Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Kinder am Ufer“

ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF

Kinder am Ufer

O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke
Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?
O! das ist schön! hätt ich nur einen Stecken,
Schmalzweiße Kelch’ mit dunkelroten Flecken,
Und jede Glocke ist frisiert so fein
Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.
Was meinst du, schneid’ ich einen Haselstab,
und wat’ ein wenig in die Furt hinab?
Pah! Frösch’ und Hechte können mich nicht schrecken –
Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?
Ich geh, ich gehe schon – ich gehe nicht –
Mich dünke, ich sah am Grunde ein Gesicht –
Komm laß uns lieber heim, die Sonne sticht!

1842

 

Konnotation

Zwei Kinder streifen an einem verlassenen Flussufer entlang und vernehmen aus den Untiefen des Flusses plötzlich die Stimme des Unheimlichen. Seltsame Figurationen formen sich über der Wasseroberfläche (die „Blumenwolke“), und schemenhafte Gestalten huschen vorbei. Aus Angst vor dem „Wassermann“ ergreifen die Kinder die Flucht. Die Vernunft, so scheint es, hat gesiegt über das Dämonische.
Im Werk der naturmagischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) geraten die lyrischen Helden an der Grenze von Wildnis und Zivilisation häufig in ein bedrohliches Geisterreich. „Menschenlaut und Naturgeräusch“, so bündig hat es Durs Grünbein beschrieben, „klingen im Ohr dieser Dichterin zum Verwechseln ähnlich.“ Aus tellurischen Urgründen – einem Teich, einem Moor oder einer „Mergelgrube“ – flüstert es zum lyrischen Ich, das um seine Gefährdung weiß. Das 1842 entstandene Gedicht ist Bestandteil des Verszyklus „Heidebilder“ und schließt darin den Binnenzyklus „Der Weiher“ ab.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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