen der Poesie.
Wer dem Satzbau das Primat der Kunst zuerkennt, huldigt nicht dem L’art pour l’art. Im vollkommenen Satzbau beglaubigt sich die Kunst selbst. In ihm gelingt es, Vorgestelltes ins Faßbare, Erfundenes ins Wirkliche der Kunst zu verwandeln. Nur das Gestaltete übersteht den Zerfall. Am Ende wendet sich der Dichter in einer scheinbar ironischen Finte an den Leser. Er spricht ihn nicht freundlich an, sondern stößt ihm, mit einem Goethewort seine Ignoranz bekräftigend, unfein vor den Kopf.

Ludwig Harig aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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